Arbeiten für einen Mio-Betrüger

ein Mann in gelbem Shirt steht allein in einem Fluss in Aceh nach dem Tsunami

Villa in Trümmern

Pulau Weh, Anfang 2005

Arbeiten für einen Millionenbetrüger

Im Frühjahr 2005 reiste ich als Pressesprecherin einer Hilfsorganisation nach Aceh, drei Monate nach dem Tsunami. Der Mann, für dessen „FIG“ ich arbeiten sollte, nannte sich Yves Dantin. Was als Hilfe begann, entpuppte sich Jahre später zu einem der dreistesten Spendenbetrüge der Bundesrepublik. Eine Rekonstruktion.

Das Haus war rund und gelb und reckte seinen zweistöckigen Hals aus geknickten Palmen, Müllbergen und verwüstetem Strand, als wolle es den Kopf über Wasser halten. Hinter den großen Fenstern lag das Meer, ruhig wie ein Tier nach dem Fressen. Im Dezember hatte dieses Meer aus heiterem Himmel eine Welle über die Insel geworfen – und über zweihunderttausend Menschen hier und an vielen Orten der Welt in den Tod gerissen. Jetzt lag es still.

Vor unserer Ankunft hatten die Leute Schlamm und Müll geschaufelt. Sie hatten Betten zusammengetragen, einen Schreibtisch, ein paar Stühle. Ein paar Jungen freuten sich, als die Steckdose ohne Mühe ihren Dienst tat. Die Inselregierung, der Wali Kota (Bürgermeister, der direkt dem Gouverneur untersteht) überließ uns die Villa umsonst. Sie war noch nie bewohnt gewesen. In den Dörfern ringsum schliefen die Menschen in Zelten. Wir waren die, die gekommen waren, um zu helfen.

Ich war die Pressesprecherin. Der Mann, dessen Arbeit ich nach Deutschland tragen sollte, nannte sich Yves Dantin.

Die ersten Wochen

Yves Dantins erste Tat bestand darin, in einer Druckerei in Banda Aceh ein riesiges Banner auf Plastik bedrucken zu lassen. „FIG – We are here to help!“ Ich traute meinen Augen nicht.

Es ging schnell, schneller als bei den meisten. Zwei Wochen nach unserer Ankunft trafen wir Philippe Chaix, einen Franzosen, der seit dreizehn Jahren auf Pulau Weh lebte und über Kontakte verfügte, die mit Geld nicht zu bezahlen waren. Über ihn bestellte Dantin fünfzehn Boote in einer Werft in Bireuen an der Küste und wir holten sie gemeinsam mit den zehn Fischern ab, für die sie bestimmt waren. Für eine Hilfsmaßnahme war das ein ungewöhnliches Tempo. Mir wurde mulmig, als Peter Hedrich, ein Schweizer Architekt mich zur Seite nahm und wir uns mit C. Enk austauschten, dass dieser Yves Dantin keinerlei Kompetenzen mitbrachte. Auch als wir die, aus nicht abgelagerten Holzboote, die überlackiert in der Sonne glänzten, glaubte ich, Dantin habe nicht nur keinerlei Expertise, sondern leide auch an einer Art Größenwahn und Realitätsverlust. Er schleppte, kaum aus der Bank gekommen, zwei große schwarze Mülltüten hinter sich. In einem Straßencafe zog er bündelweise Rupienscheine heraus. Tausende Rupien, mit Gummis zusammengehalten. „Die glauben ja nicht, dass ich ihnen traue, ich habe längst durchschaut, dass auch die Bootsbauer freitags ab 2 sowieso nicht mehr arbeiten. Wie dieses andere faule Pack, dass einen Muezzin-Ruf zur Ausrede hat.“

Pulau Weh hatte es nicht so schwer getroffen wie das Festland. Aber es waren kaum ausländische Helfer hier, und vielen fehlte das Nötigste. Nach der Welle war Holz knapp. Als wir bei den Schreinern einen Tisch und einen Schrank kauften, ließ sich am Preis ablesen, woran die Insel litt.

Ich begleitete einen Mann namens Manaf durch die Dörfer. In den Camps hockten die Frauen mit ihren Babys in stickigen Zelten und machten Scherze, wann immer es ging. Sie zeigten uns ihre Behausungen, in denen fein säuberlich geordnete, winzige Wäschestapel das einzig verbliebene Hab und Gut waren. Manche Kinder hatten Krätze und Fieber. Es fehlte ein Arzt, der blieb. Und es fehlte jemand, der erklärte, wie mit der Medizin aus dem Westen umzugehen war. Fünfjährige wurden als Kleinkinder ausgegeben, weil die Mütter glaubten, ihren Kindern mit dem Milchpulver für die ganz Kleinen etwas Gutes zu tun.

Risse

Ich brauchte keinen journalistischen Trick, um zu beschreiben, wann unser Glaube an die Hilfsorganisation FIG Risse bekam. Die Fassade bröckelte, sobald er sprach. Schon bald schrieb ich keine, von ihm geforderten Mails an die Spender und Gründungsmitglieder seiner Organisation. Vielmehr begann ich, vorsichtig Kontakt aufzunehmen, um anzufragen, was genau die Geldgeber über ihn und seine angebliche Hilfe wussten.

Ich sprach ihn an, was er ihnen und BILD HILFT vorlegen müsse, damit ich entsprechende Dokumentationen vorlegen könne. Seine Antwort: „Transparenz, da scheiß ich drauf. Ich bin der Boss, und ich bestimme, was damit geschieht.“

Einmal kam er zu mir mit einem Vorschlag. Ein sächsischer Landrat hatte Geld für Boote geschickt. „Erfinden Sie mir doch ein paar Namen“, sagte er. „Sie kommen doch von dort unten. Wir machen denen ein paar Fotos und schreiben die Ortsnamen drauf, dann sind die schon glücklich.“ Die Leute in Sachsen wissen, wie eine Flut alles nimmt. Sie hatten gegeben, weil sie es wussten.

Er kaufte Süßigkeiten, um Kinder zu fotografieren. Manche, fand er, seien noch schüchtern, „wissen aber schon, wie man bettelt“. Seine Fotos von Frauen, die er nie um Erlaubnis gefragt hatte, stellte er ins Netz, mit Untertiteln wie „beautie from paradise“.

Von der Geschichte der Provinz wusste er genauso wenig wie vom Bürgerkrieg, vom Wunsch der Acehnesen, sich aus der indonesischen Herrschaft zu befreien. „Ich weiß nicht, was die Leute haben, die Soldaten sind doch total nett.“ Seit 1976 waren in diesem Bürgerkrieg um eine rohstoffreiche Provinz mehr als zwölftausend Menschen getötet worden. Das interessierte ihn so wenig wie die Tatsache, dass man in Aceh nicht nach Sex fragt wie auf einer Strandpromenade.

Den Satz, der alles zusammenfasste, brüllte er auf der Hauptstraße von Sabang, vor dem Architekten Peter Hedrich und vor Christian Enk: „Ich bin froh, wenn Sie endlich abreisen, dann kann ich hier Frauen ins Haus holen, soviel ich will.“ Das Haus stand in Pantai Kasih. Strand der Liebe.

Ein Schritt zurück

Ich war für einen Monat als Pressesprecherin engagiert, gegen Kost und Logis und einen Zuschuss zum Flug, den am Ende die Airline sponserte. Nach weniger als drei Wochen konnte ich kaum noch arbeiten, weil mir die Zahlen fehlten, die ich nach außen vertreten sollte. Also arbeitete ich die letzten Wochen ohne Lohn weiter. Es geht hier nicht um eine Beschwerde. Ich habe in diesen Wochen mehr von den Bewohnern und von anderen Organisationen gelernt als in mancher Redaktion.

Es geht um die Post, die später kam.

Jemand, der meine facebook-Einträge gelesen hatte, schrieb: „Seine Identität ist falsch“. Der Mann heiße Jürgen Klaus Biesenbach. Es war die Rede von einer schillernden Vergangenheit, diversen Vorstrafen, einem Offenbarungseid in Deutschland. Möbelhändler, hieß es, im Bereich nicht lizenzierter Raubkopien. Kurierfahrer. Letzter Wohnsitz Augsburg. Eine Hilfsorganisation zu gründen sei das Einzige gewesen, was ihm juristisch noch offenstand, schrieb der Mann. „Der Tsunami muss ihm gerade recht gekommen sein, da sie ihm eine ebenso große Geldwelle in seine Kasse gespült hat.“

Ein anderer kannte ihn seit fünfzehn Jahren. Er erinnerte sich an Sätze wie „Die Leute dort unten sind faul“ und „Denen kann niemand helfen“. Er hielt ihn nicht für einen Geschäftsmann, sondern für einen Stammgast, einen Thekenspanner im Café Amadeus in der Augsburger Maxstraße. Als er von den Hilfsaktivitäten im Netz las, war er überrascht. Er hätte nicht geglaubt, dass dieser Mann je Spender finden würde.

Im selben Jahr lehnte der Deutsche Spendenrat die Aufnahme des Vereins ab. „FIG-Indonesia e.V. ist nicht mehr Mitglied“, schrieb mir später dessen Geschäftsführer. Ein Spendenportal sperrte den Verein, nachdem es unsere Hinweise geprüft und dieselben Feststellungen gemacht hatte. Auf seiner Website warb der Mann da längst mit Mitgliedschaften, die es so nie gegeben hatte.

Wellen

Die ganze Größe der Sache verstand ich erst, als andere weiterrecherchierten. Mit der Filmemacherin Inge Altemeier statteten wir der BILD in Hamburg einen, äußerst befremdlichen Besuch ab. Man bezichtige uns der Lüge, natürlich in glitzerndes Vokabular gemäntelt. Inge Altemeier wandte sich an den Journalist Martin Kissel, der verfolgte Biesenbachs unredliche Machenschaften jahrelang und veröffentlichte seine Recherchen im Deutschlandfunk und SWR.

Zusammengefasst liest sich das so: Im Februar 2005, in den Wochen, in denen ich im gelben Haus saß, hatte „Bild hilft – Ein Herz für Kinder“ zwei Millionen Euro an seinen Verein überwiesen. Geprüft, hieß es später, habe man ihn nach einer internen Checkliste „bestmöglich“. Übersehen hatte man dabei seine wahre Identität, seine Arbeitslosigkeit und die eidesstattliche Versicherung über seine Zahlungsunfähigkeit, die er kurz zuvor abgegeben hatte. Die bundeseigene InWEnt vermittelte weitere zweihunderttausend Euro, ohne den Verein zu prüfen.

Rund neunhunderttausend Euro der Spenden, berichtete Kissel, landeten nicht in Baumaterial, sondern in einem spekulativen Aktiendepot. Die Bank verzichtete auf eine Bonitätsprüfung mit dem Argument, der Verein sei eine juristische Person; die Person dahinter müsse man sich nicht ansehen. An der Beratung verdiente sie mit.

Er zahlte sich aus dem Geld ein monatliches Gehalt von viertausendfünfhundert Euro. In Deutschland bezog er weiter seine dreihundertfünfundvierzig Euro Sozialhilfe. Auf der Homepage von „Ein Herz für Kinder“ stand zur selben Zeit die Garantie, jeder Cent komme direkt den Kindern zugute. Von dem Hotel, das auf Pulau Weh entstand, dem Kur- und Freizeitresort „Rasa Seni“, das Dantin mit seiner Freundin besitzt, stand dort nichts.

Als die Zeugin Sandra Thomaszewski am 20. Februar 2006 warnte, der Mann werde das Land verlassen, geschah nichts. Sechs Tage später setzte er sich nach Indonesien ab. Ein Hamburger Gericht verurteilte den Verein im Sommer 2006 zur Rückzahlung von rund achthundertfünfzigtausend Euro. Zu einer strafrechtlichen Verurteilung kam es nicht. Dafür hätte man eines gebraucht: einen Mann, der greifbar war.

Empörung

Während die Recherchen liefen, beklagte er sich auf seiner Website über die „Schmierfinken“. Er arbeite von halb acht morgens bis nach Mitternacht, schrieb er, oft länger. Es gebe leider Menschen, die ihr Geld damit verdienten, die Arbeit anderer in den Dreck zu ziehen. Einer von ihnen nenne sich Journalist, was eine Beleidigung für alle seriösen Redakteure sei. Sensationsreporter, hieß es, ließen sich nur bewirten und schrieben gut über den, der den besten Service biete.

Das eigentlich Beunruhigende ist nicht der eine Mann. Es ist, wie viele seriöse Stellen ihn durchwinkten. Eine Boulevardzeitung, die schnelle Rettungsgeschichten brauchte. Eine bundeseigene Gesellschaft, die ihre Kontrollpflicht hin und her schob. Eine Bank, die einen juristischen Trick fand. Jeder für sich tat nur seinen kleinen Teil. Zusammengenommen ergaben diese kleinen Teile zwei Millionen Euro und ein Hotel am Meer.

KI Generierte Darstellung des Geldflusses - Spendengelder privat abgezweigt. Yves Dantins Machenschaften mit dem Geld der Tsunamiopfer
KI generiert mit NotebookLM

Komplott

Wer geglaubt hatte, der Mann werde leiser, sobald die ersten kritischen Berichte erschienen, kannte ihn nicht. Auf seiner Seite und in den Foren wurde es lauter.

Ein langer Text machte die Runde: „Das Tsunami-Komplott“. Darin waren wir ein Quartett: der Architekt Peter Hedrich, die Filmemacherin Inge Altemeier, ein indonesischer Aktivist und ich. Die These war schlicht. Eine private Abneigung habe sich zu einer Lawine ausgewachsen und die Opfer des Tsunami ein zweites Mal zu Opfern gemacht. Wir hätten ihnen, ließ Dantin verlauten, eine Million Euro gestohlen.

Der Trick ist alt und funktioniert fast immer. Der Beschuldigte wird zum Ankläger. Aus dem Betrug wird die Verschwörung. Und die Frau, die Fragen stellt, wird zu einer Zeile Französisch. Cherchez la femme stand zweimal in dem Text. Sucht die Frau.

Die Boote, die nicht schwammen, hatte nicht ich „schwimmende Särge“ genannt, sondern die Welternährungsorganisation nach einer Prüfung. Den großen Jeep hatte ich nicht gesehen; ich hatte eine Helferin aus einem Camp zitiert, die ihn gesehen hatte. Ich zitierte die Quellen.

Dantin alias Biesenbach wetterte im Netz: Die Häuser der FIG gehörten zu den besten in Aceh, beglaubigt von Behörden, von der Stadt, von internationalen Stellen. Die FIG werde ihren Ruf zurückbekommen. Das geklaute Geld dazu. Eine Kleinigkeit ließ der Text aus. Vor Altemeiers Kamera, neben einem der Boote, die nicht schwammen, hatte der Mann selbst zugegeben, dass Fehler passiert seien.

Ein Jahr später war er fort, und das Geld eingefroren. Wer die besten Häuser Acehs gebaut hat, verlässt das Land nicht bei Nacht.

Pantai Kasih

Das gelbe Haus steht vermutlich noch. Es hält den Kopf über Wasser.

Carola Güldner war im Frühjahr 2005 für die Hilfsorganisation FIG-Indonesia in Banda Aceh und auf Pulau Weh. Die hier geschilderten Aussagen beruhen auf eigener Anschauung; die späteren Hintergründe auf den Recherchen von Martin Kissel (Deutschlandfunk, SWR) und Inge Altemeier, Privatkorrespondenzen sowie auf Gerichts- und Behördenunterlagen.

Berichte über den Fortgang von Martin Kissel

ARD Bericht

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