Deutschlandreise

Hulahoopgedanken vor blauen Donaunixen

Vergessen die Mühen und Flüche in einem netten Donaubistro mit blauer Nixe: velo Pause und Zeit zum Schreiben:

Regenhunde und Unwetterkatzen leisteten mir am Samstag, 13.Juli19 den ganzen Vormittag über Gesellschaft: Ich begann mit den Stundenmantren, also: eine bis zum Einpacken, zwei bis zum Koordinieren und Fotos laden, eine halbe zum Sachen sortieren, usw.
Nach dem check out auf dem Campingplatz Stumpfer in Schönbühel hockte ich dort im Gasthaus-eigenen Pavillon und tröstete mich mit dem kostenlosen WLAN. Meine Reiserechnungen allerdings synchronisieren sich eher mit der Zahlenmystik der Kabbalah, denn so kostenfrei war das Internet bei genauerer Betrachtung natürlich nicht.

Ein Beispiel: Zeltplätze berechnen in der Regel zwischen 11 und 13 Euro für 1 Person mit Zelt, manche schlagen für Hund und Strom noch circa je 2,50 Euro drauf. In der hiesigen Gastronomie sind aber Preise ab 3,50 bis 3,90 Euro für 1 Melange, also Cappuccino üblich. Eine Suppe erhöht die Gesamtsumme um 4,80 Euro. Nur, das kostenlose Internet ohne Verzehr zu nutzen, traue ich mich auch nicht. So standen am Ende mehr Spesen als Übernachtungsgebühr im Reisekassenbuch, das ich nicht führe.

Immerhin konnte ich ohne Walkman bis zum Verebben des Monsuns unter meditativem Rauschen zuschauen, wie das Schneckenyoutube per WLAN meinen neuen Film fraß und nebenher gelang es mir, meiner 96-jährigen Oma eine Postkarte zu schreiben. Da ich unterwegs – in Ermangelung des aufgeladenen Laptop – zum Moleskine-Tagebuch und Pelikano-Füller greife, kommt mir das mit der Hand schreiben nicht mehr so ungelenk vor.

Kaum waren die Ansichtskarten mit Melker Fotomotiven im gelben Kasten eingeworfen, lösten sich die Wolkenformationen auf und tatsächlich, die Sonne erbarmte sich. Schnell meine fünf “Sachen”gerafft und aufgesessen: Yoshi, Kamera, Laptop, velolab Cargobike. Es mag komisch klingen, aber manchmal bin ich froh um meine, vor langer Zeit erstandenen LIDL, ALDI und Amazon-Camping, Fahrrad und Survival-Utensilien zum Aktionspreis.  Eine, als Fahrradgarage von LIDL für 5,99 Euro verkaufte, äußerst stabile Plastikplane hat mir sowohl in Italien als auch auf der Radreise schon so oft alles Mögliche gerettet.

Überhaupt Plastik. Ja, ich  habe den Müll in den Weltmeeren vor Augen, aber wenn ich all die Plastikdinge sehe, die mir mein Cargobike oft genug schon zur geretteten Arche Noah gedeihen lassen haben, bin ich mangels Alternativen dankbar dafür. Holz ausgenommen, frage ich mich, womit haben Noah und seine Leute ihr Schiff eigentlich abgedichtet? Harz wahrscheinlich. In der DDR, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin, hieß das Zeug “Plaste und Elaste” und wurde an Autobahnen beworben mit dem Zusatz: “aus Schkopau”. Im Osten haben sie auch die Dachzelte erfunden, die jetzt jeder stolze Landroverbesitzer wie ein Prestigeobjekt der Neuzeit umher paradiert. Lächelnd erinnere ich mich an einen Trampausflug mit meiner Freundin Astrid, wie wir 14-Jährigen völlig unbedarft einem unserer Fahrer, einem Trabi-Dach-Aktivisten und Hobbyfotografen “oben ohne” Modell gestanden haben.

Sicher habe ich in den fast 40 Jahren sehr viele Erfahrungen gesammelt, die mich verändert, geprägt haben, und einige Episoden ausgenommen, kann ich mich an mein damaliges Leben auch nicht unbedingt umfassend erinnern. Unlängst habe ich mit Freunden in Krailling beim Abendessen die Frage erörtert, was für eine Hunderasse jeder für sich selbst in Betrachtung zöge. Mir fiel für mich eigentlich nur eine Mischung ein, wie mein Hund Sky sie verkörperte: Hüte- und Herdenschutzhund in einem. Sehr konträre Lebensauffassungen, die man unter einem Dach beherbergt.

Im Zusammenhang mit dem Vergleich, zu was für einer Art Mensch ich mich entwickelt habe, bediene ich mich einmal eines anderen Bildes: Ich stelle mir vor, ich wäre ein Sofa.
Ich wäre schon ein wenig abgesessen, eher altertümlich und doch gerade damit schon wieder modern. An meinen runden Holzarmen lehnen sich jene an, die mich für sich entdeckt haben, andere stoßen sich daran, weil sie glaubten, man könne sich von meinem Polster verlocken ließen und einfach so auf mich plumpsen ließen.

Worauf ich aber hinauswill, ist der Kern. Meine Sofasitzfläche wurde mit Sprungfedern aus solidem Stahl handwerklich sehr versiert ausgestattet. Anfangs gaben diese nicht gut nach und das Leben musste mein Innenleben erst ein wenig nachgiebiger oder gefügiger machen. Ich gehe davon aus, dass viele sich nie wirklich mit mir wohlgefühlt haben, bereits nach dem ersten Kennenlernen wollten sie mich nie wieder ausprobieren oder sie hegten andere Ansprüche, die ich nicht erfüllen wollte.

Und heute stakst wohl die eine oder andere Feder aus meinem abgewetzten Polster hervor. Bemerkenswert daran finde ich, dass auch diese, aus der Reihe ihrer Vorsehung tanzenden Metallspiralen, nach all den Jahren immer noch eine gute Sprungkraft besitzen.

Diese lässt mich mein Couchbild ganz einfach wieder in mich verwandeln und diese Triebkraft ist es, die mich zwar oft genug durch mein eigenes Leben katapultierte, sodass es sich eher wie herumgeschleudert anfühlte, aber sie ist es eben auch, die mich bewegt und reisen lässt.
Will heißen: Ich beginne immer öfter, mein eigenes Chaiselongue wie ein Trampolin zu nutzen und Spaß zu haben. Abzuheben und alles abschütteln.

Natürlich wehen – je nach Sprunghöhe – schon mal kühlere Lüftchen. So auch am Samstagnachmittag, als ich in den Regenlücken, Hagelpausen rechtzeitig unter Supermarktdächern, auf der Fähre in Restaurants Unterschlupf für Yoshi und das VeloLab Cargobike fand. Nach der vierten Nische dann der Schock, wie Stillstand – der Fahrradakku ging an, aber auf dem Steuerelement am Lenker: NICHTS!

Zur Erläuterung habe ich im Beitrag: Graf Zahl -Blog die gewichtigen Eckdaten geschildert, mit deren Fortbewegung ich und der Akku auf der Reise zu kämpfen haben. Zeichen gab es eigentlich schon vorher, denn meine innere Stimme tänzelte beim Besteigen der Fähre wie ein nervöses Pferd. An der Preistafel stand: “Großvieh 12 Euro”. Würde Yoshi als solches gelten, weil ich Hunde nicht entdeckte? Wenn ja, hätte das Schicksal entschieden und wir würden Krems nicht besichtigen. Nach Wien wäre die Strecke ohnehin auf dieser Donauseite kürzer.

Aber dann grinste der Fährmann, fast zahnlos, nur schief, und wollte fürs Cargobike, den Anhänger, für Yoshi und mich nur drei Euro. Verrückt, wo doch sonst immer alles gehobene Preisklasse war. Kaum auf dem Kahn geparkt, schickte uns der Donauhimmel auch schon Hagelgewitter.

So schnell konnte ich weder die Fahrradgarage noch die Capes aus den Taschen fischen. Yoshi und ich flüchteten uns in die einzige Passagierkabine und ließen uns von den begeisterten Fahrgästen ablichten. Keine fünf Minuten später legten wir bei Sonnenschein in Spitz an und ich sah, dass es auch hier einen Supermarkt gab. Auf dieser Reise ist mir schon oft aufgefallen, wie sehr meine Entscheidungen beeinflusst werden von nebenbei Gehörtem. Ja, ich weiß, das liegt Techniken wie “subliminal Botschaften” zugrunde und wird öfter eingesetzt, als uns bewusst ist. In dieser winzigen Sequenz hatte morgens eine Unterhaltung zweier 14-jähriger Radlerinnen dazu geführt, dass ich abspeicherte, ich müsse in Krems unbedingt nochmal einkaufen, da es danach “rar” aussähe mit den Supermärkten. Da die beiden mich ohnehin schon beeindruckt hatten, im strömenden Regen packten sie einfach ihr Zelt und alle anderen Sachen mitten im Flur zu den Sanitäranlagen zusammen, weil es dort trocken war. Erwähnenswert nicht deshalb, sondern, weil eine der beiden nebenher ihre Yogastretchübungen in eben diesem Gangs absolvierte, während die andere Obst für ihrer Beider Müsli schnibbelte.

All dem unterlegten sie eben diese Unterhaltung über die Wichtigkeit, in Krems unbedingt noch einkaufen zu gehen.

Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich gar nicht wusste, welcher Reiseroute die Mädels folgten. Aber natürlich hatten sie nicht Unrecht, denn seit Passau war mir auch schon bewusst geworden, dass Supermärkte am DonauRadweg direkt gar nicht zu zu finden waren. Einkaufsmöglichkeiten zentrierten sich in größeren Orten, auf den Radreiselinien jedenfalls habe ich noch nicht einmal Tante-Emma-Läden vor die Lastenradfläche bekommen. Eine der ersten Lektionen, die ich so auf der Österreich-Seite gelernt habe, dass ich nie wieder einem google maps Hinweis zu einer Einkaufsmöglichkeit auf einem Berg mit 25% Steigung folge, denn das hat den Akku und mich lahmgelegt, der E-Motor war, oben angekommen, fast leer und meine Kraftreserven vom Hochschieben der gesamten Last aufgebraucht.

In Spitz nun hatte die Fähre uns ins Trockene ausgespien, Yoshi freute sich  auf dem SPAR-Parkplatz über Rindergulasch, ich ließ mir einen Cappucino aus dem Plastikbecher munden und dann schickte die komoot-Navigation uns mal wieder im Kreis. Ein erneuter Wechsel zu Magic Earth half. Über derlei Kartenkuddelmudell schreibe ich später einen gesonderten Eintrag.

In den, von drohenden Wolkenformationen überschatteten Weinplantagen schützte uns ein hölzernes Buswartehäuschen vor dem nächsten Riesenschauer. In all diesen Pausen schrieb ich E-Mails in Sachen “Wölfe-Raben-Herdenschutz”, Interviewanfragen, ich kümmerte mich weiter um Sponsoring-Partner für den Fahrradmotor und versuchte, meine Adressen mit meiner  Reise in Einklang zu bringen.
Abwechselnd unterm Regencape auf der Ladefront oder nebenher laufend, radelten Yoshi und ich immerhin bis nach Oberloiben. Danach ging allerdings mit dem Fahrradakku wirklich nichts mehr. Plötzlich musste ich strampeln. Und kaum bewegten wir uns ein paar Höhenmeter hinauf, zeigte der Tacho meines Wahoo gerade einmal 1km/h an und wir kamen nicht wirklich voran. Angesichts des sich weiter verdunkelnden Himmels, Yoshis und meiner Erschöpfung wurde mir doch sehr mulmig und als ein geöffnetes Garagentor mir drei weintrinkende Österreicher bescherte, fühlte ich mich irgendwie fast schon errettet. Erheitert: “Na, moag er den Schlitten net mehr ziehen?” holte der Mann seinen Nachbarn, der wortkarg, aber dafür super effizient an den Drähten ruckelte, alles abtrocknete (was ich natürlich auch alles schon versucht hatte) und – magic hands, er sprang wieder an, der dringend benötigte, 3/4volle Emotor.

Zich Danksagungen ließ ich in dem Ort und kam genau zwei Dörfer weiter, ehe der Akku den Geist wieder aufgab.

Zwei Frauen, die extra aus dem Auto ausgestiegen waren, halfen mir von einem Grasnarbenweg die minimale Anhöhe hinauf, damit ich die Straße überqueren konnte. Und dann begann das, was der Volksmund Spießrutenlauf nennt. Beziehungsweise die Sysiphussuche nach einer bezahlbaren Unterkunft. In einem NobelSPA fand ich in der Hotelgarage jede Menge Ladestationen, allerdings keine einzige für normale Stecker, alle waren für PKWs ausgelegt. Ich hegte die Hoffnung, wenn ich den Motor ans Stromnetz hinge, würde er sich vielleicht erweichen lassen, seinen Dienst wieder aufzunehmen. Wie schön, dass Frauen oft mit Technik bei Verweigerung immer so emotional und mütterlich reagieren;=)

Weiter geschoben entlang unzähliger B&Bs, Gasthäuser, alles, ausgebucht. Selbst da, wo verheißungsvolle Fahnen Zimmer ankündigten, prangten überall über den Klingeln “Besetzt” Schilder.

Ein Blick auf meine Handyuhr: 22.30. Meine Freundin in Hamburg telefonierte – leider ergebnislos – herum. Dann schickte sie mir auf die letzten verbleibenden Ladezustand meines iphone eine Karte vom nächstgelegenen Campingplatz in Krems. Ich kam mir vor wie der Erlkönig: Erreicht den Hof mit Müh und Not, in seinen Armen …nein, kein totes Kind, sondern eine unbezwingbare Treppe zu einer Fußgängerunterführung, der Weg zum Campingplatz unerreichbar.

Was ich mit dem Cargobike nicht kann, ermöglicht mir die Sprache: Abkürzungen zu nehmen. Yoshi und ich überquerten die Donau nach Mautern, um aus dem feierlaunigen Krems herauszukommen. Und tatsächlich wähnte ich eine Brücke ein machbares Asyl, jeder Obdachlose würde mir diesen Rat geben. Zu exponiert schien mir dann der schmale Streifen, also überredete ich Yoshi, noch einen halben Kilometer mit mir mitzukommen und glücklicherweise gab es keine weiteren Steigungen.

Erleichterung kann wohl niemand messen, aber ich hörte jede Menge Steine, ganze Geröllhalden von meinem Herzen poltern, als ich ein 5 Sterne-Asyl in Form des Feierunterstands der Freiwilligen Feuerwehr Mautern fand. Dem Regen entkommen, ein Dach über dem Zelt, fünf Bänke und Tische zum Sachen trocknen und in weniger als fünf Minuten mit Yoshi im Arm eingeschlafen.

Fortsetzung folgt….

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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