Journalismus

Magenknurren hinter Klostermauern

 

Pater Bernhard faltet gutmütig lächelnd die Hände über seinem beachtlichen Bauch. „Willkommen zum Fasten-Wochenende“, begrüßt der Dominkanermönch die achtköpfige, schnatternde Schar Frauen, die ihn im Foyer des Klosters umringen. Einige scheinen sich zu kennen, denn sie umarmen sich wie gute Freundinnen und wissen auch sofort, für welches Zimmer sie an der Rezeption den Schlüssel erfragen.

„Ich nehme immer die Erkerkammer im 2. Stock, da kann ich den ganzen Park bis hin zur Pferdekoppel überschauen“. Erika, eine rheinische Frohnatur mit Rollkoffer und Dauerwelle kommt seit zehn Jahren regelmäßig zum Fasten-Wochenende nach Walberberg. „Ach, es ist jedes Mal schön, die alten Hasen wieder zu treffen und neue Gesichter zu sehen. Wenn nur dieser Aufstieg nicht wäre!“ Sie keucht noch und auch ich bin auf den letzten Metern den Walberberg hinauf ins Schwitzen gekommen. „Aber hier oben wird man für alle Strapazen entschädigt“, mischt eine Frau namens Petra mit bunter Strickmütze sich in unser Gespräch. Einhellig bekennen die Beiden, sich zum Kurs anzumelden koste sie immer aufs Neue Überwindung. Aber bereits auf der 20minütigen Straßenbahnfahrt von Köln nach Brühl freuten sie sich dann auf die vor ihnen liegende Auszeit, die Stille, die Spaziergänge und die Meditationsrunden mit Pater Bernhard.

Der 58 Jahre alte Dominikanerbruder leitet das zur Tagungsstätte umgebaute Kloster seit fünf Jahren und hat auch die Fasten-Kurse eingeführt. Da Pater Bernhard ans Telefon gerufen wird und wir eine Pause bis zur ersten Sitzung haben, bin ich froh, von Erika und Petra durch die verwirrenden Flure und über die verwinkelten Treppenaufgänge folgen zu können.

Die Dielen knarzen ein wenig, als ich meine kleine Kammer betrete. Über dem Waschbecken brechen sich die rötlichen Strahlen der Nachmittagssonne. Das kleine Kreuz über dem Bett nehme ich ab und verstaue es mit meinen anderen Sachen im Kleiderschrank. Hoffentlich vertreibe ich damit nicht den guten Geist, der hier zu wirken scheint, denn jemand hat bereits die Fernheizung angestellt. Wie ich später erfahre, hat dieser gute Geist sich offenbar in den fünf Putzfrauen manifestiert, die emsig für das Wohl aller sorgen und jedes der 156 vorhandenen Zimmer reinigen. Dazu gehört auch, dass sie allen Gästen eine kleine Tafel Schokolade oder eine Tüte Gummibären aufs Kopfkissen legen.

Wie aufmerksam, dass sie uns Fastende stattdessen mit einer Mini-Flasche Quellwasser bedacht haben, denke ich und habe zum ersten Mal Zeit, mir über das vor mir liegende Wochenende Gedanken zu machen.

Der Blick über den Klosterpark mit riesigen Eichen und vereinzelten Nadelbäumen, die großzügige Wiesen säumen, lässt mich endlich wieder einmal richtig durchatmen. Zaghaft regt sich Freude auf die vor mir liegenden drei Tage.

„So geht es mir jedes Mal,“ bestätigt Petra, die mich zur Vorstellungsrunde abholt, mein Gefühl. Sie ist 29 und arbeitet als PR-Frau für Kosmetikfirmen in einer Hamburger Agentur. „Die meisten hier würde ich doch im normalen Leben nie kennen lernen, die würde ich glatt als zu spießig oder zu Öko abstempeln. Hier höre ich besser zu und sehe, was mir draußen gar nicht auffällt. Erika zum Beispiel ist doch echt lustig. Aber mit’ ner blondierten Dauerwelle wie ihr könnt ich mich bei meinen Kolleginnen in Hamburg nie zeigen“.

Klar, ich hätte mir auch nie träumen lassen, dass ich mal zum Fasten ins Kloster gehe, denke ich. Petra beschreibt die Fasten-Gruppen, an denen sie bisher teilgenommen hat, und ich höre heraus, dass sie reine Frauengruppen bevorzugt, weil es da „ruhiger, weniger konkurrenzbestimmt“ zugehe. Auch über das Fasten selbst erfahre ich viel von ihr: „Meist wurde aus spirituellen oder religiösen Gründen gefastet. Das eigentliche Heilfasten, wie wir es jetzt durchführen, wurde im letzten Jahrhundert durch den Arzt Otto Buchinger populär. Buchinger heilte durch eine strenge Fastenzeit seinen schweren Rheumatismus und etablierte die heute noch praktizierte Fastenmethode mit Tees, Mineralwasser, Gemüsebrühe, Obst und Gemüsesäften.“

„Wenn ich ehrlich bin, hab ich schnell am Bahnhof noch eine letzte Currywurst genommen“. Moni aus Berlin ist rot geworden, als sie vor versammelter Runde ihren vermeintlichen Frevel gesteht. Sie ist 35, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Dies ist erstes Wochenende in Walberberg und sie sei hier, weil sie sich nicht in die stylischen Fitness- oder Wellness-Tempel getraut habe. „Ich passe doch mit meinen Schinkenschenkeln in kein schwarzes Gymnastikdress!“ wirft sie ihre Vermutung fast wie einen Vorwurf in die Runde. Jemand kichert, aber Pater Bernhard hebt ruhegebietend die Hände. Jetzt, wo wir alle mit verschränkten Beinen auf dem Boden sitzen, wird mir klar, wie praktisch seine leinenfarbene Robe ist, er hat einfach die Rockschöße angehoben und sitzt schon zentriert im Schneidersitz, noch bevor ich die Falten meines quietschengen Gymnastikdresses zurechtgezupft habe.

„Ich empfehle Euch, bequeme Kleidung anzulegen. Ihr werdet mit dem Hunger und den aufkommenden Gedanken genug zu tun haben!“ empfiehlt der Pater lächelnd….unfinished

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: