Wohnmobil mit Wolf – Caravan Diary

Regenbogen transparent über italienischen Abruzzen

❄️ Ich bin kein Gedanke – nur ein Mensch mit Wärmflasche

Oder: Wie mir ein Wolf, Edgar Elgar und die vergessene Poesie das Denken austrieben

ein einsamer Mann am Meer, ein Herdenschutzhund, Pyrenäenberghundmischling nähert sich freundlich

Es ist kalt. Nicht draußen – draußen sind lauwarme zwölf Grad. Sondern in mir, unter den Sweatshirt-Schichten, die ich vorsorglich gegen das Leben angezogen habe. Das Gebläse röhrt, Madonna haucht Frozen, und irgendwo dazwischen sagt mein kleines DAB-Radio: Edgar Elgar. Ich verstehe wenig. Von ihm. Von mir. Vom Leben. Außen vielleicht. Im Augenblick nichts.

Und doch sitze ich da. Wärmflasche an den Füßen, ein romantisch beleuchteter Kastenwagen in der brandenburgischen Wildnis, den man mit etwas Fantasie für ein Tiny House halten könnte.

sommerliche Landschaft, ein knochiger alter Baum, einsam

DAS GANZE LEBEN VERSTEHEN

Du musst das ganze Leben verstehen, nicht nur einen Teil davon. Deshalb musst du lesen, deshalb musst du in den Himmel schauen, deshalb musst du singen, tanzen und Gedichte schreiben, und leiden und verstehen, denn all das ist Leben.

Krishnamurti, aus dem Buch: Das Wesentliche ist einfach

Ich sehe: eine Emaille-Tasse, der Tee halb kalt. Eine Yoshi, ausgestreckt. Und mich – im Moment. Zwischen den Seiten des eigenen Lebensheftchens, dessen Ränder mit den Heftklammern vergangener Stippvisiten durchbohrt sind.

Um zu entscheiden, ob es »Gut« oder »Nicht gut« ist, haben wir eine sehr einfache Regel: Der Aufsatz muss wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: »Großmutter sieht wie eine Hexe aus«, aber es ist erlaubt zu schreiben: »Die Leute nennen Großmutter eine Hexe.« Es ist verboten zu schreiben: »Die Kleine Stadt ist schön«, denn die Kleine Stadt kann für uns schön und für jemand anders hässlich sein.

Ágota Kristóf: „Das große Heft“

Wer darf bleiben?

Was mir auffällt in letzter Zeit: Ich bringe mich mit. Immer. Auch dorthin, wo ich vielleicht nur kurz verweilen wollte. Und dann passiert etwas Unheimliches. Ich setze mich. Und bleibe. Nicht nur körperlich. Sondern mit all dem, was Krishnamurti so schön „psychological memory“ nennt – den Geschichten, die wir uns erzählen. Wer wir sind. Was uns fehlt. Und warum wir bitteschön ein Recht auf Badewanne, WLAN und Seelenresonanz haben.

Nichts geht jemals vorbei,
bis es uns gelehrt hat,
was wir wissen müssen.

Pema Chödrön

Denn was, wenn ich genau in dieser Story lebe?
Was, wenn mein Bedürfnis, „zu sein“, immer mitkommt – wie ein schlecht erzogener Labrador, der an eine Bohemien-Kommode markiert?

Zwischen den Dachluken

Die eine Freundin möchte mich umsorgen, aber bitte nicht zu lange. Die andere nimmt mich auf, aber nur, wenn ich nicht den Kaffee verschütte, den ich innerlich sowieso schon dreimal umgeworfen habe. Ein bisschen wie in „MATRIX“.


Was bleibt, ist das seltsame Gefühl, dass meine Bedürftigkeit überall ein bisschen zu viel ist.

„Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen“

Wittgenstein hätte das wohl als Sprachspiel bezeichnet: „Ich bin da – darf ich bleiben?“
Und niemand antwortet. Oder sie antworten mit elektrischen Stinkedingern und verbarrikadierten Einladungen zum Kaffee.

Nur sich nicht in Teilprobleme verstricken, sondern immer dort hinaus flüchten, wo man freien Überblick über das ganze eine große Problem hat, wenn auch dieser Überblick noch unklar ist.

Ludwig Wittgenstein

ein Wolf, in Brandenburg vor meinem Wohnmobil

Der Wolf kommt leise

Dann, eines Morgens: ein Wolf. Nicht metaphorisch. Echt. Draußen, zwischen Wald und Winternebel. Ich habe nie geglaubt, dass ich einem begegnen würde. Aber da war er. Und plötzlich war sie wieder da, diese Poesie, die sich sonst so gut in meinen Texten versteckt wie ein Fuchs in dichten Dornröschenhecken.

“When you start to do this kind of thing you are alright. Don’t worry a bit. It means when you become you, yourself, and when you see things as they are, and when you become at one with your surrounding, in its true sense, there is true self.”

Shunryu Suzuki

Das Leben hat mir an diesem Tag kein Konzept angeboten. Keine Lösung. Immerhin, dieser Moment, in dem ich den Wolf entdeckte. Einen Blick. Einen Atemzug.
Suzuki Roshi nennt das „Beginner’s Mind“. Ich nenne es: ein Glücksklang im Topfdeckel.

Satprem in Zechlin

Manchmal denke ich: Es ist alles gut. Nicht, weil alles gut ist. Sondern, weil ich gerade keine Geschichte dazu erzähle. Weder die vom ewigen Mangel, noch die vom epischen Freiheitsabenteuer im Malibu. Sondern einfach nur: Ich. Hier. Jetzt.

Das ist kein philosophisches Konzept. Es ist eher wie das Kraulen eines Hundebauchs. Nackt. Echt. Irgendwie albern. Und heilig.

Zwischen Madonna und Murakami

„Frozen“ war der Song, der mich an M. erinnerte – an all die gebrochenen Versprechen, an die Illusion, jemand wäre da. Für mich. Spoiler: war sie nicht. Und trotzdem: auch das ist vorbei. Keine neue Geschichte mehr.

Stattdessen lese ich von Frau Murakami, 90, in einem eingeschneiten japanischen Dorf. Sie sagt: „Zuerst fühlte ich mich wohl, alleine. Jetzt fühle ich mich einfach nur allein.“
Auch das: ein Satz wie ein Spiegel. Aber diesmal lächle ich zurück.


Fazit (ohne Erkenntnis)

Ich schreibe das Buch meines Lebens. Manchmal mit Poesie. Manchmal nur mit der linken Hand. Aber ich schreibe es. Und die Kapitel, die sich wie Gitterstäbe lesen – die kann ich vielleicht nicht löschen, aber auch nicht mehr glauben.

Krishnamurti würde sagen: Die Wahrheit ist ein pfadloses Land.
Ich würde sagen: Und manchmal führt dieser Pfad einfach an einem Gaskocher vorbei, während Edgar Elgar spielt und ein Topfdeckel gegen das Glück klirrt.


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