Journalismus

ein Schritt westwärts ist einer ostwärts

Es liegt viele Jahre zurück, dass ich im Rahmen eines Seminars an der Henri-Nannen-Schule ein Interview mit Gabriele Fischer, Chefredakteurin von Brandeins, damals Econy führen konnte.
Bis heute bewegt mich, was Frau Fischer mir damals über die Motivation ihrer gesamten Redaktion erzählte, nämlich, dass alle RedakteurInnen persönliche Einschränkungen in Kauf genommen hatten, nur, um ihrer Idee eines positiven Journalismus und der Ursprungsidee von Econy, später BrandEins treu zu bleiben.

Mein Lebenslauf seit diesem denkwürdigen Gespräch und heute liest sich ungefähr so:
 Freie Autorin in Asien, Dogwalkerin, Bloggerin, Texterin, als Altenpflegerin in Deutschland und als Käserin/Melkerin der Schweiz gearbeitet. Nach dem Tod meiner beiden Hunde im vergangenen Sommer hat es mich persönlich ganz schön durcheinandergewirbelt, einen Job auf einer Huskyfarm in Schweden lehnte ich ab, weil meine Hündin Yoshi nicht mitgekonnt hätte.

Aber zuerst bin ich der Mensch, bin ich Carola, die irgendwie auch gern motiviert und manchmal mit sich hadert und die gern schreibt, mit Hunden verbunden ist, ihre Freunde schätzt und dankbar ist, wenn sich neue hinzugesellen…

Wenn ich Gott zum Lachen bringen wolle, solle ich Pläne machen, hat mir jemand, dessen spirituelles Buch ich redigierte, geraten. Da ich glaube, ein humorvoller Gott würde uns allen gut tun, versuche ich mich an einer Radreise-Idee, die mich immerhin bis nach Santa Venerina, Sizilien geführt hat. Von hier werde ich mit einem, von dem Startup Velo Lab Bremen designten Cargobike gemeinsam mit meiner Hündin Yoshi eine journalistische Reise entlang des Themas „Wölfe, Raben, Herdenschutz“ durch ganz Deutschland machen.

Die Überzeugung, dass überall spannende, mutmachende Geschichten warten, hat sich natürlich bestätigt.

Auf meiner bisherigen Reise sind mir spannende Menschen mit motivierenden Geschichten begegnet

Beispiel 1) Ryan und Fabia Mendoza: Rosa Parks Haus
Wir stehen vor einem Kunstwerk und denken unseren Teil. Wir werten, haben gelesen, schauen, glauben zu wissen, lernen oder wundern uns. Manchmal kennen wir den Künstler, die Künstlerin. Gelegentlich lassen wir uns auf Neues von – für uns Unbekannten – ein.

Doch wie stehen eigentlich Künstler und Künstlerinnen ihren eigenen Schöpfungen gegenüber? Wie haben sich Werk und Macher gegenseitig beeinflusst? Können Kunstobjekte ein Eigenleben entwickeln und wenn ja, wie weit geht der gegenseitige Input?

Seit vier Wochen bin ich bei dem Künstlerehepaar Ryan und Fabia Mendoza auf Sizilien und erfahre hautnah, wie intensiv künstlerische Arbeit an den Werken das Privatleben beeinflussen können.

Ryan Mendoza ist ein amerikanischer Künstler, dessen Engagement und Kunstaktionen rund um das „Rosa Parks House“ zuletzt in zahlreichen Medien von NYT über CNN, Spiegel Online, Tagesspiegel, die Welt, Deutschlandfunk, uvm. erwähnt, beschrieben, gelobt und kritisiert wurde.

(Infos: www.ryan-mendoza.com)
Im Unterschied zur bisherigen Berichterstattung über Mendozas Projekt setzt mein Text auf der persönlichen Ebene an. Er zeigt, wie ein, an einem Kunstobjekt begonnener Prozess, sich energetisch auflädt, die Persönlichkeit und das private Leben, die Schaffenskräfte beeinflusst und wie Mendoza das Haus als eigenständiges „Wesen“ mit einem Skelett, einer „Geschichtshaut“ und einem OBDACH über allem erlebt und in sein eigenes Leben verwoben hat. Dieser Prozess wird nicht immer nur durch ihn gesteuert. Während des Zusammensetzens des Hauses, der Auseinandersetzung mit positiven und negativen Kritiken bezüglich der politischen, künstlerischen und persönlichen Aussagen, ist Mendoza bis ins Mark von seinem Projekt umgestülpt worden und hat sich, im übertragenen Sinn, fast seines eigenen Daches über dem Kopf beraubt. Im wörtlichen wie im allegorischen Sinn. Er erlitt im Herbst 2017 einen lebensverändernden Schlaganfall.

Der Artikel soll auch aufzeigen, wie breit der Begriff BEEINFLUSSUNG gefächert ist. Beeinflusst werden, to influence färbt unseren Sprachalltag ein. INFLUENCER sind überall. Die sogenannten sozialen Medien drücken unseren Alltagsgewohnheiten gewichtige Stempel auf.

Als Notre Dame in Flammen stand, kamen innerhalb weniger Stunden bereits mehrere Milliarden an Spenden zusammen. In Brandeile meldeten sich wütende, über alle möglichen Medien verbreitete Stimmen, die gemahnten, dass in dieser Welt für dies und jenes angeblich niemand Gelder freisetzt. Und hier schließt sich noch eine Frage an: Welche Objekte sind es, und aus wessen Warte, wert, als Mahnmale erhalten zu bleiben?

In erster Linie würde ich gern veranschaulichen, wie sehr, ein als reine Kunst gestartetes Objekt Einfluss auf alle Beteiligten nehmen kann und sie verändert. Er soll die, Mendozas Rosa-Parks-Haus zugrundeliegenden, inhaltlichen, politischen (Afro- amerikanische Gesellschaft, Sklavenhaltung, Widerstand, Geschichtsbewusstsein, uvm.) umreißen, und er soll zum Nachdenken anregen über die Optionen der individuellen Abgrenzung gegenüber unerwünschter Einflussnahme. Der Text beschäftigt sich anhand des Rosa-Parks-Hauses und seines „Wiederbelebers“ Ryan Mendoza damit, dass jedes Engagement Einflussnahme ist, weil eine individuelle Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, immer Veränderungen in beide Richtungen Individuum – Objekt/Menschen/Kunst – Welt beinhaltet.

Hintergrundinformationen zum Rosa Parks House:

„In 18 Tagen baute Mendoza das Haus Stück für Stück mit einer Gruppe von Freiwilligen in Detroit ab und verschiffte es nach Berlin, wo er es (..) im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen wieder aufbaute.

Rosa Parks Nichte Mrs McCauley und Mendoza hofften beide, dass das Haus eines Tages in seine rechtmäßige Heimat, die USA, zurückkehren könne.

Anfang 2018 wurde es in Berlin abgebaut und wurde anschließend auf dem Gelände der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island ausgestellt. Im Juni 2018 wurde bekannt, dass das Gebäude im New Yorker Auktionshaus Guernsey’s versteigert werden sollte.“ (Wikipedia)

Diese ist gescheitert. Seither ist Ryan Mendoza mit verschiedenen Künstlern, momentan mit Bob Wilson und dessen Stiftung Watermill über aktuelle Entwicklungen und das Weiterleben dieses engagierten Projektes im Gespräch. Die preisgekrönte, filmische Dokumentation über das Projekt „The White House“, 2017, 75min. zeigt das Künstlerpaar auf der gerade laufenden XII.Biennale in Havanna. Dort läuft für einen Monat auch ein Videoloop in einem kubanischen Museum, was widerrum Einfluss auf den Fortgang des Projektes hat.

Die zahlreichen Facetten erlebe ich hier direkt und in aller Intensität mit. Da Ryan und Fabia Mendoza nicht nur die inhaltliche Verantwortung für ein Kunstprojekt im klassischen Sinne haben, sondern sich auch gegenüber den lebenden Familienangehörigen von Rosa Parks wie deren, krebskranken Nichte Rhea McCauley verbunden und in gewisser Weise, positiv verpflichtet fühlen, beleuchtet das Thema mit einem weiteren Spot.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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