Aufstehen: Vom Leben geweckt
Den Wecker höre ich nicht, obwohl die nette Schwester mit dem Tattooarm ihn auf volle Lautstärke gestellt hat. Hätte ich ihr die Freude verderben sollen, weil ich den Wecker ohnehin nicht brauche? Noch nie in meinem Leben habe ich einen gebraucht. Doch nein, das ist nicht ganz richtig. Vielleicht, wenn ich noch einmal in meine Kindheit zurückdenke, in die Zeit, als wir in Neustadt in Ostholstein lebten. Damals weckte mich oft das ferne Donnern von Kanonen oder das dumpfe Grollen der Bombenangriffe, die wie ein unbarmherziger Wecker klangen, der uns aus dem Schlaf riss.
Kindheit in Ostholstein
Ich war 22, als der Zweite Weltkrieg über uns hereinbrach. Heinrich, mein Mann, war damals schon fort, eingezogen, um an der Front zu kämpfen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als er ging. Der Wind pfiff durch die Gassen von Lübeck, und ich stand vor unserem kleinen Laden, den wir mit so viel Mühe aufgebaut hatten. Ich hatte nie einen Wecker gebraucht, weil das Leben selbst mich weckte – der Duft von frischem Brot aus der Bäckerei nebenan, das Lachen der Kinder, die zur Schule eilten, und das Klingeln der Ladentür, wenn der erste Kunde des Tages eintrat. Doch als die Bomben fielen und Lübeck brannte, war es nicht mehr das Leben, das mich weckte, sondern der Tod, der plötzlich allgegenwärtig war.
Flucht aus dem brennenden Lübeck
Ich sehe noch vor mir, wie ich mit meiner Mutter aus unserem brennenden Haus floh. Ihre Hand, so zitternd und schwach, klammerte sich an meine, während ich sie durch die Straßen zog, die von den Flammen erleuchtet waren. Der Laden, unsere Existenz, war binnen Minuten vernichtet. Wir überlebten, doch der Krieg nahm uns alles, was wir kannten.

Heinrichs Rückkehr und der Verlust von Johannes
Heinrich kehrte als ein anderer Mann aus der Gefangenschaft zurück. Verwundet, innerlich gebrochen und mit dem Verlust unseres Sohnes im Herzen, der kurz vor Kriegsende noch als 16-Jähriger zur Flak eingezogen worden war. Johannes, unser einziges Kind, das uns so viel Freude bereitet hatte. Sein Tod hat ein Loch in mein Herz gerissen, das nie wieder ganz heilen sollte. Doch ich habe nie aufgegeben. Ich musste weitermachen, für Heinrich, der mich brauchte, und für meine Mutter, die unter schweren Depressionen litt. Tag für Tag pflegte ich sie beide, bis sie schließlich in meinen Armen starben.
Kraft zum Weitermachen
Ich frage mich manchmal, wie ich all das überlebt habe. Woher ich die Kraft nahm, immer wieder aufzustehen. Es war sicherlich nicht das leise Klingeln eines Weckers, sondern die Verantwortung, die ich für andere hatte. Nach dem Krieg lebte ich allein, arbeitete in einer Bäckerei und wusch mich jeden Morgen am Waschbecken, so wie ich es heute noch tue. Eine Dusche oder gar eine Badewanne habe ich in meinem ganzen Leben nie benutzt. Es schien mir immer eine unnötige Verschwendung von Wasser und Zeit. Luxus war nichts für mich, Reisen schon gar nicht. Es reichte, dass ich einen Ort hatte, an dem ich arbeiten und meinen Lebensunterhalt verdienen konnte.
Seniorenheim mit 103 Jahren
Und nun, 103 Jahre alt, habe ich mich auf das Drängen meiner Cousine hin entschlossen, in ein Seniorenheim zu ziehen. Hedwig, die auch hier lebt, hat mir oft erzählt, wie gut es ihr hier gehe, wie man sich um sie kümmere und wie sie endlich einmal die Ruhe fände, die ihr in ihrem Leben immer verwehrt geblieben war. Vielleicht war es die Aussicht auf Gesellschaft, die mich dazu bewog. Oder das leise Gefühl, dass ich es mir verdient hatte, ein wenig von der Last abzugeben, die ich mein ganzes Leben lang getragen hatte.
Erinnerungen und Begegnungen im Heim
Es ist seltsam, hier zu sein. Die Tage sind still, anders als die ruhelosen Nächte meines früheren Lebens. Oft denke ich an Lübeck, an die Menschen, die dort lebten, und an die, die ich verloren habe. Manchmal treffe ich hier alte Bekannte. Margarete zum Beispiel, die bei mir im Laden als Kind einkaufte. Sie spricht oft über die Zeiten, als der Krieg noch fern schien und die Welt in Ordnung war. Herta hingegen, schwer dement, hält mich immer wieder für ihre Mutter. Ich lasse sie in diesem Glauben, um sie nicht noch mehr zu verwirren. Es ist ein seltsames Gefühl, hier zu sein, unter Menschen, die dem Leben nicht mehr viel entgegensetzen können.
Lebensmut trotz Widrigkeiten
Doch ich setze ihm noch etwas entgegen, so wie ich es immer getan habe. Selbst jetzt, in diesen Zeiten, während draußen eine Pandemie die Welt in Atem hält, habe ich die Kraft nicht verloren. Ich mache den anderen Mut, erzähle ihnen von den Tagen, als es nichts gab, außer der Hoffnung, dass der nächste Tag vielleicht besser werden könnte. Und wenn ich mich morgens am Waschbecken wasche, barfuß und nur gestützt auf meinen Rollator, fühle ich die Kälte der Fliesen unter meinen Füßen und weiß, dass ich noch lebe, dass ich immer noch aufstehen kann.
Den Wecker brauche ich nicht. Ich werde vom Leben selbst geweckt, so wie es immer war. Es hat mir so viel genommen, aber es hat mir auch die Kraft gegeben, immer wieder aufzustehen. Und solange ich diese Kraft habe, werde ich weitermachen – mit oder ohne Wecker.
Erika Kortum, die das Vorbild für meine Geschichte gab, wurde mit 109 Jahren gegen Corona geimpft. Darüber berichteten „Der Reporter“, Die „Lübecker Nachrichten“ und sogar die „HAZ“


