Wolfsberührt

Gudrun Pflüger, ihr Sohn Conrad und Herdenschutzhündin Yoshi

Ein Tag mit der Wolfsforscherin Gudrun Pflüger



Am 17. August 2023 ist Gudrun Pflüger gestorben. Einen Tag vor ihrem 51. Geburtstag, nach 18 Jahren Kampf gegen einen Hirntumor, in ihrer Heimat Radstadt. Ich hatte das große Glück, sie noch zu treffen.
Mit meiner Hündin Yoshi, unserem VeloLab Cargobike fuhren wir ca. 500 Kilometer. Von München über Wien nach Graz. Unterwegs sprach ich mit Schäfern, Forschern, Förstern: Menschen, die mit Wölfen, Raben und Herdenschutz zu tun haben. Gudrun Pflüger und ihren Sohn Conrad besuchte ich ohne Lastenrad, aber natürlich mit Hund. Entstanden ist das Porträt einer Frau, die kämpfte und auf leise Töne setzte.

Was man nicht vergisst


Menschen erinnern sich an das, was sie in einem bestimmten Augenblick taten, sahen, fühlten — wenn es sich mit etwas Eindrücklichem verknüpft. Der Mauerfall, der 11. September, Tschernobyl: Eckdaten, zu denen fast jeder sagen kann, wo er war.
So prägen sich auch die Sekunden ein, in denen jemand einem Wolf direkt in die Augen sieht.
Gudrun Pflüger gehörte zu den wenigen, die das – und sogar mehr als einmal – erlebten. Eine frei lebende Leitwölfin beschnüffelte sie, als sie auf einer Wiese in Kanada lag. Das Rudel kam neugierig näher, ohne ihr zu schaden. Wenige Wochen später erhielt die 33-jährige Biologin die Diagnose Gehirntumor.
„Ein Wolf zeigt sich dir nur, wenn er dir etwas mitteilen will“, zitiert Gudrun ihren indigenen Heiltsuk-Freund Chester, als wir vor einer Kanada-Karte von 1869 über ihrem Bett stehen. „Ich denke, die Wölfe wollten mir ihre Kraft mitgeben. Und ihre Ausdauer für die neue Reise, die vor mir lag. „ Chester gehörte zu Gudruns Küstenwolf-Projekt der Universität Victoria und der Raincoast Conservation Society im Great Bear Rainforest, British Columbia. Er tat stets so, als kümmerten ihn die Wölfe wenig. Abends aber, wenn alle berichteten, hatte er am meisten zu erzählen.

Gudrun Guddi Pflüger, Conrad Bergwander Weltmeisterin

Bergauf

Vor der Berghütte empfängt mich die schmale Gudrun mit ausgebreiteten Armen. Yoshi wird sofort ins Zimmer ihres zehnjährigen Sohnes Conrad delegiert. Kein ganzes Erdbeertörtchen später liegen beide Jungspunde auf dem Boden. Gudrun seufzt kurz, der Wunsch nach einem eigenen Hund begleitet sie seit Langem.
Der Tumor und die schweren epileptischen Anfälle zeichnen sie. Chemotherapie, Virotherapie über den Port an der Schulter, Schmerzmittel. Sie dämpfen, aber sie heilen nicht. Der Gedanke an einen Therapiehund wiegt schwer als weiteres Argument.

im Wald mit der Waldläuferin


Ich versuche, mit ihr bergauf Schritt zu halten. Wenn sie die langen Wartestunden bei der Feld- und Forschungsarbeit heraufbeschwört — kältebetäubte Glieder, von Mücken eingewölbte Hitze — wird ihre Stimme fest. Was sie trägt, durch die Krankheit, durch unvorstellbare Schmerzen: die Wolfsbegegnungen.

Fotografie Carola Güldner, Wolf in Brandenburg
Copyright@Carola Güldner


„Wenn du Wölfe beobachten möchtest, musst du vor allem eines können — dich so weit wie möglich zurücknehmen.“ Gudrun bückt sich und zeigt mir eine junge Blindschleiche. Conrad tollt derweil mit Yoshi, hat uns mit der Leine schon ein paar Mal fast zu Fall gebracht. Trotz ihres hinkenden Beins wieselt Gudrun die Hänge an den steilsten Stellen hinauf.


Einmal entfährt mir ein kleiner Aufschrei: „Vorsicht, die Füße der Bäume! „“— ich meine die Wurzeln. Ihr herzhaftes Lachen zeigt mir, wie echt sie ist, auch wenn sie sagt, sie mache sich kaum noch Gedanken über die Krankheit.
Die letzten Meter zur Hütte. Conrad und Yoshi zerren sich gegenseitig hinauf, als sich leise Traurigkeit in Gudruns Antwort gießt: „Ja, ich rede mit meinem Sohn über meine Erkrankung und was sie bedeutet.“ Als sie 2009 mit ihm schwanger war, fiel das Damoklesschwert erneut: neuer Tumor an alter Narbe.

Conrad Pflüger mit Pyrenäenberghund Yoshi


Bei Almburger und Apfelsaft sitzt Conrad, die nackten Füße im Fell des schlafenden Hundes, und lächelt: Er will später Tischler werden. Im Radio hat er gehört, Bauern sagten, im Gebirge seien keine Zäune möglich. „Aber sie können ihre Tiere doch mit Hunden schützen? „Genau“, sagt Gudrun. „Du hast vollkommen recht.“ Dann der leise Vorwurf: „Du warst noch nie ganz lange in meiner Schule. „
„Ich habe dort schon einen Wolfsvortrag gehalten, erinnerst du dich?„

Die Trommel

Zurück im Pflügerschen Heim kommt Gudrun mit drei Trommeln: die größte mit rötlich gemasertem Fell bespannt, zwei mittlere mit weißen, sehr dünnen Häuten. Sie legt alle drei in die Sonne. Plötzlich wirkt sie jung und zugleich weise wie eine alte Schamanin. Sie schlägt die mittelgroße Trommel mit dem Lederklöppel direkt vor ihrem Gesicht: „Das habe ich stundenlang gemacht, als die Botschaft kam: neuer Tumor. „

„Wolfshaut?“ Fassungslos halte ich das Instrument. Ich rette mich in Fragen: „Du hast diese Trommel von einem Mitglied der First Nations bekommen, der indigenen Völker Kanadas? Ich dachte, der Wolf ist ihnen heilig? „Schon. Aber das schnelle Geld verlockt auch dort.“
Neben Gudruns Laptop liegt ein Zeitungsartikel: „Wolf ohne Kopf gefunden. Vieles deutet auf Wilderei hin. „Auf meine Frage, was sie dabei empfindet, öffnet sie den Laptop und zeigt mir ihren neuen Vortrag. Fotos von laufenden, schwimmenden, Lachs fischenden Wölfen, von Raben, Seeadlern, unterschiedlichsten Landschaften. Und Bilder von Gudrun — aus den guten Jahren auf Skiern, aus den schlimmsten Phasen nach der Chemotherapie, aufgedunsen. Sie wertet nicht. Lässt es stehen. Und schaut mich mit ihren strahlenden, grauen Lichtaugen an:
„Sind wir vorbereitet? Auf den Klimawandel, auf die Veränderungen? Nein. Aber ich habe beschlossen: Ich verschwende meine Energie nicht an die, die laut herumfuchteln. Ich wende mich an die, die zuhören wollen. Wenn du dir etwas vertraut machst, hast du Verantwortung übernommen. Ich will die Botschafterin der Wölfe sein. Auch wenn ich manchmal zweifle, ob das ausreicht.“

Feenwünsche

„Von einer Fee, was würd ich mir wünschen? Ein ungestörtes Leben für die Wölfe. Gesundheit für mich. Und so viel Zeit mit meinem Sohn, wie es eben geht. „
Gudrun blickt auf den geöffneten Tab eines Züchters finnischer Lapphunde. Sie setzt schüchtern nach: „und einen Hund.“


Gudrun Pflüger starb am 17. August 2023 in Radstadt. Einen Tag vor ihrem 51. Geburtstag.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert