Deutschlandreise

Kaleidoskop

Innen und Außen können sich sehr verschieden anfühlen. Bestimmt können die meisten das Gefühl abrufen, wie der Blick sich verändert, wenn man ein Fernglas scharfstellt oder als Kind das Kaleidoskop vor dem Auge in vollem Lauf zu stoppen. Wie groß die Diskrepanz zwischen Empfindungen und der kollektiv terminierten Realität ist, hängt vom Individuum ab. Oder anders beschrieben, auf den Wanderungen, die meine Eltern mit uns Kindern oft unternahmen, galoppierte ich auf meinem imaginierten Pferd als Apache oder Blackfeet durchs Gelände. Dazu brauchte ich kein Indianerkostüm oder ein echtes Pferd. Ich war einfach so mit meiner Vorstellung verwoben, dass ich jederzeit glaubte, meinem Vater die Zügel in die Hand drücken zu können, damit er es neben der Saloontür anbinden würde.

Hier auf Sizilien bin ich unversehens in ein fremdes Tipi eingeladen worden, das eigentlich ein sizilianisches Haus aus dem 16. Jahrhundert ist, und seit meiner Ankunft hier schaue ich in ein Kaleidoskop. Mal in Zeitlupe, dann wieder, wenn ich im Kalender die Wochen verfliegen sehe, im Zeitraffer. Gelegentlich habe ich das Gefühl, keine Furt durch meine Fotoflut zu finden, doch dann wird deutlich, wie viel ich während der Exkursionen, der Ausflüge und der Zusammentreffen nicht wahrgenommen habe. Abends, bei Pasta, Gesprächen und Wein die Bilder auszusortieren, bereichert uns alle um Erinnerungen.

Addiert zu den gespeicherten Hörerlebnissen, Satzfetzen, Musikstücken, Radiogeplapper fungiert das Hirn selbst wie eine Kamera. Es ist schon so auf diese Ablichtungsoptionen geeicht, dass ich Bilder automatisch in Texte umzuwandeln suche. Plopp, springt ein Gesicht vor mir auf, der Nachbarsweingärtner ruft sich selbst in Erinnerung. Nicht allein, weil er mir so ein freundliches, zahnloses Lachen entgegenwarf, sondern auch, weil mich der Aufdruck auf seinem verschlissenen Basecap faszinierte: “König Ludwig”. In bester Frakturschrift gestickt. Allesandro grinste, glaubte, ich erfreue mich an der abgerissenen Sonnenblende seiner Mütze. Versuchte zu erklären, dass ihn die beim Weinanbau störe. Um gleich fröhlich weiterzuplaudern, dass er leider kein Deutsch spreche, auch noch nie weiter als bis nach Rom gelangt sei und sich ansonsten wahnsinnig freue, die Hunde und mich auf seinem Feld zu sehen.

Nicht gerade fotogen tropfte Postbotenschweiß dem armen Mann, der mir grad ein sechs Kilo-Paket in den Arm legte, von der Stirn. Hätte ich die Kamera zur Hand gehabt, ich hätte ihn gebeten, mich sein zweifelndes Grinsen ablichten zu dürfen, mit dem er mehrfach fragt: “Peso?Peso! Kaum vorstellbar, dass ein Bote in Deutschland so eine überaus höfliche Art an den Tag gelegt hätte, nachdem er samt Paket den Berg zum Haus hinaufgestiegen wäre. Steigung: 25%.

Gesichter zeigten sich, unsere eigenen und die der Pferde und Hunde nicht auf unserem Ausflug  durch die Alcantara-Schlucht nach Castiglione di Sicilia. Bis zu zwanzig Meter tief und bis zu  fünf Meter breit hat sich die Schlucht über tausende Jahre in das Lavagestein gefressen. Die Wände bestehen aus basaltischer Lava, die siliziumarm und reich an Eisen, Magnesium und Kalzium ist. Ein langsam erkaltender Lavastrom ermöglichte die Entstehung der prismischen, fünf- und sechseckigen Säulen.

Becirct vom himmelblauen Überhang über dem schneebedeckten Ätna, die Tiere vor byzantinischen Kapelle und mohnroter, ginstergelber Fauna wie gemalt. Nah am Kitsch ist es auch nicht immer einfach zu fotografieren. Da wir so gut wie niemandem begegneten, hielt uns auch niemand davon ab, in die vielen, verlassenen Häuser zu gehen. Um dort staunend wie Kinder mit offenem Mund in einem Palmento, einer ehemaligen Weinpresse zu erstarren. Ehrfürchtig drückte ich den Auslöser und speicherte vorsichtshalber noch ein paar Aufnahmen auf dem Handy.

In dieser Holztür, die von vertrocknetem Weinlaub umrankt den Eingang zu den riesigen, in die Erde eingelassenen Tanks und die Olivenholzpresse freigab, kehrte meine kindliche Fantasie zu mir zurück. Ungetrennt von Zeit und Ort erlebte ich, das barfuß im Weintraubenbottich-Stampfen. Ich konnte es fühlen, riechen, schmecken und das Lachen anderer Zeiten hören.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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