Journalismus

little Buddha ist nicht blond

Fortsetzung von Swayambunath (Teil2): Auf dem Rücken schlafender Riesen….Indien, Nepal, Tibet,

Abends

Keine einzige Mail aus Deutschland! Wieder einmal komme ich nicht umhin, enttäuscht zu sein. Natürlich erinnere ich mich, wie das Leben dort in den Büros, und jenes nach Feierabend von anderen Dingen bestimmt wird, und von den meisten dort drüben weiß ich sogar, in welchem Trubel sie gerade stecken.

Ein unglaublicher Sternenhimmel und die, nur von Hundegebell und entfernten Hupen unterbrochene Ruhe sowie der ungestörte Platz auf meiner Hotelterrasse entschädigen mich. Nichts, was mich Heimweh spüren ließe…

Einen halben Tag später, nachts

Notizen: Obwohl ich oft genug am Durbar Marg weile, um dort von hoch oben das Treiben auf dem Platz vor dem alten Königspalast ungestört zu beobachten, zieht es mich nachmittags doch wieder zurück ins Gewimmel von Thamel, dem Touristenviertel.

Schlechtgepflasterte Straßen, deren einziger Unterschied zu den venezianischen Gassen darin liegt, dass es in Kathmandu erlaubt ist, sich auch noch mit jedem nur erdenklichen Gefährt durch die hiesigen engen Straßen zu zwängen. Und bestimmt hat hier noch nie jemand etwas von Katalysatoren oder Abgasuntersuchungen gehört. Ich schätze, man würde mich ob solcher Bedenken einfach nur lauthals auslachen. Was in Kathmandu zählt, ist schlichtweg: Vorwärts zu kommen.

Wenn es regnet, und das kommt, obgleich der Monsun langsam vorüber sein sollte, oft genug und in aller Heftigkeit vor, schlappen Hunderte quietschbunter Gummilatschen durch den Morast, Motorräder schlittern mehr als dass sie fahren, Rikschas schieben sich kaum merklich vorwärts. Jedes Mal, wenn ich das Touristnviertel Thamel erreiche, scheint der quirlige Trubel auf den engen Gassen sich verdoppelt zu haben, verkrüppelte Bettler haben das Revier der Straßenecken und Kioskeingänge untereinander abgesteckt.

Gestern erntete ich zum ersten Mal einen Gruß von einer der dunklen Gestalten, die auf allen Vieren oder beinlos auf ein Brett mit Rollen geschnallt über den Boden krauchen: Er hatte mich wiedererkannt. Vor lauter Stolz ließ ich gegen meine sonstige Gewohnheit, nicht mehr als zwei Rupien zu spenden, einen Fünfer in seiner Messingschale klimpern. Kurz darauf erinnerte ich mich dank meiner nichtnepalesischen Körpergröße und einem äußerst schmerzhaften Kopfstoß an einer Kioskdecke daran, nicht übermütig zu werden oder mir gar einzubilden, ich könne mich nach einer knappen Woche Zuhause fühlen.

27.8. 2001, 8:00 Ortszeit, Kathmandu

Gesund und ausgeschlafen. Trotzdem ich seltsame Träume bewohne. In denen gewinnt „Richter Gnadenlos“ Schill die Wahl in Hamburg, obwohl sie doch erst in etwa zwei Wochen stattfindet. Dann sagte ich in einem weiteren Traum meinen Besuch bei der Hochzeitsfeier einer mir unbekannten Frau zu, weil ich doch bis dahin aus Nepal zurück sein würde, wie ich mir im Traum mehrmals ausrechnete und ihr beteuerte.

Abends

Wechselnde Stimmungen begleiteten den Tag. Zum einen war ich verärgert, weil meine EC-Karte mit dem Hinweis eingezogen wurde, ich habe den verkehrten PIN-Code eingegeben. Normalerweise, das meint: in Deutschland, schluckt der Automat die Karte nach dem dritten misslungenen Versuch, aber ich war so sicher, die richtige Nummer zu wissen, dass ich es mehrmals versuchte. Guter Rat ist hierzulande zwar nicht teuer, dafür verbunden mit viel Geduld. Die brauchte ich, weil ich dreimal zu einer grimmigen Schalterdame gehen musste, die wiederum einem uniformierten und ebenso unfreundlichen Bediensteten beauftragte, mir die Karte wieder zu bringen. Ihr grell geschminkter Mund lächelte auch noch asiatisch starr, als ich zum vierten Mal und der Verzweiflung nah bei ihr vorsprach. Nein, es müsse mein Fehler sein, ich solle noch einmal genau nachdenken. Sie ist zwar eine winzige Person, aber eine willensstarke Frau, die sich von desorientierten Touristinnen mit Sicherheit nicht aus der Ruhe bringen lässt. Auch dann nicht, als ich nach insgesamt zwei Stunden erfolglosen Wartens – und immer noch mittellos – meine Gereiztheit nicht mehr überspielen kann. Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen, dass man mir meine Karte jedes Mal wiederbrachte. In solchen Momenten frage ich mich, wo sie sich immer wenn es darauf ankommt versteckt, meine buddhistische Möchtegerngeduld. Trotz der Sturheit, die meinen Nacken piesackt, mir den Schweiß auf die Stirn und Zornesröte ins Gesicht treibt, ist Rettung schnell gefunden.

Zur Verblüffung der Schaltermamsell tauschte ich letzten Endes 150 Mark, die ich in einer versteckten Falte meines Portemonaies gefunden habe. Darüber, wie ich ohne funktionierende EC-Karte an Geld komme, wenn dieses aufgebraucht ist, kann ich mir auch später noch Sorgen machen. Asiatische Lektionen, für die ich beginne, dankbar zu sein.

In meinem Lieblingsfrühstücksrestaurant „Beyond bread – German Bakery“ – was immer der Name eigentlich bedeuten soll – trösten ein köstlicher Fruchtsalat, ein Sandwich mit Käse sowie ein Pancake mit Schokolade mich über den Ärger hinweg. Mein Magen hat das Revoltieren aufgegeben, worüber ich so erleichtert bin, dass auch der letzte Zorn schnell verfliegt. Überhaupt hält Genervtsein hier nie lang an, der Ort macht es mir leicht: Um acht Uhr morgens ist es schon warm genug, um in kurzen Hosen zwischen Bambussträuchern zu sitzen. Außerdem kann ich seit einer Woche meinen ersten Kaffee trinken, ohne dass mein Magen sich meldet, wozu sich also aufregen?

Sogar zwei der Tigerbalm-Händler begrüßten mich heute anerkennend per Handschlag, jedenfalls nehme ich an, dass so etwas eine Auszeichnung ist. Zumindest werde ich nicht mehr wie die anderen Touristen überfallen: „Tigerbalm, only twelf rupies“! Was in der Tat nicht mehr als 22 Cents sind. „Try it, Tigerbalm!“ Dann folgen sie den Wohlbetuchten endlos durch die Gassen, greifen nach deren Armen, Taschen, Nerven.

Später

Die Zeit verliert ihre Bedeutung, den Kalender habe ich schon weggepackt, bis zur Rückkehr nach Deutschland bleiben mir noch mehr als eineinhalb Monate und augenblicklich zählt nur, dass ich in drei Tagen nicht versäume, die Reise nach Lhasa anzutreten. Bis dahin ist alles fließend, ohne Übergänge und auf unverhoffte Weise befreiend. Dennoch habe ich auch hier jeden Nachmittag Termine; ein Ritual, dem ich gern fröne, denn die 16:00-Puja im Kloster ist jedes Mal ein Erlebnis.

Streng genommen ist eine Puja eine gesungene, getrommelte und von Bläsern begleitete Meditation oder Lobpreisung, bei der die Mönche sich versammeln, um einem bestimmten Buddha, Boddhisattva oder Aspekte wie beispielsweise Tara oder Manjushri zu opfern. Das ist auch im Kloster von Tenga Rinpoche so. Allerdings wird meine Erwartung buddhistischer Konzentration total über den Haufen geworfen. Bereits beim ersten Besuch komme mir vor wie in einem unbeaufsichtigten Klassenzimmer. Zwischen umherfliegenden Papierknöllchen und neugierigen Blicken, die mir gelten, zwischen Fußtritten, mit denen die fegenden Mönche bedacht werden und Zuspätkommenden, die ihre Niederwerfungen am Eingang mehr oder weniger ernsthaft praktizieren, sehe ich mich gezwungen, meine europäischen Meditationserfahrungen und die Hollywoodklischee a` la „Sieben Jahre in Tibet“ oder „Kunduun“ über Bord zu werfen. „Little Buddha“ ist hier kein blonder, amerikanischer Knabe, sondern ein kahlgeschorener Fünfjähriger mit dem charmanten Lächeln eines liebenswerten Schwerenöters, der seine herzhaft herausgebohrten Popel unter den Sitz schmiert. Weil ich beim ersten Mal etwas zu früh war, hatte ich Gelegenheit, im Büro mindestens vier Tassen Tee unter dem Gelächter der umstehenden Jungs zu trinken. Ein schätzungsweise Sechsjähriger schüttete, kaum, dass meine Tasse leer war und meine Beteuerungen, dass ich genug hätte, ignorierend, aus einer riesigen geblümten Thermoskanne nach.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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