Deutschlandreise

Campingsoziologie: Dem Fuchs gute Nacht sagen oder Akkuschrauber und Lichterketten

Zeltplatz-Altglascontainer sind noch nie Studienobjekte gewesen, wage ich zu behaupten. Nach meinen Stippvisiten auf italienischen, deutschen und österreichischen Zeltplätzen würde ich spaßeshalber eine solche gerne in Auftrag geben. In der gut sortierten Müllecke auf dem Campingplatz Goldswörth, Österreich konnte ich lediglich die leeren Hüllen von Alkoholika aller Art im entsprechend beschrifteten Container fotografieren. Natürlich bin ich nicht hinabgetaucht, möglich, dass ich auf Minderheiten wie Ketchupflaschen oder Marmeladengläser gestoßen wäre. Auf den Campingplätzen liegt die größte Übereinstimmung vermutlich in der Getränkewahl, Kultursoziologen hätten dann eine dreispaltige Tabelle auszufüllen, wenn sie weitere Gruppierungen über ihre Gemeinsamkeiten zusammenfassen wollten.

Chart Eins: Gruppe der Wohnmobilisten. Hat mittlerweile auf westeuropäischen Touristenwegen die herkömmlichen Zeltreisenden um ein Vielfaches überholt. Die Dauercamper unter ihnen fast immer ältere Ehepaare, ausgestattet mit einem komplett gespiegelten Abbilds ihres heimischen Universums, vom Topfset, Sammlerbierkrug über den Rasenmäher bis zur Heckenschere, sie haben einfach alles dabei. Bei der fahrenden Zunft dieser Gilde fallen die Gartenwerkzeuge weg und werden ersetzt durch Lichterketten, Campingtische, ganze Fahrradsammlungen, Mountain- und Tourenbikes plus Rennrad. Hinzu gesellen sich in dieser Kategorie die Familiencaravans. Bei ihnen stehen pubertierende Mädchen im rosa Einhornschlafanzug dem Vater im Weg, der mittels elektrischer Pumpe das Schlauchbootkajak aufpumpt und mit mahnendem Blick auf seine AppleWatch schaut.

Chart Zwei: Landrover mit Dachzelt. Oft ergraute Männer, Anfang 50, die nicht selten ihrer Lebensmittelkrise als Shoppingcruiser und Vierradantriebfahrer zu entkommen suchen. Begleitet werden sie nicht selten von Blondinen, die ihnen stundenlang bewundernd beim Anbringen der Dachzeltleiter mittels Akkuschrauber zuschauen. Ein oder zwei Piccolo als Aperitif vor dem Abendmahl, zu dem er sie nach erfolgtem Nestbau in den Zeltplatzeigenen Gasthof ausführen wird, verkürzen ihr die Zeit.

Chart Drei: Die Urmenschen unter den Campern: Zeltbesitzer. Innerhalb dieser aussterbenden Spezies gibt es noch feine Unterschiede, es gibt Hightech-Leichtzelte, Sekundenaufbauvarianten und natürlich variieren sie in Größen von der Familienjurte mit Vorzelt in Dorfplatzumfang oder Miniheim der Minimalisten.

Ein hervorragendes anthropologisches Forschungsfeld wäre der Donau-Radwanderweg, auf dem ich mich gerade unter die Wallfahrer zu mengen suche. Unter den Radlern, zu Fuß wandernde Pilgerer habe ich bisher in all den Wochen nur zwei getroffen, gibt es deutlich mehr Kasten als bei den Biwakierern.

Chart Eins: Die Radlergruppe. Angetan in grellneofarbenen Warnwesten, auf einheitlichen Leihbikes erinnern sie mich gelegentlich an Paviane. Steuerorgan ist bei den bestorganisierten Radtourpulks ein, mit Trillerpfeife bewaffneter Mensch, der genau trainierte Signale absetzt und so die zwanzig Fahrradruderer auf die richtige Seite kommandiert. Das funktionierte solange fast perfekt, bis ich mit Yoshi im Cargobike vorbeizog, da geriet die eine oder andere verzückte Radlerin schon mal aus der Spur.

Chart Zwei: Familienausflüge. Tagespensum oder mehrtägige Touren mit Übernachtung in B&Bs, Hotels, auf Zeltplätzen. Entspannte Elterngesichter, wenn die Brut im Kinderanhänger in den Schlaf geruckelt wurde. Anzeichen von Stress bei jenen, wo die halbwüchsigen Gören sich langweilen, über Hunger oder Schmerzen klagen und bei Laune gehalten werden wollen, weil der nächste Rasthof fünf Kilometer im Voraus angezeigt ist.

Chart Drei: Radrennfahrer. Markenzeichen zusammengebissene Kiefer, Insektenähnliche Riesenaugen in denen ich mich beim Entgegenkommen gespiegelt sehe, so groß und brillierend sind die windschnittigen Sonnenbrillen. Gegrüßt werden nur Fahrer, die sich oberhalb des gängigen Tempolimits von 3o Stundenkilometern bewegen. Unverhohlene Verachtung schlägt den E-Bikern entgegen.

Chart Vier: Mountainbiker mit riesigen Profilreifen und Fahrgeräuschen, die von überdimensionalen Hornissen verursacht worden sein könnten. Darunter gemütlich wirkende Typen mit Bierbäuchen, Hiphop-Ghettoblastern auf dem Lenker und einem amüsierten Grinsen beim Anblick des Yoshibikes.

Chart Fünf: Die Aliens….spacige, Elektrobetriebene Liegeräder mit weißen Tarnkappen, als ob sie dem CERN entsprungen sind und es mit der Lichtgeschwindigkeit aufnehmen wollen. Aber auch diverse Lastenräder Marke Eigenbau, und natürlich mein VeloLab Yoshibike….

Ohne eigenen Chart führe ich am Schluss noch eine Minorität an, die Wildcamper. Erfahrungen diesbezüglich kann ich nur meine eigenen vorweisen und natürlich, was die Survivalfetischisten in ihren Yotubekanälen zum Besten geben. Die Nächte, in denen ich nicht bei Freunden Obdach nehmen und keinen Campingplatz finanzieren konnte oder wollte, differenzieren sich in meiner Erinnerung vor allem durch eine Wahrnehmung: das Hören.

Wildschweingrunzen ließ mich Maisfelder mit einer Ausnahme immer meiden, schreckende Rehe waren so laut, dass ich sie nachts um drei fast schon neben dem Zelt wähnte. Entlang der Donau erwartete mich immer wieder Lärm von riesigen Maschinen. Eine Nacht erhoffte ich mir von einem asphaltierten Platz neben den Silomixern einer Umweltfirma ein bisschen Schutz vor dem Wild im angrenzenden Wald, da bei google maps verzeichnet war, dass man hier um acht Uhr morgens zu werkeln beginnen würde, überraschte mich der Schaufelbaggerlärm aus der nahegelegenen Kiesgrube nachts um zehn doch einigermaßen.

Entlang der Strecke Passau – Linz – Schönbühel wirkt es, als habe Österreich alle EU-Gelder in den, sicher sinnvollen Hochwasserschutz gesteckt, so wie in Italien der Autobahnbau auf der Prioritätenliste obenan stand.

Was die Baumaßnahmen betrifft, so lerne ich gerade Optimierung des Zeltaufbaus, ein Tart so aufs Bundeswehr-Sekundenaufbau-Zelt zu setzen, dass eine vernünftige Ablaufrinne verhindert, dass Yoshi und ich mit nassen Füßen hinter dem Moskitonetz aufwachen.

Zum Abschluss, da meine letzten Blogeinträge bei einigen Freunden den Anschein erwaeckten, dass alles immer nur anstrengend ist, das Gegenteil ist der Fall und diese Reise ist immer noch so großartig und jeden Moment neu. Bewegt von Dankbarkeit für meine Freunde, Menschen, die mir geholfen haben, für das VeloLab Cargobike und diese Möglichkeit, mit Yoshi zu reisen

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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