Journalismus

Pflegekontinent, Insel-Tsunami

Das Arbeitshandy lotst uns derart unzuverlässig, dass wir zusätzlich unsere privaten Navis nutzen. Nach mehrfachem „Sie haben den Zielort erreicht“ landen wir endlich auf einem Parkplatz. Im Eilschritt um die nicht vorhandenen oder unterschiedlich gut erkenntlichen Hausnummern der Einfamilienhäuser gerannt. Keine Menschen auf der Straße. Zugegeben, wir haben Januar, der Himmel dauerbewölkt. Immer noch ist es frühmorgens. Je nach Perspektive. Sieben Uhr dreißig.

Acht Minuten nach unserem Klingeln und Klopfen an allen zugänglichen Seiten des Hauses öffnet eine Karl-Valentin-Figur in königsrotem Samtgewand die Tür. Frau M. ist eine hochgewachsene Frau, die mich an eine Rankpflanze erinnert.
Mit meiner Oma hat sie – den Geburtsjahrgang ausgenommen – nichts, aber auch wirklich nichts gemein. Shakespeares Lady Macbeth kommt mir in den Sinn. Weil Frau M. uns in perfektem Oxfordenglisch begrüßt? Ist sie betrunken? Ich glaube nicht.
Trotz der gehobenen Sprache und des aufrechten Gangs droht sie mehrfach über ihr königliches Kleid zu stolpern. Gebannt bleibe ich knapp hinter ihr und versuche, sie von hinten zu stützen. Dabei wird mir klar, es ist eine schwere Sofadecke, in die sie gewandet ist. Heftig wie vor einem Schlag oder einer Vergewaltigung schreckt sie vor meiner Berührung zurück. Es tut mir leid und gleichzeitig bin ich fassungslos. „Excuse me, I am so sorry“, und rechtfertige mich innerlich, ich wollte sie doch nur vor einem Sturz bewahren?

Meine Kollegin flüstert mir zu: „Ach Mist, hab ich vergessen zu sagen: dement und auf keinen Fall anfassen!“

Um ihr eine Atempause und mir ein Bild von dem zu verschaffen, was mich demnächst an Aufgaben hier erwartet, wenn ich allein zu meinen Einsätzen geschickt werde, gehe ich ins Schlafzimmer. Da hockt ein sympathisches Gesicht auf einem Skelett im Unterhemd und versucht, sein Knochengerüst per Willensstärke und den faltigen Armmuskelsehnen in den Rollstuhl zu hieven. Meine Hilfe lehnt er kategorisch ab.

Er bezwingt seinen Körper. Mehrfach frage ich, ob ich nicht doch helfen solle. Von außen und durch meine Regelbrille betrachtet, dauert das ewig. „Geduld.“ Ich brauche Gelassenheit, am besten in einer Mehrfachpotenz. „Himmel“, hab ich denn noch immer nichts gelernt? In mir diskutiert Goethes Faust mit seines Pudels Kern.
„Nein, auf keinen Fall. „Wenn ich das nicht mehr allein schaffe, kann ich gleich zum Sterben liegenbleiben.“

„Beachtlich“. Denke ich. Aber ich sehe eben auch unser Zeitfenster zuklappen.
Dreizehn Minuten später, die meine Kollegin nachher auf dem Diensthandy retuschieren muss, sitzt dieser witzige, kluge Geist im Faltenkostüm seines Knochengerüsts vor dem Waschbecken.

Wie würde ich in dieser Situation agieren? Ähnlich? Oder würde ich, aus Rücksicht auf die Helferinnen alles über mich ergehen lassen? Wüsste ich nicht ohnehin, dass Training mich nie mehr zur Selbstkontrolle zurückbrächte?

„Ich mach das schon!“ Meine Kollegin hat ihre wasserdichten Überzieher bereits über die Turnschuhe gestreift und hält Handtücher, Waschlappen, Seife parat. „Geh du mal zu seiner Frau.“ Geübt nimmt sie Herrn M. unter ihre Fittiche: „Gut, dass ich heute jemanden mitgebracht habe. Da müssen wir uns um Rosemarie keine Gedanken machen, stimmts?“
Er kichert jungenhaft und winkt seiner Frau vom Rollstuhl aus zu. Sie weht vorüber wie eine Fee und bleibt, für ihn unsichtbar hinter der angelehnten Tür, an einer Rosenholzkommode stehen. Dort bremst sie mich und fragt, meine Hand ganz behutsam über das Holz führend: Ob ich das auch spüre?
„Wo haben wir die nochmal gekauft?“
Ich höre ihn seiner Frau antworten, obwohl er uns an dem Prachtstück ja gar nicht sehen kann: „Ach, na das war ja vielleicht eine aufregende Geschichte.“  Er hat eine angenehm sonore Stimme.
„Wochenlang haben wir gebangt, ob die jemals bei uns landet. Und teuer war das Verschiffen auch. Eigentlich haben wir beide nicht geglaubt, dass es klappt mit unserer Truhe, oder Liebling?“
Unsere Hände immer noch auf dem Holz ergänzt sie: „Ja, Kaufen in Thailand war leicht. Aber der weite Weg.“  
Herr M. beugt sich, soweit er kann, herüber. Fast ein bisschen wie eine Kasperle-Figur hinter dem Vorhang: „Meine Frau erzählt Ihnen die Geschichte sicher. Ich muss jetzt erst einmal in die Waschanlage.“ Mit Handtuch, einer Unterhose und frischem Hemd bewehrt, übernimmt meine Kollegin beherzt das Zepter.

Frau M. fährt sich durch ihre zerzauste Frisur und echauffiert sich: „Was machen denn diese Dinger hier? Sie wischt nichtvorhandenen Staub von einem Bilderrahmen, auf dem ich einen buddhistischen Mönch erkenne. Dass sie mit „diese Dinger“ eine Unterhose und ein paar Socken meint, merke ich erst, als sie die aufhebt. Gleichzeitig hält sie dieses Foto liebevoll im Arm. Und stolpert weiter in ihrem Korsett durch das geräumige Zimmer.
Vorn ist es ein scheinbar normaler Wohnraum. Der Kamin ist hier und ein dazugehöriger Sims, auf dem Familienfotos stehen. Doch ungefähr ab der Hälfte hindert mich eine unsichtbare Energie, weiter hineinzugehen. Frau M. bleibt ebenso an genau dieser nicht sichtbaren Linie stehen. Nur weshalb?

Unterhaltungen mit dementen Menschen fühlen sich für mich oft an, als seien Fragen und Antworten auf Gleisen, deren Weichen nur von meinem Gegenüber in die eine oder andere Richtung verstellt werden können. Oder, als schöben sich Sätze wie verspiegelte Scheiben zwischen unsere, kurzfristig geteilte Wahrnehmung. Eine Eingebung später, zack, bin ich abgeschottet und kann nur warten, bis sie mich durch die Schiebetür wieder einlässt.

Vor der monströsen Fensterfront scheint sich nicht viel abzuspielen. Frau M. aber redet uns eine illustre Gesellschaft herbei. Igel, Amseln, Füchse. Manche, namenlos bleibende Tiere, weil die ihr gerade nicht einfallen, alle hausen sie dort. „Manchmal wundere ich mich, wie viele dort oben nisten.“ Sie deutet auf das verwaiste Futterhaus, das vom Regensturm hin und her gepeitscht wird.
„They are in love.“ Summt sie. Bevor ich mein Kompliment zu ihrer Stimme aussprechen kann, wendet sie sich abrupt ihrem monströsen Kleiderschrank zu. „Schau mal, ist das nicht eine herrliche Qualität?“ Holt sie ein, in der Tat sehr wertiges Kostüm hervor. Nicht, dass ich Ahnung hätte.
„Das habe ich getragen, als ich neunzehn war.“ Verblüfft denke ich, dass sie mit nunmehr knapp achtzig Jahren keine Mühe hätte, wieder hineinzuschlüpfen. Im Gegenteil, wahrscheinlich wäre es sogar zu weit.
Dann balanciert sie – zwei geschmackvolle Sommerkleider auf den Bügeln vor sich hertragend – durchs Wohnzimmer. Damit stolziert sie wiederrum zur Fensterfront. Ob sie sich auf einem Model-Laufsteg wähnt? Ihre Unruhe macht mich etwas nervös, da sie ja in dieser Stolperfalle Sofadecke umherpilgert.

Im Bad signalisiert anhaltend rauschendes Wasser, dass wir nicht, wie in den anderen Haushalten unverzüglich wieder aufbrechen. Zwanzig Minuten später ruft meine Kollegin aus dem Badezimmer, ob alles ok sei. Sie und Herr M. seien gleich fertig.

Später wird meine Kollegin mir gestehen, dass sie die beiden so gern mag, dass sie die Taktung ein wenig manipuliert. Anders ausgedrückt: Leuten, die sie nicht so gern mag, kürzt sie unseren Aufenthalt. Wie eine Collage-Künstlerin beschneidet sie unsere Einsätze in der Handy-App. Sie kappt Minuten und packt sie wie Legobausteine irgendwo anders wieder drauf. Würde ich das auch so machen?
Ja, wahrscheinlich.

In der Zwischenzeit hat Frau M. auf einem Hocker noch mehr Strümpfe gefunden. Irgendwie erscheint mir ihre wirre Frisur wie ein Sinnbild ihres inneren Chaos. Es ist, als lese ich ein mäßig gutes Buch. Und das auch noch in Spiegelschrift.
„Was, um alles in der Welt, mache ich hier?“ denke ich und wünsche mich plötzlich in meinen Nachtdienstjob zurück, den ich nach zwei Jahren – tagsüber nicht schlafen könnend und immer erschöpft – aufgegeben habe. Nachdem ich nicht mehr mit dem Kratzen des Messers Erschöpfung meine Brote schmieren wollte. Und nun bin ich hier in der ersten Woche eines Jobs, der mich jetzt schon atemlos stocksteif in meinem Leben herumstochern lässt.
Für einen bizarren Moment bin ich komplett außerhalb der Szenerie. Wie in einer Traumepisode schaukele ich amüsiert auf dem glitzernden Kronleuchter. Fühle ich mich wie eine Artistin unter einer Zirkuszeltkuppel.
Und plötzlich bin ich wieder auf dem Parkett mit dieser Frau, die ihren Mann nur ab und zu als solchen erkennt. Mit diesem früheren Staatsanwalt, der sich ironisch über sein Juristenleben äußert und seine Frau unerwartet siezt, als er sie streng darauf hinweist, ihre Frisur in Ordnung zu bringen.

Manchmal kommt Demenz mir auch vor wie ein fauliger Apfel. Man beißt an einer Stelle rein und bemerkt nichts. Dann dreht man die Frucht ein paar Milligedanken weiter und schon schmeckt es madig. Naja, nicht schlimm, man kann ja faulige Flecken einfach herausschneiden. Denkt man. Und sieht sich damit konfrontiert, dass es nicht klar begrenzte, heraustrennbare Stellen sind, sondern eher ein, vom Erinnerungspeicher ausgespienes „Gewölle“.


„Frühstück ist fertig, Herr M.!“ Diese Einladung aus der Küche scheint ihn zurückzuverwandeln in den, mit seiner verwirrten Gattin geduldigen Mann. Über fünfzig Jahre verheiratet, leben sie in diesem Haus zusammen. Wie in verschiedenen Cockpits oder Raumkapseln. Er versucht das Steuer zu handhaben, über das er nicht hinausschauen kann. Sie spricht wie der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry mit allem, was ihr zähmbar erscheint.
„Look at this!“ Frau M. zuppelt an meiner wattierten Slogan- bestickten Uniformweste, die ich erst gestern nach Feierabend in meinem Spind vorfand. „Da vorn, fünf Babys.“ Frau M.s Hände sind nicht so knochig, wie es der Rest ihres Körpers vermuten ließe. Trotzdem, als sie mir ihren Zeigefinger lockend entgegenstreckt, kommt mir „Hänsel und Gretel“ in den Sinn.
Da ich nichts entdecke, drehe ich den Spieß einfach um. Frage, Gegenfrage.
„Haben Sie die alle selbst beobachtet?“
„Ja, die Kathrin kam extra herüber, sie wollte uns die Jungen wieder zurückbringen. Der Fuchs ist da gestern auch wieder an dem Napf gewesen. Da vorn. Oder ist das sein Nest? Vielleicht ist mein Thomas dort drin?“ Jetzt erscheint sie mir doch etwas aufgeregt. Langsam wünsche ich mir, dass unser Einsatz hier endet. Ratlosigkeit zählt auch nicht zu meinen favorisierten Emotionen.
„Thomas?“ hebe ich meine Schultern.
Seltsam gefühlskalt antwortet sie: „Mein Sohn. Ist ja gestorben. Der Herr Mathematiker! Hirnfieber.“ Ihr Gesicht lässt keine Vermutungen zu. Geschlossen. Ihr Tonfall wie eine Wettervorhersage. Unwetter vorbei. Morgen nur noch leichte Nachbeben.
Da niemand uns hört, wage ich den gedanklichen Vorstoß:
„Und jetzt wohnt er im Fuchsbau?“
„Nein. Er hatte einen Fuchs im Hirn, deshalb schleicht er manchmal im Garten umher.“

Meine Verblüffung schraubt sich wie Zwölftonmusik in eine Art Erkenntnis.
„Ah, aha, ähm, also…“Sprachlos starre ich sie an. Denn auch, wenn sie aufgrund ihres Londoner Au-pair-Jahres in perfektem Oxford English zu parlieren versteht, die Geschichte vom vertauschten Hirn des Mathematikers Gauß mit dem des Mediziners Fuchs kennt sie doch sicher nicht?
Ich hatte das gerade erst gelesen: „1855 wurde das Gehirn des berühmten Mathematikers Carl Friedrich Gauß präpariert. Es sollte für wissenschaftliche Studien erhalten bleiben.“ Eine Neurowissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut hatte herausgefunden, dass es jahrzehntelang mit dem Denkorgan des Mediziners Conrad Heinrich Fuchs verwechselt wurde.

Ungerührt von meiner Ratlosigkeit, tapert sie hin und her.

Indien. Das zufällig eingeworfene Stichwort rettet mich. Die Frau in Rot palavert frohgemut und meinen vorherigen Fauxpas nur noch schemenhaft in ihrer Körpersprache erinnernd. Etwas in dieser knöchernen, hochgewachsenen Frau ist auf der Hut. Dennoch hat jegliche Demenz sich in Kumuluswölkchen verdichtet, die über ihren inneren wolkenlosen Horizont hinwegschweben. Ihre Ängste sind wie nicht eingetroffene Wettervorhersagen. „Schauen wir mal nach dem Fuchs.“ Lotst sie mich plötzlich, erstaunlich nichtdement von der breiten Fensterfront in Richtung Bad.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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