Journalismus

Hirnhamstern im Synapsenlaufrad? Pflegealltag

05.05 Der Handywecker reißt mich aus dem Tiefschlaf, in den ich gefühlt gestern direkt nach dem Sandmännchen gefallen bin. Welcher Wochentag ist heute? Und wie bin ich in dieses Alltagskorsett geraten? Im Dunkel aufstehen, mich dunkel fühlen, wenn ich nach Hause komme. Den Hund versorgen. Nicht lesen können. Nichts fühlen. Stumpf. Einfach nur die Angst, es könnte für mich auch so enden wie für die Menschen, durch deren Wohnzimmer ich jeden Tag stapfe.
Komme ich nach Hause, fühle ich mich wie eine Knoblauchzehe durch die entsprechende Presse gequetscht. Nachrichten: Corona, Impfung, Pflegekräfte, Zwangsimpfung. Irgendwie bin ich in den Schredder meiner papiernen Gedanken geraten. Und das ist es doch, wovor ich mich fürchte, mein Leben vergeudet zu haben?

Die wenigen Stunden Schlaf verbringt, was von mir übrig ist, in einer Endlos-Traum-Schleife. Traumfetzen, die aufzuschreiben mir die Zeit fehlt.
Alles in mir brennt, schmerzt, martert mich. Und dennoch behauptet eine Stimme, oder sind es mehrere? – ich müsse durchhalten. Geld verdienen. Ich könne schließlich nichts anderes. Leise Empörung in meinem Hinterstübchen. Schließlich habe ich noch diverse andere Berufsausbildungen, ich habe ein abgeschlossenes Literaturstudium, ein Volontariat, ich könne schreiben, hätte zehn Jahre Hunde gesittet.

Und schon ist da die energische Kritikerin: Und wo bitte hat dich das hingebracht? Hattest du je etwas anderes als ein Schuldenkonto? Und überhaupt, was bilde ich mir ein? Immerhin wäre der eine Hund fast zwei Tage weg gewesen. Den anderen hätte ich nur mit viel Glück aus dem Garten wieder herausholen können! Richtig, man hatte ihn dahin verschleppt. Über diese Geschichten möchte ich, trotz wasserdichter Gegenargumente, keinesfalls, mit welcher inneren Stimme auch immer, debattieren.

Hirnhamstern im Synapsenlaufrad? Synapsen im Hirnlaufrad?

Doch die Stimme – gehört die wirklich zu mir oder werde ich doch verrückt? – kreischt. 650 Euro Miete nicht auch erarbeitet sein. Und die Hundeversicherung? Allüren wie Instagram, Facebook, all diese Kommunikation, auf deren Kosten niemand mehr zu achten scheint.  

Wie war das denn früher? Vor dem Internet? Beim Telefonieren gab es Ratschläge, sich kurz zu fassen. 24,50 Mark habe ein Telefonanschluss gekostet, erfahre ich von einer Bekannten. Das wiederrum erinnert mich an 26,40 Mark Miete. Ostberlin. Also, Ostmark. Gehört das alles zu meinem Leben? Dieses Alu-Geld, das ich gar nicht mehr vor Augen hätte, gäbe es nicht ein paar Münzen in meiner Spendenschale auf dem buddhistischen Altar. Überhaupt: Geld. Mein altes Leidensthema.
Die Menschen, denen ich in den vergangenen Tagen bezahlt zur Seite stehen sollte, haben in den meisten Fällen mehr als ich. Wirklich?
Woran bemisst sich das? An der Rente, an den Dingen, Häusern, an den Pflegegraden? Wohl kaum, denn all das sind für mich Hochwasserstände, die ich nicht verstehe. Zur Gewohnheit und vermeintlichen Sicherheit greifend, schalte ich das batteriebetriebene DAB-Radio auf den voreingestellten Sender „Deutschlandradio Kultur“ ein. Traditionell kann ich die, zuverlässig seit zwei Jahren stets über Corona interviewten Soziologen, Ethikräte, Psychologen, Barbetreiber, die Autoren, Blogger, die Gastronomen, Hoteliers, Musiker, Pflegekräfte, Minister und so weiter, auch die ohne Sternchen – nicht verorten. Gern würde ich die Programme, die Expertinnen, die doppelt gesendeten Beiträge genauer inspizieren, weil sich daran sicher viel finden ließe, das einen Teil meiner Ängste auf der Minuskälteskala etwas nach oben, ins etwas Komfortablere rutschen ließe.

5.13 Uhr, ich habe noch zehn Minuten, bis ich mit Yoshi losgehen sollte. Duschen kann noch einmal ausfallen. Oder, ich schnüffle an mir herum und befinde mich, jedenfalls, was Körpergeruch und gebürstetes Haar angeht, für annehmbar. Im Radio ein nichtssagendes Gespräch, fast schon gewohnt schlechter Internetqualität über, ja, was eigentlich? Achja, ein Vater berichtet über die nicht vorhandene Kommunikation in einer Elterngruppe in Coronazeiten. Nix gelernt. Keine Erkenntnisse, keine Lösungen, keine neuen Vokabeln. Ich reiße mich zusammen und nehme mir vor, meinen eigenen Wortschatz einmal auf die – vielzitierte Goldwaage zu legen. Woher kommen unhinterfragte Satzgewänder wie „zusammenreißen, am Riemen reißen, die Zähne zusammenbeißen, sich an den eigenen Haaren aus dem Morast ziehen?

Zuerst stelle ich fest, dass ich, meine Schulter kaum noch bewegen kann. Der Kopf und die Halswirbel darunter krachen: Ernsthaft, das kann ich man nicht knacken nennen. Es kracht im Gebälk.
Wäre eine schöne Gedichtzeile, denke ich und merke, dass ich nicht atme. Ich fühle mich wie ein Zombie. Ermahne mich, dass ich ja nicht Hartz4-Empfängerin, sondern in Lohn und Brot bin. Systemrelevant, wie es seit Corona heißt. Kannte ich vorher nicht.
Na gut. Wo ist der Unterschied? Also, Teil eins der Frage, welche Berufe sind eigentlich relevant und wofür? Und welche verdienen entsprechend? Überflüssige Fragen, denn systemrelevant ist nicht systemdefinierend. Noch basiert alles auf – individuell wahrgenommenen Erscheinungen. Unterhielte ich mich mit einem koksenden Banker mit Immobilie an der Ostsee fiele unsere Diskussion anders aus als spräche ich mit einem veganen Frutarier, der als Hartz4-Empfänger in einem Hamburger Nobelstadtteil zu überleben versucht. Die Modelle der Befragten lassen sich variieren.

In der Verzweiflung könnte ich den Unterschied auch messen?
Gut möglich, dass ich mich so gerädert fühle, weil ich ja arbeiten gehe und das auch weiterhin will. Und damit sozusagen „brav“ erfülle, was mir immer schon beigebracht wurde? Nur eben ist diese Arbeit als mobile Pflegekraft nicht in diesem Pensum erfüllbar. Jedenfalls für mich nicht. Aber wie machen das die anderen? Liegt es an mir?

Der Fragenkatalog blättert sich auf wie ein Falter. Und ich krümme mich in das Federbett meiner Oma. Die, obwohl sie nie ängstlich war, nicht in den Weltkriegen, nicht in der DDR, nicht bei Krankheiten, bei Toden, – zum Glück gestorben ist. Denn, seit Beginn des Corona-Wahnsinns hat sie Angst bekommen. Liselotte Kreller wurde 99 Jahre alt.

Fortsetzung folgt

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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