Journalismus

Zwischen Kühlschrank und Backofen, wie viele Türen können wir öffnen?

Städtern klingt das Wort “Alm” wie romantische Musik in den Ohren. Wie in einem Memory blättern sie die dazugehörigen Plattitüden auf: Almhütte, Berge, Natur, Kühe, Glocken, Bioland, Abendhimmel, Ruhe. Manche von uns haben ihren Erfahrungsschatz erweitert, indem sie während des Urlaubs vom Bürojob als Sennerin, Hüttenallrounder oder Käserin anheuern. Rund um die Almen in Österreich, der Schweiz und Italien leuchtet der Heiligenschein der Landschaftspflege, der Biobewirtschaftung und der traditionellen Naturliebe ohne Wenn und Aber.

Doch stimmt das so unhinterfragt?

An dieser Stelle sei der Blick über die Berghänge vergangener Zeiten gerichtet:

Ein ganzer Wirtschaftszweig, nämlich der expandierende Bergbau ist mittels Almbewirtschaftung erst möglich geworden. “Aus der antiken Literatur”, so Wikipedia, “ist die Existenz römerzeitlicher Almwirtschaft bekannt. Die inneralpine Besiedlung hätte ohne Almwirtschaft nicht stattgefunden.”

Auch die sich verschlechternden klimatischen Bedingungen seit dem 15. Jahrhundert hielten niemanden davon ab, weitere Almen zu errichten. Kaiserliche Rechte, die den Abbau von Metallen förderten, boten eine gesetzliche Grundlage. Großflächige Rodungen schufen weitere Weidegebiete. Die Bauern, denen es nun möglich war, soviel Vieh auf die Alm zu treiben, wie sie im Winter versorgen konnten, wehrten sich nach Kräften gegen Einschränkungsversuche. Ennstalwiki erklärt: “Eisenindustrie und Bergbau verursachten eine erhöhte Nachfrage nach Holz und Holzkohle, das Interesse galt nun der Forstwirtschaft. Verbleibende Weideflächen wurden deshalb intensiver genutzt.”

Zu den Almpflegemaßnahmen gehören, damals wie heute, das Schlägeln oder Mulchen, das Entsteinen, Schwenden, das Aufräumen von Schwendmaterial, die Entfernung von Gemulchtem, das Düngen mit Festmist, Jauche, Gülle, das Kalken und die Einsaat. Schwenden meint das Beseitigen von holzigen Pflanzen auf Weideflächen, vor allem Zwergsträucher, Krummholz-Latschenkiefern und Grünerlen, junge Fichten und Lärchen. Entfernt wird dabei alles, auch das sogenannte Totholz und das Wurzelwerk.

copyright@CarolaGueldner

Über die Jahrhunderte haben wir einen immensen Einfluss auf die natürlichen Schutzwälle genommen. Wir haben die Krummholz- und Schutzwaldgrenze immer weiter nach unten gedrungen, im Gegenzug aber auch noch die Wildschweine, das Reh- und Rotwild nach oben gedrückt. Die Gründe dafür sind in einem Stroboskopbeleuchteten Wirbelzusammenspiel zu finden, unsere intensive Beweidung, unsere großflächigen Monokulturen, unsere – nebenbei – nicht erreichten – Mindestabschussraten für Wildtiere, in der vehementen Ablehnung des Wolfes, in der Abholzung der Wälder und plantagenartigen Wiederaufforstung, in einer Erfindung von Dr. Friedrich Reimoser namens “wildökologische Raumplanung”, und vielen, vielen anderen Aspekten. Nicht aufgelistet sind unsere stereotypen Vorgehensweisen nach Katastrophen wie zum Beispiel immer häufiger und großflächiger wirkenden Waldbränden. Davon später mehr.

Alles zusammengenommen führt dazu, dass es weniger Schutz gegen Lawinen, Steinschlag und Unwetterschäden gibt. Nicht jedem ist bei einer Almwanderung klar, dass Sauerampfer oder die kläglichen Reste von Edelweiß und Enzian nicht mehr im Ansatz die Vielfalt der Alpenflora repräsentieren. Und Geröllhalden, die von immer öfter Sturzbach,- ja Sintflutartigen Regengüssen herabgeschwemmt werden, sind auch eine direkte Folge der traditionell unverändert, stoisch, allen erforderlichen Anpassungen zum Trotz, einfach weitergeführt werden.

Biodiversität ist ein umfangreicher Begriff, der es dem Laien nicht gerade leicht macht, Komplexität zu durchdringen. Deshalb nimmt Max. A E Rossberg, Chairman von Wilderness-Society.org seine Zuhörer eloquent und chronologisch auf einen Folgeabriss der Interaktionskette mit:

“Wir gehen mit unserem Projekt Biodiversitätsprojekt auf Vergleichsreisen, die zum Nachdenken anregen sollen. Warum gab es immer mehr Borkenkäferbefall, wieso vermehren sich Eichenprozessionsspinner wie verrückt, weshalb werden die Forstwirtschaftler der Verbiss-Schäden durch stehendes Wild nicht Herr, wieso muss Österreich sogar schon Jäger beauftragen, usw.? Rossberg kommt einem vor, wie ein Goliath auf einer Weltumsegelung des heimischen Wissens, er navigiert einen samt seiner klaren Sprache durch einen Dschungel des menschlichen Öko-Gutwillens:

“An Punkt Eins gehen wir zusammen mit aufgeschlossenen, interessierten Förstern in die Slowakei.”
”Wieso ausgerechnet dorthin?”

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Rossberg funkelt: “Dort gab es, bis zum Fall des “Eisernen Vorhangs” beispielsweise keine Zerstörung der Wälder durch Schafhaltung in den Forsten. Es gab und gibt dort den Wolf als Gesundheitspolizei, der beispielsweise, die auf uns alle zurollende afrikanische und die allgemeine Schweinepest eindämmt.” Auf meine überraschte Gegenfrage kommt der Referent erst recht in Fahrt: “Das Beutespektrum des Wolfes setzt sich ungefähr wie folgt zusammen: 50 Prozent Rehwild, 24 Rotwild, 16 Prozent Wildschweine und 0,7 (SIC!) Schafe. Erwiesenermaßen befällt die allseits gefürchtete Pest die Wildschweine mit circa 18 Monaten. Die Überläufer, also, die dem Frischlingsalter entwachsenen Schweine beiderlei Geschlechts im zweiten Jahr, bekommen bei Befall Fieber und schwächeln und genau die holt der Wolf.”

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Logisch, dass der jagende Mensch nicht halb so erfolgreich krankes Schwarzwild aussortieren kann, der Wolf ist bei weitem der effizientere Nachtjäger. Er braucht keine Infrarotnachtsichteräte, die ohnehin in Österreich und Deutschland bei der Jagd verboten sind.

Doch die Wilderness-Society setzt nicht nur auf ein einmalig startendes Pferd, sondern hat bereits weitere Stationen ausgebarbeitet: In Kooperation mit der Eberswalder HNE wird es eine Überprüfung der, von großen Waldbränden heimgesuchten Flächen in Treuenbrietzen und Potsdam Mittelmark (2018, 300 Hektar) und Jüterbog (2019, 120 Hektar) geben. “Natürlich weiß man, dass es überhaupt keine Option ist, verbrannte Wälder einfach so komplett mit Baggern freizuräumen und dann eine Kiefernsoloplantage eine Verjüngung des Waldes erneut zu verhindern.”

Sogenanntes Totholz, das wissen wir nicht erst seit Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“ speichert Wasser. Und ist Ressourcenträger für nachwachsende Pflanzen, die sich lange von solchen, salopp gesagt „Untoten“ ernähren.

In den Abbruzzen, in Majella kann die Wilderness-Society ebenfalls in Gebiete führen, deren Nichtbewirtschaftung zu einer Rückkehr des Buchenwaldes auf 1520 Meter geführt hat. Weshalb das so bemerkenswert ist?

Die Buche ist die “Mutter des Waldes”. Aber auch der einst, als sehr robust geltende Baum ist angeknackst.

Und in der aufgeschlossenen, modernen Forstwirtschaft ist man längst zu der Einsicht gekommen, dass sich Orientierung an den natürlichen Standortansprüchen von Baumarten in stabileren Wäldern auszahlt. Regionen, die mit langen, häufiger auftretenden Trockenperioden zu kämpfen haben, werden vor allem von, dort nicht heimischen Nadelwäldern im Stich gelassen. Sie sind deutlich anfälliger für Stürme und Borkenkäfer. Auch Manfred Lexer, Professor am Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur in Wien, beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Waldbewirtschaftung.

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»Einfach gesagt, den Klimawandel kann man im Wald daran erkennen, dass es vermehrt frisch abgestorbene Bäume gibt. Wenn der Toleranzbereich der Bäume in Bezug auf Umwelteinflüsse überschritten ist, dann werden sie von Schädlingen befallen oder sterben direkt ab.« “Diese Veränderungen durch den Klimawandel sind auch für Nichtexperten offensichtlich. Die meisten aber passieren, so Lexer, eher schleichend und sind schwer erkennbar: Bei Stresseinwirkung werden die Jahrringe schmäler, die Benadelungs- und Belaubungsdichte wird geringer – das ist mit bloßem Auge aber in der Regel nicht zu sehen.”

Wie also kann eine naturnahe sowie ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltige Waldwirtschaft funktionieren? Diese Frage beherbergt viele Facetten und Wilderness-Society ist eine der Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), die es sich zur Aufgabe macht, nicht als Heerführer in einen aussichtslosen Kampf zu führen, sondern Zelte immer da aufzuschlagen, wo man vom Umgang und den Erfahrungen etwas mitnehmen kann unters heimische Dach.

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Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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