Big Brother: Cam, Käse & Container

2005
Käse – das war’s, wofür die Holländer bekannt waren. Und Tulpen. Nun ist alles anders, denn die niederländische Firma Endemol hat einen besseren Exportschlager entdeckt: die TV-Show mit Soapcharakter. Käse, Tulpen, Holzschuhe waren gestern, heute ist Container-Cam.
Die Versuchskaninchen Thomas und Despina, die zuerst aus dem Fernsehknast rausflogen, sind schon längst wieder vergessen. Denn, wie wir von Boris Becker (Werbung) gelernt haben, interessant ist nur, wer „drin ist“.

Da wäre zuallererst der Jürgen, de smarte kölsche Jung, und gleich neben ihm: Sabrina, de flotte kölsche und vor allem blonde Biene. Sie duscht, schnattert und lacht, dass der dralle Busen bebt, und obendrein wandert sie möglicherweise, wenn alles vorbei ist, wegen Betrugs gleich weiter in einen echten Knast. Obwohl: Bei Kohl (Werbung) hat’s ja auch funktioniert, vielleicht bekommt RTL 2 die lumpigen Tausender zusammen, die Sabrina verschiedenen Leuten schuldet?
Weniger interessant, aber länger drin ist Andrea, die trübe Moraltante, da können wir wetten, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie nominiert wird. Kann sie nur hoffen, dass die Verrückten vorm Zaun nur johlen und nicht wie bei Manu „Zicke“ auf die Plakate schreiben. Schön ist so was nicht, auch nicht, wenn man sich freiwillig in den Pohlmann-ähnlichen TV-Hühnerstall begeben hat, ergo selbst Schuld ist. Dann ist da noch dieser muskelbepackte John, seines Zeichens ein echter Ossi mit Berliner Schnauze, der sogar richtig weint, weil die WG ihn missverstanden hat. Die freiwillig ausgeschiedene Kerstin haben die Fernsehgötter durch die Ex-Stewardess und Nunmehr-BWL-Studentin Verena ersetzt, deren Leidenschaften Labellos und Zigaretten sind. Man könnte auch sagen: Nuckelersatz.

KI generierte Nachbildung – finde den Fehler ;=)
Aber niemand, der „Big Brother“ schaut, ist wirklich gemein, das hat man doch an Zlatko gesehen. Man nimmt ihm nicht wirklich übel, dass er nicht weiß, wer Shakespeare war oder was ein Hetero ist. „Dorfdepp“ – das sagt man einfach nicht. Und schon gar nicht, weil einer sich nicht für Grammatik interessiert.
Schade, dass „Sladdi“ nicht mehr im Container ist, wenn Verona „Hier werden Sie geholfen“ Feldbusch mit Pauken und Trompeten als Geschenk an die Containerinsassen überreicht wird. Vielleicht haben wir Glück, und sie kriegt sich mit Sabrina in die Wolle. Oder Jürgen spannt am Schlüsselloch, wenn die Ex-„Miss-Hamburg“ auf ihrer eigenen Toilette den Text probt, mit dem sie sich als Wohngemeinschaftsmitglied einführen will? Das Handy und der Organizer von Blubber-Feldbusch bleibt jedenfalls draußen, versprach ihr Manager. Schade, sonst hätten wir vielleicht miterlebt, wenn Ex-Freund Bohlen anruft, weil er durch solche unverhoffte PR seinen Börsengang mit Leichtigkeit absolviert? Wie man es dreht und wendet, die spannendsten Geschichten enthalten die TV-Leute der Spannernation eben doch wieder vor. So ein Käse.
Carola Güldner für stern.de, 2005
Was wurde aus den „Stars“ der ersten Staffel?
Zlatko Trpkovski, Jürgen Milski, Sabrina Lange und all die anderen: Was machen sie 2025?
Was ist das?
Von Reality-TV oder Reality-Show wird in Deutschland seit dem Ende der 1980er Jahre gesprochen. Als ein amerikanisches Programmformat kam es Anfang der 1990er Jahre auch in die deutschen Fernsehprogramme und wird hier vor allem von den kommerziellen Sendern eingesetzt.
Als Realitätsfernsehen verstanden, will Reality-TV ein Abbild von Lebenswirklichkeit liefern (bzw. vortäuschen) und überschneidet sich deshalb teilweise mit der Fernsehgattung der Dokumentation. Dabei geht es jedoch nicht wirklich um die Darstellung einer Realität außerhalb des Fernsehens, sondern um neue, zumeist sehr emotionalisierte Perspektiven auf die Welt. Wenn in Sendungen Unglücksfälle so geschildert werden, dass die Zuschauer voller Entsetzen und Betroffenheit reagieren wie in den Notruf-Sendungen von RTL in den 1990er Jahren, in Daily Talkshows normale Menschen ihre Beziehungsprobleme öffentlich ausbreiten oder in Gerichtsshows zugespitzt Streitigkeiten verhandelt werden, dann geht es um eine Sicht auf die Welt, in der hochdramatische Beziehungskonflikte und mit ihnen Emotionen die Hauptrolle spielen.
Würde und Reality-TV?
Die vorliegende Studie, eine Dissertation von Carmen Krämer mit dem Titel „Menschenwürde und Reality TV – eine ethische Analyse“, befasst sich mit der Frage, ob und inwiefern Reality-TV-Formate die Menschenwürde verletzen. Die Arbeit untersucht die Thematik aus medienethischer Perspektive und legt besonderen Wert auf eine philosophische Klärung des Würdebegriffs.
Wichtige Abschnitte dieser interessanten Dissertation:
- 1. Einleitung: Kontextualisiert die Thematik, beleuchtet relevante rechtliche Vorgaben und Richtlinien sowie den Forschungsstand. Sie betont die gesellschaftliche Relevanz der Fragestellung angesichts hoher Zuschauerzahlen und potenzieller gesellschaftlicher Auswirkungen.
- 2. Über Reality TV: Definiert Reality TV, unterscheidet es von „Scripted Reality TV“, beschreibt seine Entstehung und kategorisiert verschiedene Formattypen (Casting-Shows, Gameshows, Talkshows, Partnersuche-Formate, Dokumentationen über Privatpersonen, Help-Shows).
- 3. Zum Würdebegriff: Bietet eine detaillierte historische Betrachtung des Würdebegriffs von der Antike (Platon, Aristoteles, Cicero) über das Mittelalter (Thomas von Aquin) und die frühe Neuzeit (Pico della Mirandola) bis zur Gegenwart (Kant und moderne Interpretationen). Es werden verschiedene aktuelle Konzepte von Würde analysiert, darunter Würde als Menschenrecht, als Wert, als Eigenschaft/Fähigkeit und als Haltung, sowie die Debatte um die Verzichtbarkeit des Würdebegriffs. Ein zentraler Vorschlag ist die Unterscheidung zwischen „Menschenwürde“ und „Person-Würde“.
- 4. Menschenwürde, Person-Würde und Reality TV: Wendet die erarbeiteten Würdekonzepte auf Reality TV an. Es wird untersucht, ob das Konzept Reality TV als Ganzes würdewidrig ist, ob bestimmte Formattypen würdewidrig sind und ob einzelne Bestandteile des Reality TV (z.B. Motivation der Teilnehmenden, Setting, Postproduktion, herabwürdigende Äußerungen, Zweitverwertungen, Einfluss auf Dritte) Würde verletzen können.
- 5. Fazit und Ausblick: Fasst die Hauptergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf offene Fragen und mögliche zukünftige Forschungsansätze.

aus „Menschenwürde und Reality TV – eine ethische Analyse“ Dissertation von Carmen Krämer
Schadenfreude
Verbindung von Tragik und Komik
Das frühe Reality-Fernsehen lieferte den Zuschauern neue Einsichten jenseits der bekannten und konventionellen Formen der Weltdarstellung, indem es sensationelle Bilder, Katastrophen, Schicksalsschläge zeigte, die sonst nur im Fiktionalen zu sehen waren. Von diesen fiktionalen Darstellungen wussten die Zuschauer aufgrund langjähriger Fernseherfahrung, dass die gezeigten Situationen und das Verhalten der Darsteller ‚gespielt‘, also nicht wirklich ‚echt‘ waren. Demgegenüber zeigten die Augenzeugenvideos das Verhalten von real Betroffenen und Aufnahmen von Verletzten und Getöteten. Die Bilder wirkten nicht inszeniert und gewannen damit eine besondere emotionale Kraft.
„Verstehen Sie Spaß?“ (ARD)
„Pleiten, Pech und Pannen“ (ARD)
„Total normal“ (ARD)
Weiterführende Literatur
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Titel |
Infos |
Fromm, Bettina 1999: Privatgespräche vor Millionen. Fernsehauftritte aus psychologischer und soziologischer Perspektive. |
Konstanz |
Bleicher, Joan Kristin 2000: „Du bist nicht allein“: Big Brother und die Folgen. |
In: Frank Weber |
Gleich, Uli 2001: Populäre Unterhaltungsformate im Fernsehen und ihre Bedeutung für die Zuschauer. Forschungsüberblick zu Nutzungsmotiven, Funktionen und Wirkungen von Soap |
Media Perspektiven, 10/2001, Frankfurt/M. |


