Journalismus

Wolfsberührt – ein Tag mit Gudrun Pflüger

500 Kilometer ist Carola Güldner mit ihrem Hund und einem Lastenrad auf den Spuren von „Wölfen – Raben – Herdenschutz“ von München über Wien nach Graz gereist und hat Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten zum Thema interviewt.
Ohne Cargobike, aber mit Hund hat sie die ehemalige Skilangläuferin, BerglaufWeltmeisterin, Biologin, Wolfsforscherin, Autorin Gudrun Pflüger, die an einem Hirntumor erkrankte, und deren Sohn in den Bergen besucht. Es ist das Porträt einer Kämpferin entstanden, die auf leise Töne setzt.

Was man in genau jenem Augenblick gemacht, gesehen, gefühlt hat, wie das Wetter an dem entsprechenden Tag war, daran erinnern Menschen sich nur, wenn es mit etwas sehr, sehr Eindrucksvollem verknüpft ist. Ansonsten verwischen die Erinnerungen alles wie Scheibenwischer. Der Mauerfall, der 11. September 2001, Tschernobyl, das sind Eckdaten in unseren Breitengraden, wo nahezu jeder sagen kann, wo er sich befunden und was er empfunden hat.
Das gleiche gilt für die Sekunden, in denen jemand die Gelegenheit hatte, einem Wolf direkt in die Augen zu schauen. Gudrun Pflüger gehört zu den Auserwählten, die diese berührende Erfahrung nicht nur einmal, sondern öfter erleben durfte. Die darüber hinaus aus einem Gänsehaut-Atemzug schöpfen darf, denn sie wurde von einer freilebenden Leitwölfin beschnüffelt, als sie auf einer kanadischen Wiese lag.

Wenige Wochen später wurde bei der damals gerade 33-jährigen Biologin ein Gehirntumor diagnostiziert. „Ein Wolf zeigt sich dir nur, wenn er Dir etwas erzählen oder mitteilen will.“ zitiert sie ihren Heiltsuk-indianischen Freund Chester, als wir vor einer, über ihrem Bett hängenden Kanada-Karte in Postergröße von 1869 stehen. „Und ich denke, dass die Wölfe
mir einfach ihre Kraft mitgeben wollten und ihre Ausdauer für meine neue Reise, die ich eben jetzt vor mir hatte und habe.“ Chester, erklärt mir Gudrun, „gehörte zu unserem „Coastal Wolf Project“ der Universität von Victoria und der „Raincoast Conservation Society“ und es hatte immer den Anschein, als interessierten ihn die Wölfe gar nicht. Aber abends, wenn alle von den Beobachtungen ihres Tages Bericht erstatteten, war er derjenige,
der am meisten von allen möglichen Tieren zu erzählen hatte.“

Steil geht es bergauf zur typisch österreichischen Berghütte, vor deren geöffneten Türen mich die sehr schmächtige Gudrun mich mit ausgebreiteten Armen empfängt. Yoshi, zehn Monate alte, mit mir reisende Herdenschutzhündin wird von ihr sofort weiterdelegiert ins
Zimmer ihres zehnjährigen Sohnes Conrad. Kein ganzes Erdbeertörtchen später liegen beide Jungspunde schon gemeinsam auf dem Boden und Gudrun seufzt kurz, weil sie schon lange den Wunsch von einem neuen, eigenen Hund hegt.
Was dagegen spricht, wundere ich mich, denn Gudrun lebt in der unteren Etage ihres Elternhauses direkt am Fuß der Radtstadter Gebirgstortenskylines.

Ja, die Beeinträchtigungen, verursacht durch den Tumor und die schweren epileptischen Anfälle, die mit schweren Chemos, einer andauernden Behandlung mittels einer, über einen Port an der Schulter implantierten, schulmedizinisch nicht anerkannten Virentherapie und Schmerzmitteln in Schach gehalten werden sollen, kann die frühere Leistungsskiläuferin
und mehrfache Berglauf-Weltmeisterin nicht ganz übertünchen. Und die Überlegung, einen ausgebildeten Therapiehund zu nehmen, addiert sich als guter Grund zu den Argumenten, weshalb ein vierbeiniger Begleiter für Conrad und Gudrun mehr als nur ein Märchenwunsch an die gute Fee gerichtet bleiben sollte.

Doch die ehemalige Profiathletin, die ihrer eigenen Einschätzung nach zu lange über die Grenzen ihres, sehr durchtrainierten Körpers gegangen ist und – aus heutiger Sicht – viel eher hätte Schluss machen wollen mit dem Ehrgeiz, dem Erfolgswahn im Internat, der im Teenageralter bis zur Magersucht führte. Dennoch, das seien die Erfahrungen mit körperlichen Strapazen ihr natürlich in zehn Jahren Wolfsbeobachtungen zugute gekommen.
Während ich, mein, um den Hals baumelndes Aufnahmegerät austarierend, versuche, mit Gudrun bergauf Schritt zu halten, glaube ich, in ihrer Stimme wahrzunehmen, dass es nur ihr Verstand ist, der die Trainingsjahre als Grund für die Ausdauer irgendwie rechtfertigt. Denn, wann immer sie im Gespräch die langen Wartestunden mit kältesterbenden Gliedmaßen oder von Mückenheeren eingewölkter Hitze aufleben lässt, wird ihre Stimme
fest und die Gewissheit, dass sie all das auch ohne den Sport ertragen und geschafft hätte, weil es zu dem führte, was sie auch jetzt durch die Krankheit, durch unvorstellbare Schmerzen trägt: die Wolfsbegegnungen.
“Wenn du Wölfe beobachten möchtest, musst du vor allem eines können, dich so weit wie möglich zurück zu nehmen.”
Gudrun bückt sich und macht mich auf eine junge Blindschleiche aufmerksam. Währenddessen haben Conrad, der mit Yoshi herumtollt und die Hundeleine, uns ein paar Mal schon fast umgerissen. Jedes Mal, wenn die Schnur Gudrun von hinten fast erwischt, bemerke ich, wie unfassbar behend sie ihr hinkendes Bein und ihre Hand, die sie zuhause
beim Gitarrespielen gefügig zu halten versucht, in den Gang einpasst. Trotz dieser summierten Handicups wieselt sie die Anhänge an den steilsten Stellen hinauf. Beiläufig erklärt sie mir noch, wie effizient Wölfe ihre Wege auswählen, dass sie genau das während der Wolfsbeobachtungen gelernt hat.
Denn oft genug sind sie und ihre Kollegen den Rudeln entgegen gelaufen anstatt ihnen zu folgen.
Einmal, als es besonders eng ausschaut, kann ich meine Sorge um sie doch nicht ganz bei mir halten, ein kleiner Aufschrei entrutscht mir: “Vorsicht, die Füße der Bäume!” Und meine eigentlich die Wurzeln, über die sie nicht stolpern möge. Ihr herzhaftes Lachen an dieser Stelle zeigt mir, dass sie immer authentisch ist, auch dann, wenn sie behauptet, sich kaum noch Gedanken über die Krankheit, die Schmerzen und das Drumherum zu machen.
„Ich habe so unfassbar viel Glück gehabt.“ ist ihre Einleitung, als wir über den Schock der völlig überraschenden Diagnose „besonders aggressiver Hirntumor“ sprechen.
„Wie bitte?“

„Ja, auf jeden Fall, denn ich befand mich in der Nähe Calgarys, und dort haben sie für Fälle wie mich eine der besten Kliniken.“
Während unseres Aufstiegs zur Bürgeralm, habe ich das Gefühl, meine Fragen poltern der vor mir aufsteigenden Gudrun hinterdrein wie eine umgekehrte Lawine. So ähnlich geht es auch mit der Chronologie, aber Lebensläufe sind eben in vertrauten Gesprächen auch nicht in Jahren abzupacken wie in Folien mit Erinnerungshaltbarkeitsdatum. So pilgern wir in diesem, von meinem Anstrengungsatmen unterbrochenen Gespräch hin und her zwischen den Wölfen, menschlichen Erfahrungen, wissenschaftlichen Überlegungen, spirituellen Einsichten. Gudrun antwortet offenherzig, gleichzeitig empathisch und mit sich selbst im
Reinen.
Conrad und meine Hündin zerren sich gemeinsam die letzten Meter zur Hütte hinauf, als sich eine ganz leise Traurigkeit in Gudruns Antwort zu gießen scheint wie eine milchige Trübung: “Ja, ich rede mit meinem Sohn über meine Erkrankung und was sie bedeutet.” Als sie 2009 mit ihm schwanger war, kam nach drei gesunden Jahren, das Damoklesschwert mit
“neuer Tumor an alter Narbe” herabgeschossen und stieß zu.
Sie ist sehr verbunden mit ihrem schüchternen, sommersprossigen Buben, der unseren Gesprächen aufmerksam lauscht und nur selten etwas anfügt. Bei jeder neuen Veröffentlichung in den Medien werden die Fotos herangezogen, wo sie Ski langläuft, in der Seilbahn über den Gipfeln schwebt, immer das Baby auf dem Rücken. Im Film: “Die Wolfsfrau” schaut er klein, wie er damals war, sehr ernst drein. Wenig kindlich, eher bedächtig fügt er unseren Gesprächen ganz selten etwas hinzu. Ihm sei im Radio, als es um die Wölfe ging, aufgefallen, dass die Bauern gesagt hätten, dass man in den Bergen keine Zäune setzen könne, weil es zu hoch sei. “Aber sie können doch ihre Tiere mit Hunden schützen?”
“Genau,” sagt Gudrun, “du hast vollkommen Recht. Wir sollten das den Kindern in deiner Schule auch noch einmal ganz gut erklären.”
Ein ganz leiser Vorwurf schwingt in Conrads Antwort mit: “Du warst noch nie ganz lange in meiner Schule.”
”Das stimmt doch gar nicht, ich habe schon einen Wolfs-Vortrag dort gehalten, erinnerst du dich?”
Der Oesterreichische Rundfunk ORF habe vor kurzem angefragt, ob sie Gudrun in einer Schulklasse filmen könnten. Grundsätzlich finde sie so etwas sehr gut. Aber ein sehr schwerer epileptischer Anfall vor wenigen Wochen, bei dem sie gerade noch rechtzeitig mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden sei, um dem Tod wieder einmal die Tür vor der knochigen Nase zuzuschlagen, hat ihr auch einen gehörigen Warnschuss verpasst.
Conrads Mutter weiß, dass der Junge viel mit sich selbst ausmacht und vielleicht deshalb sucht sie ihm gelegentlich Antworten auf meine Fragen aus, um die Verlegenheitswinkel zu beleuchten. Und sie bindet ihn auch bei dem schwierigen Thema Hirntumor und dessen Folgen für ihren gemeinsamen Alltag ein.
Da er sich ein Eis suchen möchte, nimmt er Yoshi mit, die ihm ihre hündischen Interessen klar macht, indem sie ihn einfach zu einem, gerade entdeckten Kaninchenstall mitreißt.

Gudrun lächelt über die Szene: “Ich setze mich nicht mit ihm hin und sage, Mama hat was Ernstes mit dir zu bereden. Aber er muss ja auch wissen, warum ich manchmal tagelang nur liegen und Radio hören kann. Aber natürlich weiß ich, wie schwierig es für ihn ist, auch, wenn seine Oma, bei der wir seit zwei Jahren leben, gut für ihn sorgt, wenn ich nicht kann.”
Yoshi schnappt fröhlich nach der Leine, die Conrad für eine Sekunde vor ihrem Maul geschlenkert hat und er nimmt die Spielaufforderung der jungen Hündin dankbar an.
Wenig später, bei Almburger und Apfelsaft wird er, seine nackten Füße in des schlafenden Hundes Fell gegraben, lächelnd darüber reden, dass er Holz sehr gern mag und später Tischler werden möchte.
Auf dem Rückweg wird er auch sehr charmant einfordern, dass wir diesen Weg und nicht, den von Gudrun vorgeschlagenen nehmen. Sie gibt ihre Argumente für ihren Weg erst auf,
als ich interveniere, aber das mit einem herzhaften Lachen.
Wieder im Pflügerschen Heim angekommen, nimmt Gudruns Sohn die Chance wahr, mit Yoshi am Teich ein eigenes Miteinander auszumalen, nicht, ohne sie vorher daran zu erinnern, dass sie mir die Trommeln zeigen wollte. Und dann kommt sie mit drei selbstgebauten, die größte mit einem rötlich gemaserten Fell gespannt und zwei mittel bis
kleinen Trommeln mit weißen, sehr dünnen Häuten bespannt. “Wir müssen ein bisschen aufpassen mit den kleineren,” sagt Gudrun und legt alle drei in die Sonne.
“Siehst du die wenigen Haare am Rand?”
Wie schon oft an diesem Nachmittag wundere ich mich, wie viele verschiedene Gesichter diese Frau mit dem, manchmal brüchigen, weil bei einer Operation die Stimmbänder verletzt wurden, Timbre haben kann. Von einem auf den anderen Moment wirkt sie jung und gleichzeitig weise wie eine alte Schamanin. Mit dem dazugehörigen Lederklöppel
schlägt Gudrun die mittelgroße Trommel direkt vor ihrem Gesicht und linken Ohr: “Das habe ich stundenlang gemacht nach der Botschaft, ein neuer Tumor sei gewachsen.”
“Wolfshaut?” Fassungslos halte ich das Instrument, das sie mir unerwartet anvertraut, unbeholfen in der Hand. “Wenn du möchtest, versuch es in deinem Rythmus!” Überrascht rette ich mich in journalistische Fragen: “Du hast diese Trommel von einem Schamanen, einem first nation member geschenkt bekommen? Ich dachte, die Wölfe sind ihnen heilig?”

„Schon, nur die leidvolle Geschichte hat auch bei den Indianern viele ihr Wissen und ihre Traditionen verleugnen lassen. Das schnelle Geld verlockt auch dort und einige haben keine Scheu, Wölfe oder andere heilige Tiere zu töten.”
Bei diesen Worten fällt mir die fettgedruckte Headline eines aktuellen Zeitungsartikels der Salzburger Nachrichten auf, den Gudrun neben ihrem Laptop auf Bücherstapeln ganz oben drapiert hat: “Wolf ohne Kopf gefunden. Vieles deutet auf Wilderei hin.”
Ihre Antwort auf meine Frage, was sie bei den vielen Negativnachrichten zum Thema Wolf empfinde, ist ein aufgeschlagener Laptop, auf dem sie mir ihren, gerade neu ausgearbeiteten Vortrag abspielt und die Bilder erläutert. Fotos von Bären,- und Pumaspuren, von schauenden, laufenden, schwimmenden, Nachwuchs aufziehenden, Lachs fischenden, von Raben und Seeadlern begleiteten Wölfen, von unterschiedlichsten Landschaften, einige, wenige, aber eindrückliche Zitate und ausgewählte Bilder von Gudrun. Aus den guten Jahren auf Skiern, mit Wolfslosungsröhrchen und Eindrücke aus den schlimmsten Phasen, nach der Chemo, aufgedunsen, sie wertet nichts. Lässt es einfach so stehen.
Sobald die Sprache wieder auf ihre Erkenntnisse die Wölfe betreffend, zurückkehrt, strafft sich nicht nur ihr Körper, auch ihre Stimme wird wieder fester. Bei dem Bild eines Warnhinweises bei Eintritt ins Bärengebiet: “Are you prepared? Bist du vorbereitet?” schaut Gudrun mich an: “Sind wir vorbereitet? Auf den Klimawandel? Auf die Veränderungen? Nein, sind wir nicht.

„Aber ich hab mir überlegt, will ich meine knapper gewordene Energie an die Menschen verschwenden, die laut herumfuchteln? Nein, ich will mich an diejenigen wenden, die zuhören wollen. Oft erzähle ich auch vom kleinen Prinzen und vom Fuchs. Wenn du dir etwas vertraut machst, hast du eingewilligt, für die darauffolgende Zeit die Verantwortung
zu übernehmen. Wenn ich also informiere, möchte ich, dass die Zuhörer wissen, was sie daraus machen. Ich möchte die Botschafterin der Wölfe sein, auch, wenn ich manchmal Zweifel hege, ob das ausreicht.“

Von einer Fee, was würd ich mir wünschen?“
„Ein ungestörtes Leben für die Wölfe, Gesundheit für mich und soviel Zeit mit meinem
Sohn, wie es eben geht.”
Gudrun schaut auf die geöffnete Webseite eines Züchters von finnischen Lapphunden und
setzt etwas schüchtern hintenan: “Und einen Hund.”

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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