Für Saddam Hussein sind zwei Euro viel Geld, und es ist ihm wichtig, zum Unterhalt seiner Familie beizutragen. Die Sorge seines Bruders Renold gilt eher seiner Trillerpfeife. Eine Hoffnung teilen die beiden jedoch mit allen Menschen in Aceh, Indonesien: Sie wünschen sich, dass bald viele Touristen ihre Region besuchen. Über das Leben nach der verheerenden Katastrophe in Aceh, einige persönliche Eindrücke.

Saddam Hussein freut sich nur kurz, obgleich der Elfjährige heute schon zwei Euro mit Massagen verdienen konnte. Sein kleiner Bruder Renold Markopolo lacht dafür umso öfter, vor allem, seit er von einem der weißen Männer in Soldatenuniform eine Trillerpfeife geschenkt bekam, damit er seine Familie vor einem neuen Tsunami warnen kann.
Seit der Katastrophe im Dezember trinkt Renold Markopolo nur noch Milch aus der Babyflasche. „Ich mache es wie mein Bruder Tegar Tsunami“, sagt der Junge. „Stärker als der Tsunami“ bedeutet das übersetzt und ist der Name des Babys, das zwölf Wochen nach der Katastrophe zur Welt kam.

Keines der zehn Familienmitglieder versucht, Renold seine Pfeife oder die Flasche auszureden, auch wenn das Trillern manchmal nervtötend ist. Sie versuchen, möglichst friedlich miteinander auf engstem Raum auszukommen. Zwei Zelte und ein paar selbstgezimmerte Bretterwände, die auf dem Rest ihres Hausfundaments stehen, bieten Unterschlupf für elf Menschen.
Mehr schlecht als recht ernährt Renolds Mutter die ganze Familie. Sie jobbt als Hausmädchen für die wenigen auf der Insel Pulau Weh ansässigen Hilfsorganisationen. Renolds Großmutter Djailami Daud ist 99 Jahre alt und heilfroh, dass all ihre Lieben überlebt haben. Allein aus diesem Grund lacht sie oft.
Ein Leben unter Zelt und Wellblech
Saddam Hussein findet, es sei ein Wunder, dass alle überlebt haben. Er hatte schon einmal Glück, als die Familie Daud ihn, den Waisen aus Medan, adoptierte und mit ins Paradies nahm. Denn Pulau Weh, die kleine Insel vor Banda Aceh, ist wunderschön. Hier gehen alle Kinder zur Schule, niemand bettelt, und Saddam lief nie Gefahr, ohne Dach über dem Kopf zu enden. Jedenfalls bis zu jenem Sonntagmorgen des 26. Dezember 2004, als der Tsunami alles mit sich nahm.
Monatelang diente eine selbstgebaute Wellblechhütte ihm und den anderen zehn Familienmitgliedern als Unterkunft. Ein UNICEF-Zelt schützt die wenigen Habseligkeiten vor Regen, das andere dient als Empfangsraum für Gäste wie die Norwegerin Mette. „Ich arbeite in der hiesigen Tauchschule Lumba-Lumba als Instructor“, sagt sie. „Pulau Weh ist ein Geheimtipp für Touristen, besonders für Taucher. Die Leute haben nach dem Tsunami hart gearbeitet, die Häuser, Restaurants und Bungalows wieder aufzubauen. Was sie jetzt am meisten brauchen, sind Besucher. Touristen, die Optimismus und natürlich auch Geld mitbringen.“
Abfahrt Hafen Banda Aceh, einmal täglich
War Pulau Weh vor dem Tsunami ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen und Einheimische gleichermaßen, so trifft man momentan fast ausschließlich erschöpfte Ausländer. Mit ihren blau-weißen Bändern, auf denen „Tsunami Polri“ gedruckt ist und an denen eine Plastik-ID-Karte baumelt, sind die Katastrophenhelfer leicht erkennbar. Auf der etwa 45-minütigen Fahrt tauschen sich Freiwillige mit UN-Mitarbeitern oder Botschaftsbeamten aus. Urlauber im herkömmlichen Sinn sieht man selten; die große Ausnahme sind Leute wie Mette, die der Insel Pulau Weh seit Jahren die Treue halten. Sie sind es auch, die einen unkomplizierten Kontakt zwischen Inselbewohnern und anreisenden Ausländern herstellen. Angekommen im Hafen Balohan auf Pulau Weh teilen sich Neulinge und alte Hasen die wartenden Mini-Taxis und den Fahrpreis.
Wenn Mette zum Einkaufen in Banda Aceh war, können die Hüttenbesitzer in Gapang sicher sein, dass sie einem oder mehreren Mitarbeitern von Hilfsorganisationen ein erholsames Wochenende bescheren können. Denn zwischen den tsunami- und bebenschiefen Bungalows schmiegen sich noch genügend bewohnbare und günstig zu mietende Holzhäuser mit Meerblick an die Felsen und Hügel von Iboih oder Gapang. Der letztgenannte Ort bietet neben ruhiger Abgeschiedenheit auch die einmalige Chance, in der Nähe des Schildkrötenstrands zu campieren. „Spätestens nach einem Besuch in Gapang hat sich bisher jeder in die Insel verliebt; die meisten freunden sich zuerst mit dem Platz und dann auch mit den freundlichen Bungalowbesitzern an“, sagt Mette.
Hängematte in der Schildkrötenbucht
Pulau-Weh-Kenner wie die Tauchspezialisten Birgit und Armin Trutnau machten hier mehrere preisgekrönte Unterwasseraufnahmen, und es gibt so etwas wie eine Garantie, Schildkröten zu sehen. Die nordöstlich gelegenen Strände sind meist mit kleinen Steinen übersät, große Bäume am Strand spenden Schatten und bieten Platz für Hängematten. Auch nach dem Tsunami eignet sich diese Inselbucht noch hervorragend für Schnorchelabenteuer. Lediglich im vorderen Strandbereich vor Iboih hat das Tsunami-Wasser die Korallenbänke in graue Friedhöfe verwandelt.












Für eine ventilatorbestückte Hütte mit eigenem Mandi (Bad) zahlt der willkommene Gapang-Gast zurzeit nicht mehr als vier bis fünf Euro. Entscheidet er sich beispielsweise für die „Emperor-Suite“ in der Bungalowanlage im Gapang Beach Resort, berappt er gerade einmal acht Euro, bekommt dafür aber eine Klimaanlage sowie einen Fernseher.


Affen-Mania oder warum es besser ist, Bananen zu kaufen
Allerdings ist ein solches Gerät überflüssig, denn auf der Insel gibt es wunderschöne Wanderwege zwischen den Bergen und Hügeln. Empfehlenswert ist es auch, sich ein Moped zu leihen und damit Ausflüge zum Vulkan „Gunung Merapi“ zu unternehmen; an der nordwestlichen Spitze wartet der Kilometer Null, der Beginn des indonesischen Inselreiches. Auf Weh laden heiße Quellen zum Baden ein, und natürlich lohnt sich eine Fahrt in die nordöstlich gelegene Hauptstadt Sabang. Dort gibt es neben farbenprächtigen Marktständen und allerorts lauernden Gesprächsgelegenheiten mit Ladenbesitzern oder Parkwächtern zwei Internetcafés für die Kommunikation mit den Daheimgebliebenen.
Mopedausflüge sind auch deshalb guten Gewissens zu empfehlen, weil der Verkehr nicht mit anderen indonesischen Inseln vergleichbar ist. Größtes Risiko für einzelne Mopedfahrer sind die auf Bananen spekulierenden Affenhorden auf dem Monkey Mountain zwischen Sabang und Iboih. Wegen gelegentlicher Polizei- und Militärkontrollen ist es besser, den internationalen Führerschein bei sich zu haben.
Pulau Weh gliedert sich in dschungelbewaldete Kammlagen, Nelkenpflanzungen finden sich in den mittleren Höhen, während in den unteren Lagen viel Kokos angebaut wird. Die meisten Straßen sind asphaltiert, wenngleich einige Schlaglöcher dem Mopedfahrer hohe Konzentration abverlangen.


Von Wracks, Mantas und Bier
Während die Dunkelheit sich über Saddam Husseins Familienzelt legt und riesige Fledermäuse lautlos ihre Jagdbahnen ziehen, lädt Mette zwei Neuankömmlinge aus Banda Aceh auf die beleuchtete Terrasse der Tauchschule „Lumba-Lumba“ zu einer Cola ein. Natascha, die in Griechenland lebende Deutsche, stellt ihren Kollegen Panayotis vor. Der Grieche arbeitet mit ihr gemeinsam seit zwei Monaten für eine kanadische Hilfsorganisation in Banda Aceh. Mette verspricht den beiden Erschöpften für morgen einen aufregenden Trip zu zwei der zirka 20 Tauchplätze auf Pulau Weh. Mettes Erzählung über das vor Sabangs Küste liegende Bootswrack sowie die dort zu sichtenden Rifffische, Barrakudaschwärme, großen Rochen, Mantas, Muränen und Riffhaie tröstet Panayotis darüber hinweg, dass es auch in der von Holländern geführten Tauchschule kein Bier gibt. Der Grieche wird, wenn er am nächsten Morgen den etwa 400 Meter breiten Meeresarm zur vorgelagerten Insel Pulau Rubiah durchmisst, froh sein, keinen Alkohol bekommen zu haben. Für diese Überquerung per kräftigem Kraulschlag ist er besser fit.



Bevor auf der Tauchschulterrasse die Lichter gelöscht werden, empfiehlt Mette ihren neuen Gästen, sich nach dem Tauchgang ein Moped zu leihen und sich den Massagekünsten Saddam Husseins im Tsunami-Camp Ie Meulee, nahe Sabang, anzuvertrauen. Denn wie alle Menschen auf Pulau Weh freut auch Saddam sich über jede selbst verdiente Rupiah.






| ✈️ Anreise | Internationale Flüge von Deutschland nach Jakarta oder Medan… Weiterflug nach Banda Aceh… Kosten: ca. 50–150 € |
| 🚢 Weiterreise | Schnellfähre vom Hafen Ulee Lheue nach Sabang… 45–60 Minuten 80.000–150.000 IDR |
| 🛂 Einreise | Visa on Arrival… ca. 500.000 IDR (~30 €) 30 Tage gültig |
| 🚐 Transport | Minibus-Taxis ab Hafen… 100.000–200.000 IDR |
| ℹ️ Hinweise | Gut bereisbar, Bargeld wichtig |
| 🌊 Tsunami 2004 (Indischer Ozean) | Ausgelöst am 26. Dezember 2004 durch ein Seebeben der Stärke 9,1 vor der Küste Sumatras. |
| 🌍 Opfer weltweit | ca. 230.000–250.000 Tote in insgesamt 14 Ländern |
| 🇮🇩 Indonesien gesamt | über 165.000 Tote, damit das am stärksten betroffene Land |
| 📍 Region Aceh | über 130.000 Tote, zusätzlich zehntausende Vermisste Großteil der Zerstörung im Norden Sumatras |
| 🏚️ Auswirkungen | Millionen Menschen obdachlos, massive Zerstörung von Infrastruktur und Küstenregionen |

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