Journalismus

Grenzritter und abgasfurzende Trucks

8. September 2001, Kathmandu

Meine Rückkehr von einer zehntägigen, strapaziösen wie lehrreichen Tibetreise liegt kaum eine Stunde zurück. In Kathmandu angekommen, bereiteten mir der Manager, die Küchengehilfen und sogar der Masseur meines Lieblingsguesthouses einen Empfang, als sei ich die beste Freundin des Hauses. Kaum, dass ich meine steifen Knochen aus dem Jeep gehievt hatte, veranlasste der Hotelbesitzers höchtpersönlich, dass ich mein altes Zimmer im dritten Stock wieder bewohnen konnte.

Selbst Narwan, der vierjährige Sohn des Internetcafebesitzers erkannte mich augenblicklich wieder, sein charmantestes Kinderlächeln, das ein so entzückendes Grübchen auf seinem Kinn eingräbt, rührte mich sehr. Von meiner Reise aufs Dach der Welt gäbe es viel zu berichten, doch heute Abend müssen die Daheimgebliebenen sich mit der kurzen Schilderung der Grenzübertrittsabenteuer begnügen. Ich bin zu müde von der Reise, die ich mir am meisten gewünscht hatte. Zu erschöpft von den Enttäuschungen, die ich einstecken musste und zu aufgeregt von den Begegnungen während der letzten Wochen. Doch als ich im Internetcafe die Tastatur unter den Händen fühle, endlich wieder schreiben können, bemächtigen sich die Erinnerungen an Tibet meiner und es wird doch eine gewohnt ausführliche Mail.

In Zhangmou, dem tibetisch-nepalesischen Grenzort kamen wir dank unseres Fahrers und seines zum Schluss der Reise erwachten Übermutes durchnässt an. Von Tingri, unserer letzten Bleibe bis zur Grenze waren es circa 80 Kilometer gewesen, die wie gehabt über staubige Landschaften, über Stock und Stein und querfeldein führten. Carlos, Bridget, Yuriko und ich hatten – am Ende unserer Kräfte – und teilnahmslos auf der Rückbank unseres Jeeps gehockt. Niemand besaß mehr die Muße zu fotografieren oder gar zu reden.

Hinter Zhangmou, wo es verhältnismäßig solide Bauwerke, reich ausgestattete Händlerstände und überdies gut besuchte Restaurants gab, wurde uns noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, weshalb China an einem autonomen tibetischen Staat keinerlei Interesse haben konnte:

An den ehemals dicht bewaldtenen, riesigen Felshängen krabbelten überall angeheuerte Straßenarbeiter wie Ameisen. Die meisten von ihnen waren Tibeter, aber auch einige Chinesen, die vornehmlich als Aufseher fungierten, tummelten sich dort, wo Motorsägen, Bagger, Schaufeln sich in die Berge, diurch die Wälder hindurchfraßen. Die Trupps hinterließen eine deutliche Spur menschlichen raubbaus; was von den üppig bewaldeten Bergen übrig blieb, war graue, grausame Nacktheit. Überall warteten zahllose, brummend-lärmende und abgasfurzende Trucks, auf die man stapelweise ratzekahl entblätterte Stämme lud. verfrachtete.

Unter einem – noch begrünten Felsvorsprung stoppte unser – plötzlich juchzender – driver den Jeep in einer, für ihn sehr untypischen Heiterkeit. Doch spätestens als der erste rauschende Wasserguss sich von oben über den Wagen ergoss, war klar, worüber er sich so diebisch freute. Obwohl er die ganzen zehn Tage über ausnahmslos geschwiegen und gegrinst hatte, zeigte sich unser Fahrer plötzlich doch einer englischen Phrase mächtig: „Natural shower“ klatschte er in die knochigen, braungebrannten Hände. Die war sicher für das völlig eingestaubte Auto ganz nützlich, Carlos und ich jedoch hatten so unsere liebe Mühe. Für uns, die wir außen an den ganz und gar nicht wasserdichten Türen klemmten, erwies sich der Spaß als wenig erfreulich, denn der Wasserfall drang sekundenschnell ins Innere. Uns blieb nichts anderes übrig, als blitzschnell die Kameras schützend unter unsere Fliesjacken zu packen.

Kaum, dass wir uns von diesem Schrecken erholt hatten, wartete bereits das nächste Malheur auf uns: Eigentlich sollte uns gleich nach dem nepalesischen Grenzposten ein Abgesandter des Reisebüros erwarten, um uns per Jeep zurück nach Kathmandu zu bringen.

Doch nachdem die Chinesen unsere Pässe endlos gemustert, unser Gepäck mehrmals inspiziert hatten, informierten uns gutgelaunte, nepalesische Grenzhändler, dass es einen Erdrutsch gegeben habe. Niemand könne uns abholen, denn die Straße sei bis zum acht Kilometer entfernten, endgültigen nepalesischen Grenzposten ganz und gar unbefahrbar.

Rat- und mutlos standen wir herum, bis Carlos sich bereit erklärte, den Weg noch einmal rückwärts zu beschreiten, die chinesische Grenze erneut zu passieren, um unseren bereits entlassenen Guide um Rat zu bitten. Und an dieser Stelle bewies Bönpo, dass wir ihm gegenüber in den vergangenen zehn Tagen vielleicht doch ein wenig ungerecht über ihn geurteilt hatten. Denn nach endlosen Diskussionen überzeugte er die chinesischen Grenzbeamten mit gutem Zureden und noch viel mehr Schmiergeld davon, dass er uns zu Fuß bis zum nepalesischen Grenzposten bringen dürfte. Den Chinesen blieb neben der stattlichen Summe ja auch noch der Driver zum Pfand sowie die Gewissheit, dass Bönpo als Tibeter, gar keinen Pass besaß und also nicht flüchten würde.

Wie gern hätten wir uns nach der Bewältigung dieses Hindernisses geglaubt, dass damit alle Schwierigkeiten beseitigt wären. Doch weit gefehlt: Zwar ließen die nepalesischen Grenzer uns auch diesen Grenzpunkt unbehelligt passieren, und sogar der Reisebüromann erwartete uns, doch hielt er bereits die nächste schlechte Nachricht für uns parat. Auch in dieser Gegend hatten die Erdrutsche der vergangenen Tage den Verkehr lahmgelegt.

Die Straße, als solche eigentlich nicht mehr erkenntlich, führte steil bergab. Wir wankten, strauchelten, jeder mit seinen 23 bis 25 Kilo Gepäck, den baumelnden Kameras um den Hals, den obenauf wippenden Schlafsackrollen. Nebenher verfolgte uns ein stetig wachsender Tross barfüßiger oder badeschlappentragender Sherpas, die alle gleich mager aussahen. In Abständen von fünf Minuten attackierten sie uns mit ihren piepsigen, quiekenden Stimmen, wir sollten ihnen unser Gepäck für ein paar Rupien überlassen.

Im eigentlichen Sinn verdienen sie den Namen „Sherpa“ nicht, denn laut europäischem Lexikon ist damit „eine eigenständige Ethnie von etwa 90.000 Menschen“ gemeint, die hauptsächlich in den „klimatisch extremen Hochtälern im Osten Nepals lebt.“ Heute bezeichnen die Touristen, aber auch sie selbst sich so, sobald sie ihr Geld in der Touristikbranche mit dem Tragen fremder Gepäckstücke verdienen wollen.

Wie dem auch sei, wir kamen nicht umhin, die Jungs, von denen keiner älter als 15 und schwerer als 45 Kilo war, zu ertragen. Unablässig schlichen sie mal um Carlos und Bridget, dann wieder stolperten sie vor meinen Füßen herum, nur, um kurz darauf Yuriko neugierig zu beäugen und auf sie einzureden. Mein Rucksack drückte schmerzhaft auf den reisegeplagten Schultern, die Unebenheiten des Weges machten die Strapazen zu fast unüberwindbaren Hindernissen. Immer wieder gab es gar keinen Weg mehr, unbehauene Baumstämme wurden von unseren Vorgängern über vier bis fünf Meter breite Flussläufe, über unbegehbare Abhänge gelegt. Balancieren mochte ich das, was wir an Ängstlichkeit an den Tag legten, gar nicht nennen, vielmehr krochen wir auf allen Vieren über die metertiefen Abgründe und fragten uns, ob unsere Verwandten jemals herausfinden würden, wo wir verschollen waren. Dennoch weigerte ich mich, mein Gepäck abzugeben und machte ironische Bemerkungen darüber, dass ich in Deutschland viel geld ausgab, um Muskeln zu bekommen, während ich hier alles umsonst bekam. Na ja, eigentlich nicht, denn ich hatte ja 1000 Dollar für alle Transporte bezahlt und mit solchen Widrigkeiten einfach nicht gerechnet. Bridget und Yuriko hatten bereits aufgegeben, ein paar Münzen herausgekramt und die restlichen acht Kilometer sichtlich erleichtert in Angriff genommen. Von den nepalesischen Jungen erntete ich für meine Fitness-Studio-Geschichte ausschließlich zweifelnde Blicke. Für sie, die für ein paar Rupien Lasten bewegten, die zum Teil ihre Körpergröße um das Dreifache überragten und vermutlich auch das Doppelte ihres Körpergewichts auf die Waage brächten, mussten sich solche Erzählungen wie Lügenmärchen anhören. Dennoch begannen wir eine versöhnlichere Unterhaltung, ich erfuhr, dass sie für reiche indische Geschäftsleute, die auf diesem Weg Geld für teure Trucks sparten, Textilien, Stoffe, riesige Ballen über die Grenze transportierten. Querfeldein rutschten, schlidderten wir hinter diesen menschlichen Last-Eseln hinterdrein. Von Zeit zu Zeit kam die ganz Lawine ins Stocken, wenn jemand mitsamt seinem Gepäck bergabwärts rollte, sich überschlug und völlig zerschrammt von den anderen wieder auf die Beine gestellt wurde.

Auch am nächsten Kontrollpunkt wollte das Abenteuer uns noch nicht entlassen. Immerhin fand der Guide zwei wagemutige Männer, die bereit waren, uns über die schlammigen Reste der Straße zu chauffieren. Carlos und ich waren zunächst dagegen, die geforderten 1000 Rupien oder 15 US-Dollar zu zahlen, doch Yuriko saß bereits willig im Auto. Sie würde keine weiteren zwölf Kilometer Fußmarsch schaffen, selbst gepäcklos nicht.

Während wir uns vor den Sturzbächen, die der Himmel entsendet, zu schützen versuchten, ein paar Kekse kauften und einen Tee tranken, entbrannte zwischen Carlos und dem Guide eine heftige Diskussion, in der ich Carlos beistehe, aber die Männer nehmen mich gar nicht wahr. In unseren Reiseunterlagen wurde versichert, dass sämtliche Transporte mit der Gebühr von 1000 Dollar für die zehntägige Tibetreise abgegolten seien. Dummerweise hatte keiner von uns auf das Kleingedruckte geachtet, welches der Guide uns stolz präsentierte: Widrigkeiten natürlicher Art sind nicht vorhersehbar und also als „höhere Gewalt“ zu werten. Tja, wieso sollten nepalesische Reisebüros weniger schlau agieren als europäische?

Missmutig ließen wir uns von den gutgelaunten Fahrern durch die Pampa schaukeln. Die Wagen, ein klappriger Toyota und ein ebenso durchgerosteter Honda bleiben mehr als einmal in dem Morast stecken, mehr als einmal müssen wir aussteigen und schieben. Aus den überforderten provisorisch installierten Boxen scheppern lautstark indische und nepalesische Popsongs. Wegen der Übersteuerung sind diese auch nicht gerade dazu angetan, unsere Laune zu heben. Strömender Regen prasselt gegen die Scheiben, ich muss an die Entbehrungen der Tibeter denken, die Hundertausende, die auf der Flucht aus Tibet mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatten und beruhige mich wieder ein wenig. Am Ende dieser Fahrt über Gesteinklippen und Schlammhalden, aber eben auch wunderschöne Gebirgszüge und waldige Täler erwartete uns die zivilisierte Welt – aus dem Nichts tauchte plötzlich eine asphaltierte Straße hinter einem Felsen auf. Am Rand geparkt wartete ein klimatisiserter, gefederter Jeep und wartete darauf, uns durch romantisch anmutende Trekkinggebiete zu kutschieren, um uns schließlich im abendlichen, schmutziglauten Kathmandu abzusetzen. Trotz des unglaublichen Smogs, der die Stadt dicht umhüllt, bin ich nur allzu glücklich, wieder hier zu sein.

9. September 2001

Im Hotel wurden mir alle möglichen Annehmlichkeiten zuteil: per Boten hatte man meine Wäsche in die Reinigung bringen lassen und bereits eine Stunde nach Abgabe meiner Filme war mir der nette Laufbursche des Fotoladens ins „beyond-the-bread“ gefolgt, schmunzelnd hatte er mir die komplett entwickelten Tibetfilme auf den gedeckten Frühstückstisch.

Kaum stand ich wieder auf der Straße, wandte ein breites, unverkennbar tibetisches Gesicht sich mir zu. Der Mönch griente so breit, dass ich nicht umhin kam, ihn ebenso herzlich zurück zu grüßen. Dorje, so stellte er sich vor, hatte mich nicht nur in ein Gespräch verwickelt, sondern auch zum Tee eingeladen. Die Begegnung rief äußerst ambivalente Gefühle in mir hervor, denn einerseits war ich natürlich sehr erfreut, mich mit einem tibetischen Flüchtling unterhalten zu können – noch dazu mit einem, dessen Englisch gut genug für eine längere Konversation war. Zum anderen aber schreckte ich vor Dorjes zunehmend seltsamen Verhalten ein wenig zurück. Oft und unerwartet begann er mitten im Satz zu flüstern, zog mich am Ärmel in einen Hauseingang, glaubte plötzlich, wir würden verfolgt.

Befremdet ließ ich mich von ihm in ein spezielles Tibetlokal lotsen, denn nur dort würden wir garantiert nicht belauscht. Gleichfalls unheimlich erschien mir seine Eigenart, alle paar Minuten zu beteuern, wie außergewöhnlich – ja geradezu karmisch bestimmt – unser Zusammentreffen sei. Für einen tibetischen Mönch benahm er sich sehr befremdlich, ich schreckte deutlich zur Seite, als er mehrmals versuchte mich zu umarmen. Schließlich schmatzte Dorje mir sogar einen feuchten Kuss auf die Wange. Mein Argwohn wurde von der Gewissheit angestachelt, dass er selbst vor einem Kuss auf den Mund nicht Halt gemacht hätte, so er denn nicht von meinem schnell abgewandten Kopf abgehalten worden wäre.

Als sei nichts geschehen, fuhr Dorje mit seiner dramatischen Schilderung fort: Seine Familie sei vor wenigen Monaten in Tibet ermordet worden, er selbst habe nur auf abenteuerlichen Umwegen über Indien nach Nepal fliehen können. Im Bus sei ihm in letzter Minute die Flucht vor den chinesischen Soldaten gelungen, bei dieser Aktion hätten sie ihm seinen Pass abgenommen. Inmitten dieser Erzählung sprang Dorje immer wieder hektisch auf, lief zur Tür, setzte sich dann fahrig, um gleich darauf einen Blechring mit einem eingefassten Glasstein aus seinem mageren Bündel zu kramen. Der habe seiner Mutter gehört, er wolle ihn mir schenken. Beschämt und hilflos wehrte ich ab, versuchte ihn zum Weiterreden zu bewegen. Ich ahnte bereits, dass Dorje Geld von mir fordern würde, doch vorerst drängte er mich, auch noch ein Foto des 16. Karmapa anzunehmen, der im Gespräch mit dem Dalai Lama abgelichtet wurde.

Dieses Bild ist für mich wiederum eine große Kostbarkeit, und einmal mehr lasse ich Dorjes Umarmung über mich ergehen.

Dann rückte er endlich heraus mit der Sprache: Er brauche 135 Dollar, damit er bei den chinesischen Behörden das erforderliche Schmiergeld zahlen und seinen Pass zurückerhalten könne. Das Ganze scheint mir so abwegig, andrerseits habe ich jedoch so unglaubliche Berichte über die Chinesen gehört und gelesen, dass ich nicht darüber zu urteilen vermag.

Was solls, wenn Dorje lügt, habe ich einfach einem armen Tibeter geholfen, indem ich ihm meine letzten 50 Mark schenke. Für mich bedeutet das, da die EC-Karte auf dem Flug nach Tibet ja gestohlen wurde, dass ich gleich heute noch sehen muss, ob ich allein mit der Kreditkarte Geld bei der Bank bekomme, wenn nicht, habe ich ein Problem. Wir verabreden, dass ich Dorje morgen noch einmal treffe, um ihm ein paar entbehrliche Sachen zu bringen, die er verkaufen kann. Überschwenglich dankt er mir, nicht ohne die Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich wieder zu küssen. Was mich nervt und dazu führt, dass ich erleichtert durchatme, als wir auf seinen Wunsch vorsischtshalber getrennt, das Lokal verlassen.

Dorje hat mir noch die Adresse eines Klosters im nordindischen Dharamsala gegeben, in das er, sobald er seinen Pass zurückbekommen hat, reisen will, um dort wieder als Mönch zu leben. Unbedingt, so betont er, müsse er mich dort wiedertreffen und er werde mir dort Belehrungen geben können. Seltsam berührt und irritiert von diesen Wendungen beschließe ich, im „Buddha Dharma Center“ bei meinem Freund Lobsang, dem Englischlehrer und Koch, um Rat zu fragen. Ohne Umwege begebe ich mich zu ihm in die Küche, wo er gerade Tsampa für die Nachmittagspuja anrührt, und bin froh, dass er mich gleich beruhigt. Ein solches Kloster in Dharamsala gebe es tatsächlich, die Adresse, die mir aufgeschrieben wurde, sei nicht erfunden und auch Geschichten wie Dorje sie erzählte, seien nicht so unwahrscheinlich.

Dennoch, so warnt Lobsang mich, solle ich nicht blind vertrauen. Ich könne Dorje ja morgen mit ins Kloster bringen, dann würde er ihn einmal auf Herz und Nieren prüfen. Das passt mir gut, denn dann kann ich meinen auf morgen festgesetzten Umzug vom Guesthouse ins Klosters mit dem wenig liebsamen neuerlichen Zusammentreffen verbinden.

Fast fühle ich mich verfolgt, als Golpo, der Rikschafahrer immer noch an derselben Stelle lümmelt wie heute Morgen. Aber vielleicht laufen seine Geschäfte wirklich so schlecht, dann steht die Chance, mich dreimal am Tag dort zu treffen, dementsprechend hoch. Wir radebrechen eine Weile herum,

doch muss ich ihn erneut enttäuschen, denn meine Gepäckberge kann er – da es ziemlich häufig steil bergauf geht – nicht mit dem Rad ins Kloster transportieren. Obwohl ich ihm den Job gern überlassen hätte, muss ich ein Autotaxi nehmen.

Im „Royal Garden Hotel“, wo ich mein Abendessen zu nehmen geruhte – und eine solche Formulierung schießt mir hier des öfteren durch den Kopf, wo behütet fühle ich mich, lernte ich einen der Kellner kennen. Krishna ist 18, liebt Deutschland wegen seiner Fußballmannschaft und ist deshalb wahrscheinlich auch so versessen, sich unbedingt mit mir zu unterhalten. Ich packte mein Buch wieder weg und erfuhr, dass er jeden Morgen um Viertel nach Vier aufsteht, damit er vor der Schule noch in den Tempel gehen kann. Abends arbeitet er dann im Restaurant, um die Schule zu finanzieren. Krishna träumt davon, Fußballer in Deutschland zu werden, aber auch ihn muss ich enttäuschen, denn ganz sicher werde ich ihm bei diesem Vorhaben nicht behilflich sein können.

10. September

Wenn ich sehe, wie viel Gepäck ich habe, schwindet die Motivation, ins Kloster umzuziehen. Aber was soll eigentlich das Gejammer? Ich muss mit Hilfe des mürrischen Taxifahrers alles im Wageninnern und im Kofferraum verstauen, mich auf eine Fahrtpauschale einigen und wieder aussteigen. Zuvor muss ich noch beim verabredeten Treffpunkt nachschauen, ob Dorje tatsächlich gekommen ist.

Kurz bevor ich aufbrach, rief Dorje an, dank mir und der großzügigen Spende eines amerikanischen Touristen habe er seinen Pass bereits zurück erhalten und werde nun nach Indien reisen. Irritiert über diese unerwartete Beschleunigung, die meine Zweifel am Wahrheitsgehalt von Dorjes Geschichte noch verstärkt, fahre ich ohne Umweg zum Kloster. Keinesfalls mochte ich mich auf Dorjes Drängen einlassen, morgen mit ihm den Bus nach Dharamsala zu nehmen. Überhaupt bin ich fest entschlossen, künftig auf mehrstündige Busreisen zu verzichten, auch wenn ich meine finanzielle Situation gar nicht richtig im Blick habe. Dennoch nehme ich bereits zwei Stunden später die Einladung Lobsangs an, der mich nach Pokhara ins Flüchtlingslager der Exiltibeter mitnehmen und seinen Eltern vorstellen möchte. Auch dieses Ansinnen wird mir mit solcher Dringlichkeit vorgetragen, dass ich schlecht „Nein“ sagen kann. Also steht mir doch eine Busreise bevor, aber Pokhara liegt nur dreißig Kilometer von Kathmandu entfernt und gilt als eines der sehenswertesten Trekkinggebiete.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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