Alm-Gedanken

ein Pyrenäenberghund zwischen Alpakas auf der Schweizer Alm

Nach dem Eisregennebel

Nach dem kurzen Ausflug in die virtuelle WLAN- und die Warmwasserausdemhahnwelt sind wir zurück in unserem „hochdroben“-Bergdomizil und genießen den sich lichtenden Nebel, der Sonne und damit auch etwas mehr Wärme verheißt.

Auf dem, beziehungsweise über dem Ofen brutzeln die geschenkten Pansen, die eine, zwei Almen entfernt lebende Nachbarin uns geschenkt hat. Mal sehen, ob ich es schaffe, die zu räuchern und das Haus geruchsneutral, also wieder nur nach Stall und lebenden Kühen mit, im Tier arbeitenden Pansenmägen zu bekommen.

Nebel Alm Weite

Alltag zwischen Stall, Kälbern und Hundezeit

Sind die ersten Dilemmata, die uns hier morgens um fünf so widerfahren können, bewältigt – also die Kühe gemolken, Kälber getränkt, das Pony sowie der Leihstier versorgt sind, fährt der Bauer ins Dorf. Dann kann ich, solange wir noch nicht käsen, relativ frei schalten und mich ums Wohl der Hunde und meines kümmern.

Ab und an geh ich zu den Kälbern, auch wenn ich weiß, dass jede Festigung der Bindung zu den Kleinen mir nachher – wenn sie zum Schlachten geholt werden – alles viel, viel schwerer machen werden.

Über Dora und den fehlenden Körperkontakt

Heute Morgen beim Frühstück dann eine Diskussion: Dora, die Neugeborene, ist jetzt viel munterer, seit ich sie zwischen die anderen Kälber gebunden habe. Enge ist nicht das Problem, sondern der fehlende Körperkontakt. Das gegenseitige Putzen, Wärme geben. Der Bauer meint, dass Dora dann schwerer aufzuladen sei – sie solle gar keine Bindung „zu niemandem“ aufbauen.

Das kann doch nicht sein. Nur, weil das Weggeben in sieben oder zehn Monaten schwer wird, soll sie bis dahin isoliert vor sich hinvegetieren? Die Kälber haben doch eh schon ein kurzes und wenig schönes Leben. (Natürlich hat der Bauer recht, im Vergleich zu Großmastanlagen geht es ihnen hier gut).

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Der Stress des Bauern hat sich etwas gelegt. Nur wenn die Kühe morgens nicht gleich ihren Platz finden oder die Kälber noch übermütig umher toben, gibts schon noch Flüche. Meine ersten schwizerdütschen Brocken? Potz heemotlondi und donder und Hurenkröcke. Nichts, was man weitergeben muss.

Tara auf Hasenjagd – und ein Glas Rotwein

Meine Pyrenäenberghündin Tara hat gestern Abend aus einem Spaziergang eine Hasenjagd gemacht und mir damit einen sehr netten Abend bei unseren Nachbarn beschert. Unglaubliche Gelassenheit, viel Humor, vier Kinder, Alpwirtschaft, Käserei. Bewundernswert. Ich durfte dort auf meine weiße Jägerin in freundlicher Gesellschaft warten.

Dank Dauerregen und Bergnebeln ist die Gegend so undurchsichtig, dass der Wildhüter Tara hoffentlich nicht auf seine Liste setzen kann.

Alm Ofen Aufgang zur Kammer

Petroleumlicht, Fondue und Perspektiven

Jetzt, bei Dauerregen und 5 Grad, schlummern Kühe, Kälber und Stier. Wir haben Petroleumlampe und Heizer, der Pansen trägt zur Zufriedenheit der Hunde bei, und Jagderlebnisse lassen sich am Küchenofen fast genauso gut träumen wie „in echt“ erleben. Behaupte ich. Schätzungsweise beurteilt meine Hündin das ganz anders.

Gestern Abend gab es Fondue, zwar kein hausgemachter, dennoch lecker. Dazu Gespräche über „billige Ausländer“ (hauptsächlich sind wohl wir Deutschen gemeint). Mein Einwand, ich sei ja auch eine billige Arbeitskraft, wurde abgewiegelt. Tja, so ist das mit der Wahrnehmung.

Ich lerne: Bauern sind immer unzufrieden. So wird es mir hier von den alten Männern erläutert. Ich füge für mich an, man soll Dinge nicht persönlich nehmen. Aufstehen um fünf Uhr, hätte ich gedacht, so etwas wahrhaftig zu schreiben, tut gut. Erster Blick auf Hunde, Berge, Wälder: ein Geschenk. Zu wissen, dass wir jederzeit gehen können, macht alles leichter.

Übers Tannenscheren und Weidepflege

Die Hunde wissen jetzt: morgens streunen wir über die Weiden, ich mit der Heckenschere bewaffnet. Die Tannen müssen weg, damit die Kühe eine brauchbare Sömmerungsweide haben. Freiwillig würde ich die Bäumchen nicht köpfen. Aber ich will ja auch Milch im Kaffee haben.

Was mir auch klar wird, ich würde nie von Viehwirtschaft leben wollen. Nur für den Eigenbedarf produzieren. Stellt sich die Frage: wovon will man leben? Wenn in der „Tierwelt“, einem Schweizer Magazin die Kids antworten, die Milch käme ja zum Glück aus der Packung, das sei auch viel hygienischer, ist es dann vermessen, so zu tun, als könne ich überhaupt von eigener Arbeit leben.

Zäune, Wind und Nachbarn

Donnerstag. Sonnenschein. Aber nach dem gestrigen Tag war mir dennoch fröstelig. Halben Tag im strömenden Regen Zäune repariert. Nicht nur Maschendraht, sondern Stacheldraht, morsche Pfähle, weideauf, weideab.

Warum ausgerechnet gestern? Der Nachbar hat den Bauer nicht gegrüßt – und das hat ihn so mitgenommen, dass die Weideabgrenzung plötzlich höchste Priorität hatte. Tja. Es hat noch nie jemanden zu einem besseren Menschen gemacht, anderer Leute vermeintlicher Gedanken zuvorkommen zu wollen.

Pyrenäenberghund auf der Alm (Schweiz)
Pyrenäenberghund auf der Alm (Schweiz)

Kleine Kammer, große Gedanken

Mein Einsatz hat immerhin das Bauerngemüt wieder etwas aufgehellt. Abends Spaghetti mit Tomatensauce. Für die Selbstdisziplin ist es ganz hilfreich, dass der einzige Ofen in Bauers Schlafzimmer steht. Meine Kammer: ein schmales Bett, ein Spalt für die Hunde. Ich würde sonst abends länger lesen oder schreiben und morgens mit zerschundenen Gedanken aufwachen.

Jetzt ist es Zeit, die nächsten Tannen zu schneiden. Lässt sich gut mit dem Hundespaziergang verbinden – und bei vorbeiziehenden Niesen-Touristen macht es wenigstens etwas her: Menschen und Hunde bei der Arbeit. Da kann man auch mal mit einem talschallenden Bellen begrüßt werden.

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