The shoe project: erzählt Geschichten von Hilfsbereitschaft und Freundschaften am bunten Faden herrenloser Schuhe.
Reisen ist wie Fliegen mit einem Doppeldecker. Die oberen Flügel tragen meine Freunde, das untere Paar ich selbst. Alles begann 2019 mit einem Kurzjob auf Sizilien. Dass ich danach mit meiner Hündin Yoshi dreiviertel Jahr in Italien, Deutschland und auf dem Donau-Radweg unterwegs sein würde, ahnte ich nicht. Geplant war es erst recht nicht. Weil mir diese Reise so viele inspirierende Begegnungen mit besonderen, hilfsbereiten Menschen geschenkt hat, möchte ich mit den erzählten Geschichten etwas zurückgeben.
Teil 1 Daumenkino besuchter Orte
Indonesien, 2004
Sie sprechen auch Indonesisch. Vielleicht wissen Sie es nur nicht.
Ein paar Worte mindestens. „Orang Utan“. „Mata Hari“. Keine exotischen Fremdkörper, sondern einfache, schöne Sprachbilder. Orang ist der Mensch, hutan der Wald. Der Waldmensch. Mata das Auge, Hari der Tag. Mata Hari. Die Sonne ist das Auge des Tages.
Drei Monate im Sommer 2004 lebte ich in Yogyakarta und lernte Bahasa Indonesia. In der Wisma Bahasa kochten, tanzten und spielten wir Theater. Wir bereiteten uns auf einen Menschenrechtseinsatz in Aceh vor. Das Vokabellernen verlegte ich in mein winziges Zimmer. Sechs Quadratmeter, ein Bett, ein Tisch, beide überquellend vor Büchern. Ich trollte zwischen Englisch und Indonesisch hin und her wie eine Katze in fremden Revieren.
Meine Vermieterin Herna hatte die Werkstatthalle ihres verstorbenen Mannes in ein Hostel verwandelt. Ein langer, überdachter Gang, von dem kleine Kammern abgingen. Acht Mitbewohnerinnen knatterten jeden Nachmittag mit ihren Mofas bis vor die Türen, parkten qualmend und kicherten unter ihren Hijabs.
Herna nannte sie ihre Küken. Mit mir sprach sie anders. Eines Tages führte sie mich in ihre Villa. Kühle, Stille, ein Hauch von Bedeutung. Unter der Treppe stand er. Ein silbern glänzender Käfer. Hochglanz, Leder, Mahagoni.

„Volkswagen. Käfer.“
Sie streichelte ihn wie einen Liebhaber. Küsste die Motorhaube.
Ob ich helfen könne, ihn nach Deutschland zu verkaufen.
Ihr Mann hatte ihn 1955 in Mexiko bestellt. Wochenlang gewartet. Am Strand in Empfang genommen, gemeinsam mit Freunden über den Sand getragen. Heimgebracht wie ein Kind. Jeden Samstag waren sie hinausgefahren, hatten im Wagen gesessen und aufs Meer geschaut. Nie ausgestiegen. Für das Picknick zwei kleine Bambushocker, um die Sitze nicht zu beschmutzen.
Ich versuchte zu erklären, dass Transport und Kosten alles zunichtemachen könnten. Sie war enttäuscht. Ich versprach, mich zu erkundigen.
Vier Tage später war sie tot. Woran sie gestorben war, erfuhr ich nie. Auch nicht, was aus dem Käfer wurde.
Ich zog weiter.
Aceh blieb unerreichbar. Der Bürgerkrieg ließ keinen Einsatz zu. Ich kehrte nach Hamburg zurück. Desillusioniert.
Teil 2: Weihnachten 2004
Nachrichten vom 26. Dezember: Zahlen, Karten, Bilder. Tote, Vermisste, zerstörte Küsten. Ein Durcheinander, das sich langsam in eine Erkenntnis fraß, die sich nicht fassen ließ.
Ich suchte im Netz nach Informationen. Nach Freunden. Nach Halt.
Ein Seebeben. Tsunami. Hunderttausende Tote.
Vor dem Fernseher zu sitzen, zwischen Gebäck und Geschenkpapier, kam mir wie Frevel vor. Ich stellte mir vor, zu helfen. Kinder an die Hand zu nehmen, Verbände anzulegen, Tote zu begraben. Schließlich hatte ich Erfahrungen in der Pflege. Wenigstens ein paar medizinische Basics.
Der Tod war mir nicht fremd. Aber das hier war anders.
Auf der Suche nach einem Weg, nützlich zu sein, geriet ich an einen Betrüger. Dieses Kapitel erzähle ich in anderen Beiträgen.
Teil 3: Sandalen des Mönchs
Silvester bei meiner Freundin Suhela. Der Tisch: ein Festmahl aus aller Welt. Perlhirsesuppe, Empanadas, Kartoffelsalat. Alles da, nur keine Feststimmung. Die Katastrophe lastete auf uns.
„Vielleicht kommt Susanne noch“, flüsterte Suhela. „Sie hat das Unheil in Thailand überlebt. Ohne ihren Sohn. „
Mir blieb fast die Feige im Hals stecken.
Dann klingelte es.
Sie trat ein. Leicht, fast schwebend.
„Ich habe nichts mitgebracht. Also erzähle ich meine Geschichte. „
Wir setzten uns.
Sie sprach von ihrem Sohn Felix. Von der Reise. Vom vorsichtigen Annähern zweier Fremder.
Dann der Morgen. Stromausfall.
„Mama, hörst du das? „
Das Rauschen.
Die Welle.
Sie wurden aus dem Bungalow gerissen.
Wasser.
Ein Palmenstamm. Stundenlang. Wie eine Arche. Am anderen Ende ein Mann, John, blutverschmiert. Sie erzählten sich ihre Leben als Rettungsanker. Um nicht zu versinken. Um die Schreie zu übertönen.
Dann riss die Verbindung.
Sie war allein.
Oder nicht.
Menschen trieben vorbei. Leblos.
Jemand zog sie an Land. Schwarze Säcke. Zerbrochener Marmor.
Sie stand auf. Ging los.
Als gehöre ihr Körper nicht mehr zu ihr.
Barfuß. Die Straße hinauf.
Alles löste sich.
Dann sah sie ihn.
Einen kleinen, hageren Mönch. Zahnlos lächelnd.
Sie lächelte zurück.
Er drehte sich um, löste die Riemen seiner Sandalen und stellte sie am Wegrand für sie ab. Und ging.


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