Adventskalender
Journalismus

Hinter 24 Türchen – zu Gast bei Astrid Lange, Künstlerin

Inspiration aus dem Paradies

25 Grad Celsius zeigt das Thermometer am Fenster hoch über der Berliner Prenzlauer Allee. Die Reise zu den Adventskalendern der Künstlerin Astrid Lange beginnt im Juni und wir nehmen einen kleinen Umweg über „Das Paradies auf Erden“.

So hieß eine, im Oktober 2016 in der Dresdner Gemäldegalerie eröffnete Ausstellung. Ein Highlight dort ist „Vor der Sintflut“ von Roelant Savery. Über 100 verschiedene Tiere sind bereits auf der Gangway oder warten auf Einlass ins berühmteste Rettungsschiff der Menschheitsgeschichte.

Genau in diesem Bild fand die Künstlerin, Fotografin und Zeichnerin Astrid Lange ihre Inspiration für die 24 Türchen im Dezember:

„Als ich wegen eines Adventskalenders zur Arche Noah gefragt wurde und vor dem Bild in der Restaurierung stand, hab ich sofort Feuer gefangen, weil die Legende soviele unterschiedliche Geschichten von der Sintflut über Gilgamesch bis hin zu all diesen Tieren der Arche Noah vereint.“

Entstanden ist eine Art „Sintflut-Tagezähler“ nach dem Vorbild des – 1576 geborenen – Malers Savery. Liebevolle Hingabe ans Detail, gepaart mit phantasiereichen Einfällen zeichnen die Welten beider Künstler aus.

Da die Langeschen Kalender viele Feinheiten auf wenig Raum vereinen, ist eine Art Illustrationsperfektionismus erforderlich und vom Betrachter die Muße erbeten, sich auf die feingliedrigen Zeichnungen einladen zu lassen.

Inspiration aus dem Paradies

Astrid Langes eigenes Lebenstürchen öffnete sich 1965 in Burg bei Magdeburg. Sie wuchs in Dresden auf, absolvierte ihr Kunst-Diplom an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Claus Weidensdorfer und formte sich als Meisterschülerin unter den Fittichen von Elke Hopfe.

Wusste sie, dass eine ihrer Leidenschaften sich künstlerisch im Christlichen äußern würde?

„Das ist ja sogar in doppelter Hinsicht geschehen, denn Adventskalender sind natürlich aufs Engste mit der christlichen Mythologie verbunden, aber jeder Kalender mit seinen historischen Bezügen ist es eben auch.“

Eine spätere Tür in Langes Leben erzählt die Geschichte der Kalender: „Angefangen hab ich mit dem „kleinen Berliner“ und dem „kleinen Dresdner“. Vor mehr als zehn Jahren schnitt Astrid Lange, ganz konventionell mit der Hand die Türchen aus, verklebte diese und verschenkte circa 30 Exemplare an enge Freunde. Bis Michaela Kett von Kettcards, einem Internet-Karten-Portal, fand, man könne die künstlerisch so interessanten Kalender auch professionell drucken und anbieten.

Wie bei ihren Adventskalendern, die ja auch kein Verfallsdatum kennen, öffnete eine spezielle Tür sich zehn Jahre lang für die Grafikerin: Von 2005 bis 2012 bot sich ihr jährlich in Afghanistan eine intensive Auszeit und Innensicht. Für eine Archäologengruppe zeichnete und katalogisierte sie die dort museal aufgearbeiteten Objekte. Vor diesem Hintergrund wuchs ihre Neugier auf die Erforschung kunsthistorischer Zusammenhänge.

Einem Impuls folgend, recherchierte sie zu den wirklich existierenden Objekten immer öfter geschichtliche Hintergründe und für ihren 2014 entstandenen „Görlitzer“ und den 2016er „Herrnhuter“ gab sie den Kalenderkarten ein virtuelles Spiegelzuhause. Über eine eigens gefertigte Webseite lassen sich von nun an die Motive aus der Altstadt, dem Untermarkt, dem Barockbrunnen oder einem romanischen Kapitell der Peterskirche im Netz näher beleuchten. Hinter den Gegenständen aus der Herrnhuter Brüdergemeine, zu denen der bekannte Weinhnachtsstern gehört, verbirgt sich ja ebenfalls ein ganz eigenes geschichtliches Universum, das mit einer geöffneten virtuellen Tür einen Zugang wie zu einem Planetarium Einlass gewährt.

Die Künstlerin während eines ihrer Afghanistan-Aufenthalte

Wieso diese Mühe im Kleinteiligen?

„Ich habe in diese Kalender immer nur Bilder hineingezeichnet, die wirklich damit zu tun haben, was man in dieser Stadt findet. Also Dinge, die man, wenn man durch die Stadt läuft, auch wirklich entdecken kann.“ So fußzeichnet Astrid Lange ihre Dezemberillustrationen mit Hilfe von google maps oder wikipedia nach, sie schreitet Elbhänge oder Görlitzer Gassen zu Fuß ab, und prüft somit, dass es zwischen den künstlich geschaffenen Orten und den realen räumliche Übereinstimmungen gibt. Wie ein Familienwappen nicht nur das Design des Symbols allein mitbringt, sondern auch immer eine dazugehörige Geschichte, so erhöhen sich sich Web und Illustrationen um den Faktor reales Objekt und der Advenstkalender bekommt zwei neue Dimensionen hinzu.

Der gottesfürchtige Noah wurde vom Allmächtigen vor einer großen Flut gewarnt und dazu bestimmt, eine Arche zu bauen. Für die Rettung seiner Familie und die der Tiere gab es ebenso genaue Ansagen wie über die Dauer der Sintflut: Sie war mit einem Kalenderjahr und zehn Tagen abgesteckt.

Da die Rettungsaktion aus dem alten Testament stammt, kann man sicher sein, dass während Noahs Jahr auf dem Schiff kein Adventskalender die Wände takelte.

Diese Zähler in Kreidestrichen oder anderen fantasievolleren Formen waren erst seit Mitte des 19. Jhrdts bekannt. Ihre wesentlichste Aufgabe bestand ursprünglich darin, Kindern die abstrakte Größe Zeit fassbar zu machen.

Hier lässt sich nun auf einfache Art und Weise der Bogen schließen, denn die Advenstkalender Astrid Langes machen die Stadtgeschichten Dresdens, Berlins, Görlitzs, Herrnhut greifbar und nun auch die Tierwelt der Arche Noahs erlebbar.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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