Journalismus

Yakfleisch, Buttertee und weiße Kraniche

30. August, 5:30 Uhr, Kathmandu bei Sonnenaufgang

Es geht los. In einem Jeep wurden wir vom Reisebürobesitzer persönlich zum Flughafen gebracht. Letzte Hinweise zum Organisatorischen. In Lhasa, Tibets Hauptstadt wird uns ein tibetischer Guide namens Gompo erwarten. Dann ließ der Mann unseren kleinen Trupp allein. Wir sind zu viert: Yuriko, 31, Computerlehrerin aus Tokio, Bridget und Carlos, ein frischverheiratetes Mexikanerpaar, die seit einem halben Jahr in Großbritannien leben und beide in einer Bank arbeiten. Ich spendiere uns allen einen Kaffee und stelle mich vor: 35, Hamburg, Journalistin.

Nachmittag, Lhasa

Etwa eine Stunde, nachdem wir von Kathmandu abgeflogen waren, bot sich uns, die wir als einzige westliche Touristen zwischen den eher gelangweilten Chinesen die Nasen aufgeregt an den zerkratzten Flugzeugfenstern plattdrückten, ein wahnsinniger Anblick: Tibet, die größte und am höchsten gelegene Hochebene der Welt. Über 3000 Kilometer erstreckt sich die Himalaya-Kette und sie beherbergt obendrein alle 8000er Gipfel der Erde.

Neben allgmeinen Hinweisen wie: „Weder Filme noch Bücher können einen Besuch in Tibet ersetzen. Eine Reise nach Tibet ist eine unvergessliche Erfahrung.“ gibt mein Reiseführer auch nützliche Ratschläge, zum Beispiel, dass man von Oktober – März besser warme Kleider gegen die frostige Kälte dabei haben möge, während man von April – September mit leichter, sonnenschützender Bekleidung gut zurechtkäme. Neben einem Erste-Hilfe Set wird empfohlen, Wasser-Reinigungstabletten, Toilettenpapier, Taschenlampe, Schlafsack, bequeme Trekking-Schuhe, Staub-Maske, Taschenmesser, Sonnenhut, Sonnenbrille und Sonnencreme mitzunehmen. Ich mache mir nicht allzuviele Sorgen, dass ich außer einer Sonnebrille sowie dem Taschenmesser nichts von dem Gefragten vorweisen kann. Auch „Druckmaterial, das vom Chinesischen Staat als ungeeignet betrachtet wird“, weiß ich nicht in meinem Gepäck. Obgleich – woher will ich denn wissen, was die Besatzer welcher Kategorie zuordnen? Verboten ist auf jeden Fall der Export von Kunstgegenständen, die von vor 1959 stammen oder von Souvenirs die sie für übermässig teuer gehalten werden. Keiner von uns hat vor, sich mit gestohlenen Buddhastatuen abzumühen, uns genügen die jeweils etwa 20 Kilo Gepäck vollkommen.

Am Flughafen Lhasa Gonggar, der rund 96 Kilometer von Lhasa entfernt liegt, wartete dann nicht nur viel Militär, eine sehr strenge Kontrolle und unser tibetischer Guide, sondern auch eine böse Überraschung auf uns. Lange, nachdem wir ausführlich untersucht worden waren, rollte unser Gepäck auf dem winzigen Förderband heran. Als ich meinen Rucksack aufnehmen wollte, entdeckte ich, dass jemand mehrere Außentaschen geöffnet haben musste. Erschrocken versuchte ich herauszufinden, ob etwas fehlte. Die Liste dessen, was fehlt, liest sich seltsam: eine Taschenlampe, vier paar Stifte und, obwohl die Kreditkarte in derselben, kleinen Ledermappe versteckt war, wurde glücklicherweise nur die EC-Karte gestohlen. Entsetzt hatte ich der chinesischen Zollbeamtin das Malheur zu erklären versucht, doch war ihre Reaktion eindeutig: In China gäbe es keine Diebe, ich hätte meine Sachen sicher verloren. Sie würde mir nicht gestatten, mit meinem Theater den Grenzverkehr aufzuhalten. Ich wolle ein Formular, meinen Verlust zu melden? Für eine Asiatin, der man von Kindesbeinen an und erst recht beim chinesischen Militär beigebracht hatte, dass Gefühle etwas sind, was man unter keinen Umständen zu erkennen gibt, war ihre empörte Mimik geradezu eine Meisterleistung. Verwirrt, empört, aber schicksalsergeben trottete ich meiner wartenden Kleingruppe hinterdrein. Gompo, unser tibetischer Guide nahm uns – wie mir schien – kühl in Empfang. Mit seinem ledernen Hut, der von einer angelegten, handgenähten Krempe gesäumt wurde, wirkte er wie ein Indianerhäuptling, der ein paar verirrte Touristen ins Reservat führt und irgendwie ist die Situation ja auch nicht ganz unähnlich.

Hotel, 16:20

Da sind wir nun die Japanerin Yuriko und ich, atemlos von den paar Treppen in den ersten Stock und der dünnen Luft. Unser neues Zuhause für die nächsten drei Tage ist ein gewöhnliches Hotelzimmer, wie man es in osteuropäischen Ländern auch finden kann. Wir residieren 3.600 Meter über dem Meeresspiegel, auf dem „Dach der Welt“ und unsere Herzen, egal ob japanisch, mexikanisch oder deutsch, wummern gegen die Brustkörbe, als hätten wir Leistungssport betrieben. Yuriko macht die Höhe mehr zu schaffen als mir, sie hat Kopfschmerzen und Carlos, dem Mexikaner ist sogar übel geworden, er und Bridget haben sich hingelegt.

Unser erster Spaziergang war ein Spießrutenlauf, der unser aller Erschöpfung den Rest gab. Da niemand von uns chinesisches Geld hatte, mussten wir zunächst eine Bank finden. Nach unzähligen, gescheiterten Versuchen, im Hotel Hilfe zu finden, da keine der chinesischen Angestellten auch nur ein Wort Englisch spricht, standen wir zunächst ratlos herum. Niemand zeigt Interesse, Achselzucken und abweisende Gesten sind alles, was wir ernteten, bis Kassie, eine der beiden tibetischen Hotelbediensteten herbeieilte und versprach, uns zu begleiten. Eigentlich hatte sie bereits Feierabend, aber sie geleitete uns eineinhalb Stunden durch die Stadt, in jeder Bank übersetzte sie aufs Neue und geduldig unser Anliegen, bis wir endlich in der fünften Bank Geld tauschen konnten. Gerettet. Zum Dank laden wir Kassie, die eigentlich Kalsang Dölma heißt und im nordindischen Dharamsala Englisch an einer Schule für Exiltibeter lernen konnte, zum Mo-Mo-Essen ein. Sie führte uns in das tibetische Viertel, das nur wenige Touristen zu sehen bekommen und dort hinter einem blauen Vorhang in einen schmalen Raum mit vier Tischen. Lachende, fragende, überraschte und erfreute Gesichter, braungegerbt und faltig empfingen uns. Zwei jüngere Frauen, ein älterer Mann, ein etwa drei Jahre alter Junge und eine steinalt wirkende Großmutter machten augenblicklich Platz. Als ich mit ihrer Erlaubnis filme, zerrt die Großmutter den Jungen lachend vor die Kamera und rückt ihn so ins Bild, dass man das Adidas-Logo auf seiner schmutzig-gelben Fliesweste auch ja deutlich sehen kann. Die Kindsmutter eilte herbei, auf Kassies Rat bestellten wir das tibetische Nationalgericht Mo-Mo und ja, wir hörten richtig: Coca-Cola.

Während die beiden Mexikaner noch immer mit der Höhe zu kämpfen hatten und auch Yuriko erschöpft wirkte, unterhielt ich mich mit Kassie und erfuhr dabei ihre unglaubliche Geschichte. Ihr ältester Bruder hatte sie als Baby in einer Tasche über die Grenze nach Indien geschmuggelt und in Dharamsala im Flüchtlingsheim der Obhut einer entfernten Verwandten überlassen. Die heute 23Jährige hatte Glück, weil sie auf die – von der Schwester des Dalai Lama eingerichteten – Schule gehen und bis zu ihrem 17. Lebensjahr eine umfassende Ausbildung sowie buddhistische Unterweisungen erhielt. Dann jedoch häuften sich die Nachrichten aus Tibet, dass man ihre Familie unter Druck setzte, wenn sie nicht nach Lhasa zurückkehre. Wie sollte sie einschätzen, ob die Besatzer ihre Drohungen wahr machen würden, also gehorchte sie und kehrte in ein Land zurück, das sie nicht kannte und das doch ihre Heimat war. Kassie, deren breites Gesicht bisher ohne Unterbrechung ihr fröhliches, optimistisches Naturell wiederspiegelte, zeigte zum ersten Mal Trauer, als sie mir von Kunchok, ihrer besten Freundin in Dharamsala und der Schule erzählte, die sie sehr vermisste.

Hätte ich nicht von ähnlichen Schicksalen, tragische Geschichten von monatelangen Fluchtversuchen über den Himalaya, erfrorenen Füßen und erschossenen Tibetern gelesen, ich wäre vermutlich ein wenig ungläubig gewesen. Kaum, dass Kassie unsere entsetzten Gesichter beim Anblick der aufgetischten Mo-Mos sah, steckte sie mich wieder mit ihrem breiten Lachen an. Da unsere kleine Touristenrunde aus tibetischen Restaurants in Nepal nämlich zu wissen glaubte, wie die hiesigen Teigtaschen auszusehen hatte, waren wir bei dieser Art yakfleischgefüllter Brotdönern doch überrascht. Bisher hatten wir angenommen, Mo-Mos seien Fleisch oder Gemüse, manchmal auch nur Zwiebeln in zarten Teig gehüllt. Der strenge Geruch des Yaks war für Carlos zuviel, er schaffte es gerade noch auf die Straße, um tief durchzuatmen. Wir anderen kämpften uns tapfer durch die Riesenportionen, spülten das schwere Mahl wacker hinunter mit dem süßen Sirup, der trotz chinesischen Aufdrucks auf der rot-weißen Dose fast wie echte Coke schmeckte. Eigentlich mundete dieser tibetische Burger gar nicht so schlecht, es war eben nur sehr ungewohnt. Überhaupt konnten wir froh sein, nicht auch noch sofort mit der anderen, vielbeschworenen tibetischen Spezialitäten wie Tsampa oder gar Buttertee konfrontiert zu werden.

Bei dem berühmten schwedischen Reisenden Sven Hedinhatte ich mich mit den tibetischen Gerichten ein wenig vertraut gemacht, er schrieb: „Sampo Singi führte wieder das Wort und stellte seine mitgebrachten Delikatessen der Reihe nach neben unser Feuer: einen großen glänzenden Fettklumpen, einen Napf saure Milch, eine Holzschale mit Käsepulver, eine Kanne Milch, einen Klumpen Sahne und ein prachtvolles Schaf — konnten wir uns ein lukullischeres Frühstück wünschen? Das Käsepulver ist ein Bestandteil der Tsamba, die im übrigen aus Mehl, Tee, Fett- und Butterstücken, manchmal auch einigen Streifen rohen, gedörrten Fleisches besteht. Alles dieses wird von den schmutzgepanzerten Fingern der Eingeborenen in einer Schale gut durcheinander gerührt. Die saure Milch war das Allerbeste, dick, weiß und säuerlich. Ich bin kein Kostverächter, aber nie hat mir etwas so gut geschmeckt wie diese »Scho« der Tibeter; Austern und Champagner sind damit verglichen einfach Humbug. An die von den Mongolen leidenschaftlich geliebte Tsamba konnte ich mich jedoch nie gewöhnen.“

Abends

Yes, Brad Pitt, the german man“ wiederholt meine japanische Zimmergenossin kichernd, dann versucht sie es mit „Buddha, blond“ und wieder mit „Brad Pitt“, bis ich endlich verstehe, sie sei wegen der amerikanischen Verfilmung der Harrer-Biografie „Sieben Jahre in Tibet“ hergekommen. Verlegen nickt Yuriko: „Yes, yes!“ Und meint das ernst, also versuchte ich gar nicht erst, darüber nicht zu spotten. Nachdem ich ihr gebeichtet habe, dass ich wegen einer Reinkarnations-Phantasie nach Tibet wollte, müssen wir beide lachen und prosten uns mit dem Jasmintee zu, der in einer Thermoskanne bereit steht. Zufrieden widmen wir uns unseren jeweiligen Reiseaufzeichnungen und können es doch nicht lassen, wieder und wieder aus dem Fenster zu schauen.

Dort drüben, nur wenige hundert Meter entfernt, thront auf dem „roten Hügel“, einem Felsmassiv, der Potala!

Majestätisch, eigenartig, unberührbar, (…), ein Monument wie aus einer anderen Welt“ schwärmt der Autor meines Reiseführers und stünde ich nicht selbst mit ähnlichen Empfindungen hier, ich hätte diese Beschreibungen als schwülstig abgetan.

Das Gesamtbild erinnert an eine kunstvolle Festung in Weiß, gekrönt vom rotbraunen Mittelteil. In seiner unkonzentrischen Bauweise, mit zahllosen Vorsprüngen, ineinander verschachtelten Gebäuden, grazil eingepassten Treppen und Rundungen schmiegt sich das Wahrzeichen Tibets 110 Meter über der Stadt an den Fels. Das 360 Meter lange Bauwerk, das 13 Stockwerke hoch ist, wird von einer Fassade aus bis zu fünf Meter dicken Mauern gehalten. Dahinter verbergen sich, so sagt man jedenfalls, 999 Räume auf einer Fläche von 130.000 Quadratmetern.

Der zentral auf der Spitze gelegene „Rote Palast – Phodrang Marpo“ war bis zu seiner Flucht vor den Chinesen im Jahr 1959 der Winter-Wohnsitz des amtierenden 14. Dalai Lama.

Ursprünglich hatte der berühmte tibetische Herrscher Songtsen Gampo eine Residenz auf dem Marpori bauen lassen, doch blieben nach der Zerstörung durch chinesische Truppen nur zwei Räume erhalten, erfahre ich in meinem Dumont-Reiseführer, den ich übrigens während der Reise sehr schätzen lerne.

Der Grundstein für den heutigen Potala wurde 1645 vom Fünften Dalai Lama gelegt. Die Arbeiten am unteren Teil, dem Weißen Palast, wurden 1648, also noch zu Lebzeiten des Bauherrn abgeschlossen. Aber erst zwölf Jahre nach seinem Tod stellte man das rotbraune Obergeschoss, den „Roten Palast“ fertig.

Ein anderer Reiseführer, ein dünnes Büchlein von 1994, gibt mir den Rat, ich solle in dem schönen Park meditieren, „während sich im See vor Ihnen die Rückseite des Potala spiegelt“. See? Spiegelung? Tatsächlich, ein Foto von 1994 bestätigt, was ich, weil davon nichts zu sehen ist, nicht glauben mag: der Palast vollendet gedoppelt in einem türkisblauen See an seiner unteren Horizontalen.

Was hatte ich denn vorzufinden gehofft, rüge ich mich selbst angesichts der Naivität, mit der ich anreiste und deretwegen ich nun enttäuscht bin? Die einst „Verbotene Stadt“, den sagenumwobenen Sitz des Dalai Lama, die Stadt Heinrich Harrers und Alexandra David-Nèels? Hatte ich denn angenommen, mehr als 50 Jahre chinesischer Besatzung wären spurlos an Lhasa vorüber gegangen?

Tibet war, bis es 1949 von China annektiert wurde, ein souveräner Staat mit eigener Staatsgewalt, und eigener Währung. Weil der Kampf der Tibeter gegen die chinesische Armee aussichtslos und sie vor allem von der Weltöffentlichkeit allein gelassen worden waren, spielten die Besatzer ihre Macht ungehindert aus. Am 10. März 1959 schließlich gab es einen aufsehenerregenden Aufstand in Lhasa, der brutal niedergeschlagen wurde und bei dem nach offiziellen chinesischen Angaben 87.000 Tibeter umkamen. Man muss annehmen, dass diese Zahl weit untertrieben ist. In den darauf folgenden Jahren starben mehr als 1 Million Tibeter durch Hunger, Hinrichtung, Folter, Terror und Selbstmord. Die rücksichtslose Zwangskollektivierung vernichtete jegliche traditionelle Lebensgrundlage der Bauern und Nomaden. Kassie erzählt uns, dass ein Sprichwort besagt: Ein Chinese, der nach Tibet zieht, kommt mit einem an, mit fünf Koffern geht er heim. Bei einem Spaziergang mit Kassie erfahre ich, dass die Arbeitslöhne und Beamtengehälter in der sogenannten Provinz Tibet die höchsten in ganz China sind; zu über 30 Prozent bestehen sie aus Höhenzulagen, Steuererlässen und anderen Prämien. Für einen chinesischen Lehrer bedeutet das ein fünffaches Gehalt dessen, was er in China verdienen könnte. Leicht zu erraten, welche Ziele die chinesische Regierung unter Deng Xiaoping mit dieser Politik – offenbar erfolgreich – anstrebte, denn mittlerweile stehen den circa sechs Millionen Tibetern bereits 7,5 Millionen Chinesen gegenüber. Besonders erschreckend sei – so Kassies Einschätzung – dass in den Schulen nur noch Chinesisch gelehrt, auf die tibetische Kultur oder buddhistische Religion überhaupt nicht eingegangen werde und, so Kassie weiter, das führe dazu, dass tibetische Kinder tatsächlich glaubten, es sei erstrebenswert, der traditionellen Lebensweise abzuschwören und statt dessen den Machthabern Folge zu leisten.

Neugeschaffene Arbeitsplätze werden vorrangig von Chinesen besetzt, auf einer schweizerischen Buddhisten-Webseite ist von rund 30.000 arbeitslosen Tibetern die Rede.

Doch damit nicht genug, unter chinesischer Herrschaft wurden über 6.000 Klöster zerstört, in den 13 übriggebliebenen verlegten die Militärs sich „nur“ aufs Plündern. Alle Kulturgüter, derer die Chinesen habhaft wurden wie Buddhastatuen, wertvolle Bücher oder buddhistische Reliquien brachten sie, so sie diese nicht bereits blindwütig zerstört hatten, nach Peking, schmolzen sie dort ein oder verschacherten sie, als man ihren Wert erkannte, an westliche Sammler.

Im Namen der „friedvollen Befreiung Tibets“ folterte man Mönche und Nonnen öffentlich, man schreckte auch nicht davor zurück, sie zu töten und noch bis 1979 wurde jede Art Religion und deren Ausübung gewaltsam verhindert. Willkür, Folter, politische, religiöse und kulturelle Unterdrückung sind seit nunmehr über 50 Jahren und bis heute an der Tagesordnung. Entgegen öffentlicher chinesischer Behauptungen jüngeren Datums gibt es auch heute noch keine Religionsfreiheit, wenn auch die Methoden der Unterdrückung raffinierter und weniger auffällig sind.

Subtile Vernichtung, ist genau, was ich direkt vor Augen habe: Denn zum Beispiel dort, wo noch vor sieben Jahren der See schimmerte, donnern nun chinesische Taxifahrer in ihren grün-weißen Gefährten über eine vierspurige, riesige Straße, die einmal quer durch Lhasa betoniert wurde. Ganz zu schweigen von dem grässlichen Asphaltplatz, dem der See ebenfalls weichen musste: Eine chinesische Flagge und ein paar asiatische McDonalds-Imitationen, laute Popmusik aus Plastiklautsprechern vor Kiosken, in denen gelangweilte pubertierende Chinesinnen ihre Nägel lackieren – das soll demonstrieren, wer die Macht hat. Ein solcher Platz eignet sich bestens, um dort Aufmärsche, militärische Demonstrationen oder Apelle stattfinden zu lassen, und er ist in den Augen der chinesischen Besatzer just an der Stelle wichtig, wo ein ganzes Volk seine Sehnsüchte gebündelt hatte. Denn der Potala war und ist das große Heiligtum für die Tibeter, nur der Berg Kailash besitzt noch eine ebensolche spirituelle Bedeutung. Über Jahrhunderte hinweg verkörpert der Winterpalast den Pilgertraum eines jeden Buddhisten, und in Tibet gibt es fast ausschließlich Anhänger der verschiedenen buddhistischen Schulen sowie eine Minderheit, die der Bön-Religion zuzurechnen ist, und selbst für jene gilt: einmal den Potala sehen und…nein, nicht sterben, sondern gesegnet leben. Monatelang wandern Pilger, ganze Familien, Nomaden aus verschiedensten Landesregionen in die Hauptstadt, um einmal sich einmal vor dem Sitz dessen zu verneigen, was für sie die Reinkarnation des Avalokiteshvara-Buddha (auch Tschenrezig genannt) ist, dem Buddha des grenzenlosen Mitgefühls, als dessen Emanation der 14. Dalai Lama gilt. Auch wenn Tibets Oberhaupt seit Jahrzehnten gezwungen ist, im nordindischen Dharamsala im Exil zu leben.

Selbst für mich, die ich mich ernsthaft erst seit einem Jahr mit buddhistischem Gedankengut vertraut mache, und die obendrein einer andern Schule als der des Dalai Lama angehört, ist der Potala ein heiliger Ort. Für Nichtgläubige könnte man auch sagen: ein Kraftfeld oder einfach ein architektonisches Wunder.

Kassie hat versprochen, uns morgen – entgegen allen Vorschriften und auf eigene Faust – noch mehr von dem zu zeigen, was übrig geblieben ist für die Tibeter in Lhasa.

31. August 2001, Lhasa

Yuriko und ich haben verschlafen, jemand klopft schüchtern, aber unablässig gegen die Tür. Es ist Bridget, ich vertröstete sie um zehn Minuten und rang um Luft, schnell aufzustehen ist hier oben spannend wie ein Abenteuer, man wird sofort daran erinnert, dass nichts normal, nichts wie gewohnt ist: allein das Atmen bedeutet Anstrengung und Konzentration. Die Toilette ist verstopft, Yuriko hat einen handgeschriebenen Zettel an den Clodeckel geheftet: „It’s not working“. Ich glaube, es ist ihr so peinlich, dass sie ihr Verschlafen vorgetäuscht hat und es geht ihr schlechter, als sie zugeben mag. Plötzlich bin ich froh, dass ich keine Schwierigkeiten habe außer dieser Atemnot und leichten Kopfschmerzen.

Kalsang hat mit den Mexikanern vereinbart, dass sie uns heute Abend ins tibetische Viertel mitnehmen wird, vormittags werden wir mit Gompo zum Kloster Drepung fahren. Offenbar hatten Carlos und Bridget eine schlaflose Nacht, sie wirken erschöpft und versuchen gerade, als Yuriko und ich in die Lounge kommen, verzweifelt, das Zimmer zu wechseln. Dass Kalsang unvorhergesehen Dienst machen muss, ist für uns sehr nützlich, denn erneut ist sie die einzige im Hotel, die uns helfen kann. Geduldig und freundlich weist sie jemanden an, das Toilettenproblem zu beseitigen, beschafft den Mexikanern einen neuen Raum, in dem sie nicht vom nächtlichen Kneipenlärm im Innenhof gestört werden und sie macht den chinesischen Hotelangestellten klar, dass wir gern frühstücken würden. Es dauert eine Weile, bis wir in das hoteleigene „Lucky Horse Restaurant“ eingelassen werden. Dem Müll auf den Tischen nach zu urteilen, hatte es heut nacht ein ausführliches Gelage gegeben. Kassie stöhnt bedeutungsvoll, aber auch belustigt, ja, eine zehnköpfige Gruppe chinesischer Beamter aus Tsing Tao habe gestern noch sehr spät im Hotel eingecheckt. Lustlos und müde blättern wir in der Speisekarte, die zwar in Englisch geschrieben, aber ansonsten eine Enttäuschung ist. Erst recht nach Erhalt der Bestellung, denn der Kaffee ist eine Katastrophe, die Toasts sind hart und was „ham and eggs“ sein sollten, schmeckt wie gebratenes Pappmaché. Hinter dem Tresen kämpft der Kellner offensichtlich sowohl mit dem Küchenmanagement als auch seinem Kater. Dank Kalsang bekommen wir von ihm dann doch eine zweite Runde Kaffee und mein Ärger über die bisher eher unerfreulichen Begegnungen verraucht mit ihrem Lachen: Nein, die Chinesen erachteten es nicht für notwendig, Englisch zu lernen. Auch wenn sie schon Jahre hier lebten, erzählt Kassie, wäre es unter ihrer Würde, auch nur ein Wort Tibetisch zu sprechen. Dass ich empört bin, weil es die Chinesen sind, denen der Großteil unserer Reisekosten in die Taschen fließt – und das sind pro Person circa 1000-Dollar für diese 10-Tage-Reise – die jeder von uns bezahlt hat, scheint Kassie zu irritieren. Nur weiß ich nicht, ob es die hohe Summe oder meine naiven Erwartungen sind. Ja, gebe ich zu, ich habe Vorurteile gegen die Chinesen hier in Tibet, es ist mir zuwider, nicht mit tibetischer Währung bezahlen zu können, sondern Yuan benutzen zu müssen, mit denen ich dann obendrein ein System erhalten helfe, das ich nicht mag.

Kassie fragt neugierig nach dem Mauerfall in Ostberlin: Für sie bin ich die erste echte Zeugin eines Vorgangs, den sie sich für Tibet auch wünschte: Vor nicht allzu langer Zeit konnte ich hautnah miterleben, wie die Kommunisten nach 40 Jahren ihren dogmatisch geführten Staat und das Einsperren von Menschen aufgeben mussten. Klar, dass Kalsang meine begeisterte Schilderung der Novemberrevolution interessiert anhört, und zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, es nutzt jemandem, wenn ich von unserem Widerstand, unserer Revolution berichte. Auch wenn zu fürchten steht, dass die Opposition in der DDR auf mehr Hilfe von außen bauen konnte, als irgendeiner der tibetischen Inhaftierten sich jemals wird erhoffen können.

Vor meiner Reise hatte ich viel im Netz herumgestöbert, um ein wenig auf dem Laufenden zu sein, was die Situation in Tibet anging. Gefunden hatte ich Berichte über den Gebrauch von Viehtreiberstöcken und Elektroden, Einzelhaft, Folter, gegen die niemand ernsthaft Einspruch erhebt. Ngawang Jhampa, zum Beispiel, ist eine Nonne, die 1989 wegen Teilnahme an einer Protestaktion arrestiert wurde und nach ihrer Flucht in die Schweiz ihre Hafterlebnisse schildert:

„Ich wurde mit Stühlen, Stöcken und elektrischen Viehstöcken geschlagen. Letztere wurden mir in den Mund gesteckt und herumgedreht. Währenddessen wurde mir viel Blut entnommen, so dass der Körper sehr schnell geschwächt wurde. Die Wärter schlugen mir mit diesen Stöcken auch auf den Kopf und traten mir in den Bauch… Neun Tage ließ man mich ohne Essen in meiner Zelle liegen. (…) Nach zwei Jahren kontinuierlicher Schläge, Unterernährung und gewaltsamen Blutentnahmen war mein Körper zu Tode geschwächt.“ Oder die 23jährige Nonne Gyaltsen Chodon, die auch auf der schweizerischen Tibetseite zitiert wird: „Sie traten mit ihren schweren Stiefeln, die mit Eisenspitzen versehen sind, auf unsere Hände, schlugen uns ins Gesicht und in den Bauch. Sie stülpten Eimer mit Urin und Kot über unsere Köpfe, die Wärter schlugen mit Stöcken auf die Eimer und brüllten vor Lachen, als die Exkremente an unseren Gesichtern und Körpern herunterliefen… Sie nahmen das Momo (Teigtasche), das unser Mittagessen sein sollte, tauchten es in den Kot und zwangen uns, es zu essen.“

Als wolle der Zufall mir die Grausamkeiten noch deutlicher ins Bewusstsein rufen, gerate ich auf der Suche nach einer Toilette in einen Hinterhof. Im zweiten Stock residiert die örtliche Polizeiwache – ich traue meinen Augen kaum, die Fenster sind zugekleistert mit Fotos von inhaftierten Tibetern. Menschen, denen die Folter ins Gesicht und auf die entblößten Körper geschrieben sind, wurden offenbar gezwungen, in eine Kamera zu schauen und ich kann mir diese Galerie des Schreckens nicht anders erklären, als dass man sie zur Abschreckung präsentiert. Und richtig, nachdem ich mit vor Angst, erwischt zu werden, rasendem Herzen die Szenerie filme, damit ich sie Kassie und meinen Freunden zu Hause zeigen kann, bestätigt Kalsang meine Vermutung. Sie deutet vorsichtig an, Bekannte zu haben, die noch immer inhaftiert sind und bittet mich immer wieder, leiser zu reden. Es wäre besser, vorsichtig zu sein, auch wenn niemand außer uns im Restaurant weilt.

Vor dem Fenster, auf der vierspurigen Hauptstraße, wo eben noch vermummte, mundschutztragende Gestalten fegten, regt sich nun das erwachende Großstadtleben. Eine Bettlerin mit einer Krücke, Mönche an einem Telefonautomaten, eilige Uniformierte, fliegende Händler mit Bergen von importierten und unbezahlbarem Obst oder fahrbaren Grillstationen, in denen Hühnerkrallen geröstet werden, rauchende Taxifahrer, die auf Fahrgäste warten.

Weil der Kleinbus des Reisebüros scheinbar nicht verfügbar war, wies Gompo den Fahrer unseres Taxis an, uns zum Kloster Drepung zu bringen, das etwa zehn Kilometer westlich der Hauptstadt liegt.

Mit mehr als 10.000 Mönchen war die 1416 gegründete religiöse Universität Drepung bis zum Einfall der Chinesen das größte Kloster Tibets. Meinem Reiseführer entnehme ich, dass Drepung die ehemalige Residenz der Dalai Lamas und somit stets das politische Zentrum der Gelugpa darstellte. „Die Äbte von Drepung fungierten“, so Autor Everding, „als Vermittler in Kriegsangelegenheiten und verfügten über eine einflussreiche Position, wenn es um die Benennung von Regenten oder die Identifizierung des Dalai Lama ging.“

Yuriko und Bridget wollen noch Butterlampen kaufen, so nutzte ich die Pause, Gompo nach dem Buddhismus im Allgmeinen und den verschiedenen buddhistischen Schulen im Besonderen zu fragen.

Der tibetische Buddhismus

An der Spitze der tibetischen Theokratie steht, und das gilt trotz der Besetzung, der Dalai Lama als religiöser und politischer Führer. Obgleich er natürlich aus dem indischen Exil heraus nicht mehr uneingeschränkt regieren kann.

Darüber hinaus ist er neben dem Panchen Lama auch eines der Oberhäupter der Gelugpa-Schule.

Die Gelugpa (Tugend) oder – wegen der typischen Kopfbedeckung der Mönche – Gelbmützen genannten Schule, wurde um 1400 vom Tsongkhapa gegründet. Der Reformator schuf eine neue Lehrauslegung und wandte sich vor allem gegen den damals um sich greifenden Verfall mönchisch-zölibatärer Disziplin. Schnell verbreiteten die Gelugpas sich und machten mit ihren großen Lehrzentren Drepung, Sera und Ganden von sich reden. Charakteristisch für die Gelugpa-Doktrin ist das intensive Studium der Lehren sowie Diskussionen über philosophische Sachverhalte.

Oberhaupt der Linie ist der Dalai Lama, der nach seinem Tod – wie die Führer anderer Schulen auch – als Reinkarnation wieder gefunden werden muss. 1642 übertrug man zum ersten Mal einem, nämlich dem 5. Dalai Lama die höchste weltliche Autorität über ganz Tibet und beauftragte ihn mit der Bildung einer Regierung.

Dass die Dalai Lamas Reinkarnationen sind, sie bereits als Kinder mit buddhistischen Lehren vertraut gemacht werden und gut beschützte Landesoberhäupter sind, verhinderte offenbar nicht, dass sowohl der 9., 10., 11. und 12. Dalai Lama allesamt schon in jungen Jahren ermordet wurden.

Die Dalai Lamas

Innerhalb der Gelugpa-Linie war Gedundrup (1391-1474), ein

Neffe Tsong Khapas der erste Führer, der Hinweise für seine Auffindung gab. Damit folgte er dem Beispiel der Oberhäupter der Karma-Kagyü-Schule, den Karmapas.

Dritter Dalai Lama wurde Sonam Gyatso (1543-1588), der von Altan Khan, den Titel »Ta Le«, erhielt, was auf Mongolisch „Ozean“ bedeutet und eine Anspielung darauf ist, dass sein Wissen so groß und weit wie der Ozean sei. Seinen beiden Vorgängern als erster beziehungsweise zweiter Dalai Lama wurde der entsprechende Titel posthum verliehen. Lobsang Gyatso, der fünfte Dalai Lama, hatte eine derart ungewöhnliche Ausstrahlung, dass er auch als „der große Fünfte“ in die Annalen einging. Er errichtete viele neue Klöster und wies den Gelugpas große Ländereien mit vielen Leibeigenen zu. Ebenfalls in seiner Amtszeit eingeführt wurde das spezifische tibetische Regierungssystem, das bis zur chinesischen Besetzung Gültigkeit behielt. Der fünfte Dalai Lama wird immer wieder als weiser und toleranter Herrscher beschrieben, unter dessen Regierung in Tibet ein Gefühl nationaler Stärke und Einheit wachsen konnte. Noch heute drückt sich in seinem Amtssitz, dem Potala, in dessen unglaublich schöner Architektur seine kreative Herrschaft aus.

Der nach dem Tod von Lobsang Gyatso eingesetzte Regent verheimlichte dessen Tod lange Jahre unter dem Vorwand, das tibetische Oberhaupt habe sich in tiefe Meditation zurückgezogen, um so die Einigkeit Tibets aufrecht erhalten zu können, bis die Reinkarnation gefunden wurde. Doch fand man einen sechsten Dalai Lama, der sich als religiöser und politischer Führer offenbar nicht eignete. Dichtkunst (er hinterließ wunderschöne Gedichte) interessierten den Sechsten weitaus mehr als politische Machtinstrumente und – was noch viel schwerer wog – er genoss die Freuden des weltlichen Lebens. Im Einvernehmen mit den Mongolen schickte man ihn an den Qing-Hofes nach Peking ins Exil (er starb auf dem Weg dorthin unter ungeklärten Umständen) und erkannte ihm die Reinkarnation als Dalai Lama ab.

Nach seinem Tode verbreitete sich das Gerücht, er habe sich in einem neuen Körper in der Provinz Kham neu emaniert, was der Vorahnung in einem seiner Gedichte entspräche:

Weißer Kranich,

leih mir deine Schwingen!

Ich gehe nicht weit fort.

Habe ich Li Thang (Kham) umkreist,

kehre ich zu dir zurück.

Unter solchen Umständen offenbarten sich immer wieder auch die Schwächen des Reinkarnationssystems. Dennoch muss man hervorheben, dass ein Junge, der ab seinem maximal achten oder neunten Lebensjahr in die Führung einer Regierung eingewiesen wird, der lernt, Verantwortung für sein Volk unter spirituellen und weltlichen Aspekten zu tragen, in den meisten Fällen bessere Voraussetzungen besitzt als man das von herkömmlichen, beispielsweise europäischen Politikern behaupten kann.

Mit dem 13. Dalai Lama trat wieder eine charismatische Persönlichkeit ins Rampenlicht, Tibet unternahm unter seiner Herrschaft erste Modernisierungsversuche. Eine zweite wichtige Aufgabe erforderte viel diplomatisches Geschick und Weitsicht: Tibet lancierte zwischen China einerseits und England oder vielmehr der indischen Kolonie andererseits (bis 1918 meldete sogar noch der russische Zar Mitspracherechte an), Besitzansprüche mussten geklärt und in unantastbaren Verträgen festgelegt werden.

Definitiv wollte der 13. Dalai Lama Tibet als einen von China

unabhängigen Staat anerkannt wissen.

Mit einer solchen Haltung musste er natürlich auf den Widerstand der an Tibet interessierten Kaiserdynastie rechnen. 1904, als britische Truppen Lhasa besetzten, und 1910, als die Mandschus in einem letzten Kraftakt Tibet zu einer Provinz Chinas machen wollten, war der Vorgänger des 14. Dalai Lama sogar gezwungen, ins Exil zu gehen. Doch kehrte er 1913 nach Lhasa zurück, um dort erhobenen Hauptes Tibets Unabhängigkeit zu erklären. Mittels Modernisierung und Zentralisierung der bis dahin mittelalterlich strukturierten Landes-Verwaltung suchte der 13. Dalai Lama Tibets Status als souveräne Staatsmacht zu stabilisieren. Er hoffte, die Briten als Schutzpatron gegen China einsetzen zu können. Doch hatte das Staatsoberhaupt nicht nur mit Widrigkeiten auf dem internationalen Parkett zu kämpfen, denn innerhalb der konservativen Lama-Aristokratie formierte sich ebenfalls Widerstand. Zu allem Überfluss suchte der damalige Panchen Lama auch noch politisches Asyl in China. Am 17. Dezember 1933 starb der große Tibetreformator und hinterließ ein Testament, das fast prophetisch vor den drohenden Gefahren durch den Kommunismus warnte.

Über seine Auffindung hat der berühmte 14. Dalai Lama Folgendes berichtet: „Bei kleinen Kindern, die Reinkarnationen sind, ist es üblich, dass sie sich an Gegenstände und Personen aus ihrem vorigen Leben erinnern. Einige können auch heilige Schriften zitieren, ohne daß man es sie gelehrt hat. (…) So hatten die Würdenträger zwei völlig gleiche schwarze Rosenkränze bei sich, von denen der eine aus dem persönlichen Besitz des Dreizehnten Dalai Lama stammte. Als sie mir beide darboten, ergriff ich denjenigen, der ihm gehört hatte, und legte ihn mir – wie man mir später erzählte – um den Hals. (…)

Darauf hielten sie mir zwei Trommeln hin, eine kleine, die der

Dalai Lama dazu verwendet hatte, sein Gefolge zusammenzu-

rufen, und eine größere, viel reicher geschmückte Trommel mit

goldenen Beschlägen. Ich wählte die kleine und begann sie so zu

bearbeiten, wie man es während des Betens tut. Zuletzt wiesen

sie mir zwei Wanderstäbe. Ich fasste den falschen an, hielt dann

inne und betrachtete ihn eine Weile; schließlich nahm ich den

anderen, der dem Dalai Lama gehört hatte, und behielt ihn in

der Hand. Über mein Zögern verwundert, fand man später her-

aus, daß auch der erste Wanderstab eine Zeitlang vom Dalai

Lama benutzt worden war.“ Am 22. Februar 1940 fand schließlich – nach der Bewältigung zahlreicher Hindernisse – die Inthronisierungszeremonie statt.

Der Name seines Nachfolgers steht in engem Zusammenhang mit den weiterführenden Reformversuche. Wie von seinem Vorgänger vorhergesagt, muss sich der 14. Dalai mit der anhaltenden Bedrohung Tibets durch die Chinesen auseinandersetzen. Für seine Bemühungen, den Konflikt gemäß der buddhistischen Lehren gewaltfrei zu lösen, erhielt er 1989 den Friedensnobelpreis. Ungeachtet dessen weigert sich die chinesische Führung seit Beginn der neunziger Jahre, überhaupt Dialoge mit dem Oberhaupt Tibets zu führen.

Andere Richtungen

Karma Kagyü ist eine weitere der großen buddhistischen Schulen. Sie geht hauptsächlich auf den tibetischen Übersetzer Marpa (1012-1098) zurück. Er war auf seinen Indienreisen den Tantrikern Tilopa und Naropa begegnet, welche ihn in die Praxis des Vajrayana (des großen Weges) einführten. Auch einer der berühmtesten Yogis, Milarepa, gehörte der Kagyü-Schule an. Als Linie der direkten mündlichen Überlieferung legt sie besonderen Wert auf die Praxis der Meditation und die unmittelbare Verwirklichung durch die direkte Übertragung des Lehrers. Oberhaupt der Linie ist die jeweilige Wiedergeburt des Karmapa, sie wird seit dem 12. Jahrhundert ununterbrochen gehalten. Heute geben buddhistische Lehrer wie Künzig Shamarpa, Lopön Tsechu Rinpoche, Gendün Rinpoche und andere die östliche Übertragung weiter. In mehr als 300 anderen Zentren der Welt, darunter auch in Hamburg, bekommen wir die grundlegenden Einweisungen von Lama Ole Nydahl, einem Dänen, der vor 30 Jahren direkt durch den 16. Gyalwa Karmapa angewiesen wurde, den Buddhismus im Westen zu lehren.

1073 legte Khön Könchog Gyelpo den Grundstein für das Kloster Sakya und damit für die vierte der großen Richtungen, die Sakyapa-Schule, deren Verbreitung lange Zeit auf die Grenzregion zwischen West- und Zentraltibet beschränkt blieb und – soweit ich weiß – auch heute die kleinste der vier Schulen ist.

Je länger wir uns unterhielten, desto mehr imponierte Gompo mir in seiner ruhigen, wissenden Art, Dinge zu schildern. Er war der einzige aus seiner Familie, der noch in Tibet lebte, oder vielmehr wieder dorthin zurückgekehrt war. Wie Kalsang hatte auch er in Dharamsala gelebt und sich lange dem Studium des Buddhismus gewidmet. Drei seiner Brüder waren nach Amerika ausgewandert, aber natürlich hatte Gompo weder das Geld noch die Möglichkeit, sie dort zu besuchen. In der Regel ist es Tibetern ja noch nicht einmal möglich, einen Pass bei den chinesischen Behörden zu beantragen. Scheinbar sind zwei seiner Schwestern im Gefängnis oder gar umgekommen. Gompo wechselte, als Carlos nachfragte, abrupt das Thema. Es ist interessant, Gompos Mimik zu beobachten, die sich je nach gesprächspartner verändert. Bei seinen Landsleuten spielt so ein warmes, kaum merkliches Lächeln um seinen Mund, bei Chinesen tritt etwas Hartes in seine Augen, der Mund ist dann gerade noch weit genug geöffnet, dass sein Gegenüber ihn versteht und bei Ausländern scheint er immer erst zu prüfen, wie weit er ihnen entgegen kommen kann.

Bevor er unsere Reisegruppe übernahm, hatte Gompo zwei Wochen lang fünf amerikanische Touristen zu betreuen. „A lot of money, you know?“ Klöster fotografierend waren sie durchs Land gereist, hatten sich mit chinesischen Armisten ablichten lassen und jeden Abend eine andere Bar besucht. Stolz den chinesischen Gruß für „Auf Wiedersehen“ rufend, hatten sie sich von Gompo verabschiedet. Das tibetische „Tashi delek“ hatten sie offenbar nicht gelernt. Resignierend zuckte Gompo die Schultern, solche Szenen erlebte er immer öfter, seit die Einreisebestimmungen zugunsten der chinesischen Staatssäckel gelockert wurden und in der Öffentlichkeit wieder pseudo-buddhistische Rituale zur Touristenunterhaltung stattfinden dürften. Es gäbe aber auch immer wieder Reisende, die wirklich wissen wollten, was vor sich ginge und deren Kommen sei für die Tibeter ungemein wichtig.

In Drepung stellte Gompo uns einen 71-jährigen Mönch vor, der sich fast neun Jahre hier verstecken musste, weil er auf der Fahndungsliste der Chinesen stand. Sein Vergehen: Er war beobachtet worden, als er sich von einem Mann ein Foto des Dalai Lama zum Segnen geben lassen hatte. Abbilder des tibetischen Oberhauptes sind noch immer strikt und in jeder Form verboten. Gompo warnte uns ausdrücklich davor, Leute mit solchen Aktionen in Gefahr zu bringen.

Hier in Drepung treffen wir ohnehin fast ausschließlich chinesische Touristen, die so laut sind, als veranstalteten sie einen Betriebsausflug zum Jahrmarkt. Klimatisierte Reisebusse kippen diese Exemplare scharenweise am Klostereingang aus, überall klingeln ihre Handys, sie schreien, spucken ständig und ungeachtet der Altäre, vor denen sie stehen, auf den Boden. Und es ist nicht etwa ein verschämtes Hüsteln, nein, aus tiefster Kehle wird der Schleim nach oben geholt und ausgespieen. Ein dicker Kerl in chinesischer Uniform drängelt sich rücksichtslos an uns vorüber, Bridget erschrickt, Yuriko verwackelt ihr Foto und ich kann mich nicht länger beherrschen. Gompos Warnungen im Ohr schaffe ich es gerade noch, meinen Zorn so weit zügeln, dass ich nicht ebenfalls remple, sondern ihn nur anzische: „Be careful, Mister! You are not alone!“ Gompos Gesicht wird ganz starr, erst später gesteht er mir, dass er ein Lächeln unterdrücken musste.

Nachts

Niemand wird glauben, dass ich hier oben, auf dem Dach der Welt tatsächlich in ein Internetcafe gehen kann, deshalb sollte ich mich doch freuen, dass ich immerhin zwei Mails aus Deutschland habe. Schwer zu unterdrückende Enttäuschung. Dennoch brannte ich darauf, meine Eindrücke zu schildern und hockte doch wieder mehr als eine Stunde vor dem Computer, was deutlich teurer war als in Nepal. Eine Mark (oder heute auch 0,50 Cent) entspricht etwa 3.85 Chinesischen Renminbi Yuan (0.51 Yuan sind 0.07 Euro), die einfach nur Yuan genannt werden. Eine schnippische junge Dame am Eingang verlangte für die Stunde Surfen umgerechnet gepfefferte sieben Mark von mir. Damit kommt sie nur durch, weil ich zu müde bin, mich an Kalsangs Rat zu halten und hartnäckig zu verhandeln.

Aber so oft wird man dann ja doch nicht überfallen, als dass ich die Daheimgebliebenen nicht mit meinen Räuberpistolen erfreuen möchte. Alles begann mit dem festlichen Essen im tibetischen Restaurant genau gegenüber des Jokhangtempels. Bei dem reichlich leckeren Mahl, von Gemüsesuppe bis – dieses Mal – touristisch genehmen Mo-Mos – hin zu einem leckerem Yoghurtgetränk namens Lassie servierte man uns alles, was unsere höhengeplagten Leiber sich wünschten. Noch dazu war die Unterhaltung, da es auch den Mexikanern wieder besser geht, ein spannender Länder-Mix – die Geschichten aus Mexiko lösten jene aus Japan ab, Kassie gab zum Besten, was sie über Tibet wusste und fragte viel nach Deutschland. Doch erhielt unsere ausgelassene Stimmung einen deutlichen Dämpfer, als die Kellnerin und Kassies Freundin ihr einen versteckten Hinweis gab, Kassie mich daraufhin mehrmals unter dem Tischbein trat und mir bedeutete, schnell das Thema zu wechseln. Ungläubig hatte ich dem Ganzen erst Beachtung geschenkt, als einer der beiden Männer am Nachbartisch kaum verhohlen herüber starrte, und als ich sah, dass er wahrhaftig mitschrieb, musste auch ich klein beigeben. Enttäuscht zahlten wir und lauschten Kassies Geschichten über Strauchdiebe, mit denen sie uns auf dem Weg zum Hotel unterhielt. Plötzlich tauchte aus dem Schatten eines Hinterhofes zwei Gestalten, von denen eine sich blitzschnell auf Kassies Handtasche stürzte und sie ihr von der Schulter riss. Dumm nur für den Kerl, dass er nicht mit Bridgets, Carlos und meiner Reaktion gerechnet hatte. Als hätten wir es besprochen, zerrten wir an des Diebs Jackenärmeln. Zuerst glaubte ich, wir hätten es mit einem der Spitzel zu tun, aber dem muffigen Geruch des Mantels nach zu urteilen, waren es ein ganz gewöhnlicher Taschendieb, der Kalsang zum Opfer auserkoren hatte. Dem Überraschungseffekt war es wohl zu danken, dass er rückwärts taumelte, in eine Pfütze fiel, obendrein sein Kompagnon davonlief und wir die Handtasche retten konnten, bevor auch der Dieb das Weite suchte. Noch bevor wir uns richtig von diesem Schrecken erholt hatten, verfrachteten wir Kalsang in ein Taxi und legten das Fahrgeld für sie zusammen. Untergehakt, den Vorfall noch mehrmals erörternd – was für ein Glück, dass er nicht bewaffnet gewesen sei – suchte „unsere kleine verschworene Touristengemeinschaft“ den Schrecken wegzulachen.

September 2001, Lhasa

Sleepless in Tibet. Aus Yurikos Herumwälzen schloss ich, dass es ihr heute nacht auch nicht besser ergangen war als mir. Die Höhe machte uns, obwohl wir doch einfach nur im Bett lagen, ganz schön zu schaffen: Herzrasen, und das fühlte sich ganz und gar nicht wie Verliebtsein an. Der Muskel in meinem Brustkorb hebelte, schöpfte, knarzte wie ein leerlaufender Schaufelbagger. Erst gegen sechs Uhr morgens gelang es mir, wieder einzuschlafen. Keine halbe Stunde war es mir vergönnt, dann schnellte Yuriko hoch wie ein Flummy: „Seven-Thirty, seven-Thirty“ kreischte sie. Sie hörte erst mit dem nervenaufreibenden Quäken auf, als ich sie verstört anstarrte und ihr zu verstehen gab, dass ich verstanden hatte. Dann begann sie zu kichern wie eine Pubertierende. Als ich im Bad nach den Lichtschalter tastete, roch ich, was der Japanerin so peinlich war. Yuriko hatte noch immer Durchfall, die Toilette war wieder verstopft. Ebenso unangenehm wie der Geruch im Bad war der Traum, der mir im Nacken hockte wie eine Zecke. Wir waren durch chinesische Militärs verhaftet und in ein Gefängnis gebracht worden, wo wir unablässig im Kreis gehen und schweigen mussten. Da es ein Traum war, glaubte ich – gegen jedes bessere Wissen – es wäre hilfreich, wenn ich den Wächtern gegenüber zugäbe, dass ich Journalistin sei. Doch sie hielten mir nur meinen Pass unter, in dem ich selbst: „nurse“ als Beruf eingetragen hatte.

Später Nachmittag, Straßencafè

Mit gemischten Gefühlen bin ich, den anderen scheint es ähnlich zu gehen, denn wir sind sehr wortkarg, aus dem Potala zurückgekehrt. Wieder konfrontiert mit spuckenden, respektlosen Chinesen sowie deren Gruppenleiter, der noch nicht einmal davor zurückschreckte, in einem schmalen Flur in ein Megaphon zu schnarren, um seine Herde zusammen zu halten. Obwohl man elektrisches Licht installiert, zahlreiche Statuen gestohlen, aus vielen Räumen reine Museumsinseln gemacht hat, können wir es fühlen und es berührt uns sehr: In dem rissigen, uralten Holz, das farbenprächtig leuchtet, zwischen den Statuen, inmitten der anwesenden Tibeter ist da, was über Jahrtausende gelehrt, weitergetragen wurde, die Lehre Buddhas. Das Wissen, dass Menschsein Leiden bedeutet und dass es einen Weg aus dem Leiden gibt. Seltsam, das gerade hier so deutlich zu spüren, wo doch Hunderttausende wegen eben dieses Glaubens sterben mussten, wo die Chinesen mit aller Macht versuchen, eine Touristenattraktion aus dem Potala zu machen und den Dalai Lama zur Flucht gezwungen haben.

Nachts

Mit meiner japanischen Zimmergenossin habe ich keine so schlechte Reisepartnerin bekommen, unsere Unterhaltungen, wenn wir, frischgeduscht und erschöpft in dem Doppelbett unsere Aufzeichnungen vervollständigen, sind sehr aufschlussreich und amüsant für mich. Yuriko glaubt ernsthaft an UFOs, Aliens und daran, dass sie eines Tages von ihnen nach Hause geholt würde. Tja, dem habe ich nichts entgegenzusetzen, denn sie belächelt mich ja auch nicht für meine Versuche einer buddhistische Herangehensweise an dieses Leben, das uns hier in Tibet auf so außergewöhnliche Weise nahe kommt. Zum Beispiel heute nachmittag, als eine der uralten Frauen grinsend meine Hand genommen und mir ein Stück Apfel auf ihrem klapprigen Taschenmesser dargereicht hat. Ich hatte sie in der langen Reihe der gebetsmühlendrehenden Menschen überholt und dabei gelächelt. Verwirrt von ihrer freundlichen Geste, begriff ich erst später, es war das Déjà-vu, das mich so durcheinander brachte. Ganz abgesehen davon, dass es mir unangenehm war, weil diese Frau mit Sicherheit ihren einzigen Apfel mit mir teilte, ich hatte genau diese Szene hatte ich schon einmal erlebt. Lange, bevor ich ahnen konnte, dass ich wahrhaftig und real einmal hier in Lhasa sein würde. Während der Mantrarezitation im Hamburger buddhistischen Zentrum war ich in meiner Vorstellung über eben diesen Markt gewandert, hatte Gebetsmühlen gedreht. Was soll’s, denke ich, während ich meiner Müdigkeit Tribut zolle, den Stift und das Reisetagebuch nur noch mühsam haltend. Solche Dinge geschehen. Ist das wichtig? Was ist wichtig?

September 2001, Lhasa

Eine kurze Nacht, geweckt von Yurikos grauenvollem, rücksichtslosen Wecker. Es war kaum sechs Uhr dreißig, als wir in der Dunkelheit mit den anderen Tibetern voranstolperten, vor dem verschlossenen Tor des Jokhang. Neben dem Potala ist der Jokhang das heiligste Gebäude Tibets, noch dazu, weil hier endlich und offziell wieder Buddhismus praktiziert werden darf.

Wir haben zu dieser Zeit weder einen Kaffee noch sonst irgendetwas Tröstliches finden können, aber kaum machte ich inmitten dieser steinalten Menschen – schwer atmend – meine Verbeugungen, ging es mir nicht mehr so schlecht. Zwar bestand kein Grund, überschwenglich zu werden, immerhin war es hundekalt, dunkel und befremdlich, vor allem die hemmungslos drängelnden, schubsenden Menschen, aber es wäre in Ordnung, hier in dieser Weise weiter zu leben. Nicht, dass ich wirklich verstünde, weshalb die Leute so eilig von Statue zu Statue hasteten, aber es belustigte mich, nachdem ich endlich aufgegeben hatte, mich zu echauffieren. Die anderen, die sich verbeugenden, murmelnden, butterlampentragenden Tibeter sind eindeutig in der Mehrzahl und sie werden schon ihre Gründe haben, so durch den Tempel zu jagen als lösten Jobo Shakyamuni, Tibets heiligste Statue, oder auch die grüne Tara sich im nächsten Moment in Luft auf. Selbst einige der Türsteher-Mönche wiesen uns relativ grob in die nicht überschaubaren Menschenschlangen zurück, aber vielleicht erkannte ich ja nur nicht, dass dies eine kostenlose Lektion in Sachen Demut war? Mir gefiel der Jokhang mit den hunderten, brennnenden Butterlampen, dem hektischen Leben deutlich besser als der Potala.

Wie dieser wurde der Jokhang unter Songtsen Gampo erbaut und wird von den Tibetern auch lokhang („Haus des Jobo“) genannt. Gompo erzählte mir, nachdem wir unsere Mexikaner in dem Gewühl verloren hatten und beschlossen, draußen auf sie zu warten, unterdessen die Sage von Lhasas Entstehung:

Bhrikuti, die nepalische Gemahlin Songtsen Gampos, so geht die Sage um Lhasas, versuchte, den unweit des Königspalastes Othangi-Tsho-See trockenzulegen, um dort einen Tempel zu errichten. Doch stand die Königsgattin jeden Morgen erneut vor den Trümmern des Tags zuvor Errichteten. Niemand hatte eine Erklärung, bis Wengcheng, die andere, tibetische Gemahlin des Königs mittels astrologischer und geomantischer Untersuchungen herausfand, dass eine Dämonin sich rücklings über ganz Tibet gelegt hatte, um die Einführung des Buddhismus zu verhindern. Daraufhin nahm Wengcheng einen Ring und warf ihn in jenen Milchebenen-See, der das Herzblut der Dämonin darstellte. Kurz daruf erschien ein weißer Stupa, der jedoch gleich wieder verschwand. Um die Elemente zu harmonisieren, ließ Wengcheng den See mit Erde auffüllen, die auf Ziegen herbeigeschleppt wurde. So wurde diese Stelle zunächst als Rasa, „Ort der Ziegen“ beschrieben, was den ursprünglichen Namen Lhasas erklärt.

September, Abschied von Lhasa

Unser letzter Besichtigungstermin in Tibets Hauptstadt galt Sera, einem anderen großen Kloster, wo Yuriko, Kalsang und ich den ganzen Nachmittag ausgelassen herumstöberten. In den vergangenen drei Tagen habe ich von Kassie lauter kleine Geschenke erhalten; Kattaks (weiße und gelbe Gebetsschals), eine Butterlampe, ein Amulett mit einem Abbild des Potala und ihre Adresse sind, was ich einpacken kann, doch noch kostbarer sind mir die Geschichten, die ich Kassie und Gompo verdanke. Denn auch von unserm Guide heißt es Abschied zu nehmen. Seine Frau liegt im Krankenhaus und so wird ein anderer Mann unseren Trupp auf der Weiterreise begleiten. Unseren letzten Abend verbrachten wir bei Kerzenlicht und Stromausfall auf Yurikos und meinem Zimmer, Kassie servierte Tee. Heute morgen dann kam dann doch keiner von uns umhin, verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen, auch wenn die Abschiedsfotos im Hotelhof darüber hinwegtäuschen, man sieht uns tapfer in die Kamera grinsen. Wir winkten Kalsang noch, als die Staubwolke unseres Jeeps sie längst völlig eingehüllt hat.

Abends, Gyantse

24 hours – hot water“ stand auf einem Türschild. Wie sich ziemlich bald herausstellte, würden wir in diesem städtischen Hotel froh sein können, wenn wenigstens ab und an kaltes Wasser aus dem Hahn tröpfelte. Egal, wir sind zu erledigt, um uns über solche Lapalien aufzuregen. Wie die Hühner auf der Stange hockten wir die letzten sieben Stunden in unserem Jeep, der an einen russischen Lazarettwagen aus dem 2. Weltkrieg erinnert, und der wie ein lebensmüder Gaul alle paar Stunden mit Wasser aus irgendeinem Fluss zum Weiterfahren überredet werden muss. Das ist keine Übertreibung, denn es gibt für uns vier nur die hintere Sitzbank. Kaum, dass wir Lhasa verlassen hatten, bekamen wir einen ersten Eindruck, was uns in den nächsten Tagen erwartete: In Tibets Landkarten mögen ja Straßen verzeichnet sein, doch wir haben heute nur eine einzige zu Gesicht bekommen und die endete knapp hundert Kilometer hinter der Hauptstadt. Danach ging es über Stock und Stein, Felder, Brachland, Gebirgspässe und Flussläufe. Vier Stunden Fahrt genügten, für die Eigenart des Jeeps eine gewisse Dankbarkeit zu entwickeln, denn dass der Wagen ohne aufgefülltes Kühlwasser nicht lief, verschaffte uns wenigstens die eine oder andere zusätzliche Pause.

Zu Beginn der Fahrt war verabredet, dass wir die begehrten Fensterplätze jeweils tauschen würden, doch als Bridget und Yuriko miterlebten, dass das scheinbare Privileg sich als dessen Gegenteil entpuppte, verzichteten die beiden Frauen schnell auf den Tausch. Der Trick, den Carlos und ich relativ schnell erlernten, betraf vor allem die Handhabung der rostigen, abgebrochenen Fensterkurbeln; jedes Mal, wenn wir auf den staubigen Wegen andere Fahrzeuge, meist vollgestopfte Trucks trafen, hieß es, schleunigst alles zu verschließen. Das betraf in erster Linie die Fenster, die es in Sekundenschnelle hochzukurbeln galt, als nächstes aber auch schon, einen brauchbaren Gesichts- oder wenigstens Mundschutz bereitzuhalten. Bei der ersten offiziellen Pause an einem der Touristenhaltepunkte bot mir jemand einen Spiegel zum Verkauf, allerdings benötigte ich einen Moment, diesen als solchen zu erkennen: ich hatte mein staubverdrecktes Gesicht nicht sofort identifizieren können und auch Carlos erntete gehörigen Spott von Bridget, als er versuchte, sich in einem der Gebirgsbäche zu waschen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz; Tibet zeigte sich von seiner schönsten Seite und allein der See Yamdok Yutsho, der sich uns plötzlich auf 4482 Metern offenbarte, war jede Unannehmlichkeit wert, die wir hatten in Kauf nehmen müssen.

Eine Göttin soll sich in diesem See transformiert haben, aber wenn man dieses unfassbare Türkisblau nicht mit eigenen Augen gesehen hat, bleiben solche Sätze leer. Selbst, was ich mit der Kamera aufzeichne, gibt nicht wieder, welches Wunder sich uns präsentiert. Dafür zeichnet der Camcorder relativ gut auf, was an menschlichen Begegnungen stattfindet. Denn an der Haltebucht warten bereits mehrere Touristengrüppchen, alle werden sofort von der Horde bettelnder oder verkaufstüchtiger Pseudo-Nomaden beschwatzt. Kinder mit verlausten, filzigen Haaren und zerrissener Kleidung springen uns an wie Kettenhunde, wir sollen Kristalle versteinerte Fossilien kaufen. Hungrig, fordernd und darauf getrimmt, uns so lange zu behelligen, bis wir klein beigeben, umzingeln uns diese Jungs und Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick Ruhe zu geben. Kaum bin ich ihnen, weil Carlos sie geschickt ablenkt, entronnen, stellt sich mir ein Trupp der Ältesten entgegen, ich solle für nur einen Yuan „Yakfotos“ machen, „Babyyak, Babyyak“ schallt, prasselt, tönt es von allen Seiten. Der Himalaya gibt das Echo des Gekreischs höhnisch von seinen Wänden zurück. Ich möchte mir am liebsten die Ohren zuhalten. „Baby-Yak“ meint, das verstehe ich, als ich wie ein Teenie davonlaufend, meine Verfolger abgeschüttelt habe, dass sie eines ihrer Kleinkinder in tibetischer Tracht auf einen der herumliegenden, geschmückten Yaks setzen, ich Geld dafür zahlen soll, damit sie mir gestatten, das Ganze abzulichten. Eine Farce, die viele anwesenden Touristen liebend gern in Anspruch nehmen. Auch Yuriko zahlt den geforderten Yuan und fotografiert, als wolle sie eine Foto-Olympiade gewinnen. Struppige Kinder in zerrissener Kleidung umzingeln Carlos, und ungewöhnlicherweise wenden sich noch nicht einmal von ihm ab, als ich mich dem Kreis nähere. Er hat ihnen einen der Steine abgekauft und jedem Kind, das ihm noch einen weiteren Kristall aufschwatzen will, gibt er zum Tausch jeweils den bereits gekauften. Überrumpelt gehen die Kids auf das Spiel ein und haben offenbar Gefallen daran gefunden, für ein paar Momente scheinen sie tatsächlich vergessen zu können, dass sie uns Touristen eigentlich Geld aus der Tasche locken sollen und spielen sie einfach wie ganz normale Kinder. Die Erwachsenen sehen zu und siehe da, sie lachen mit uns. Erstaunt rücken alle näher, als Yuriko ihnen Oregami-Faltkunst anhand einer Serviette beizubringen versucht. Dann kommt eine der stämmigen Frauen bedrohlich nahe an mich heran und greift, ich bin zu erschrocken, um sie abzuwehren, an meinen Busen. Lachend nickt sie den anderen zu, ja, ich sei wohl eine Frau….Wunder der Internationalität…

Unterdessen strahlte, schillerte, funkelte der See Yamdok Yutsho in einem ganz und gar unwirklichen Farbspiel zwischen tiefem Blau und unglaublichstem Türkis. Fasziniert stand ich da und konnte nicht glauben, dass die Chinesen nahe dem Khampa-La-Pass bereits eine Pumpstation errichtet hatten, von der das Wasser durch unterirdische Rohre zu einem etwa 850 Meter tiefer gelegenen Kraftwerk auf der anderen Seite am Tsangpo-Ufer geleitet und zur Elektrizitätsgewinnung genutzt werden sollte. Glücklicherweise konnte das Projekt von Umweltschützern gestoppt werden, da es bei einer Senkung des Wasserspiegels zu einer ernsthaften Störung des ökologischen Lebensraum kommen würde.

5. September 2001

Gyantse, was mit Königsspitze zu übersetzen ist, zählt etwa 8000 Einwohner und ist somit eine der größeren Städte

Zentraltibets. Auf der Hauptstraße des etwa 4070 Meter hoch gelegenen Ortes begegnen wir Pferdegespannen, wir fühlen uns mindestens ein Jahrhundert zurückversetzt und zum ersten Mal wirklich wie in Tibet. Ein paar hundert Meter entfernt von dem Restaurant, in dem uns eine kichernde Schülerin leckere Apfel-Momos serviert, liegt der imposante Dzong, ein bis zu seiner Erstürmung durch die Engländer 1904 für uneinnehmbar gehaltenes Gebäude.

Gyantse liegt an der Verbindungsstrecke zwischen Sakya und

Shigatse und obendrein in einer der fruchtbarsten Gegenden Tibets. Seine ehemals berühmte wirtschaftliche Blüte verdankt die Ortschaft der über Gyantse verlaufenden Handelsroute von Nepal, Sikkim

und Bhutan nach Lhasa. Gyantse galt als einer der berühmtesten Umschlagplätze für Yak- und Schafswolle.

Nach einem merkwürdigen Streit mit unserm neuen Guide darum, ob wir in dem von ihm empfohlenen Restaurant oder in einem unserer eigenen Wahl speisen, sind die Mexikaner und ich wütend aus dem Hotel abgerauscht. Yuriko hat sich verabschiedet, ohne zu erklären, was sie von der ganzen Geschichte hält. Carlos und Bridget können sich das Verhalten des Guides ebensowenig erklären wie ich – und sie überreden mich, Yuriko gehen zu lassen. An einem halb geöffneten Klostertor werden wir auf unserm Spaziergang von Musik und seltsamen Klängen – einer Art Säbelrasseln – gefangen genommen und schleichen unbemerkt hinein. Eine sagenhafte Vorstellung bietet sich uns, dort vorn auf der Bühne führen die Mönche in den farbenprächtigsten Gewändern eine rituelle und sehr kämpferische Tanzaufführung vor. Doch stören immer wieder chinesische Armisten das Geschehen, sie stolzieren mitten in den Kreis der Mönche, posieren für Fotos und trinken Bier aus Flaschen. Niemand unternimmt etwas dagegen. Ich notiere nebenbei das Geschehen der letzten Tage. Ab und an schaue ich mich um, und kann mich immer wieder nur freuen, denn trotz der rücksichtslosen Chinesen im Publikum, ist das hier Tibet, wie ich es mir vorgestellt habe: Menschen jeden Alters hocken, ihre festlichste Kleidung angelegt auf dem Boden, picknicken, Babys quäken, Mönche zelebrieren ihre Vorstellung, Hunde tollen herum, wir werden beäugt und angestrahlt, man lädt uns ein, uns in eine große Runde zu gesellen. Ich ernte freundliches Lachen, dafür, dass ich versuche, meine Herkunft auf Tibetisch zu formulieren (Nga dschermänni jin oder so ähnlich). Tibetisch ist eine der Sprachen, bei denen die Betonung den Sinn eines Wortes bestimmt. Was immer das Lachen bedeutet, denn ich bin ganz und gar nicht sicher, richtig verstanden worden zu sein, wir sind willkommene Gäste. Die Bewegungen säbelschwingender Mönche verschmelzen mit den Schatten des märchenhaften Gemäldes an der Klosterwand, das Buddhas Lebensweg nachzeichnet. Obwohl die Männer in den orangerotgelben Gewändern seltsame, mongolisch anmutende Felzpantoffeln tragen, wirkt alles sehr elegant bis hin zum kleinsten Kopfnicken. Entgegen Gompos Warnung hole ich meinen Reiseführer heraus und zeige den alten Leuten unserer Gruppe das Foto des Dalai Lama und ernte dafür frohe Zustimmung, freudige Überraschung und sogar die Umarmung einer alten, knochigen Frau. Vor dem Kloster donnern Lastwagen mit grölenden Armisten vorüber, ich denke resigniert: Chinese, go home und muss dann doch über mich und meine Anwandlungen lachen.

Später

Yuriko saß kichernd im Bett, als ich erschöpft von der erfolglosen Suche nach ihr ins Hotel zurückkehrte. Sie sei, so erfuhr ich und erstaunt nach langen Diskussionen, von einer Familie zum Essen eingeladen geworden. Jene hatte angenommen, sie sei eine Zugewanderte, also verwandt und sie habe sehr lange gebraucht, um verständlich zu machen, dass sie zwar asiatischer Herkunft, aber eben Japanerin und keine Chinesin sei. Jedenfalls bin ich froh, dass wenigstens Yuriko wieder da ist.

Die zickige chinesische Hotelangestellte, die ich in dem seltsamen Aufenthaltsraum für die Nachtportiers störe, versuchte vor mir zu verbergen, dass unser Guide Bönpo das Nachtlager mit ihr teilte. Da ich es bereits entdeckt hatte, gab sie sich noch weniger hilfreich und erst, nachdem Bönpo sich aufraffte, mir zu erklären, wo ich ein Telefon finde, beendete sie ihren chinesischen Keifgesang. Offensichtlich habe ich sie sehr gestört, aber einerseits war es doch der Job dieser chinesichen Schnepfe, und andrerseits hatte ich Kalsang in Lhasa fest versprochen, sie vom nächsten Aufenthaltsort aus anzurufen. Dass ich dazu noch einmal das Hotel verlassen und zwei Querstraßen weiter nach einer Zelle suchen musste, ahnte ich erst, als Bönpo mir missgelaunt übersetzte, was seine Nachtschwester zischte. Eine halbe Stunde später war ich zurück, der einzige Erfolg, den ich verbuchen konnte, war, dass ich Kalsangs Schwägerin in Englisch meinen Namen beibringen und die Mitteilung übermitteln konnte, dass ich angerufen hatte.

Im Hotel gibt es weder Strom noch Hinweise darauf, dass ich mit menschlichen Wesen hier gelandet bin. Nach dem Zähneputzen im Dunkeln bin ich froh, bei Kerzenlicht noch ein wenig in den Ratschlägen des Dalai Lama blättern zu können, auch wenn der globale Gedanke für Mitgefühl und Nicht-Anhaften mich gerade überfordert – ich müsste lügen, wenn ich behaupte wolle, dass mir meine Freunde in Deutschland nicht fehlten…Dennoch würde mir jemand ein Ticket nach Hause anbieten, ich schlüge es ganz gewiss aus.

5. September, abends: Shigatse

Langsam muss ich mir eingestehen, dass die Tage mir in der Form, wie wir sie jetzt seit unserer Abreise aus Lhasa erleben, an den Nerven zehren: Das stundenlange Sitzen, eng gequetscht zu viert auf der Rückbank, das ewige Rütteln und Holpern, der Staub – all das wenig ist, wenn man es am eignen Leib spüren muss, wenig abenteuerlich, nur anstrengend. Momentan zählt nur, voran zu kommen und sich nicht aufzuregen. Selbst die Vielfalt der Himalayaberge genügt nicht mehr, das Grübeln aufzuhalten, weshalb man das auf sich nimmt, wohin man mit dieser Reise steuert. Aber wenn es eine Übung gibt, dann ist es die, nicht nach dem Gestern oder Morgen zu fragen, sondern klar zu kommen mit dem, was augenblicklich zählt.

Ein Umstand, der mich ebenfalls mürrisch macht, die Mails an Kalsang, die ich von Shigatse endlich, für viel Geld, aus einem Postamt wegschicken konnte, kamen unerklärlicherweise immer wieder zurück. Meine Anrufe in Lhasa blieben erfolglos, weil weder Kalsangs Schwägerin noch ihr kleiner Bruder Englisch sprechen und ihr ausrichten können, weshalb ich ihr nicht schreibe.

Es wäre eine wunderschöne Vollmondnacht, doch singen vor dem Hotel mehrere Betrunkene, wobei „singen“ eine wohlmeinende Umschreibung ist. Auf der, für diese nachtschlafene Zeit ist die einzige Hauptstraße Shigatses ganz schön bevölkert: Unter dem abnehmenden Mond tummeln sich die betrunkenen Männer, von denen ich annehme, dass es arbeitslose Tibeter sind, die kein Geld mehr für weitere Biere haben. Frauen, die nicht wissen, wo sie ihr Toilettengeschäft im Verborgenen verrichten sollen und sich deshalb an den Straßenrand hocken und einfach ihre Röcke anheben. Trunkene Menschen, die noch nicht genug haben, aber aus der Kneipe herausgeworfen wurden, scharen sich um den einzigen Telefonautomaten, als sie mich entdecken, so dass ich kaum hören kann, dass ich Kalsang endlich erreicht habe. Wir glichen noch einmal die Mailadresse ab und sie schaffte es gerade noch zu sagen, dass sie uns vermisse, dann war die wahnsinnig teure Telefonkarte auch schon abgelaufen. Auf dem Heimweg beeile ich mich nicht allein wegen der Kälte, sondern weil mir zum ersten Mal seit Reisebeginn unheimlich zumute ist und ich mich ein wenig fürchte.

Fast sehne ich mich nach dem bescheidenen Luxus meines Kathmanduer Hotelzimmers zurück, aber übermorgen werden wir aller Voraussicht nach im Basecamp des höchsten Berges der Welt landen: Mount Everest. Obwohl mich dieser Punkt im Reiseprogramm am wenigstens ansprach, muss ich mittlerweile zugeben, dass es nun doch sehr verlockend erscheint, am höchsten Berg der Welt stehen zu können. Eigentlich bin ich das Kuckucksei in einer ziemlich besessenen Bergsteigerfamilie, weshalb ich mich normalerweise kaum für den ganzen Rummel um Berghöhen oder gar Gipfelerstürmungen begeistere.

6. September, morgens: Shigatse

Same precidure as every day – lauwarm bis kalt duschen, schnell in die klammen Sachen schlüpfen, Tee von einer unfreundlichen Bedienung in Empfang nehmen, ein Toastbrot oder etwas ähnliches dazu mümmeln, Sachen packen, sich in den Jeep zwängen. Zur Abwechslung wurden wir heute nicht von röchelnden, hustenden Menschen, sondern chinesischer Musik geweckt, mit der man wie zum Fahnenapell oder Frühsport den Hof um 4:30 beschallte. Dafür gab es am Horizont einen dieser unvergleichlichen Sonnenaufgänge vor der Himalaya-Kulisse. Dennoch fällt es mir jeden Tag schwerer, den Schönheiten Aufmerksamkeit zu schenken, ja, mir überhaupt die Mühe zu machen, sie zu entdecken.

Auch die Stadt Shigatse, die mit 46.000 Einwohnern die zweitgrößte nach Lhasa ist, macht es mir nicht leicht. Im Gegensatz zu Gyantse haben die Besatzer vom alten tibetischen Flair nichts übrig gelassen, moderne, verspiegelte Bankgebäude lösen klobige Kaufhäuser ab, nur ab und an galoppiert ein müder Klepper samt seinem ebenso krummen Kutscher vorüber.

Glaubt man der Legende, so wurde der Ort auf 3.900 Meter Höhe von einem Jäger gegründet und erlangte im 16. Jahrhundert Berühmtheit, als der Pänchen Rinpoche oder auch Panchen Lama, der ranghöchste Gelugpa-Würdenträger neben dem Dalai Lama, seinen Sitz hierher verlegte. Von der einstigen Buddhistenhochburg ist nicht viel geblieben, in der Stadt an der Mündung des von Gyantse herabkommenden Nyangchu, der hier in den Tsangpo fließt, ist die Anwesenheit der Chinesen deutlich präsent. Laute chinesische Popmusik dringt aus den Spielhöllen. Es ist nicht zu übersehen, dass die Machthaber auf Traditionen und tibetische Kultur verächtlich herab blicken, die hier angesiedelten Chinesen sind davon überzeugt, dass es gelte, eine rückständige, feudale Kultur auf ein gültiges, achtbares Niveau zu katapultieren.

In der 50-jährigen Geschichte der Besatzung bediente sich die chinesische Politik so manchen Kniffes und spielte den tibetischen Adel gegen den Klerus aus. Viel Kraft verwendeten die Chinesen darauf, die Position des Dalai Lama zu schwächen. Als dieser sich auch noch der Forderung widersetzte, mit seiner Armee dem tibetischen Widerstand ein Ende zu bereiten, drohte China ihm im März 1959 mit einer Verhaftung. Doch hatten die Männer in Beijing offenbar nicht mit der Courage Tausender Tibeter gerechnet, die sich vor der Sommerresidenz Norbulingka in Lhasa einfanden, um ihr Oberhaupt zu beschützen. Dank des entstandenen Tumultes, gelang dem Dalai Lama eine spektakuläre Flucht. Am 30. März 1959 langte Seine Heiligkeit im nordindischen Dharamsala an, dort gründete er später eine Exilregierung. Da auch nach solcher völkerrechtlich nicht vertretbarer Eingriffe die Weltöffentlichkeit mit Hilfestellungen zugunsten Tibets mehr als zurückhaltend agierte, rief China am 9. September 1965 die „Autonome Region Tibet“ aus, wodurch die Regionen Kham und Amdo, also der ost- und nordosttibetische Raum problemlos der chinesischen Verwaltung unterstellt werden konnte.

Mit der Identifizierung der Wiedergeburt des Panchen Lama schlug man im Kampf um Tibet ein neues Kapitel auf und China bewies einmal mehr, dass man vor nichts zurückschreckte.

Die Panchen Lamas

Die Reinkarnationskette beginnt mit dem neunten Abt des Klosters Tashilhunpo in Shigatse, Lhobsang Chövi Gyaltsen.

Pandita“ ist ein Sanskritwort, das soviel wie „Gelehrter“ bedeutet, die zweite Silbe des Begriffes ist entnommen aus „Chenpo“, einem tibetischen Wort, das mit „groß“ übersetzt werden kann. Bezeichnenderweise hat der jeweilig amtierende Panchen Lama die Inkarnation des Dalai Lama zu suchen, während umgekehrt die Auffindung des neu emanierten Panchen Lamas Aufgabe des lebenden Dalai Lama ist.

Zwischen den beiden führenden Lamas des Gelugpa-Ordens gibt es also eine über Jahrhunderte gefestigte spirituelle Verbindung.

Der vom 5. Dalai Lama aufgefundene Panchen Lama war beispielsweise der Lehrer des sechsten und siebten Dalai Lama. 67 Jahre lang war er Oberhaupt des Tashilhunpo-Klosters.

Der zehnte Panchen Lama anerkannte die Rechtmäßigkeit der Souveränität Chinas über Tibet, doch hinderte ihn diese prokommunistische Haltung nicht daran, sich immer wieder kritisch über die Politik der chinesischen KP zu äußern. Während der Kulturrevolution hielten die Chinesen ihn völlig unrechtmäßig neun Jahre und acht Monate in einem Gefängnis bei Peking fest. Doch auch nach seiner Freilassung setzte er sich in den achtziger Jahren weiterhin für die konkreten Belange der Tibeter ein und spielte eine vermittelnde Rolle, auch im Dialog mit dem im Exil befindlichen Dalai Lama. Plötzlich, am 2.8. Januar 1989 starb der couragierte Mann in Shigatse.

Nun gab es kein Halten merh für die kommunistischen Aggressoren, aus der Suche nach der nächsten Reinkarnation des Panchen Lama wurde ein Politikum ersten Ranges. Zwar stimmte die chinesische Führung erstaunlicherweise den traditionellen Auffindungsmethoden zu, forderte aber voller Sarkasmus, der neue Panchen Lama müsse

in China gefunden werden.

Die Atheisten in Peking sahen sich vor das Problem gestellt, dass die Reinkarnation des verstorbenen zehnten Panchen Lama vom Dalai Lama anerkannt werden musste, damit es nicht zu neuen Aufständen kommen würde. Ein von den Kommunisten georderter Suchtrupp wurde Ende 1994 fündig: einige Kandidaten wurden dem Exil-Regenten, dem 14. Dalai Lama per Post vorgestellt. Im Februar 1995 benachrichtigte man den hochrangigen Lama Chadrel Rinpoche,

der Dalai Lama habe den Jungen Gendun Chökyi Nyima aner-

kannt. Chadrel Rinpoche versuchte die chinesische Regierung von dieser Entscheidung zu überzeugen. Der bis dahin noch nicht indormierten Öffentlichkeit gab der 14. Dalai Lama seine Auswahl am 14. Mai 1994 bekannt. Doch durch dieses Vorgehen fühlten sich die Chinesen provoziert, sie waren offenbar über den vermutlichen Gesichtsverlustderart erbost, dass sie Chadrel Rinpoche wegen Verrats von Staatsgeheimnissen und Spaltung der Nation für sechs Jahre ins Gefängnis warfen. Kurzerhand sprach man Gendun

Chökyi Nyima die Qualitäten der neuen Reinkarnation ab und setzte im November 1995 selbst den Prozeß der Auswahl in Gang.

Einer „militärischen Aktion“ gleich hatte diese – von der Abteilung

für Einheitsfront – einberufene Konferenz unter höchster Geheimstufe stattzufinden.

Am Versammlungsort standen sämtliche Lamas, Rinpoches und anwesenden Mönche unter ständiger Überwachung, jeglicher Kontakt mit der Außenwelt wurde bei Androhung drakonischer Strafen untersagt.

Dennoch verlangten einige Mönche die Freilassung von Chadrel und die Anerkennung von Gendun Chökyi Nyima. Erziehungsmaßnahmen waren die Konsequenzen, die man für die couragierten Würdenträger von staatlicher Seite anordnete.

Ohne Wert auf die Meinungen der hohen Lamas Rücksicht zu nehmen, entfernten die Kommunisten den vom Dalai anerkannten Kandidaten von der Namensliste und schloss ihn von der Wahl aus.

Am 29. November – nach dem tibetischen Kalender ist dies Buddhas Geburtstag – wurden die Teilnehmer früh um vier Uhr geweckt, um zur Teilnahme an der Auslosung der Goldenen Urne in den Tempel Jokhang zu fahren. Lhasas Straßen befanden sich unter strengster militärischer Bewachung, denn man fürchtete Proteste der Tibeter.

Bei solch einer Farce verwundert es nicht, von den Manipulationen zu erfahren, die man auf chinesischer Seite im Vorfeld getroffen hatte: das gewünschte Stäbchen mit dem Namen des von China bestimmten Kandidaten ragte etwas aus der urne heraus und es war sicher keinem der Lamas geraten, seinen Widerspruch anzumelden.

Nach einer wenig erfreulichen politischen Veranstaltung, die die normalerweise frohe buddhistische Zeremonie ersetzte, ist nun also von Gnaden der KP Chinas eingesetzte Reinkarnation inthronisiert. Die vom Dalai Lama anerkannte Reinkarnation befindet sich, soweit bekannt, an einem geheimen Ort unter chinesischer Überwachung – es ist wahrscheinlich der jüngste Gefangene der Welt. Den Chadrel Rinpoche verurteilte man im April 1997 in Shigatse zu weiteren zwei Jahren Haft wegen Weitergabe von Staatsgeheimnissen und zu fünf Jahren wegen des Versuchs, das „Vaterland“ zu spalten. Niemand wird ernsthaft vermuten, dass die chinesische Führung Großzügigkeit bewies, als man die beiden Strafen des 60-Jährigen in einen sechsjährigen Freiheitsentzug umwandelte.

Abends: Latse

Da in ganz China einschließlich der Provinzen einheitlich die Pekinger Zeit verordnet wurde, die sich von der nepalesischen Zeit um 2 1/4 Stunden nach hinten verschiebt, wird es hier übrigens nicht – wie gewohnt, gegen halb sieben dunkel, sondern erst gegen neun Uhr. Etwas, woran man sich angesichts der Strapazen auch nur langsam gewöhnt, aber dass unser Rhythmus völlig aus dem Takt ist, zählt zu den weniger nervenden Umständen.

Alexandra David-Nèel, die unglaublich mutige Französin, die mehr als 14 Jahre durch Indien und Tibet wanderte, lachte mich ob meines Gejammers ganz sicher aus. Wenn ich so schlecht gelaunt bin wie eben jetzt, hilft es, mir ihr Leben und das, was ich aus ihrem Briefwechsel mit ihrem Mann erfahre, vor Augen zu halten.

Die 1868 bei Paris geborene Alexandra beerbt mit 23 Jahren einen Patentante. Prompt entscheidet sie sich gegen das begonnene Orientalistik-Studium und für ihren großen Lebenstraum: Von Marseille aus schifft sie sich gegen den Protest der Familie nach Ceylon ein. Mit 36 heiratet sie Philippe Neel, sie hängt ihre bis dahin erfolgreiche Opernsängerin-Karriere an den Nagel, um in den folgenden Jahren erste Sporen als Journalistin und Vortragsrednerin zu verdienen. Die Ehe besteht, da Alexandra viel reist, fast ausschließlich auf dem Papier und erst recht, als sie einen Forschungsauftrag des französischen Erziehungministeriums annimmt, um erneut nach Indien und Ceylon aufzubrechen. Ihr Ehemann soll bald Briefe aus den märchenhaften Palästen der Maharadschas von Nepal und Sikkim erhalten, gefolgt von Berichten aus Hindu-Tempeln. Ein weithin gerühmter Eremit unterweist die wissbegierige Französin mehr als zwei Jahre in seiner Einsiedelei auf 3.900 Metern Höhe an der Grenze zwischen Nord-Sikkim und Tibet. Danach spricht Alexandra nicht nur fließend Tibetisch, sondern beschäftigt sich auch mit den Texten tibetischer Yogis und indischer Mystiker.

Eigenwillig widersetzt Alexandra sich immer wieder den strikten Verboten des damaligen britischen Regierungsvertreters Charles Bell, ihre „Schneehöhle“ zu verlassen. So besucht sie zum Beispiel die vier Tagesmärsche entfernte Klosteruniversität bei Shigatse. Später reist sie per Bahn, Schiff, zu Pferd sowie mit Hilfe einer Yak-Karawane durch Indien, Japan, Korea und quer durch chinesische Provinzen. Schließlich, sie ist bereits 52 Jahre alt, macht sie sich auf den Weg in die „verbotene Stadt“. Sie ist die erste weiße Frau, der es gelingt, Lhasa zu betreten. Als wären das nicht genug Heldentaten, beantragt David-Néel noch mit 100 Jahren ein Visa für Russland, allerdings wurde aus dieser Reise nichts mehr. Zumindest nicht in dieser Reinkarnation.

So spannend und motivierend die Lektüre ist, meine Nerven liegen blank. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich in Gruppen viel eher gegenseitig hochschaukelt, die Strapazen ernst nimmt, als wenn man gezwungen wäre, mit widrigen Umständen allein klarzukommen. Heute vormittag eskalierte beispielsweise der angestaute Streit mit Bönpo, dem Guide, weil wir ohne Angabe von Gründen in einem Restaurant frühstücken sollten, in dem man uns nicht nur unfreundlich begegnete, sondern obendrein schimmeliges Brot servierte. Erst nach langen Diskussionen, zahlreichen Missverständnissen sowie deren Aufklärung stellte sich heraus, dass dem Guide die Hände gebunden waren. Er war verpflichtet, unseren Trupp jeweils vor Anreise im nächsten Ort den chinesischen Behörden anzukündigen und, damit die Touristenbewegungen überschaubar blieben, in ein verordnetes Restaurant zu bringen. Yuriko ging, während wir noch laut mit dem Guide stritten, peinlich beiseite. Wahrscheinlich war sie als Asiatin die Einzige, die verstand, weshalb er uns die Situation nicht einfach geschildert hatte, sondern sich auf Ausflüchte verlegt hatte. „Nein“, das muss ich immer wieder lernen, ist eine nicht gebräuchliche Vokabel, deutliche Absagen sind in Asien eine dreiste Unhöflickeit.

Tja, da standen wir nun, ratlos in unserer westlich geschulten Direktheit und wussten vor lauter Ärger noch nicht einmal mehr die Schönheit der Statuen im Tashilhünpo von Shigatse, dem ehemaligen Sitz des Panchen Lama, würdigen.

Yuriko ausgenommen, die sich seit der Auseinandersetzung auf knappste, mürrische Antworten verlegt hatte, stimmten wir dem Vorschlag zur Güte freudestrahlend zu: Wir würden statt eines weiteren Klosters die hot springs auf dem Weg nach Latse besuchen. Weder die Mexikaner noch ich hielten uns mit dem aufkommenden Ekel auf, der uns beim Anblick der braunen, moosbesetzten Kacheln zu überfallen drohte, entschlossen zahlten wir die geforderten 20 Yuan für das dreisitzige Einzelbad und ließen uns quiekend ins heiße Wasser gleiten. Nach Tagen Schaukelei auf staubigen Pisten durchfuhr uns wohliger Schauder, als unsere gepeinigten Rücken sich einmal dehnen, die Knochen einmal gewärmt aufatmen durften.

Jetzt sitze ich im Kerzenlicht, das Aggregat, das bis vor einer halben Stunde noch in der Lautstärke eines Traktors für die Stromversorgung im Hotel sorgte, wurde abgeschaltet und Yuriko hat sich schweigend in ihr Bett verzogen. Dank der heißen Quellen macht es mir nichts aus, dass wir hier in Latse zwar wieder mit einem fast Chinesenfreien Ort, dafür aber auch mit einem wasserlosen Hotel konfrontiert sind. Das heißt, es gibt Wasser, aber das muss man sich in Eimern kommen lassen, dann kann man sich selbst und die staubige Wäsche einweichen. Von den Toiletten Gebrauch zu machen, ist ein gewagtes Unterfangen, über drei Stiegen gelangt man im Dunkel zu einer Art Plumpsklo, von dem ich nicht lieber nicht wissen möchte, ob es jemals gereinigt wird. Da ich nach über einer Stunde Umherirrens in der Natur keinen einzigen Platz finden konnte, an dem ich ungestört meinen Bedürfnissen hätte nachgehen können, muss ich mich auch hier mit den Gegebenheiten anfreunden. Zwar gab es hinter dem Ort, der plötzlich an der wie abgeschnittenen Straße endet, Felder, dort leben aber vereinzelt immer wieder Menschen in wellblechähnlichen Hütten oder Verschlägen aus zusammengetragenen Holz. Ein Rätsel, wie sie die nächtliche Kälte in diesen kargen Behausungen überstehen, ganz zu schweigen von den kleinen Kindern, die mit nackten Bäuchen im eiskalten Rinnsal eines Gewässers stehen und Rüben waschen.

Egal, wie oft mich das große Jammern ankommt, noch kann ich mich darauf verlassen, dass die Abenteuerlust mich nach dem ersten Kaffee oder auch Tee mich packt.

6. September 2001, ich glaube, es ist ein Freitag

Es ist soweit: Keine 20 Kilometer entfernt, in voller Schönheit, angestrahlt vom bezauberndsten Abendlicht, das ich mir vorstellen kann liegt er dort vorn: der höchste Berg der Welt.

Mount Everest oder Chomolungma, dessen Höhe unterschiedlich angegeben wird. Seine 8850 Meter Höhe hat er auf jeden Fall.

erreicht und hatten dort schönste Aussicht. Aus dem Papier, das wir von den chinesischen Beamten an der Einlasskontrolle zum Everestgebiet bekamen (natürlich musste man noch einmal Geld für ein spezielles Einreisevisa zahlen) entnehme ich, dass die Chinesen hier angeblich für den Umweltschutz besonders viel tun. Eine glatte Lüge. Denn wie ich aus dem suhrkamp-Taschenbuch „Tibet“ weiß: „Vor der chinesischen Invasion von 1949 bedeckten die alten Wälder

Tibets etwa 220.000 Quadratkilometer. Bereits 1985 hatte man durch rigiden Raubbau diese Waldfläche schon auf 134.000 Quadratkilometer dezimiert. Zuverlässige Zahlen seien heute nicht mehr zu erhalten, erfahre ich Man dürfe dabei nicht an gewöhnliche Nadel- oder Laubbäume denken, erfahre ich bei weiterer Lektüre, denn bei den abgeholzten Bäumen handelte es sich zum Teil um „uralte Bäume, mit Stämmen, die so dick waren, dass nur sieben, acht Männer sie ausgebreiteten Armen umfassen konnten.“

Zwei der barfüßigen, kichernden Nonnen waren während der Puja bereitwillig zur Seite gerutscht und hatten für Yuriko und mich Platz gemacht. Sie schnifen, schneuzen und husten sich die Seele aus dem Leib, ich glaube, hier ist einfach jeder verschnupft. Kein Wunder, denn die Nonnen tragen dünne Leinen-Leibchen, keine hat eine dicke Jacke oder gar mehr als Holzpantinen, hier und da trägt eine Socken, das ist auch schon alles. Meine japanische Reisebegleiterin hat so ein kleines Schlüsselanhänger-Thermometer, Spielkram made in Hongkong, das Ding zeigt sagenhafte Minus vierzehn Grad, und selbst, wenn es nicht genau funktioniert, es ist hundekalt und die Nonnen sitzen seit Stunden im Meditationssitz: fröhlich singend. Bibbernd vor Kälte, aber mehr noch vor dem wunderschönen Anblick des Berges mit seiner funkelnden, in Abendrot getünchten Schneekuppe liege ich nach der gesungenen Puja-Meditation in meinem Daunenschlafsack, direkt vor dem winzigen Fenster und kann nicht aufhören, mir dieses Bild einprägen zu wollen. Rasendes Herz, fröstelnde Haut, der Körper so winzig und doch gerade mein einziges Instrument, all das wahrnehmen, genießen zu können. Alles, alles hätte ich genauso gemacht und noch mehr auf mich genommen, nur, um das erleben zu können, was ich gerade jetzt empfinde. Und allen anderen um mich herum scheint es ebenso zu ergehen, zwei Italiener springen vor Freude ausgelassen im Hof zwischen aufgestapeltem Holz umher, Österreicher halten sich ergriffen an den Händen, Carlos ruft aufgeregt, ich müsse unbedingt noch einmal herauskommen. Und wirklich: Wir stehen da, zwölf Menschen, Tibeter, Österreicher, Japaner, Engländer, Mexikaner, Deutsche – dort drüben der Berg, über uns ein Himmel, wie ich ihn noch nie im Leben gesehen habe. Greifbar nah tausende, abertausende Sterne, Kometen, Funkeln, all das Namenlose, was uns in unserm Sein klein und groß gleichzeitig erscheinen lässt. Wir, ungetrennt von allem…

2:30 Uhr, Mount Everest

Mitten in der Nacht hat es uns noch einmal hinausgetrieben, immer wieder Schauen, Aufsaugen, Eindrücke speichern wollen. Der Guide hatte den ganzen Tag über prophezeit, es sei unwahrscheinlich, dass man den Everest sehen könne, zumeist hülle sich der Berg in Wolken und Nebel. Er habe schon Gruppen erlebt, die trotz einer Verlängerung des Aufenthaltes vergeblich gewartet hätten.

Atem- und fassunglos standen wir dort draußen, die Sternenkonstellationen schienen stündlich zu wechseln, es glitzert und funkelt und sie stehen in Millimeterabständen ganz dicht über uns. Unverzeihlich, sich ein solches Schauspiel entgehen zu lassen. Also weckten Carlos und ich auch Bridget, nur Yuriko, die sich drinnen raschelnd und scheinbar im Fieber hin und her warf, ließen wir lieber schlafen. Sie wird noch zwei Tage aushalten müssen, bevor wir einen Arzt aufsuchen können. Es sei denn, bei den Österreichern oder Italienern ist zufällig einer Mediziner.

Barfuß in ihren Holzschuhen, die aussahen wie selbst geschnitzt, kreuzte eine der Nonnen unsern Weg und fragte, ob bei uns noch ein Bett frei sei. Bedauernd mussten wir verneinen, weil wir auf den Holzpritschen bereits gequetscht wie die Heringe lagen. Unbekümmert unterhielt sie sich noch ein wenig mit uns, ich erfuhr auf diesem Wege, dass das Kloster hier der Kagüy-Schule angehört, und dass die Mönche und Nonnen, wenn sie nicht zufällig im Guesthouse unterkommen, draußen in einer Art Schuhregal vor der Gompa nächtigen. Ihr Schlafplatz sei auch dort drüben, wies sie ins Dunkle und ich fragte mich, ob der dünne, zerfetzte Nylonschlafsack ihre einzige Decke für das eisige Nachtlager darstellt. Plötzlich griff sie lachend nach meiner Armbanduhr und fragte, wie viel sie kostet. Verzweifelt rang ich um eine Ausrede, wie sollte ich ihr erklären, dass ich mehr Geld am Handgelenk trage, als sie jemals in der Hand haben wird. Carlos hilft mir aus der Peinlichkeit, indem er uns eine der 5000 Sternschnuppen zeigt, die hier minütlich vom Himmel stürzen. Die Nonne kichert, tätschelt mein Gesicht und lässt die Angelegenheit auf sich beruhen. Bei Kerzenlicht versuche ich der Eindrücke wieder Herr zu werden, damit ich einschlafen kann, Kerzenlicht flackert am Bettrand gegenüber: auch Carlos findet keine Ruhe. Wir grinsen. Flüsternd erzähle ich ihm, dass ich aus einer Bergsteigerfamilie komme, in der ich die einzige bin, die diesem Sport nichts abgewinnen kann. Ausgerechnet ich bin die erste, die hier am höchsten Berg der Welt sein darf.

7. September 2001, Tingri

Unsere letzte Nacht in Tibet. Was auch immer mich bewegt, vor allem anderen ist es die deutliche Ahnung, dass ich in diesem Leben zum ersten und letzten Mal hier weilen konnte. Irgendwie bin ich sehr sicher, Tibet nie wieder zu sehen. So ist tiefe Dankbarkeit, die ich verspüre und die alles andere unwichtig aussehen lässt: Sogar, dass Yuriko noch immer wegen des Streits mit dem Guide beleidigt ist und nicht mit mir spricht. Obgleich es gelogen wäre, zu behaupten, es ließe mich kalt, dass die Situation sich fast in Feindseligkeit gekehrt hat. Selbst die beiden Amerikaner, die ich beim Abendessen und meinem ersten Buttertee (igitt) kennenlernte, fragten, was denn mit Yuriko los sei. Die Unterhaltung mit Lisa und Tom, die auf eigene Gefahr, also ohne offiziell erforderliche Reisegruppe und Guide nach Tibet heimlich eingereist sind, entpuppt sich als weitere angenehme, unerwartete Bereicherung. Die Amerikaner vermuten, dass ich vor der Japanerin mein Gesicht verloren habe, weil ich etwas lauter geworden bin bei meinem Widerspruch gegen den Bönpo. Obendrein hatte ich mich gegen einen Mann aufgelehnt. Lisa und Tom sind auf ihrer Hochzeitsreise, eigentlich habe sie, lacht Lisa, ihn nur geheiratet, weil er ihr eine Weltreise versprochen habe. Wir haben viel Spaß gehabt an diesem Abend, es hat mir gut getan, mich einmal wieder richtig zu unterhalten. Von der absurden Wahl des neuen Präsidenten Bush, den wir ohne lange Diskussionen zur Lachnummer und ohne Aussichten auf eine ernstzunehmende Amtszeit stempelten, bis hin zu Debatten über die Ex-DDR, nichts ist den Beiden fremd. Mit dieser Haltung entschärfen sie das Bild, das ich bisher von Amerikanern hatte, Lisa und Tom jedenfalls wussten mich mit ihrem beträchtlichen Allgemein- und Geschichtswissen zu beeindrucken. Der unterhaltsame Abend, den die beiden Frischvermählten mir versüßten, ging zu Ende mit dem beeindruckendsten Regenbogen, den wir je erlebt hatten. Einmal über die ganze Dorfstraße von Tingri, einem 200-Seelen-Nest spannte sich in seiner ganzen farbspektralen Schönheit ein Regenbogen, für eine Weile sahen wir sogar zwei gleichzeitig, ein Anblick, der uns still werden ließ.

Dass ich all das bei Kerzenlicht aufschreiben kann, verdanke ich Yurikos entsetzlichem Schnarchen. Noch immer bin ich verstört von der Vehemenz, mit der sie verleugnet, dass wir zu Beginn unserer Reise viel Spaß, gute Gespräche miteinander teilten. Ihre Antworten auf meine Versuche, die Missverständnisse auszuräumen, bekomme ich nur unzusammenhängende Erklärungen wie „I don’t understand, I don’t speak English…“ zu hören.

Auf Kathmandu, auf Thamel und das „Green Guesthouse“ freue ich mich wie auf ein Zuhause…Trotz all der Schönheit, die ich hier geboten bekam: Die zehn Tage Tibet haben mich durchaus ernüchtert. Wenn mich jetzt jemand fragte, ob es sich lohne, die Strapazen auf sich zu nehmen, dann riete ich ihm: Nur, wenn man Wert auf persönliche Kontakte, wie sie mir mit Gompo oder Kalsang vergönnt waren, Wert legt. Ansonsten sollte man wirklich gut bedenken, ob man chinesischen Maulwürfen zusehen und Geld geben will, die das „Dach der Welt“ gründlich zerstören. Noch an der tibetisch-nepalesischen Grenze buddeln, wühlen, baggern sie tief in der Erde. Staudämme, Bergwerke, Straßen, Bodenschätze – alles, was dieses Stück Land hergibt, wird gierig zusammengeklaubt und nach China abtransportiert oder für den reibungslosen Verkehr dorthin umgemünzt. „Free Tibet“ – ? Ein frommer Wunsch, an dessen Umsetzung ich nach dieser Reise nicht mehr glauben kann. Dennoch bin ich zutiefst dankbar für all die Begegnungen, die Gespräche, die Mimiken, all das, was ich nur hier sehen du verstehen konnte. Wann immer jemand sich auf ein Wagnis einlassen und den Tibetern durch seine hoffnungsvolle Anwesenheit Mut geben will, der sollte es tun.

8. September 2001, back in Nepal

Erschöpft, glücklich und mit zerrütteten Knochen, sonst aber bei bester Gesundheit….

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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