Journalismus

Ohrgewürze und Sprachdelikatessen

Eine Serviette über den eigenen und einen Ortolankopf im Kesselchen gestülpt, dann wird der kleine Vogel innerhalb des Bordeauxer Neujahrsrituals mit Knochen und Innereien von den Feinschmeckern zerkaut. Vorher werden jährlich circa 30.000 dieser Ammernvögel mit Leimruten, Netzen und Fallen gefangen.

Weshalb beginnt dieser Blogeintrag mit einem schönen Titel so grausam?

Ortolan, den Begriff hörte ich zum ersten Mal in einem Hörspiel bei Dradio Kultur.

Weil mir der Klang gefiel, schaute ich im Netz nach und fand heraus, was es mit den Vögeln auf sich hat. Leider stieß ich auch ziemlich schnell auf diese grausamen Hintergründe.

Im Vorwort eines Buches zu veganer Ernährung las ich, wie die Autorin bei einer Freundin zum Essen geladen war, und da es ihr vorzüglich mundete, fragte sie nach der Zubereitung des Fleisches? Erschüttert von der Antwort, es handle sich um 1 Kilogramm mittelalten Golden Retriever, der soundso lange gekocht werden müsse, begann sie sich mit Vegetarismus und Veganismus zu beschäftigen.

Dieser kurze Abstecher soll verdeutlichen, wie sehr unsere Wertigkeiten gerade beim Essen über die kulturellen Gewohnheiten erstellt werden, die eben vor allem über die Sprache ausgedrückt werden. Natürlich hätte die Eingeladene nicht nach dem Inhalt des, offenbar köstlichen Mahls fragen müssen oder die Köchin hätte keine, den Rahmen unserer Kultur sprengende Antwort geben sollen. In China hätte das Ganze natürlich überhaupt keinen Anlass zu Bestürzung geboten. Zumindest nicht, wenn die Speisenden keine Hundebesitzerinnen gewesen wären.

Ernährung, auch und gerade bei Hundehaltern spaltet enorm: BARF oder industriell gefertigtes Futter, Trocken oder Dose, Zusätze oder vegan, die Liste lässt sich lange fortsetzen. Und genau da liegt leider auch der Ortolan im Cognac ertränkt: Es geht immer um Haltungen, Kultur, Bewusstsein, Betrachtungsweisen, Flexibilität, Verständigung und auch Verbote und Gesetzesübertretungen.

Unabhängig, ob sie sich um Tiere oder Menschen drehen – Schulmedizin oder alternative Heilkunst, herkömmliche Landwirtschaft versus Biobauernhof, herkömmlich religiös, spirituell oder atheistisch, klassische Schulbildung oder private Ausbildung, Impfen oder nicht, Zeckenschutz in Pillenform oder Kokosöl, Hunde oder Wellensittiche, Stadt oder Land, online bestellen oder im Emmaladen kaufen, freilebende Wölfe oder wolfsfreie Länder, Jagd oder lieber Schlachthinterhöfe, Kunst oder Kommerz, Flüchtlingssympathisant oder Ausländerfeind, Schlaumeier gegen Doofmüller, Themen spalten.
Es wird sicher deutlich, dass hier absichtlich Äpfel mit Erdäpfeln verglichen werden. Ähnliche Namenshülle, komplett anderer Inhalt.

Einer meiner angeschriebenen Interviewpartner, Peter Sürth, der schon seit Jahren in Sachen Wölfe, Bären, Luchse und anderer bedrohter Spezies in Europang engagiert und unterwegs ist, fragte zurück, was ich denn mit einem Pro und Contra-Projekt bezwecke. Gute Frage, wäre die rhetorische Antwort. Fragen können gute Anlass sein, nachzudenken.
Zuhören, Verstehen, Mitteilen ist mein Motto und auch, wenn ich persönliche Vorlieben oder Sympathien hege, ist es doch nur fair, auch diejenigen mit einer anderen Meinung zu Wort kommen zu lassen. Vielleicht gerade deshalb, weil sich erst in einer Auseinandersetzung mit anderen, der eigenen nicht unbedingt naheliegenden Haltung, eine Verständigung finden lässt?

Während meiner Vorbereitung auf Auslandseinsätze bei der GTZ, haben wir viele Trainingseinheiten in Sachen Kommunikation absolviert. Immer wieder rasselte ich mit einer Frau aus Sierra Leone heftig zusammen. Trotz Mediatoren und Gruppenarbeit. Wenn sie sich unverstanden fühlte, wurde sie laut. Was mich, aufgrund meiner Erfahrungen mit brüllenden Menschen, verstummen, aber nicht gerade wohlgesonnen agieren ließ. Am Ende stellte sich heraus, dass wir nur die äußeren Gegenpole der gesamten Gruppe darstellten und irgendwie auch die Begrenzung beziehungsweise Herausforderungen für deren Nichtkommunikation. Am Ende des sieben Monate währenden Seminars bekamen alle ein Zertifikat, wir seien “specialist in conflict resolution” (Spezialisten für Konfliktlösungen). Das war ich damals genauso wenig wie heute.

Möglich, dass ich auf dieser Reise Spezialisten finde, vielleicht sogar einige, die sich auf gegensätzliche Meinungen einlassen und diese in ihre eigenen Knotenentwirrungen mit einbeziehen? Wir werden sehen. Bisher wurde ich auf dem Weg durch Italien und noch vielmehr, seitdem wir mit dem Cargobike reisen, immer wieder daran erinnert, was ich bei den buddhistischen ebenso wie bei den Quantenphysikern lerne: shoshin, beginners mind.
Einer, dessen Vorträge ich mit meinem Walkman immer wieder höre, ist Shunryu Suzuki (1905-1971): In “Beginner’s Mind” wies der große Zen-Lehrer darauf hin:

„In the beginner’s mind there are many possibilities,
but in the expert’s there are few.“

People say that practicing Zen is difficult, but there is a misunderstanding as to why. It is not difficult because it is hard to sit in the cross-legged position, or to attain enlightenment. It is difficult because it is hard to keep our mind pure and our practice pure in its fundamental sense.

In Japan we have the phrase shoshin, which means „beginner’s mind.“ The goal of practice is always to keep our beginner’s mind. Suppose you recite the Prajna Paramita Sutra only once. It might be a very good recitation. But what would happen to you if you recited it twice, three times, four times or more? You might easily lose your original attitude towards it.

The same thing will happen in your other Zen practices. For a while you will keep your beginner’s mind, but if you continue to practice one, two, three years or more, although you may improve some, you are liable to lose the limitless meaning of original mind.

For Zen students the most important thing is not to be dualistic. Our „original mind“ includes everything within itself. It is always rich and sufficient within itself. You should not lose your self-sufficient state of mind. This doesn’t mean a closed mind, but actually an empty mind and a ready mind. If your mind is empty, it is always ready for anything; it is open to everything. In the beginner’s mind there are many possibilities; in the expert’s mind there are few.

In the beginner’s mind there is no thought „I have attained something.“ All self-centered thoughts limit our vast mind. When we have no thought of achievement, no thought of self, we are true beginners. Then we can really learn something. The beginner’s mind is the mind of compassion. When our mind is compassionate, it is boundless. Dogen-zenji, the founder of our school, always emphasized how important it is to resume our boundless original mind. Then we are always true to ourselves, in sympathy with all beings, and can actually practice.

So the most difficult thing is always to keep your beginner’s mind. There is no need to have a deep understanding of Zen. Even though you read much Zen literature, you must read each sentence with a fresh mind. You should not say „I know what Zen is,“ or „I have attained enlightenment.“

This is also a real secret of the arts: always be a beginner. Be very, very careful about this point. If you start to practice zazen, you will begin to appreciate your beginner’s mind. It is the secret of Zen practice.”

Ungezählte Male habe ich diesen und andere, von Peter Cayote gelesenen Vorträge über meine Kopfhörer aufgenommen.

Dennoch kann ich die Male, wo ich etwas davon bewusst und nur das aufgenommen habe, an beiden Händen abzählen. Und so komme ich zum Ortolan zurück.

Wertungen, Wertschätzungen, Verständnis, Umdenken haben ganz sicher mit Zuhören, der Freiheit und Selbstdisziplin des Überprüfens von Traditionen, Gewohnheiten und Entscheidungen zu tun.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: