Omi mit Hund
Journalismus

…es stinkt

Es riecht. Nein, das ist definitiv untertrieben. Es stinkt.

Trotz all der Weihnachtskerzen, den geschälten Orangen und Keksen auf den Tischen verwirbeln unwirtliche Gerüche den Flur. Oder unverblümt ausgesprochen: Bei uns stinkt es nach Scheiße.

Ich versuche mit dem sperrigen und vollbepackten Essenswagen aus dem Fahrstuhl in den Erdgeschoss-Gang einzubiegen, aber der dicke Meyer versperrt mir den Weg. „Wo bleibst du denn, ich hab schon 100 Mal geklingelt!“

„Wenn Sie mich nicht aussteigen lassen, gibts heute auch nix mehr.“

„Dat is mi egaal, ik will ne Zigaretten un Hunger heff ik ok.“

Sanft stoße ich gegen seinen Rollstuhl und versuche mich an ihm vorbeizubugsieren. Widerwillig, aber irgendwie verschmitzt grinsend, tritt er den Rückzug an. Mit seinen behaarten Beinen unter dem Bademantel, der den feisten Bauch nur halbherzig verbirgt, rollert er das behäbige Gefährt in Richtung seines Zimmers.

„Nur zwei Scheiben Schinken?“ lässt sein barscher Tonfall keinen Zweifel aufkommen, dass er auch an diesem, meinem siebten Spätdienst nicht zufrieden ist mit dem Abendbrot. Natürlich interessiert Meyerbier, den die meisten nur „den Dicken“ nennen, keinen Deut, dass ich vor den sieben Schichten bereits mit drei Frühdiensten eingeteilt war.
„Dat geiht mi an n Mors vörbi.“ Seine lakonische Antwort ist insofern tröstlich, dass sie für fast alle Themen herhalten muss. Also nicht persönlich gemeint ist.

„Vergeet mien Beer denn nich.“

Vergessen würde ich sein Bier sicher nicht. Nur mitbringen könnte ich auch keins. Meyers Taschengeld war schon seit dem 22. Dezember aufgebraucht. Für den Rest des Monats würde er auf sein Abend-Pils verzichten müssen. Zornige Anschuldigungen könnte ich mir nachher auch noch abholen. Es ist 18:06 Uhr. Bahnhofsuhren ticken an jedem Flurende. Dienstschluss 21:00.

Meine Stichpunktliste lasse ich lieber in der Gesäßtasche meiner weißen Arbeitshose. Das rote DRK-Arbeitsshirt klebt mir schweißfleckengroß unter den Achseln.
Shit, ich habe Meyers Tabletten vergessen. Lasse meine Klocks einfach stehen und flitze auf Socken zurück, packe ihm die vier Pillen auf den Rand seiner Tee-Untertasse. Dass eine der Wurstscheiben halb an seinem, falsch eingesetzten Gebiss hängt, kann ich jetzt nicht ändern. Wenn ich keinen Zahn zulege, denke ich und muss über die Doppeldeutigkeit schmunzeln.

„Du büst echt nich to bruken!“ Donnert er mir nach.
Ich schlüpfe in meine Plastikschlappen und sehe, dass über zwei von den neun Zimmern, die den Flur säumen, Notrufklingeln leuchten. Inständig hoffe ich, dass ausgerechnet jetzt niemand aufs Klo muss. Auf meinem Wagen stapeln sich noch diverse Teller, Schälchen mit Pudding, Spezialmischungen und gefüllte Tablettendosetts. In den Heißwasser-Terrinen schwimmen Milchbrei-Schnabeltassen, die dann meist zu heiß oder zu lau sind.

 

„Karla, Karla. Hilf mir. Karla.“
Bevor ich mir noch Gedanken über die Dringlichkeit der Leuchtbojen machen kann, werde ich mit meinem Mitropa-Gefährt vom Gekreuzigten ausgebremst.

Das klägliche Rufen entspringt einem knöchernen Körper, der von einem grünen Krankenhausnachthemdflatterkittel kaum bedeckt wird. Frau Birgers Pampers sind blütenweiß aufgerüscht, darüber und darunter faltige, magere Haut, die vertrocknete Brustwarzen unter dem fast papiernem Stoff knospen lässt. „Karla, komm doch endlich!“ Ich quetsche mich zwischen dem Speisewagen und der halboffenen hindurch. Knie hilflos neben ihr nieder und würde mich am liebsten einfach daneben packen.

„Was soll ich denn jetzt tun?“ streichele ich ihre kalte, von blauen Flecken und Adern überzogene Hand. Ins Gesicht mag ich ihr nicht so gern schauen, halbseitig verteilen sich grüne, blaue und gelbe Flächen. Ein ganzer Veilchenstrauß, den sie sich beim letzten ihrer vielen Stürze eingeholt hat. „Bleib einfach hier.“ So simpel die Bitte, so unaussprechlich meine Antwort: „Das geht leider nicht.“
Manchmal ergibt mein Universum sich nicht aus Unzen der Sterne, sondern manifestiert sich scheinbar aus schwerwiegenden Notwendigkeiten. Kein Entrinnen. Mühselig versuche ich, Frau Birgers Körper zu dirigieren, und tatsächlich, wir stöckeln und staksen gemeinsam direkt in Zimmer 2. Vor dem zerwühlten Bett warten, mit Tempotaschentüchern ausgestopfte Joghurtbecher, eine Mandarinenschale dient der kleinen digitalen Kerze als Perücke. Frau Birger hat dem Teddy auf dem Fensterbrett einen Schal aus Stützstrümpfen um den Hals gewickelt und die Weihnachtstischdecke mit der Inkontinenzeinlage getauscht.

Alles nicht wichtig, ich muss nur nachher dran denken, die Zurück-Ordnung wiederherzustellen.
Mittlerweile haben die roten Notrufleuchtwürmer über den Türen sich vermehrt. Es sind jetzt drei und das Surren aus dem Dienstzimmer, das mir Dringlichkeit vermittelt, stresst mich. Frau Birger hat ihren Joghurt und Schmierkäse-Brot-Häppchen vor sich auf dem verstellbaren Cherusker-Nachttisch. „Ich heb dir was auf, aber komm nicht so spät, sonst wird es kalt!“

In Zimmer 3 hilft mir nur die Notbeleuchtung am Bettende bei der Orientierung. Hinter einem Vorhang rasselt jemandes Atem. Stockt, setzt wieder ein. Verstörender Rhythmus. Der Mann spricht nicht. Wurde mir beiläufig mitgeteilt und so steht es auch in der Computer-Dokumentation. Tatsächlich habe ich von Herrn Zweigelt in diesen dreieinhalb Wochen noch nicht ein Wort gehört. Dass er nicht stumm ist, weiß ich dennoch ganz sicher.

Gelegentlich schreit er. Markerschütternd und manchmal völlig unerwartet. Am häufigsten aber, damit rechne ich beim Wenden seines Haut-Skeletts eigentlich immer. Vor dem unvermeidlichen Umlagern seines mageren, vom Krebs zerfressenen, ausgehöhlten Körpers ist mir jedes Mal bang. Doch, wenn ich nicht Gefahr laufen will, dass er morgen früh überall neue wunde Stellen hat, muss ich ihn alle zwei Stunden zumindest um ein paar Grad drehen. Normalerweise hätte ich diese Prozedur schon vor dem Abendessen angehen müssen, aber er hat so tief geschlafen, dass ich ihn nicht herüberquälen wollte. Mit zusammengepressten Lippen verweigert er das Einflößen des Breis. Ich werde es nach der Essensverteilung noch einmal versuchen müssen.

„Kann ich Erdbeeren haben?“ Tönt es aus dem Dunkeln. Stimmt ja, seit gestern bewohnt Herr Behnke das Zimmer 3 ebenfalls. „Warum machen Sie denn kein Licht?“ frage ich den kräftigen, gutaussehenden Mann, der an dem quadratischen Tisch vor seinem leeren Wasserglas und einem umgestürzten Zuckerstreuer sitzt. Vor ihm im Schein der Nachttischlampe, die ich angeknipst habe, um ihm einen Teller zu servieren, türmt sich ein Miniatur- Pão de Açúcar oder eben Zuckerhut auf. Konsterniert starrt er auf die magere Scheibe Brot, die leidlich mit einem welligen Gouda und zwei Eischeiben und drei Cornichons dekoriert ist. „Ich wollte die Erdbeeren hier eintauchen!“ zeigt er auf den weißen krümeligen Haufen. „Und ich wollte die schreiende Leiche dort drüben nicht beleuchten.“ Puh.
„Was halten Sie davon, wenn Sie den Zucker in den Streuer zurückfüllen. Dann könnten Sie Ihren Pfefferminztee damit etwas süßen?“

Behänd steht er auf, überragt mich um fast zwei Köpfe. Ich bin einsdreiundsiebzig, also nicht unbedingt klein. Und für einen Augenblick unsicher, welche Stimmung zwischen uns herrscht. Erinnerungen blitzen auf. 

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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