Journalismus

30 Jahre Wachkoma, eine halbe Stunde Sterben, zwei Überstunden

Teil 1

Straßensperrung. Einbahnstraße. Baustelle. Privatgrundstücke. Verbotsschilder. Wieder einmal finden wir den Einsatzort nicht auf Anhieb. Natürlich ich muss mich nicht nur in einem neuen Job, sondern auch in einem Ort zurechtfinden, in dem ich mich überhaupt nicht auskenne. Weder Straßennamen noch Geschäfte oder Sehenswürdigkeiten – gibt es solche? – sind mir geläufig. Mit den umliegenden Ortschaften ergeht es mir nicht besser.

Gestern hat die Geschäftsleitung obendrein, es sind zwei Pflegekräfte nach ihrer dritten Coronaimpfung ausgefallen, entschieden, dass die Auszubildende mich begleitet. Sie ist Marketingexpertin und Journalistin aus Kroatien. Seit ihrer Scheidung vor zwei Jahren lebt sie, mehrere hundert Kilometer entfernt von ihren erwachsenen Kindern in Heiligenhafen. Da sie, wie sie sagt, bei TV-Sendern wie RTL in ihrer Heimat nicht schlecht verdient hat, aber wegen ihrer nicht perfekten Deutschkenntnisse hier keine Chancen für solche Jobs sieht, hat sie eben eine Umschulung zur Pflegerin begonnen. Wofür ich sie bewundere.
Für drei Jahre wird sie für ein Monatsgehalt von knapp 1100 Euro täglich in Schichten arbeiten. Und abends – in einer ihr fremden Sprache – ein Studium absolvieren, mit dessen Abschluss ihr bestenfalls 2000 Euro netto für einen – emotional und körperlich – belastenden Job zustehen.

Respekt. Und auch immer die Frage: Was stimmt nicht mit unserer Gesellschaft, dass wir die wichtigen Berufsgruppen wie Kinderbetreuung, Krankenschwestern, Hebammen, Pflegekräfte nicht adäquat entlohnen? Während nicht wertschöpfende, eher fragwürdige Berufsgruppen wie Manager, Börsenmakler, die Aufzählung ließe sich sinnvoll ergänzen, hochdotiert und steuerlückenbewaffnet (ich sage nur cum ex) auf unseren Rücken tänzeln lassen wie die Buckeldämonen.

Hier, in unserem Ortungs-Chaos, kann ich nur von Glück sagen, dass ausgerechnet sie mir zugeteilt wurde. Ihre humorvolle, anpackende Art motiviert. Aus früheren Einsätzen kennt sie sogar einige der Menschen auf unserer Tagestour. Obwohl ich mein Google Maps auch noch dazugeschaltet habe, wird sie, weil wir noch immer nicht mit einem passenden Zielort fündig geworden sind, nervös. Selbst die Navigations-Stimme klingt in meinen Ohren jetzt leicht hysterisch. Nach nur vier Tagen im Team des mobilen Pflegedienstes und fühle mich angesteckt vom Dauerstress und den, oft so schnell wechselnden Stimmungen.
Dass wir heute zwei Klienten, beide überraschend aus dem Krankenhaus entlassen, extra und on top mit einbinden sollen, potenziert unseren Stress. Enorm.

„Stigli ste na odredište.“ Erleichtert schaltet meine Kollegin ihr kroatisches Handy auf lautlos. Acht Minuten zu spät, aber wir haben immerhin die richtige Hausnummer gefunden und klettern einfach über rotweiße Flatterbänder, die den direkten Zugang zum gesuchten Eingang versperren.

Menschlichkeit ist ein zweischneidiges Messer in der Pflege. Unabhängig davon, ob ich im Heim, in einer Stiftung oder eben hier in der mobilen Abteilung angestellt war oder bin. Will man in diesem Gewerk ambitioniert präsent sein und etwas bewirken, muss man sein eigenes Besteck mitbringen. Damit meine ich Geduld, Stabilität und Humor. Zuneigung zu Menschen.

Gäbe es keinen Leistungsdruck, wäre Pflege keine bezahlte Dienstleistung, sondern Berufung, also eine Möglichkeit, mich mit meinen Fähigkeiten einzubringen, ich wäre sofort dabei.

Könnte ich auf bedingungsloses Grundeinkommen zurückgreifen, ich würde mich sicher dem einen oder anderen Hilfsbedürftigen intensiver zueignen. Nicht meine Zeit, nein, mich. Meine Ohren, meine Dankbarkeit, dafür, etwas aus einem anderen Leben erfahren zu dürfen. Und natürlich auch helfende Hände widmete ich gern.
Dann aber – ohne mich selbst körperlich zu überfordern – und selbstverständlich ohne Arbeitshandy. Mit ganzem Herzen und nicht wie von eine Lohnsklavin im Technotunnel. Getrieben von harten Rhythmen. Hard beats.

Während wir durch diesen Morgen hasten, fällt mir plötzlich ein Film ein: „How to cook your life“ bedeutet wörtlich übersetzt wohl „Wie man sein Leben kocht“. Ich meine Doris Dörries Porträt eines ZEN-Kochs. Edward Espe Brown kocht, schreibt Bücher und praktiziert Zen seit 1965. Er war Schüler von Suzuki Shunryū und wurde von diesem 1971 zum Sōtō-Zen-Priester ordiniert. Neben Zen und Kochkursen unterrichtet er Yoga und Chi Gong.

„When you’re cooking, you’re not just cooking,
you’re not just working on food
… you’re also working on yourself,
you’re working on other people.

Wenn Du kochst, dann kochst Du nicht nur,
Du arbeitest nicht nur an der Nahrung,
sondern Du arbeitest zur gleichen Zeit an Dir selbst
und auch an den anderen Menschen!“

– Ed Brown

Das klingt, als wäre dieser Mann angekommen. Dennoch flippt er – im Film hervorragend lustig und doch ernst eingebunden – mehrmals förmlich aus. Ich muss jedes Mal lachen, wie er verzweifelt an Verpackungen zu scheitern droht und dann mit seinen hochgelobten teuren japanischen Kochmessern auf Käse in verschweißtem Plastik einsticht.
Ja, die Gelassenheit und der Buddhismus. Erinnerungen an meine ersten Schritte in diese Richtung rufen ein Lächeln hervor. Ich wollte so gern einen richtigen, Heiligen in Robe.
Andrerseits dachte ich immer, „Nirwana“ sei so ein „Nichts“. Ein „schwarzes oder leeres Loch“.  Langweilig.

Und natürlich ersehnte ich nach der ersten Begegnung mit meinem Lehrer Ole erst recht eine Art aufregender Heiligkeit. Aber ich verstand ziemlich schnell, dass es gar nicht darum geht, was mein zappeliger Gedankenhort mir anbietet. Sondern abzulassen von dem ständigen Re-Agieren. Damals wusste ich noch nichts von all dem Glück, das mir widerfahren sollte. Dass ich Menschen wie Anna W. oder Mascha R. finden sollte. Die mir eine Form von Atemtherapie nahebringen würden, dass ich zwischen 2000 Buddhisten in Spanien meditieren und bis abends Antworten auf die Fragen nach dem Sterben hören würde.

Zurück zum Kochen und zur Gelassenheit:

Ja, na klar, ich kann immer wütend auf irgendetwas einstechen. Verpackungen. Probleme. Wegschmeißen. Verfluchen. Wenn ich keine Kraft fürs Nachfragen habe, bin ich schnell überfordert und wütend. Eigentlich simpel. Zwischen Vollzeit-Job, wenig Geld und Sorgen scheint wenig Raum. Und schon gar nicht zum Atmen.

Gehen wir zurück zu Tag 3 der mobilen Pflege. Seit zwei Stunden und achtunddreißig Minuten waren wir im Ostholsteinischen unterwegs. Dabei weisen wir nicht einmal besonders viele Kilometer auf dem Tacho aus. Wir haben Menschen geduscht, abgetrocknet, versucht zu trösten. Wir haben versucht, nicht zu viel Dreck in die Haushalte zu schleppen, nicht wie Einsatzkommandos durchzumarschieren. 

Wieder einmal ergibt auch bei dieser Adresse in unserer Aufgabenliste die Hausnummerierung keinen Sinn. Schietegaal. Unsere Tagesdompteure heißen Zeit, Check-und-erledigt-Haken in der Arbeits-App, Masken, Tests und vor allem: fast keine Zeit für nichts. 


Meine Kollegin klingelt beherzt an der Tür. Oster-Deko in Billigplastik und ein geschnitzter Anker hängen schief in den Winden. Eine selbst gezimmerte Bank. Niedliche Zwerge, hölzerne Rehe und ein realistisch geschnitzter Maulwurf, die uns willkommen heißen. Kurz lese ich noch einmal den Zusatzhinweis: die zu Besuchende ist eine Sterbende. Neu in der Kartei.

Und dann geraten wir in diese aufgescheuchte Schar Menschen, die dem Tod auf keinen Fall die Tür aufmachen wollen. Hollebeques „Vernichten“ fällt mir ein.

Die Sterbende ist drei Stunden zuvor nach Hause geliefert worden. Obwohl vier erwachsene Kinder samt Familie zugegen sind, habe ich es gleich nur noch mit einer Tochter zu tun. Die anderen flüchteten, als seien sie nur Vertreter in diesem Haus und wollten nicht weiter stören. Na gut, ich frage erst einmal, wo wir Utensilien wie Seife, warmes Wasser, neue Kleidung finden.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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