Pyrenäenberghund nass
Reisen

Quanten Memoiren

Meine Güte, die ist ja arg zerknittert. Meine helle Anzughose lag mindestens zwei Jahren im Regal ganz unten. Hilft nix, bis zum Vorstellungsgespräch bleiben nur noch 50 Minuten. Sky und Tara hatten heute nur eine Mini-Gassirunde, sie werden während des Termins im Auto warten müssen. Also Parkticket nachlösen, Hunde anleinen und los. Lächelnd setzt sich die asthmatische Frau auf ihren Rollator und erklärt mir umständlich den Weg zum Wasser. Zum Dank darf sie Tara die Pyrenäenberghundschlappohren kraulen und winkt uns lange hinterher. Hinter den knospenden Büschen erwartet uns ein wunderschöner Ausblick auf den Neustadt-Holsteinischen Hafen und ein schlammiger Zugang zum angrenzenden Binnengewässer. Und dann, keine zwei Meter vom Ufer entfernt faucht uns ein aufgebrachte Schwanenvater an. Sky hält freiwillig Abstand. Ein heftiger Ruck an der Biothane-Schleppleine und schon ist meine Hündin mir entwischt. Meine Handinnenfläche zwirbelt und riecht verbrannt. Verdammt.
45 Kilo weißer Hundepelz und zwei Schwäne schwimmen nebeneinander in die Bucht hinaus. Der Handywecker lässt mich wissen, dass ich noch 25 Minuten habe, wenn ich pünktlich sein will.
Hinter mir bleibt ein besorgtes Ehepaar stehen: „Ist das Ihr Hund?“
„Ja.“


„Sie wissen, dass Schwäne gefährlich für Hunde werden können?“
Sollte ich den Beiden erklären, dass mich wirklich ganz andre Sorgen bewegen. Wären sie nicht vom ihren Klischees eingeschränkt, fiele es ihnen schnell auf, dass alle weißen Gestalten einträchtig nebeneinander durchs Wasser gleiten. Genauso wie die Sekunden neben meiner Minutenanzeige auf dem Handytimer: noch 21, 20, 19…Tara denkt gar nicht daran, umzukehren. Rufen? Zornig, lockend? Sky hat sich unter die Parkbank gelegt, der Mann seine Frau bei der Hand ergriffen und, da ich sie ignorierte, kopfschüttelnd fortgezogen. Noch 14 Minuten bis zum Termin. Davon muss ich noch mindestens fünf für den Weg abziehen. Zerrissen, ob ich mich ausziehen und Tara hinterherschwimmen oder einfach ohne sie losfahren soll, entscheide ich mich fürs Gehen. Energie folgt der Aufmerksamkeit, alter Trainerspruch, und siehe da, es funktioniert. Kaum hat meine Schwanenkönigin im Hundepelz entdeckt, dass Sky und ich uns zügig entfernen, wendet sie.
Ungläubig starrt der schieberbemützte Mann, den seine Frau an der nächsten Ecke zum Anhalten genötigt hatte, auf das Schauspiel am Ufer. Taras langhalsige Federfreunde haben sie bis kurz vor ihrem Landgang zurückbegleitet. Sie trabt zu uns, schüttelt sich. Entnervt greife ich die glitschige Leine und renne, beide im Schlepptau zum Parkplatz. Unter dem Scheibenwischer meines Fiat-Kastenwagens klemmt ein Strafzettel, egal, keine Zeit. Darauf bedacht, das nasse Fell nicht mit meinen Klamotten in Berührung zu bringen, stopfe ich Taras Po durch die Schiebetür. In der Windschutzscheibe spiegelt sich der Umschlag mit meinen Bewerbungsunterlagen. „Am Ende der Straße links abbiegen,“ höre ich und versuche die Bewegung neben mir einzuordnen. „Nein, arrgh, Herrgott, oh Gott, das ist nicht dein Ernst?!“ Sie ist tatsächlich durch die Luke auf den Beifahrersitz geklettert. „Noch 200 Meter bis zur Ankunft. Ihr Ziel befindet sich auf der rechten Seite.“ Mir bleibt nur, das Autofenster einen unüberwindlichen Spalt herunterzukurbeln, den „Schlammwasser-actionpainted-Umschlag“ unter den Arm zu klemmen, mein T-Shirt über den Hosenbund soweit wie möglich herauszuzurren und dann den Eingang des Seniorenheims möglichst erhaben zu durchschreiten.

13.59 Uhr. Komm schon, wo geht die verdammte Tür auf? Im Hauswandschatten der Aprilsonne sitzen vier Frauen, verteilt auf weißen Plastikstühlen. Vor ihnen, auf ebenso pflegeleichten Plastiktischen stehen leere Gläser, zwei ungeöffnete Mineralwasserflaschen und eine Tube Sonnencreme. Zwei der Frauen grüßen zurück, die anderen scheinen mich nicht wahrzunehmen. Direkt an der Tür, von der ich nicht weiß, wie ich das verdammte Ding geöffnet bekomme, lehnt eine auffallend große Dame an ihrem Rollator. Tatsächlich, sie grinst.
„Wo wollen Sie denn hin?“

„Ich würde gern hier arbeiten. Deshalb würde ich gern pünktlich zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Das kann ich aber nur, wenn diese Tür mich innerhalb der nächsten 20 Sekunden einlässt?“

„Machen Sie lieber erstmal Ihren Schnürsenkel zu, sonst arbeiten Sie in nächster Zeit nirgendwo.“ Unwillkürlich muss ich lachen. Erstaunlich gerade steht sie in ihrem faltenfreien beigen Kostüm und weißem Rüschenkragen vor mir. Mit ihrem Stock, den sie auf dem Rollator parkte, weist sie auf einen, nicht gerade kleinen Schalter, den ich in meinem Stress völlig übersehen hatte. „Türöffner“. Ich schlage mir die Hand vor die Stirn, bedanke mich und stürme den Flur nach links. Passiere rechts mehrere geöffnete Zimmertüren und links zwei geschlossene, hinter denen es mächtig stinkt. Treffe niemanden, drehe um. Drei Minuten nach Terminbeginn. Dann, endlich sehe ich die Beschriftung: „Pflegedienstleitung“. Klopfe, erst zaghaft, dann etwas energischer. „Ja, bitte.“ Drei Stühle, nicht annähernd logisch um den massiven Schreibtisch verteilt, dahinter eine, ebenfalls nicht zu identifizierende Ordnung an Akten, Utensilien und Fotos.
Irgendwie klein und kompakt dahinter meine Gesprächspartnerin. Reduziert auf ein Allerweltslächeln. Zuerst fallen mir die blinkenden Ziffern auf, die digital in rot und orange changierenden Farben anzuzeigen scheinen, welchen Puls sie hat. Vielleicht auch, wieviel Kilometer sie heute gelaufen ist. Ich weiß es nicht, aber es irritiert mich.
Frau S. hat ziemlich kurze Haare, viele Muskeln, tatsächlich ein Tattoo und ist mir gegenüber skeptisch. Letzteres kann ich nicht beweisen, aber wahrnehmen. Verständlich wäre es, denn ich bin nicht nur vier Minuten zu spät, sondern ich habe auch eine weniger als halbherzige Bewerbung per Mail abgeschickt. Es war nicht gelogen, dass ich ein Altersheim-Trauma aus der DDR aufzulösen hätte. Zugegeben, als Grund für eine Bewerbung im Seniorenheim schon fragwürdig. Dennoch immer noch besser als der wahre, an erster Stelle stehende Antrieb. Keinesfalls hätte ich preisgeben können, dass ich einen Job unweit meines, neu angemieteten Hauses suchte, damit ich in den Pausen meine beiden Hunde auf dem Lidl-Parkplatz ausführen könnte. Auch der Satz, dass ich mit Demenzkranken manchmal sehr viel besser lachen kann als mit Kollegen, musste ungeschrieben in meinem Kopf bleiben.
Hinter dem Schreibtisch schlagen sich zwei muskulöse Beine übereinander, die Frau scheint wirklich viel Sport zu treiben.

Da sie mir nicht weiter als mit einem „Setzen Sie sich!“ entgegenkommt, wähle ich eine ehrliche Kurzversion der eben erlebten Szene und füge nicht nur eine Entschuldigung fürs Zuspätkommen an, sondern auch die Beschreibung, dass ich mich wirklich schon mit Schilf im nassen Haar hier sitzen sah. Sie rückt ihren Stuhl näher an den Schreibtisch und beugt sich in meine Richtung. Und dann lacht sie. „Ich habe auch zwei Labradore, ich weiß, was Sie meinen. Wann können Sie denn mal eine Probeschicht machen?“

Wir verabreden einen Termin und ich gehe beschwingt aus der Tür, die sich mittels unübersehbarem Hinweisschild leicht per Knopfdruck zu öffnen ist. Meine Schnürsenkelwarnfee ist nicht mehr da. Aber es hängen ja auch dicke Regenwolken dunkel über den Dächern von Neustadt. Jenem in Schleswig-Holstein.

Tara schläft, Reste eines Blasentangbüschels hinter den pelzigen Ohren, auf dem Beifahrersitz, überall Schlammspritzer. Von außen scheint mein weißer Fiat Kastenwagen sauberer als von innen. Sky ist auf der gummiabgedichteten halbierten Trennwand eingenickt wie ein Rentner auf einer Parkbank. Natürlich erwachen beide sofort beim Öffnen der Tür. Sky bellt. Ernüchtert stelle ich wieder einmal fest, dass mein geliebter Hund auch dement wird, mich gelegentlich nicht sofort erkennt. Beim Starten des Wagens ist die Senderwahl verrutscht, denn im Offenen Kanal Hamburg höre ich plötzlich eine archivierte Sendung des „Pink Channels“, bei dem ich vor Ewigkeiten…Fortsetzung folgt

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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