Journalismus

Auf dem Rücken schlafender Riesen….Indien, Nepal, Tibet

August 2001, Flughafen Wien

Für die Austrian-Airlines-Stewardessen, die durch die Sitzreihen des Airbus stöckeln, hat soeben ein ganz normaler Arbeitstag begonnen. In ihren roten Kostümen, den Busen eng geschnürt, das Alter, die Müdigkeit und was ein Stewardessengesicht sonst noch unattraktiv machen könnte, gut kaschiert, gehen sie zähneblitzend umher und weisen die wenigen Passagiere ein.

Mit mir haben schätzungsweise acht indische Familien sowie ein österreichisches Paar eingecheckt. Der Vater bespricht Vertrauliches mit seinem übergewichtigen Sohn, die Mutter kämpft mit dem Gurt und wirkt ein wenig verloren, allein in ihrer Dreier-Sitzreihe.

Für mich hatte, und zwar beim Bundesgrenzschutz, denn in deren Röntgengerät war mein Rucksack hängen geblieben – ein ganz und gar nicht normaler Tag begonnen. Erfolglos hatten zwei der Beamten das Malheur zu beheben versucht, am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als die Gurte mit meinem Taschenmesser zu durchtrennen. Glücklicherweise waren es nur zwei der kleineren, unwichtigen Schnüre, auf die ich in den nächsten zwei Monaten getrost würde verzichten können. Vier sorgfältig auszufüllende Formulare und ebenso viele Behördenstempel kosteten noch einmal eine halbe Stunde meiner Eincheckzeit, bevor ich doch noch rechtzeitig nach Wien hatte starten können.

Es wäre vermessen, sich jetzt schon als Abenteurerin zu fühlen; so viele andere vor mir sind schon auf genau dieser und anderen Luftlinien geflogen, auch sie haben die Folien von Plastiktabletts im Miniformat gefummelt, haben sich Orangensaft über die Sachen gespritzt beim Versuch, den Unterdruck der zugeschweißten Döschen zu überlisten. Ungezählt die Passagiere, die sich bisher über die Hindi-Filme, die man ihnen kredenzte geärgert oder gefreut haben. Auch sie schlangen vermutlich das Nachtmahl hungrig in sich hinein oder sie ließen die Tandoori-Imitationen unberührt zurückgehen, und natürlich haben auch sie vor Toiletten angestanden. Manche von ihnen flogen zurück und andere, wie ich, entfernten sich von ihren Heimatorten. Auf dem Monitor kann ich sehen, dass es noch knapp 6000 Kilometer bis zum Zielort Delhi sind.

Während ich gelassen in der Tür lümmelte, verwickelte eine der Stewardessen mich in ein nettes Gespräch, uns blieb noch eine Viertel Stunde bis zum Start. Draußen glitzerten die Tragflächen. In einer der mittleren Reihen darf ich mir mein Lager einrichten, die Stewardess gibt mir zwei weitere Decken, ich könne ruhig dort schlafen, die Maschine sei nicht ausgebucht. Kaum zu glauben, ich habe vier Sitze für mich allein.

Auf den Monitoren erscheint die übliche Trickanimation für die Sicherheitsvorkehrungen, man erläutert uns den Gebrauch der Atemmasken und Schwimmwesten, es klingt sehr irritierend in Hindi.

Obwohl der Komfort, den man, allein in einer Reihe, geboten bekommt, sich nicht nur auf volle Beinfreiheit, sondern obendrein noch auf vier frei verfügbare Monitore erstreckt, bin ich zu müde für die indischen Filme. Sporadisch verfolge ich die englischen Untertitel und erwache, als der Monitor anzeigt, dass wir gerade noch 864 Kilometer bis zur Ankunft zurückzulegen haben. In Indiens Hauptstadt ist es bereits 18:24, während meine Uhr gerade 14:46 anzeigt. Jetzt wäre es schön, einige meiner Freunde anrufen zu können…

21. /22. August, Delhi

Ich wollte Abenteuer, mein Wunsch ist dem Universum Befehl. Wie Leute, die schon einmal hier waren, vorausgesagt hatten: Eine unübersichtliche Menge fuchtelnder, schreiender Männer drängte sich hinter einem eisernen Spalier, das die wenigen gelandeten Touristen noch von ihnen trennte; alle wedelten sie mit Visitenkarten riefen unablässig, wir sollten bei ihnen einsteigen. Ich war froh, vorab zu wissen, dass ich ein Pre-Paid-Taxi nehmen und etwa 180 Rupien zahlen müsste. Der Mann hinter dem Schalter wirkte mürrisch und müde, dafür war der Fahrer des Wagens Nummer 347, dem ich zugeteilt wurde, ganz munter. „Mondän“ ist das Wort, das mir zu seinem schaukelnden Oldtimer, einem alten weißen, britischen Modell, einfällt: Roter Samt bekleidet üppige Sitzpolster, vorn baumeln orangerote und weiße Blumenketten über großzügigen Armaturen. Ich muss an Brokat und Maharadschas denken, an die Kolonialzeit und daran, dass ich viel zu wenig über Indien weiß. Zu spät.

Der Fahrtwind fächelt angenehme 25 Grad herein, es ist zwei Uhr dreißig morgens und der Taxifahrer will erneut wissen, wo wir abbiegen müssen. Wir haben mehrere uniformierte Wächter moderner Gebäude nach dem Weg zum Karmapa Buddhist Institute in New-Delhi gefragt, wir haben Rikschafahrer in ihren Gefährten aus dem Schlaf geschreckt, beinah eine Kuh gestreift und fast einen Hund überfahren. Als wir dann endlich ein rotes Tor fanden, hinter dem ein buddhistisch anmutendes Gebäude im Dunkel lag, war niemand da, den ich hätte wecken und bitten können, mir zu öffnen.

Jeder würde in Indien Lehrgeld bezahlen, hatte man mich gewarnt. Warum sollte gerade ich eine Ausnahme darstellen? Der Hotelmanager verzog keine Miene, als er 1784 Rupien (etwa 90 Mark) von meiner Kreditkarte abbuchte, dafür aber der Boy, als er meinen 23-Kilo-Rucksack und die zwei kleineren Taschen anheben wollte. Bevor er wirklich unter der Last zusammenbrechen würde, trug ich es lieber selbst. Er fand seinen Stolz erst wieder, als wir am oberen Ende der zwei steilen Treppen angekommen waren und er mir die drei indischen Programme in einem kleinen stotternden Schwarzweißfernseher vorführen konnte.

Im Bad tröpfelte kaltes Wasser, im Waschbecken schwammen Haarbüschel, die Duschkabine war gesäumt von schmutzig-braunen Kacheln. Ich versuchte nicht hinzusehen, konzentrierte mich stattdessen darauf, kein Wasser zu schlucken. Direkt über meinem Kopfkissen rotierte in einer wenig vertrauenerweckenden Halterung ein riesiger Ventilator, den ich vorsichtshalber abschaltete. Die Videokamera ums Handgelenk gewickelt, schlief ich ein.

22.8. 01, Busfahrt nach Nepal

Grauenvolle Hupen aller Art begleiteten unsere Ausfahrt in Richtung Sunauli. Zu wissen, wo ich die Ohrstöpsel finden würde, hätte mich glücklich gemacht. Der Bus, in dem ich mir einen Platz erkämpft habe, muss früher grün und in einem früheren Leben vielleicht sogar gefedert gewesen sein, jetzt aber hopsen – sobald wir fahren – mein Rucksack, die Tasche, die Videokamera und ich auf den rissigen Lederbezügen auf und nieder. Auf der Bank, die in Deutschland gerade als Einzelsitz durchgehen würde, halte ich mein Gepäck so gut es eben geht zusammen, um die Frau mit ihrem weinenden Kleinkind nicht allzu sehr einzuschränken. Ihr Mann hockt mit mehreren Kisten eine Bank hinter ihr und starrte mich bereits mehrmals an, während sie keine Miene verzog. Selbst dann nicht, als ich mich für meine Bündel entschuldigte und ihrem Kind einen Keks anbot. Durch die Schiebefenster schreien immer wieder Verkäufer, ein Junge hielt mir hechelnd zwei Flaschen Wasser hin: „25 Rupien!“ Einstudierter Bambi-Blick, dann fügte er an: „Only!“ Noch immer sagte die Frau neben mir nichts, obwohl ich denke, sie weiß sehr wohl, dass eine Flasche Wasser nicht mehr als fünf Rupien kosten kann, selbst wenn man Ausländer ist. (1 Indische Rupie entspricht ungefähr 0.02050 Euro, für 1 Euro erhält man ca. 48.7725 Indische Rupien)

Laut Aussagen des Ticketverkäufers würde ich nach ungefähr 15 Stunden an der nepalesischen Grenze sein, also hatte ich mich in Delhi mit zwei Flaschen Wasser und 30.000 Rupien eingedeckt. Mittlerweile sind die Flaschen leer und das Geld drückt zwischen Hosenbund und Bauch, wo ich es versteckt habe. Nicht nur, weil ich vor Dieben Angst habe, sondern auch, weil weder Aus— noch Einfuhr indischer Währung erlaubt sind und ich nicht wissen kann, wann wir die Grenze tatsächlich erreichen.

Ich würde also einen der großen Scheine aus meinem sorgsam versteckten Bündel wechseln müssen, mit dem ich dem Jungen zu einer guten Einnahme verhalf, selbst wenn wir uns nach langen Verhandlungen auf 15 Rupien für zwei Flaschen geeinigt hatten.

Jedes Mal, wenn ich mein Fenster aufschiebe, schließe ich automatisch das meines Hintermannes, anfangs klemmte ich ihm wohl auch den Arm ein. Ebenso wie meine Nachbarin lässt meine Entschuldigung ihn unbewegt. Er starrt wie alle Männer, ohne, dass ich erraten könnte, was sie denken, emotionslos und direkt in mein Gesicht. Ich bin die einzige Ausländerin zwischen zwei verschleierten Frauen und etwa 45 turbantragenden Männern. Obgleich jeder Reiseführer Frauen davor warnt, komme ich nicht umhin, zurückzuschauen. Dann jedoch wurde unser gegenseitiges Beäugen unterbrochen, weil ein Polizei-Jeep den Bus stoppte. Acht braune Uniformen schoben sich durch den schmalen Gang, mit Stöcken deuteten die Polizisten auf ausgewählte Pakete: Besonders in den hinteren Bänken wurden viele der Kisten, Töpfe, Verschläge aus den Ablagen gehievt und besichtigt. Verschnürte Bündel, die aussehen, als beherbergten sie tote Hühner, wurden auf die Straße geworfen. Ihre Besitzer sprangen gehorsam auf, öffneten alles willig und ohne ein Wort, gegebenenfalls verließen sie den Bus. Stumm ergeben.

Busstop

Seit fünf Stunden sind wir unterwegs, die ganze Zeit saß ich, einen Ellbogen im Fahrtwind, ließ diese fremde Welt an mir vorüberhupen. Wäre da nicht der unvermeidliche Gedanke an eine Pause und an die Toilette, die ich bald brauche, wäre es gar nicht schlimm, nur wage ich auch jetzt nicht auszusteigen, weil ich auch bei dieser Rast nicht weiß, wie lange wir halten. Schon beim letzten Stop vor einer Stunde wagte ich mich nicht von meinem Platz, wusste nicht, wen ich hätte fragen sollen. Ob jemand dem Fahrer Bescheid geben würde, wenn ich fehlte? Und wo sollte ich überhaupt nach einer Toilette suchen? Darüber hinaus beginnt mich der Gedanke zu quälen, woher ich neues Wasser bekomme, wenn nicht aus dem Trinkhahn? Der muss jedoch aus Rücksicht auf meinen europäischen Magen-Darm-Trakt für mich strikt tabu sein.

Vorausgesetzt, ich wagte mich jemals hinaus an die verlockenden Stände am Straßenrand? Wie könnte ich? Weder der dicke, gemütliche Busfahrer in seinem schlafanzugähnlichen weißen Kaftan noch die Frau hinter mir sprechen Englisch, und alle anderen starren so eindringlich, dass ich noch immer vermeide, sie anzuschauen, geschweige denn anzusprechen. Es nützt nichts, beim nächsten Halt werde ich es riskieren müssen, das Gepäck unbeaufsichtigt lassen zu müssen…

Nächste Pause

Bisher sprangen, in jedem Ort, den wir anfuhren, Menschen auf das Trittbrett unseres schaukelnden Vehikels. Sie präsentierten ihre Utensilien mit einer Inbrunst, die mich für die Zeit ihrer Anwesenheit von allen Beschwerlichkeiten, der Hitze, dem Durst und dem sturen, stummen Angestarrtwerden ablenkte. Die mich vor allem aber vergessen ließ, dass ich dringend eine Toilette brauchte. Da ist beispielsweise der Mann mit dem monströsen Rahmen: Ein antikes Stück, in dem eine vergilbte Urkunde, eine Art Zertifikat prangt, mit dem er die Wirksamkeit seiner zum Verkauf gepriesenen Salbe in Sachen Glaubwürdigkeit potenzieren will. Die Sprache der Verkäufer ist, egal, was sie anzubieten haben, unglaublich schnell, eindringlich, kommt einer Hypnose gleich. Schlangenartig bewegt der Verkäufer sich auf sein nächstes Opfer zu. Gebannt schaue ich zu, wie er den kränklich-apathischen jungen Mann vor mir verbal einzuwickeln versucht, obwohl der völlig geistesabwesend wirkt. Ungeachtet dessen redet der Mann mit dem Holzrahmen unablässig weiter, die bis zum Rand gefüllte Bauchtasche bewegt sich drohend auf und ab, eine gut gepflegte Hand drückt dem widerwilligen Opfer zwei Tuben Salbe in die Hand. Auch als der Kranke das nun herrenlose Geschenk nur mit Mühe vor dem Zubodenfallen rettet, bleibt die Miene des Zertifikatbesitzers ungerührt. Mein geschwächter Vordermann muss seinen Kopf lange schütteln, bis der Verkäufer – noch immer ohne erkennbares Mienenspiel – endlich seine Ware zurücknimmt. Da hat er bereits sein nächstes Opfer erspäht. Und wirklich, bei jenem ist er erfolgreich: Ein Dicker im Kaftan nimmt gleich fünf Tuben. Sorgfältig zählt er die schmierigen, zerrissenen Geldlappen, bevor er sie dem überglücklichen Verkäufer übergibt.

Gleich den hiesigen Gepflogenheiten bleiben mir die sanskritbeschrifteten Ortsschilder unlösbare Rätsel, da ich sie nicht entziffern kann. Sunauli, den Grenzübergang nach Nepal finde ich weder auf meiner Indienkarte noch im Nepal-Reiseführer.

 

24. August 2001, Kathmandu, nachts

Hundegebell. Auf der Terrasse sind nur bunte Topfblumen, der Mond hoch oben und ich, die ich vier Tage nach meinem Abflug aus Hamburg in Nepals Hauptstadt gelandet und natürlich krank geworden bin. In Stunde Sechs der Busfahrt hatte ich endlich gewagt, meinen Rucksack (wer sollte ernsthaft 23 Kilo so mir nichts, dir nichts davontragen wollen?) unbeaufsichtigt zu lassen, und hatte mich in höchster Eile auf die Suche nach einem Klo gemacht. Was ich fand, untertraf meine Erwartungen: Zwar war ich asiatische Toiletten ohne Sitzgelegenheit, die nur aus zwei Fußsteigen bestehen, von anderen Reisen gewohnt, aber dass ich zwischen engen, bespritzten, unverputzten Wänden, in flüssigen Durchfallhaufen und natürlich ohne Wasser zum Spülen klarkommen müsste, hatte ich nicht vorhersehen können. Egal, es half nichts.

Bereits beim Betreten des „Restaurants“ – das man sich besser als eine offene Küche, von der Straße nur durch ein gläsernes Regal getrennt, vorstellen muss – hatte man mir klargemacht, dass ich den argusäugigen Beobachtungen der Umstehenden nicht entkäme. Energisch hatten zwei der Männer mich mit unablässig wiederholtem „Sir, Sir“ in die Männertoilette zu dirigieren versucht. Sieh an, soviel englische Sprachkenntnisse waren also doch drin. Skeptisches Grinsen, gemischt mit einem Anflug Erstaunen, war, was ich erntete, als ich mich beeilte, noch zwei Wasserflaschen einzuheimsen, bevor ich meinen sicheren Platz im Bus wieder erklomm.

Nach 23 Stunden Busfahrt schließlich schien meine Verzweiflung ihren Höhepunkt erreicht zu haben – ich glaubte mich verloren in den ärmsten Gegenden Indiens, wähnte mich im falschen Bus, fühlte mich verraten, verkauft, mutterseelenallein – und letzteres war ich ja auch. Was eigentlich nutzte es, dass ich für eine Ostdeutsche relativ vernünftig Englisch sprach? Ohnehin hatte ich doch nie wirklich nach Indien gewollt, quäkte es mir trotzig durch den verwirrten Sinn, mein Ziel war doch immer nur Tibet. Nur auf wen sollte ich wütend sein? Auf die chinesischen Beamten in der Hamburger Botschaft, die mich unfreundlich darauf aufmerksam gemacht hatten, dass es keine Möglichkeit gäbe, einfach so in die „chinesische Provinz Tibet“ zu reisen. Vier Wochen Wartezeit, ein negativer AIDS-Test sowie eine gültige Anmeldung zu einer Pauschal-Gruppen-Tour waren die Mindestanforderungen, hatte man mich wissen lassen. Also hatte ich das Schicksal würfeln lassen, und es ließ mich in Indien starten. Hier war ich nun…

Um sieben Uhr morgens nahte unerwartet Rettung: In einem schmutzigen, sieben Häuser zählenden Kaff stiegen plötzlich vier Europäer ein. Wie ein hungriger Wolf stürzte ich zwei Bänke vorwärts, kaum konnte ich abwarten, ihre, auf spanisch geführte Unterhaltung zu unterbrechen. Glück gehabt: Sie wollten ebenfalls zur Grenze und wie ich hatten sie öffentliche Verkehrsmittel derart über, dass sie sich schnell einverstanden erklärten, gemeinsam nach Alternativen zu suchen, wenn wir erst in Sunauli ankämen.

Dort hatten wir uns nach weiteren eineinhalb Fahrtstunden mit steifen Knochen aus dem Bus geschleppt und uns mit der Tatsache konfrontiert gesehen, dass der Grenzort geteilt und die Visum-Stelle der Nepalesen noch sieben Kilometer entfernt war.

Solche Hindernisse kamen mir nach den vergangenen Stunden vor wie Kleinigkeiten: belebt einzig von der Freude, nicht allein Weiterreisen zu müssen, trieb ich denn auch den barfüßigen Rikschafahrer, der mich für zehn Rupien zum Grenzposten brachte, unnötig schroff an, die anderen beiden quietschenden Gefährte – beladen mit riesigen Rucksäcken und jeweils zwei Spaniern – ja nicht aus den Augen zu lassen. Völlig übertriebene Eile, denn um zu dem Posten zu gelangen, an dem sie ihre Visum kaufen konnten, mussten meine neuen Begleiter auf wackligen Ziegeln balancieren oder circa zehn Meter durch knöcheltiefes Wasser waten, ich holte sie also schnell wieder ein.

„Welcome to Nepal! Your first time? Ein Stempel, ein Winken, das wars. Überall lungerten Menschen, Hunde, Würmer, Kakerlaken herum. Erschöpft bestellte ich irgend etwas zu essen, von dem ich nicht hätte sagen können, ob es eher einem Eiergericht oder gehacktem Fleisch ähnelte. Nach ein paar Bissen gab ich meinen bröselnden Keksreste den Vorzug. Während ich uns Tee besorgte, verhandelten die beiden Spanierinnen mit erstaunlicher Raffinesse mit einigen der umstehenden Nepali. Dann saßen wir auch schon in einem Jeep, der uns direkt nach Kathmandu bringen würde. Angeblich würde die Fahrt fünf bis sechs Stunden dauern, allerdings hatte ich beschlossen, Zeitangaben erst wieder ernst zu nehmen, wenn sie sich einmal bewahrheitet hätten.

In dem Tee, den uns die Frauen bei unserer einzigen Pause in einer Berghütte lachend servieren, vermute ich mindestens fünf gehäufte Löffel Zucker. Und auch sonst wartete Nepal mit seiner süßesten Seite auf: sonnige Täler, der Himalaya in seiner vielfältigen Schönheit und das bequeme Schaukeln des Jeeps. Der Himalaya, faszinierend vielfältig und farbenfroh, legt an den grünweichen Stellen seine Gebirgshaut in Falten wie ein schlafender Bernhardiner.

26. August, Kathmandu

Zum Frühstück gibt es Gingerpulver in schwarzen Tee gebröselt. Langsam erholt mein malträtierter Körper sich von den Nächten, die ich größtenteils auf der Hoteltoilette zubrachte. Noch vor kurzem, bei meiner Abschiedsfeier hatte ich Scherze über meine mangelhafte Reise- und Gesundheitsvorsorge gemacht. Einige meiner Freunde waren regelrecht entsetzt gewesen, als sie hörten, dass ich keinerlei Impfungen vorzuweisen hatte. Eine Freundin, die Indien vor zwanzig Jahren bereist hatte, schwört auf Ingwer als Allheilmittel. Da mir nichts Besseres einfällt, höre ich auf diesen Rat. Von der Übelkeit einmal abgesehen, genieße ich es, auf der sonnenüberfluteten Terrasse meine Ruhe zu haben. Auf zwölf Postkarten schreibe ich, nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich wirklich gelandet bin, immer das Gleiche: das Datum und dass ich nach 48-stündiger Reise wahrhaftig in Nepals Hauptstadt sitze. Woher meine Vergiftung rührt, weiß ich nicht, aber der Geschmack von fauligen Eiern, den ich bis in den letzten Winkel meines Innenlebens mit mir herumtrage, ist wenig appetitlich. Letztendlich musste ich sogar auf Schokolade und Cola verzichten, da auch das nicht helfen und bei mir bleiben will. Beruhigend ist, dass ich bis zur gebuchten Tibet-Reise noch ausreichend Zeit habe, mich auszukurieren.

Den lästigen Europäer-Gebrechen zum Trotz versuchte ich, Kathmandu zu entdecken, begab mich mit einem sehr netten Rikscha-Driver nach Swayambhunath, zur größten Stupa Nepals. Aus Sparsamkeitsgründen auf ein Auto zu verzichten, stellte sich rasch als Fehler heraus. Da es oft steil bergan ging, versagte sowohl die rostige Kette als auch die Muskelkraft meines Radtaxis. So blieb mir nichts anderes übrig, als neben dem Gefährt zu Fuß zu gehen. Schön, dass die Einheimischen sich an solchen Kleinigkeiten erfreuen können, ihr Spott folgte mir unverhohlen, aber nicht gehässig. Wahrscheinlich hielten sie mich für eine ziemlich dämliche Touristin, die ihr Geld für einen Spaziergang neben einem schwatzhaften Rikschafahrer im buntbedruckten T-Shirt auf die Straße wirft.

Wenn wir jedoch fuhren, war es sehr angenehm. Golpo, der Fahrer hatte einen schwarzen, löchrigen Schirm aufgespannt, die Kette quietschte beruhigend im Rhythmus seiner Tritte, er erzählte von den 24 Jahren, die er schon als Fahrradtaxifahrer in Kathmandu arbeitet, von seinen vier Söhnen, einer Tochter, seiner Frau, von Touristen, Friends, wie er sagte und davon, dass es seit einiger Zeit nicht mehr so gut laufe mit dem „Business“ in Nepal.

Swayambhunath

Am Eingang zu Kathmandus größtem buddhistisch-hinduistischen Tempel traf ich auf Sanziv, oder vielmehr, der 15-Jährige fand mich. Wie all die anderen umherschwirrenden, so genannten Guides, die ich bisher erfolgreich abwimmeln konnte, ist auch er geübt darin, Touristen seine Dienste so lange anzubieten, bis diese entwaffnet aufgeben und bezahlen. Kaum hatte er sich mir vorgestellt, brach auch schon sein Redeschwall über alles, was uns vor die Optik kam, aus: Die Gebetsmühlen, den Affengott Hanuman, die Steine, Inschriften, das Moos – er erklärt alles und ohne Luft zu holen. Klar, dass er irgendwann nach Geld fragen würde. Nicht nur, dass mir die steil ansteigenden Treppen sowie die schwüle, klebrige Monsunluft gehörige Schweißausbrüche verursachten, viel schlimmer waren Sanzivs Sätze, nicht zu stoppen, sie hämmerten in immer gleich stimmbruchschrillen Tonfall gebrochenen Englischs gegen meine Schädelwände. Schließlich gab ich auf, mich seiner Begleitung erwehren zu wollen. Schleppend erklommen wir die Stufen zum Tempeleingang, immer wieder angehalten von winkenden, rufenden tibetischen Frauen: „Lookie, have a look, wait, see!“ Sie lachten zauberhaft und priesen kleine silberne Gebetsmühlen, Halbedelsteine, in Stein gravierte Mantren, Halsketten, Ringe an – das ganze Repertoire der – pseudotibetisch-touristisch-buddhistischen – Souvenirs wird dort in Swayambhu bedient. Fiebrig lächelte ich zurück und lehnte dankend ab, bis ich schließlich auf der fünfundachtzigsten Stufe gar nicht mehr reagierte.

Sanziv, der begeistert von „Deutschland, wonderschun“ und seinem „Friend in Munich“ erzählte, war bitter enttäuscht, als ich ihm kein Eintrittsticket für den Tempelinnenhof bezahlte. Vermutlich war auch der verletzte Gesichtsausdruck gut trainiert, und letztendlich sind die 50 Rupien Trinkgeld, die ich ihm für seine bisherigen Dienste spendierte, sehr großzügig bemessen. Eine Taxifahrt vom zehn Kilometer entfernten Hotel nach Swayambhu kostet ebensoviel.

Noch immer fällt es mir schwer, in anderen Relationen zu rechnen: Der Gedanke, für 50 Dollar drei Tage in einem angenehmen Hotelzimmer leben, Massagen sowie gutes Essen genießen, und von diesen 50 Dollar ebenfalls noch alle Touristenattraktionen der Stadt besichtigen zu können, ist noch immer befremdlich und führt gelegentlich dazu, dass ich die Trinkgelder eins zu eins in deutsche Mark umrechne. Das wiederum ist natürlich fatal und hat mir schon manch verwunderten, aber überglücklichen Gesichtsausdruck eingetragen. Mein Hotelzimmer beispielsweise kostet zehn Mark pro Nacht, der Kurs beläuft sich heute auf sagenhafte 1:34: Es ist also spottbillig für mich im viertärmsten Land der Welt. Kein Wunder, dass wir Touristen so oft angebettelt, ausgetrickst, und manchmal auch bestohlen werden. In solchen Momenten wird mir wieder einmal klar, dass die 1200 Mark für einen Flug nach Indien für mich durchaus erschwinglich sind, während diese Summe für die Menschen hier – einmal bar auf der Hand – kaum vorstellbar ist. Nur konfrontiert mich der Schluss, den die Leute ziehen, nämlich, dass ich unsagbar reich sei, mit lästigen Auseinandersetzungen. So oft bin ich gezwungen, jemandes Betteln abzulehnen, zu erklären, wegzustoßen, barsch zu werden. Mit der Häufigkeit solcher Szenen minimieren sich meine Schuldgefühle jedoch, und als ich Sanziv auf diese relativ unkomplizierte Weise losgeworden bin, gewann Erleichterung die Oberhand. Vor dem riesigen Stupa gelang es mir – umgeben nur von einigen wenigen Mönchen und ein paar herumstromernden Affen, den Ort wahrzunehmen.

Swayambhunath ist laut Reiseführer einer der heiligsten Orte des Kathmandu-Tales. Die Affen interessiert das natürlich nicht, sie tollen herum, klamüsern die Opfergaben, kaum, dass jemand etwas ablegt, geschickt aus den vergitterten Altären, und machen Swayambhus Beinamen „Monkey Temple“ alle Ehre. Obwohl die struppigen Gesellen sehr niedlich wirken, halte ich mich in sicherer Entfernung. Einer der Herdenführer, der meine Kamera wohl für das bedrohliche Auge des Feindes hielt, ging beim gestrigen Besuch einer Tempelstätte mit Zischen und ausgefahrenen Krallen auf mich los. Abends in meinem Hotel hatte mir einer der Angestellten lachend und ein wenig stolz seine Bisswunden gezeigt, mit denen er in jeder schmissigen Burschenschaft den Helden den Rang hätte streitig machen können.

Im „Zeitalter der Wahrheit“ scheinen die angriffslustigen Tiere noch keine so bedeutende Rolle gespielt zu haben, zumindest ist von ihnen in der Legende um die Entstehung Swayambhus keine Rede. Dafür aber wird die Geschichte Satya Yugas berichtet; der warf am Vollmondtag im März einen Lotussamen vom Berg hinunter. Kaum schlug der Same Triebe, schwamm die aus den Wurzeln in Guhyesvari entstandene Blüte auf dem See und sandte ein überirdisches, blaues Licht hinaus. Davon hörte wiederum der Sikhi Buddha, setzte sich auf einen Hügel und meditierte so lange auf dieses blaue Licht, bis er mit ihm eins wurde. Ein Zeitalter danach, so die Legende, erschien der Bodhisattva Manjushri aus China. Er beobachtete das Licht von Swayambhunath drei Nächte lang und beschloss dann, das Wasser abfließen zu lassen. Mit seinem Schwert teilte er die Berge und noch heute fließt der Bagmati durch die so entstandene Chobarschlucht. Der Lotus aber wurzelte auf dem heutigen Swayambhunath-Hügel und wird als Sinnbild des „Selbstgeborenen Buddha“ („swayam = selbst, bhu = geschaffen, nath = Gott“) verehrt. Der Stupa, vor dem ich so glücklich stehe, weil ich hier nicht reden muss, wurde geschaffen, den sagenumwobenen Lotus zu schützen.

In meinem Reiseführer finde ich auch den Hinweis, dass die ältesten Inschriften von 1129 stammen, im 14. Jahrhundert seien dann Moslems eingefallen und hätten die Anlage zerstört. Ich stehe also quasi vor Neubauten: aus dem 15. Jahrhundert, spätestens. Mönche gehen umher, singen, rezitieren ihre Mantras, weiter unten spielen Kinder, das Knattern der Rikschas, Flugzeuglärm. Avalokiteshvara, die Emanation des Buddha Amitabha steht golden und unberührt in einem kleinen Teich, auf dessen Umzäunung ich für eine Weile sitzen bleibe. „Beschaulich“ ist so ein Wort, für das ich meinen Großvater früher oft belächelt habe, aber als ich die weißen Stupas, die mattgoldenen Gebetsmühlen und die wunderschönen, farbenfrohen Verzierungen der Mauern im Blick habe, fällt mir auch kein besseres Wort ein.

Abends

Schwächeanfälle, Durchfall, Erbrechen: Ich kann nicht sagen, ob mein Körper sich weigert, die Stadt, die Geräusche und das Durcheinander als normale Alltagsbedingungen zu akzeptieren oder ob es einfach eine natürliche Art der Reinigung, der Ankunft ist. Enttäuscht surfte ich zu Spiegel Online, als ich in meinem digitalen Postfach gerade einmal drei Mails aus Hamburg fand. Vermutlich denken sie daheim, ich könne hier ohnehin nicht ins Netz oder, was sie erleben, wäre langweilig für mich, die ich doch das Abenteuer gewählt hatte. Eine Stunde im Netz kostet mich umgerechnet höchstens achtzig Pfennige, ich kann mich also guten Gewissens mit den Bildern der Webcam vom Hamburger Hafen trösten.

Hotelbalkon, 00:05

Die nächtlichen Geräusche sind eine Attraktion, Vögel kreischen, Hunde, die tagsüber devot durch die Stadt humpeln, entdecken zu dieser Stunde ihre eigentliche Berufung und schimpfen, als sei ihnen der Leibhaftige begegnet. Sie bellen sich die Seele aus dem Leib, was mich bisher nicht störte, da ich ohnehin gezwungen war, die meiste Zeit auf der Toilette zu verbringen. In dem engen, gekachelten Bad lenke ich mich von meinen Gebrechen mit den Vorträgen des Dalai Lama, den „Pfaden des Glücks“ ab. Zikaden kann ich auch hören. Der Mond steht dicht, sehr dicht über den farbenfrohen, duftenden Blumentöpfen hier auf meinem Balkonvorsprung und wird sowohl vom vergitterten Fenster meines Zimmers als auch den umliegenden, unbewohnten Räumen und deren Verglasungen gespiegelt.

Zuhause würde ich mich in der gleichen Situation sicher unendlich aufregen über den Lärm. Hier begreife ich, dass es nicht lohnt, sich zu ärgern über Dinge, gegen die ich nichts tun kann. Nun zähle wohl auch ich zu den Asienreisenden, die plötzlich vieles „hinnehmen“ können, loslassen. Europäer und ihre spirituellen Anwandlungen; schaun wir mal, wie weit mein Gleichmut reicht, wenn ich morgen erst wieder in Kathmandus Gewimmel zurechtkommen muss.

26. 8., Kathmandu

Auch wenn die Zeit heftig am Äußeren des früheren Königspalastes nagt, der in der Stadtmitte thront, ist er noch immer eine architektonische Augenweide. Weiß verputzte Hauptgebäude, beflankt von Stelen aus rotbraunem Lehm. All diese etwas verwahrloste Pracht unter einem Dach aus bemoostem Schilf. Ziegen stöbern im Schutt der umliegenden Gebäude nach Essbarem. An den Dachfirsten erregen erotische Holzschnitzereien die Aufmerksamkeit der umherpilgernden Touristen, und auch wenn abbröckelnder Putz an einigen Stellen an eine Hautkrankheit erinnert, wohnt den Details dieser facettenreichen Holzfiguren noch immer eine unglaubliche Schönheit inne.

Stundenlang hocke ich hier oben auf den Stufen der Paläste oder auf der Terrasse eines – wenngleich teuren – Restaurants, von dessen Dach ich das Treiben dort unten gut überschauen kann, ohne direkt involviert zu sein.

Rot bemäntelte Hindugötter, blaubemützte Polizeiwachen, baseballbekappte oder sonnenschutzbetuchte Touristen, gehörnte Abbilder vergangener Epochen, hier oben habe ich alles im Blick und bin umgeben von Gewürzdüften, aber nicht bedroht vom aufwirbelnden Straßenstaub. Genieße es, die farbenfrohen Saris der Frauen zu bewundern. Erstaunlicherweise tragen sie selbst bei der Arbeit außergewöhnlich leuchtende Stoffe, als gingen sie zu einem Fest. Liebste Gewissheit dieser seltsam fremden Tage ist mir jedoch immer aufs Neue die Sonne auf der Haut und der laue Wind, denn anders als in Deutschland muss ich hier nie den Wetterbericht in Anspruch nehmen. Gesetzt, der Monsun hätte Reste seiner nassen Anwesenheit über Kathmandu übrig gelassen, muss doch niemand fürchten, der Regen ginge mit Kälte einher.

Als hätte ich auf dem Durbar Square zuviel des Lobs über Nepals Hauptstadt geschrieben, muss ich später, bei der Suche nach ein wenig Grün eine herbe Schlappe einstecken. Ehrlich gesagt, liebäugelte ich mit dem Gedanken an einen Park, wie ich ihn bislang noch in jeder Stadt gefunden habe. Aus der Ferne sehe ich Kinder im Fluss Bagmati spielen, und sofort gaukele ich mir vor, es gäbe dort auch Gras und einen Flecken, an dem ich Rast machen könne. Doch weit gefehlt, Knochen, Müll, ganze Rinderbeine schimmeln, stinken, morasten vor sich hin. Die Kinder mittendrin, barbäuchig, ins Spiel versunken und lachend. Meine Ekelgrenze ist längst überschritten, zumal ich in meinen Sandalen barfuß und bis zu den Knöcheln im Morast versunken bin. Unter dem verschämten Gelächter der Umstehenden kämpfe ich mich zurück auf die schlammige, aber etwas festere Straße des Slumviertels. Ein völlig verrotteter und trotzdem erstaunlich fahrtüchtiger Toyota, ein im Schlamm rüffelndes Schwein und der umgefallene Rest eines Zaunes versperren mir den Weg. Der Fahrer des Wagens hupt wie wild, das Schwein rüsselt ungerührt vor sich im Boden, bis ich mich schließlich entnervt zwischen beiden Parteien hindurchzwänge.

Nachts

Wie in den vergangenen Nächten auch, lese ich im Badezimmer. Die „Pfade des Glücks“ sind sehr tröstlich in Zeiten wie diesen. Es regnet in Strömen.

28.8., noch immer Kathmandu, „Green Guest House“

Die meisten Häuser rund ums Hotel müssen wegen ihrer verarmten Besitzer oder Bewohner mit verrußten Dächern und bröckelndem Putz auskommen. Doch egal wie heruntergwirtschaftet sie sind, auf keinem fehlt die riesige Satellitenschüssel, chromblitzend und unübersehbar. Hier im Touristenviertel Thamel lösen der ansteigende Straßenlärm und nicht zu ignorierendes Husten ringsum die bis morgens fünf Uhr kläffenden Hunde ab. Dazugelernt habe ich, dass ich die Hauptwege hastig bis zum schützenden Frühstücksrestaurant im Innenhof einer Nebenstraße entlang eilen muss, weil mich sonst eifrige Besenbesitzer rücksichtslos in ihre Staubwolken einhüllen. Ist man rechtzeitig, also zwischen fünf und sieben Uhr unterwegs, bietet das erwachende Kathmandu seltene Anblicke: Rikschafahrer embryonal in ihren schirmbeohrten Gefährten schlafend. Einer der bereits erwachten Männer puhlt sich in den Ohren, ein anderer richtet ausgiebig, was zwischen den Beinen unbequem zu liegen scheint. Der Nächste schnäuzt lautstark in die hohle Hand und verteilt den Schleim handwedelnd auf die Straße. Grell-Orange fällt der Turban eines Bettlers ins Auge, der aufrecht seines Weges zieht, während einer seiner Mitstreiter weniger farbenfroh und gebückt seinen Weg kreuzt, ihn über irgend etwas aufklärt. Ich verstehe kein Wort, stehe einfach daneben, lausche auf das Stimmgewirr und filme das Theater mit meiner Kamera. Wenn ich meinen Freunden die Videos zeigen werde, was wird sichtbar, erklärbar, verständlich sein?

Manchmal vergesse ich, die Kamera abzuschalten, dann sieht man in den Aufzeichnungen meine Schuhe neben denen der vorübereilenden Nepalesen: wasserfeste Neoprenwanderstiefel neben schlammbesprenkelten, zerrissenen Badelatschen.

Nachmittags

Beim Frisör, in dessen Laden ich kurzentschlossen und ohne rechten Grund eintrat, wurde ich in einen durch einen Vorhang abgetrennten Raum geführt, mein Kopf robust und ohne viel Fragen über ein schmieriges Waschbecken gebeugt, das vor Dreck und Haaren nur so strotzte. Der Mann massierte wortlos meinen Kopf, ich wusste, er war verwundert, konnte aber nicht ausdrücken, was ihn so verstörte. Er massierte mir stattdessen Öl ins trockene Haar und wich, als der Meister persönlich auftauchte, demütig aus. Der Ladenbesitzer sprach immerhin gut genug Englisch, um seinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen: „You are a woman?“ Bedeutungsvoll ließ er die Schere klappern. „Shorter?“ Im Spiegel konnte ich ihn beobachten. Eine Frau mit so kurzen Haaren, und nun wollte sie es noch kürzer. Er traute seinen Augen nicht.

„You’re hair is like these…“ zeigte er auf ein ausgerissenes Zeitungsfoto von irgendeiner Wüste. Hochgezogene Augenbrauen meinerseits: Nein, ich will es auch nicht färben lassen. Vermutlich war es allein die Aussicht auf die ausgehandelten 600 Rupien, die ihn verstummen ließen. Manchmal weiß ich nicht, ob es um meine Geschlechtsidentität oder nur um den Preis geht.

Amüsiert stellte er – sich einiger englischen Vokabeln erinnernd – fest, dass ich ja gar nicht wie eine Europäerin aussähe, seiner Meinung nach sei meine Haut „too dark“. Viele Inderinnen sowie auch einige nepalesische Frauen, so sie wohlhabend genug sind, schmieren sich teure weiße Cremes ins Gesicht, während ich Zuhause Geld für die Sonnenbank ausgebe. Davon erzählte ich besser nichts. Widersprüche dieser Art zu debattieren, scheint mir immer öfter überflüssig.

Schmunzelnd rasierte der Figaro dann auch ohne weitere Diskussion die Höfe um meine Ohren wie bei einem Mönch. Wahrscheinlich war es seine Art, mit unseren gegensätzlichen Frisurwünschen fertig zu werden. Wenn ich schon nicht eindeutig Frau sein wollte, war es doch keine schlechte Idee, mich per klösterlichem Haarschnitt der Religion zu übergeben. Als alles fertig war, beeilte er sich, meinen Kopf über das Becken zu drücken und wild drauf los zu massieren. „You like the nepali massage?“ Mein voreiliges „Yes“ bezahlte ich – weitere Lektion – mit zusätzlichen 120 Rupien, denn auch die Diskussionen um nicht vereinbarte Leistungen, bin ich so leid. Wir beendeten den Disput mit einem freundlichen „Namaste“. Ich schaffte es sogar, bei dieser nepalesischen Verabschiedungsfloskel meine Hände aneinander gefaltet in seine Richtung zu erheben und gönnte ihm, dass er wahrscheinlich an diesem Tag seinen sonstigen Wochenverdienst getoppt haben würde.

Zurück auf der Straße entdeckte ich weiße, verblichen-gelbe, ja sogar blass-blaue Gebisse, die stolz in gläsernen Laden-Vitrinen präsentiert werden. Hinter deren Tresen entdecke ich immer gleich gelangweilt- aussehende Besitzer, und bisher habe ich nie auch nur einen Kunden entdecken können in diesen Family Dentist Centern.

Kids hüpften mir auf einer der fünf Hauptstraßen entgegen, in die ich einbog, um einfach herumzuschlendern und mich nicht zu verlaufen. Ihre Schuluniformen, egal, ob weiß, blau oder grau, sind auf jeden Fall immer akkurat gebügelt und scheinbar unangetastet vom Staub. Wie sie das schaffen, ist mir rätselhaft. Mich jeden Tag aufs Neue zu erschrecken, das gelingt auch den Zeitungsjungen, wenn sie dicht hinter mir und in eigenartiger Betonung plötzlich lauthals loslegen, um ihre Neuigkeiten, von denen ich keine Silbe verstehe, zu verkünden. Wie oft schon dachte ich, es wäre ein Krieg ausgebrochen.

Vertrauen, dass Kathmandu nicht allein vom Chaos regiert wird, fasse ich dann doch wieder in den Begegnungen. Wie zum Beispiel jener, bei der mir der bestürzte Besitzer eines Textilgeschäftes nachlief. Es wäre unmöglich, dass ich für den Katta, einen weißen Seidenschal, der oft als Geschenk überreicht wird, 100 Rupien bezahlte. Aber genau diesen Preis hatte ich doch mit seinem Neffen vereinbart? Irritiert fand ich nach einigem Hin- und Her heraus, dass er um seinen guten Ruf fürchtete, wenn er mir den Katta derart überteuert überließe. Dabei war ich doch stolz gewesen, den Schal von geforderten 180 auf 100 Rupien heruntergehandelt zu haben. Nun bekam ich unaufgefordert 50 Rupien und das Gefühl zurück, dass nicht jeder in dieser Stadt darauf aus ist, mich zu betrügen, nur weil ich Ausländerin bin.

Abends

Keine einzige Mail aus Deutschland! Wieder einmal komme ich nicht umhin, enttäuscht zu sein. Natürlich erinnere ich mich, wie das Leben dort in den Büros, und jenes nach Feierabend von anderen Dingen bestimmt wird, und von den meisten dort drüben weiß ich sogar, in welchem Trubel sie gerade stecken.

Ein unglaublicher Sternenhimmel und die, nur von Hundegebell und entfernten Hupen unterbrochene Ruhe sowie der ungestörte Platz auf meiner Hotelterrasse entschädigen mich. Nichts, was mich Heimweh spüren ließe…

Einen halben Tag später, nachts

Notizen: Obwohl ich oft genug am Durbar Marg weile, um dort von hoch oben das Treiben auf dem Platz vor dem alten Königspalast ungestört zu beobachten, zieht es mich nachmittags doch wieder zurück ins Gewimmel von Thamel, dem Touristenviertel.

Schlechtgepflasterte Straßen, deren einziger Unterschied zu den venezianischen Gassen darin liegt, dass es in Kathmandu erlaubt ist, sich auch noch mit jedem nur erdenklichen Gefährt durch die hiesigen engen Straßen zu zwängen. Und bestimmt hat hier noch nie jemand etwas von Katalysatoren oder Abgasuntersuchungen gehört. Ich schätze, man würde mich ob solcher Bedenken einfach nur lauthals auslachen. Was in Kathmandu zählt, ist schlichtweg: Vorwärts zu kommen.

Wenn es regnet, und das kommt, obgleich der Monsun langsam vorüber sein sollte, oft genug und in aller Heftigkeit vor, schlappen Hunderte quietschbunter Gummilatschen durch den Morast, Motorräder schlittern mehr als dass sie fahren, Rikschas schieben sich kaum merklich vorwärts. Jedes Mal, wenn ich das Touristnviertel Thamel erreiche, scheint der quirlige Trubel auf den engen Gassen sich verdoppelt zu haben, verkrüppelte Bettler haben das Revier der Straßenecken und Kioskeingänge untereinander abgesteckt.

Gestern erntete ich zum ersten Mal einen Gruß von einer der dunklen Gestalten, die auf allen Vieren oder beinlos auf ein Brett mit Rollen geschnallt über den Boden krauchen: Er hatte mich wiedererkannt. Vor lauter Stolz ließ ich gegen meine sonstige Gewohnheit, nicht mehr als zwei Rupien zu spenden, einen Fünfer in seiner Messingschale klimpern. Kurz darauf erinnerte ich mich dank meiner nichtnepalesischen Körpergröße und einem äußerst schmerzhaften Kopfstoß an einer Kioskdecke daran, nicht übermütig zu werden oder mir gar einzubilden, ich könne mich nach einer knappen Woche Zuhause fühlen.

27.8. 2001, 8:00 Ortszeit, Kathmandu

Gesund und ausgeschlafen. Trotzdem ich seltsame Träume bewohne. In denen gewinnt „Richter Gnadenlos“ Schill die Wahl in Hamburg, obwohl sie doch erst in etwa zwei Wochen stattfindet. Dann sagte ich in einem weiteren Traum meinen Besuch bei der Hochzeitsfeier einer mir unbekannten Frau zu, weil ich doch bis dahin aus Nepal zurück sein würde, wie ich mir im Traum mehrmals ausrechnete und ihr beteuerte.

Abends

Wechselnde Stimmungen begleiteten den Tag. Zum einen war ich verärgert, weil meine EC-Karte mit dem Hinweis eingezogen wurde, ich habe den verkehrten PIN-Code eingegeben. Normalerweise, das meint: in Deutschland, schluckt der Automat die Karte nach dem dritten misslungenen Versuch, aber ich war so sicher, die richtige Nummer zu wissen, dass ich es mehrmals versuchte. Guter Rat ist hierzulande zwar nicht teuer, dafür verbunden mit viel Geduld. Die brauchte ich, weil ich dreimal zu einer grimmigen Schalterdame gehen musste, die wiederum einem uniformierten und ebenso unfreundlichen Bediensteten beauftragte, mir die Karte wieder zu bringen. Ihr grell geschminkter Mund lächelte auch noch asiatisch starr, als ich zum vierten Mal und der Verzweiflung nah bei ihr vorsprach. Nein, es müsse mein Fehler sein, ich solle noch einmal genau nachdenken. Sie ist zwar eine winzige Person, aber eine willensstarke Frau, die sich von desorientierten Touristinnen mit Sicherheit nicht aus der Ruhe bringen lässt. Auch dann nicht, als ich nach insgesamt zwei Stunden erfolglosen Wartens – und immer noch mittellos – meine Gereiztheit nicht mehr überspielen kann. Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen, dass man mir meine Karte jedes Mal wiederbrachte. In solchen Momenten frage ich mich, wo sie sich immer wenn es darauf ankommt versteckt, meine buddhistische Möchtegerngeduld. Trotz der Sturheit, die meinen Nacken piesackt, mir den Schweiß auf die Stirn und Zornesröte ins Gesicht treibt, ist Rettung schnell gefunden.

Zur Verblüffung der Schaltermamsell tauschte ich letzten Endes 150 Mark, die ich in einer versteckten Falte meines Portemonaies gefunden habe. Darüber, wie ich ohne funktionierende EC-Karte an Geld komme, wenn dieses aufgebraucht ist, kann ich mir auch später noch Sorgen machen. Asiatische Lektionen, für die ich beginne, dankbar zu sein.

In meinem Lieblingsfrühstücksrestaurant „Beyond bread – German Bakery“ – was immer der Name eigentlich bedeuten soll – trösten ein köstlicher Fruchtsalat, ein Sandwich mit Käse sowie ein Pancake mit Schokolade mich über den Ärger hinweg. Mein Magen hat das Revoltieren aufgegeben, worüber ich so erleichtert bin, dass auch der letzte Zorn schnell verfliegt. Überhaupt hält Genervtsein hier nie lang an, der Ort macht es mir leicht: Um acht Uhr morgens ist es schon warm genug, um in kurzen Hosen zwischen Bambussträuchern zu sitzen. Außerdem kann ich seit einer Woche meinen ersten Kaffee trinken, ohne dass mein Magen sich meldet, wozu sich also aufregen?

Sogar zwei der Tigerbalm-Händler begrüßten mich heute anerkennend per Handschlag, jedenfalls nehme ich an, dass so etwas eine Auszeichnung ist. Zumindest werde ich nicht mehr wie die anderen Touristen überfallen: „Tigerbalm, only twelf rupies“! Was in der Tat nicht mehr als 22 Cents sind. „Try it, Tigerbalm!“ Dann folgen sie den Wohlbetuchten endlos durch die Gassen, greifen nach deren Armen, Taschen, Nerven.

Später

Die Zeit verliert ihre Bedeutung, den Kalender habe ich schon weggepackt, bis zur Rückkehr nach Deutschland bleiben mir noch mehr als eineinhalb Monate und augenblicklich zählt nur, dass ich in drei Tagen nicht versäume, die Reise nach Lhasa anzutreten. Bis dahin ist alles fließend, ohne Übergänge und auf unverhoffte Weise befreiend. Dennoch habe ich auch hier jeden Nachmittag Termine; ein Ritual, dem ich gern fröne, denn die 16:00-Puja im Kloster ist jedes Mal ein Erlebnis.

Streng genommen ist eine Puja eine gesungene, getrommelte und von Bläsern begleitete Meditation oder Lobpreisung, bei der die Mönche sich versammeln, um einem bestimmten Buddha, Boddhisattva oder Aspekte wie beispielsweise Tara oder Manjushri zu opfern. Das ist auch im Kloster von Tenga Rinpoche so. Allerdings wird meine Erwartung buddhistischer Konzentration total über den Haufen geworfen. Bereits beim ersten Besuch komme mir vor wie in einem unbeaufsichtigten Klassenzimmer. Zwischen umherfliegenden Papierknöllchen und neugierigen Blicken, die mir gelten, zwischen Fußtritten, mit denen die fegenden Mönche bedacht werden und Zuspätkommenden, die ihre Niederwerfungen am Eingang mehr oder weniger ernsthaft praktizieren, sehe ich mich gezwungen, meine europäischen Meditationserfahrungen und die Hollywoodklischee a` la „Sieben Jahre in Tibet“ oder „Kunduun“ über Bord zu werfen. „Little Buddha“ ist hier kein blonder, amerikanischer Knabe, sondern ein kahlgeschorener Fünfjähriger mit dem charmanten Lächeln eines liebenswerten Schwerenöters, der seine herzhaft herausgebohrten Popel unter den Sitz schmiert. Weil ich beim ersten Mal etwas zu früh war, hatte ich Gelegenheit, im Büro mindestens vier Tassen Tee unter dem Gelächter der umstehenden Jungs zu trinken. Ein schätzungsweise Sechsjähriger schüttete, kaum, dass meine Tasse leer war und meine Beteuerungen, dass ich genug hätte, ignorierend, aus einer riesigen geblümten Thermoskanne nach.

„Germany?“ Die Augenbrauen des Kochs und Englischlehrers, der mich hereingebeten hatte, gingen in die Höhe: „Very far?“

Seine ungelenken Bewegungen, die Mimik seines narbigen Gesichts sowie das holprige Englisch, das er mir hastig und in Brocken vorwarf, ließen den 17-Jährigen im Mönchsgewand etwas tölpelhaft erscheinen. Vielleicht, weil er so sehr um unsere Konversation bemüht war, verstand ich auch nach der dritten Wiederholung seinen Namen nicht richtig, sodass ich fortan vermied, ihn direkt anzusprechen. Irgendwie erinnerte er mich an Anthony Quinn als Quasimodo. Er ist nicht wirklich Mönch, vielmehr hat der Rinpoche ihn als Koch und Englischlehrer eingestellt, worauf er sehr stolz ist, denn so fällt er seiner Familie, die in Pokhara im tibetischen Flüchtlingslager lebt, nicht länger zur Last.

Obgleich ihm unsere geradebrechte Unterhaltung sehr wichtig zu sein scheint, wirkt er ebenso erleichtert wie ich, als die Puja beginnt. Generös weist er mir meinen Platz zu. In der hintersten Bank – neben den jüngsten Mönchen – versuche ich, nachdem ich sie bereits damit verwirrt habe, dass ich die erforderlichen Verbeugungen ebenso gut wie sie beherrsche, die Jungs mit meinem Lotussitz zu beeindrucken. Sie lachen herzhaft, aber hinter vorgehaltenen Händen. Wenn ich sie direkt anschaue, kann ich sicher sein, dass sie flink ihre Köpfe wegdrehen. Verwundert schaue ich Quasimodo zu, wie er gar nicht mehr linkisch seine Verbeugungen macht. Im Gegenteil, seine Bewegungen sind fließend, und der gewagte Schwung, mit welchem er den Ärmel seiner dunkelroten Kutte vor jedem Niederknien über seine linke Schulter zurückwirft, ist beneidenswert elegant.

Später, als seine Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, erfuhr ich, dass Lobsang, denn auch seinen Namen sprach er nun deutlicher aus, vor sieben Jahren mit seiner Familie fünf Monate von Tibet über den Himalaya nach Nepal geflüchtet war. Es empörte ihn, dass die Mönche eher am Geld ihrer Sponsoren als am Lernen interessiert seien. Für ihn sei es eine Provokation, dass sie protzige Digitalarmbanduhren trugen und ihr Taschengeld am nahegelegenen Kiosk in Süßigkeiten umsetzten. Sie seien doch nur Kinder in Mönchsroben, wandte ich ein. Doch er verschränkte demonstrativ die Arme; ihr Desinteresse an seinem Unterricht und den buddhistischen Lehren verletzte ihn. Dennoch spielte er jeden Nachmittag ausgelassen Fußball mit seinen Schützlingen.

Ich kann nicht leugnen, dass mich das anhaltende Gewusel, die umhergeworfenen Papierkügelchen und das Herumtollen während der Pujas ebenfalls irritierten, andrerseits sagte ich mir, hätte es mit der Disziplinlosigkeit ja ein Ende, wenn die Rinpoches und Lamas aus Europa zurück wären.

Später schloss ich einfach die Augen und gab mich dem hin, was die eingänglichen Trommelrythmen, die Gesänge, der Räucherstäbchenduft in mir auslösten. Hörner, gemurmelte, gesungene und dann plötzlich lautstark betonten Mantren – irgendwie -Zuhause. Schwer zu erklären, was genau mich gefangen nimmt und an etwas Nichtfassbares erinnert, unwiderstehlich anzieht. Es ist, als schliefe ich in einem Kino, der Film, der gezeigt wird, vermengt sich mit meinem Bewusstsein und beim Erwachen habe ich dann dieses seltsame Gemenge aus Traum- und Wachbewusstsein.

Im Grunde habe ich diese ganze Reise aufgrund eines solchen Traumbildes angetreten. Als ich vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal im Meditationszentrum der Hamburger Karma-Kagüy-Gruppe den fremden Mantra-Rezitationen lauschte, wähnte ich mich mitten im Gedränge eines tibetischen Marktes in Lhasa. Ich sah mich selbst, eine alte Frau, gebückt und in der traditionellen Tracht, Gebetsmühlen drehend, einkaufend, dazugehörig. Ohne, dass ich jemals sagen könnte, woher diese Bilder kommen und was sie in mir anrühren, ich fühle mich auf einfachste Weise zufrieden und geborgen. Jedenfalls, solange ich mit geschlossenen Augen den Bildern im Geist folgen kann.

Auf dem Rückweg nach Thamel blieb ich für eine Weile am Brückengeländer stehen, starrte dem Regen hinterdrein, hinunter auf all den Müll, auf das schleimige, schlammige, verdreckte Grau. Slums säumen das Flussufer, laut Reiseführer siedeln hier Inder aus Rajasthan und Binar. Tag für Tag bieten ein paar von ihnen ihre armselige Habe auf der Brücke feil: Schuhcreme – uralt und vertrocknet. Kämme aus pinkfarbenem Plastik, Haarspangen aus verbogenem Aluminium, Stifte, denen man sofort ansieht, dass sie bereits schon mehrere Vorbesitzer hatten. Nachmittags, wenn ich von der Puja zurückkehre, preisen die Händler ihre Waren weniger mit der Stimme denn mit ihren stumpfen Blicken an, und ich kann um diese Zeit unbehelligt herumstehen und schauen.

Unbemerkt von dem bettelnden Krüppel, der sich sonst wie ein Affe auf seinen Vorderarmen zwischen dem bluttriefenden Butcherdesk und der Vitrine mit den Gebissen hin und her hievt, habe ich heute zum ersten Mal ohne Hilfe zurück ins Hotel gefunden. Ohne Vorwarnung wütete plötzlich ein heftiger Regen, gewann in seinem heftigen, peitschendem Getöse sogar gegen den der Stadt innewohnenden Lärm und schaffte es, dass HundKatzeMaus und Mensch schlagartig flüchteten. Schlamm verwandelte, was bisher Straße war, in glitschige, zerfurchte Schluchten.

Solche wasserreichen Zwischenfälle stellen hier nichts Besonderes dar, es gibt deshalb keine Sondersendungen im Fernsehen. Dank der Internetcafes, die einem alle paar Meter einladend entgegenblinken, muss ich noch nicht einmal in die Langeweile, sondern nur ins Trockene fliehen.

„Andere haben auch noch etwas anderes zu tun, als durch die Weltgeschichte zu reisen!“ Auf Vorwürfe dieser Art war ich nicht gefasst. Verblüfft und verärgert kämpfte ich mit den Tränen und der verdreckten Computermaus, bevor ich auf die Mail meiner besten Freundin antwortete. Scheinbar hatte sie meine letzten zwei Mails als Vorwürfe aufgefasst, weil ich meiner Sorge Ausdruck verliehen hatte, dass sie so gar nichts von sich hören ließ. Der Cursor rutschte quer über den Bildschirm und es kostete mich viel Zeit ihn zu steuern. Ärger kam mir gerade recht, und als der Ladenbesitzer nach mir sah, grummelte ich gehörig herum, ließ meine Wut an dem armen Kerl ab. Soviel zum Thema Gelassenheit und den „Pfaden des Glücks“.

Sobald der Regenguss endete, schlappte ich zum zweiten Mal und mit wunden Füßen zum Royal Palace: wieder umsonst! Keiner der Soldaten machte Anstalten, mich einzulassen. Anders als der Himmel, der sich einfach wieder aufheiterte, als habe es nie einen Wolkenbruch gegeben, schienen die Wachen am Eingang ihre Gesichter in unveränderliche Anspannung und Härte gegossen zu haben. Selbst, als ich meinen Journalistenausweis zücke, rührt sich nichts im Antlitz meines Gegenübers. Der Mord an der Königsfamilie, über den hier niemand richtig reden will, liegt gerade eineinhalb Monate zurück. Und deutlich ist das Unbehagen zu spüren, kaum dass doch jemand sich auf ein kurzes Statement einlässt. Fast in jedem Laden ist die ermordete Königsfamilie vertreten: als Bildschirmhintergrund auf dem Computer, an den Wänden, auf Kopfkissenstickereien.

Der Königsmord

Der 1. Juni 2001 war ein Freitag. Kein gewöhnlicher jedoch, wie sich beim wöchentlichen Familienessen im Palast herausstellen sollte. Denn dieses Treffen endete mit einem furchtbaren Massaker, bei dem König Birendra und Königin Aishiwarya ermordet wurden. Da es lange keine offizielle Verlautbarung zu den Vorfällen gab, überschlugen sich die Gerüchte in Kathmandu und bald auch im Land. Immer wieder gab es Mutmaßungen, Kronprinz Dipendra, der sich nach dem Mord selbst erschossen haben sollte, sei der Täter. An diesem 1. Juni hatte man zunächst neun Tote zu beklagen, darunter auch die drei Kinder des Königspaares.

Schließlich hatte ein Verwandter des Königs sich zu einer Erklärung durchgerungen, bei der es hieß, Dipendra habe das Familientreffen kurz verlassen und sei mit einer automatischen Waffe zurückgekehrt, er habe ohne zu zögern das Feuer auf die Anwesenden eröffnet. Anlass für das Drama sei gewesen, dass König Birendra eine Frau für den Thronfolger bestimmt habe, obwohl jener seine Freundin zu heiraten gedachte. Anderen Quellen zufolge hätten politische Differenzen zwischen dem Thronfolger und seinem Vater Anlass zum Streit gegeben.

Überraschenderweise rief der Staatsrat am folgenden Tag den bereits tot geglaubten Dipendra zum neuen König aus, obwohl jener aufgrund seiner schweren Verletzungen im Koma lag und nicht sicher war, ob er der Täter sei. Angesichts dieser verwirrenden Situation und den mehreren hundert Demonstranten in Kathmandu, die Aufklärung verlangten, griff man nun schleunigst auf Gyanendra, einen der jüngeren Brüder des ermordeten Königs zurück. Der bei dem Familientreffen abwesende Gyanendra wurde offiziell als vorläufiger Regent eingesetzt.

Die indische Zeitung „Hindustan Times“ berichtete, die Freundin Dipendras, Deryani Rana, eine Angehörige der indisch-nepalesischen Adelsfamilie, hätte sich nach Indien abgesetzt.

Noch bis zum 3. Juni hielten die nepalesischen Medien an der Attentäterversion fest, dann kam es zu einer ersten offiziellen Mitteilung des neuen Regenten. Gyanendra vermied es, den Begriff „Unfall“ direkt zu verwenden, doch ließ seine Version keine andere Deutung zu. Doch fand sich verständlicherweise nach all dem Hin und Her in der Bevölkerung kaum jemand, der einer solchen Version Glauben schenkte. Gerüchte köchelten auch über den Zustand des Thronfolgers, der von den Ärzten als „sehr kritisch“ beschrieben wurde. Von Tag zu Tag mehrten sich Stimmen, die wissen wollten, dass Dipendra bereits klinisch tot sei und nur künstlich am Leben gehalten werde.

Militante Maoisten, die seit Jahren mit terroristischen Anschlägen versuchten, auf sich aufmerksam zu machen, nutzten den Anschlag für ihre Propaganda: In verschiedenen nepalesischen Zeitungen veröffentlichten sie Lobreden auf den ermordeten König, er sei „patriotisch“ und „liberal“ gewesen, das Massaker hätten konservative Kräfte zu verantworten. Gern hätte man von kommunistischer Seite den Mord der Regierung unter Ministerpräsident Koiraia in die Schuhe geschoben.

Zwei Tage ließ der Staatsrat verstreichen, bevor man sich am 4. Juni dazu durchrang, den Tod Dipendras offiziell bekannt zu geben. Kurz darauf erlag auch der jüngere Bruder des Königs seinen Verletzungen. Wegen der anhaltenden Proteste wurde eine Ausgangssperre verhängt, dennoch konnte man nicht verhindern, dass mehrere Demonstranten bei Ausschreitungen und Straßenschlachten ums Leben kamen. Gyanendra, der Interimskönig, versprach Aufklärung durch eine Untersuchungskommission und verzichtete darauf, seinen Sohn Paras zum Thronfolger auszurufen.

In Nepals Hauptstadt und einigen Teilen des Landes brodelte die Empörung jedoch bereits zu hoch, das Vertrauen in die verbliebene monarchische Spitze schwand drastisch. Am 5. Juni meldete die „Kathmandu Post“ 540 Festnahmen, in Kathmandu und Birtamod im Osten des Landes waren 25 Menschen durch Schüsse verletzt worden.

Dennoch taktierte die Regierung weiter, indem sie am 11. Juni die Frist für den eingesetzten Untersuchungsausschuss verlängerte. Inzwischen veröffentlichten die nepalesischen Medien ein Gutachten, dem zufolge Dipendra unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol gestanden haben soll. Im Staatsrat stritt man unterdessen um dessen Ernennung zum König. Obgleich sich die Mehrheit im Staatsrat eindeutig gegen seine Ausrufung zum König aussprach und ihn für den Täter hielt, sah man andrerseits kaum eine juristische Alternative, ihm die Krone zu verweigern. Bis zum 14. Juni musste das ungeduldige Volk warten, dann erklärte die Untersuchungskommission Dipendra für schuldig. Dieses Ermittlungsergebnis fand bei lediglich 40 Prozent der Bevölkerung Zustimmung und Glauben.

Zu viele offene Fragen blieben unbeantwortet. Unklar blieb beispielsweise das Motiv für seinen Amoklauf. Auch klärte der Bericht der Untersuchungskommission nicht, warum kein Leibwächter eingegriffen oder weshalb der Thronfolger Sturmgewehre in seinem Zimmer aufbewahrt hatte. Vor allem aber gab der versuchte Selbstmord Dipendras Rätsel auf; denn der Sohn des Königs war Rechtshänder, doch die drei Kopfschüsse erfolgten von links. Und wie kann man nach dem ersten Kopfschuss noch zweimal abdrücken? Hatte König Birendra tatsächlich versucht, sich mit einer Waffe zu wehren? Sollte man der Aussage von Mao-Rebellenchef Pushpakamal Dahal glauben, der behauptete, Birendra habe ein baldiges direktes Treffen mit den Aufständischen gewünscht? Die maoistische KPN hielt an ihrem Standpunkt fest, nicht Dipendra habe seine Familienangehörigen ermordet, vielmehr handele es sich um eine politische Verschwörung. Aus der königstreuen Rashtriya Prajatantra Party hieß es stattdessen: „Im Interesse Nepals haben wir keine andere Wahl, als dem Bericht zu glauben. Ansonsten würde das Land in Chaos und Anarchie versinken.“

28. August

Niemand hier möchte über das reden, was geschehen ist, immer wieder bekomme ich zu hören, es wäre nicht gut, weil die Touristen ohnehin Angst hätten, nach Nepal zu kommen. Das sei schlimmer als alles, was ohnehin nicht mehr ungeschehen gemacht werden könne. Der Hotelmanager, mit dem ich gelegentlich abends noch auf einen Tee vor dem immer laufenden Fernseher hocke, deutet an, dass die Chinesen hinter dem Mordkomplott stecken würden. „Unser König war nicht chinafreundlich genug, deshalb musste er sterben.“ Trotzig fügt er hinzu: „Nun hat Nepal keinen König mehr!“

Aber hier im Hotel seien sie froh, dass es wenigstens keine Unruhen mehr gäbe, denn letzten Endes litten die Geschäftsleute unter den Tumulten. Es sei schwer genug, denn die Gerüchte, in den nächsten Tagen habe Kathmandu mit einer Demonstration von circa 800 000 Maoisten zu rechnen, häuften sich. „Was soll schon passieren?“ zuckt der Manager resignierend die Schultern. „Wir werden ihnen die geforderten Zimmer zur Verfügung stellen und beten, dass alles ruhig vorübergeht.“

Immer öfter hörte ich Touristen in den letzten Tagen darüber debattieren, ob sie die Stadt wegen der befürchteten Unruhen früher verlassen sollten. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, die Informationen im Fernsehen sind für mich undurchsichtig, zumal ich mich auf die Übersetzungen des Managers verlassen muss und der Rest der Welt scheint nicht übermäßig an den Vorgängen interessiert zu sein. Was ich im Netz finde – auf den Seiten des Auswärtigen Amtes steht nur eine lapidare Warnung vor möglichen Ausschreitungen – ist zu spärlich, um Entscheidungen fällen zu können.

Abends

Im „Beer-Garden“, einem relativ teuren Gartenrestaurant gleich neben meinem Hotel gönnte ich mir einen Teller Mo-Mo’s, eine tibetische Spezialität, am ehesten vergleichbar vielleicht mit gefüllten Maultaschen. Kaum, dass die beiden bekifften Kanadier ihren Platz am Tisch räumten, rückte eine gut betuchte Gruppe Nepalesen nach, die mich ohne Zögern in ihr Gespräch einbezogen, und mich schließlich sogar ausdrücklich baten, doch von jedem ihrer Teller zu probieren. Innerhalb weniger Minuten hatte ich einen Happen Hühnchen, scharf und grün gewürzt, eine Art rotes Reisbällchen, ohne konkreten Geschmack sowie ein Stück gelblicher Pastete unverständlichen Namens im Mund. Tapfer schluckte ich alles, während die Frau, Direktorin einer Privatschule, mich über Deutschland ausfragte. Enttäuscht musste sie feststellen, dass ich weder Ahnung von Fußball habe, geschweige denn, dass ich mich in München gut genug auskenne, um ihre Neugier zu befriedigen. Als ich schließlich nicht einmal die Preise für Kosmetika zu sagen wusste, gab sie auf. Bereitwillig und weiterhin freundlich stellte sie mir ihren Cousin, einen offenbar in Nepal außerordentlich populären Popsänger vor. Man nötigte den Kellner, eine mitgebrachte Kassette einzulegen und so bekam ich über die Restaurantlautsprecher den Beweis: Der Mann war ein Talent. Als auch der Dritte im Bunde, der mir als bekannter Nachrichtensprecher eines nepalesischen Senders vorgestellt wurde, in den melodisch-orientalischen Gesang einfiel, staunte ich nicht schlecht. Noch nie hatte ich erlebt, dass Männer so zartfühlend sein konnten, sich von den Liebesliedtexten berühren ließen und obendrein wirklich gut singen konnten.

Sie habe gehört, fragte meine gutgekleidete Gastgeberin nach, dass auf dem Oktoberfest in München auch viel gesungen werde, ihr Bruder sei dort gewesen. Nun, ehrlich gesagt, wich ich aus, ließe sich Deutschland nur schwer mit Nepal vergleichen.

Während ich noch darüber sinnierte, wie ich ihr plausibel die Unterschiede zwischen beiden Kulturen erklären könne, reichte Mr. Anchorman-Nepaltagesschau eine große Flasche Jim Beam, der er zuvor die drei dicken Whisky-Gläser bis zum Anschlag gefüllt hatte und war entsetzt, dass ich weder rauchte noch trank. Als die Gläser zum vierten Mal geleert waren, verabschiedete ich mich, nicht ohne vorher ausführlich für den unterhaltsamen, lehrreichen Abend gedankt zu haben.

29. August 2001

Auf dem Morgenspaziergang durch Thamel überraschte mich einer der Ladenbesitzer damit, dass er, obgleich durch den roten Hindupunkt auf der Stirn als solcher erkenntlich, plötzlich eine Mala, eine buddhistische Mantrakette unter dem Hemd hervorholte. Zu verblüfft, mich wie gewohnt abzugrenzen und weiterzugehen, willigte ich ein, mich in seinen Lagerräumen umzusehen. Nicht, dass ich etwa verstand, welchen Nutzen er aus meinem Besuch ziehen könnte, er aber schien überzeugt davon, dass ein Kontakt nach Deutschland, und beruhte er nur auf dem Austausch unserer Visitenkarten, ihm unternehmerisches Glück verhieße. Wer wollte denn ausschließen, dass ich nicht doch noch an etwas anderem als meiner privaten Reise interessiert wäre? Umgeben von glitzernden Seidenstoffen hockten wir auf hölzernen Schemeln, tranken Tee und betrachteten intensiv die getauschten Visitenkarten. Mit der Entschuldigung, pünktlich zur Puja im Kloster sein zu wollen, entkam ich seinen nicht enden wollenden Erklärungen. Gerade noch rechtzeitig faltete ich mich atemlos in den Lotossitz und gewahrte neben mir jenen Sechsjährigen, der immer so inbrünstig in der Nase bohrte. Heute gab es für jeden der Mönche 50 Rupien, die wir, denn ich wurde mit rührenderweise einbezogen, bekamen das wöchentliche Taschengeld ausgehändigt. Mein Schein verschwand in der Spenden-Box am Eingang, während die Jüngeren kaum mehr stillsitzen konnten, zu verlockend war der Kiosk an der Ecke. Mit dem noch nicht verklungenen letzten Ton der riesigen Radungs und Trommeln rannte die Horde in aller Eile los, um Kaugummis, Gummitierchen, Stifte und Hefte zu kaufen.

Gelassen und froher Stimmung trabte ich ihnen hinterdrein und begegnete einem seltsam rasierten Schaf, das aussah, als trüge es ein Dekolleté mit geöffnetem Reißverschluss. Hinter der Brücke stieß ich auf eine kleine Versammlung, die sich um eine zusammengebrochene Frau scharte. Scheinbar wusste niemand, was zu tun sei, also standen alle nur herum. Die Frau am Boden wimmerte leise.

„Buddhist?“ zeigte eine alte Frau aus der Runde neugierig auf meine Mala, die ich um den Hals trug. Es erstaunt mich noch immer, wie oft und wie unkompliziert hier darüber gesprochen wird, welcher Religion man angehört.

Verwundert bin ich ebenfalls und immer aufs Neue, wie plötzlich sich Tag und Nacht hier abwechseln: Gerade ist es noch hell und kaum eine halbe Stunde später ist der Himmel dunkel gekleidet wie zur tiefsten Nacht. Ganz simpel.

Wäre dem nicht so, könnte man die Tageszeit allerdings auch relativ einfach am Angebot der Straßenhändler ablesen. Hatte man eben noch Mühe, den offensiv gepriesenen Tigerbalm abzuwehren, konfrontieren einen schräge Nachtgestalten mit einem hingerauchten: „Smoke, dope?“. Den meisten dieser Gesellen sieht man deutlich an, dass sie ihre Ware oft genug selber konsumieren.

29. August 2001, Durbar Square

Wolken umzingeln die Stadt, der Himalaya säumt den Horizont und macht so deutlich, dass wir im Tal mitsamt den hartnäckigen Monsunüberbleibseln festhängen. Flucht ins „Himalaya-Café“, nachdem ich für eine Lektion bei Raja, einem zerlumpten Schuhputzerjungen, 50 Rupien gelöhnt hatte. Ganz zutraulich hatte er sich von hinten angeschlichen, meine Hand ergriffen und gesagt, ich solle ihm doch bitte, bitte Milch kaufen. Ein Ansinnen, das von vielen Straßenkindern in einer Mischung aus Frage- und Befehlston und bei jedem beliebigen Touristen hervorgebracht wird. Bisher hielt genau dieser Tonfall immer davon ab, darauf einzugehen. Rajas Hand aber, seine Rehaugen und wahrscheinlich auch seine Art, in fast perfektem Englisch die Hauptstädte der Welt herunterzubeten, sorgten dafür, dass ich ihm willig ins nächste Geschäft folgte. Geschickt überspielte er den Weg, lenkte mich damit ab, dass ich sein Wissen testen sollte: Und wirklich, von Prag über Warschau bis Pnom Phen wusste er alles richtig zu beantworten. Später wolle er Lehrer werden, betonte Raja stolz, bevor wir den von ihm angesteuerten Tante-Emma-Laden betraten. Selbstbewusst und ohne Zögern orderte der Neunjährige die größte Dose Milchpulver, die der steinalte Verkäufer in seinem Regal hatte. Kein Minenspiel verriet, dass Raja wissen musste, was gleich geschehen würde, wenn ich den Preis erfuhr. 550 Rupien, zeigte der Alte und machte eine undeutbare Grimasse.

Raja führte alles Erdenkliche von seinen kranken Geschwistern bis zu seinem Berufswunsch ins Feld, um mich zum Kauf zu bewegen.

Kein Zweifel, der Alte hinter dem Tresen erlebte ein solches Spektakel nicht zum ersten Mal. Geruhsam holte er, was auch immer ich statt des teuren Milchpulvers vorschlug, aus den Regalen, schrieb die Preise auf einen Zettel und packte es bei Ablehnung wieder zurück. Dann einigten wir uns – für Raja eine scheinbar wenig zufriedenstellende Lösung – auf eine Packung Kekse, für die der Alte kopfschüttelnd 50 Rupien kassierte. Man sollte meinen, eine gute Tat pro Tag sei genug, doch weit gefehlt. Scheinbar mimte ich heute den Kinderfänger von Kathmandu, auf dem Bordstein hockte schon ein weiterer Kandidat; wieder wurde ich an der Hand gepackt und mitgeschleift.

Diesen Jungen kannte ich schon, denn erst vor ein paar Tagen hatte ich ihn erfolgreich abwehren können, als er mich inständig anflehte, doch einmal das Juweliergeschäft seines Onkels zu inspizieren.

Offenbar witterte der Kleine, dass er heute mehr Erfolg und keinen meiner üblichen Abwehrproteste ernten würde. Er krallte seine schmalen, rauhen Finger in meinen Handballen und ließ mich erst los, als ich mich geduldig auf den bereitgestellten Hocker vor der Schmuckvitrine seines Onkels fallen ließ. Dem Geschäftsinhaber, einem rundlichen, fast kahlen Mann im rostbraunen Kaftan mangelte es offenbar an Gespür, wer zum Kunden taugt. Hier scheint es immer nur darauf anzukommen, überhaupt jemanden mit seinen Angeboten behelligen zu können. Auch er steckte mir wichtigtuerisch seine Visitenkarte zu. Er weigerte sich zu bemerken, dass ich seine Klunker gelangweilt beäugte und die Karte widerspruchslos, aber eben auch desinteressiert einsteckte, um dann mit einem freundlichen Namaste den Laden zu verlassen. Sowohl der Juwelier als auch der Junge sandten mir beschwörende Formeln hinterdrein, von denen ich kein Wort verstand und die deshalb auch erfolglos blieben.

Mein „Kindertag“ nahm dann obendrein ein bitteres Ende, am Fluss geriet ich in eine Beerdigungszeremonie. Dort beklagte gerade eine siebenköpfige Familie den Tod ihres Kindes, dessen Scheiterhaufen schon entzündet war. Die Männer hoben das orange Leinenbündel von der Größe eines Babys auf den brennenden Holzstoß, Qualm und Gestank stiegen wirbelfömig über dem Ganzen auf, während die Frauen lauthals und herzzerbrechend wehklagten. Wortlose Umarmungen bei den Männern. Nicht weit entfernt, auf dem Brückengeländer oberhalb der Szenerie verfolgten Touristen und Einheimische neugierig das Geschehen, wobei bei einigen die Betonung auf „gierig“ liegen muss, aber schließlich stand ich ebenfalls unter den Gaffern.

Faszinierend, abstoßend und mitleiderregend gleichermaßen, und letztendlich habe ich das Gefühl, dieser offensive Umgang mit dem Tod verhilft auch mir zu neuen Einsichten. Hier kann ich mich schlecht entziehen, es trifft, wen es trifft: Gerechtigkeit spielt keine Rolle – das ist hier nicht nur eine hilfreiche Philosophie, sondern Tagesordnung.

Überhaupt bemerke ich gelegentlich, wie sich meine europäische Sichtweise an der Art stört, wie hier alles, Sex ausgenommen, öffentlich gelebt wird: das Kochen, das Sterben, die Streitereien, die Armut, Freundschaften, Verhandlungen, Verkäufe…

Auch Zärtlichkeiten werden unbekümmert ausgetauscht, doch ist hier tabu, was bei uns als normal gilt und umgekehrt: Die Männer können hier sehr wohl Hand in Hand gehen, sich liebevoll umarmen und sogar auf die Wangen küssen. Niemand käme auf die Idee, sie des Schwulseins zu bezichtigen. Ganz und gar undenkbar ist hingegen, dass Männer und Frauen in der Öffentlichkeit enger miteinander umgehen, jeder körperliche Kontakt ist unbedingt zu vermeiden.

29. August 2001, abends

Warten auf das Visum für Tibet; es wird Zeit, Kathmandu zu verlassen. Vor allem drängt es mich, endlich die Reise in das Land anzutreten, um dessentwillen ich überhaupt losgeflogen bin: Tibet.

Nachdem ich in einer Mail von einer Freundin gefragt wurde: Wie sind eigentlich nepalesische Filme? – beschloss ich, genau das in den verbleibenden Stunden herauszufinden.

Vor dem Kino warteten ungefähr dreißig Leute, Familien mit kleinen Kindern, Großmütter, Jugendliche. Der Eintrittspreis von 40 Rupien muss für die meisten eine üppige Summe sein. Zunächst glaubte ich auch, dass der Einlasser mir einen speziellen Touristeneintritt abverlangte, aber einer der Umstehenden versicherte mir, dass auch er soviel zahlen musste. Leider konnte er mir nicht übersetzen, wie der Film hieß. Das Geld lohnte sich jedoch, allein die Werbung bot in ihrer überraschenden Schlicht- und Fremdheit eine Augenweide: Da sah man beispielsweise ein muskelbepacktes Kondom-Zeichenstrichmännchen, das sich zwischen ein sich anhimmelndes, singendes Paar im Wald drängte. Dort ließ es seinen Bizeps spielen. Das wiederum veranlasste die beiden Turteltäubchen, sich singend und mit erhobenem Zeigefinger gegenseitig zu ermahnen, man solle Kondome benutzen. Soweit verstand ich das Ganze sogar ohne Sprachkenntnisse.

Anschließend wurden in ungewohnt langsamer Kameraführung Füllfederhalter, Tütensuppen und Versicherungen beworben. Jedenfalls erschien es mir angenehm ruhig, mir wurde bewusst, wie sehr ich mich an europäische MTV-Schnittgeschwindigkeiten und Clipwechsel angepasst hatte. Neben mir in der Sitzreihe tanzte ein etwa zweijähriges Mädchen zu den verschiedenen Spots, bis sie sich erschrocken auf den Schoß ihres Vaters setzte, als mit Getöse und ohne Vorwarnung der Hauptfilm begann. Mir blieb, da mich der Einlasser irgendwann unsanft hinausbeförderte, weil ich all das mitgefilmt hatte, weder genug Zeit, den Filmtitel herauszufinden, noch worum es in dem Streifen eigentlich ging. Doch konnte ich immerhin soviel verstehen: Ein seltsam pervers wirkender Mann mit riesiger Nase schnüffelt, kaum, dass er eine Frau in Kathmandu besucht, unter ihrem Sofa an den Schuhen herum. Sie schilt ihn für irgendetwas. Zur gleichen Zeit spielen sich in einem nahegelegenen Haus zwei Dramen fast gleichzeitig ab. Der Familienvater liegt – schauspielerisch schlecht gemimt – sterbend im Bett. Die Mutter, eine strahlende Schönheit, entschließt sich, Hilfe zu holen und dafür offenbar eine weite Wanderung auf sich zu nehmen. Während dieser Leidensszene richtet sich die Kamera immer wieder auf die großen braunen Augen des zweifellos hübschen Jungen – Leni Riefenstahl hätte das nicht anders in Szene gesetzt. Als die liebende Ehefrau entschlossen und auftragsbewusst aus dem Haus schreitet, rennt der Junge besinnungslos hinterdrein und wird, das Publikum kreischte laut auf, fast überfahren. Muttermutig-geistesgegenwärtig wirft sich die Frau vor den Truck und rettet ihr Kind. Während dieser lächerlichen, aber dennoch spannenden Szene wich der empörte Kartenabreißer mir nicht von der Seite, bis er mich erfolgreich hinausgeworfen hatte. Ich verstehe nicht, worüber er sich so aufregt, denn er wird ja hoffentlich nicht ernsthaft vermutet haben, ich verkaufte das Mitgeschnittene in Deutschland? Allerdings dankte ich ihm im nachhinein für sein resolutes Engagement, denn eigentlich war höchste Eile geboten, im Reisebüro nach meinem Visum zu fragen. Zunächst wartete eine schreckliche Enttäuschung auf mich: Bei „Tibet-Trekking“ hatte man kein Visum auf meinen Namen, denn die zuständigen Chinesen waren angeblich den ganzen Tag in einem Meeting gewesen. Aber mein Pass lag ihnen doch bereits seit fünf Tagen vor! Man bat mich noch bis 20:00 zu warten. Bange zwei Stunden vergingen, der Reisebüroangestellte fegte beharrlich, unentwegt hustend. Gegen sieben schloss er das Reisebüro und wies mich an, weiter zu warten. Gegen 19:57 endlich und nicht mehr wirklich glaubhaft erwartet stürmte dann tatsächlich ein Bote herein: Meinen Reisepass in einer durchsichtigen Klarsichtfolie balancierend wie eine Geburtstagstorte.

20:00 Uhr ICH HABE DAS VISUM!

Da war es: Das chinesische Visum, das mir die Reise für zehn Tage in die chinesische Provinz Tibet gestatten würde. Säuberlich eingeklebt zwischen dem indischen und dem nepalesischen Einreiseformular. Zur Feier des Tages bestellte ich bei meinem Lieblingsjapaner drei verschiedene Vorspeisen-Gerichte, von denen ich nur ahnen konnte, was man mir servieren würde. Weil man mich hier zu den Stammgästen zählte, sandte der Koch Sushirollen, die großzügig wie Puppenstuben-Wagenräder geformt waren. Amüsiert, vergnügt und außerordentlich guter Dinge zerstückelte ich die Reis-Möhren-Gurkenteilchen in mundgerechte Happen, während auf dem Dach gegenüber nicht isolierte Starkstromkabel zuckten. Von Zeit zu Zeit blitzte das Neon-Werbeschild des Reisebüros, ein einfaches blaues Schild. In serifenloser Typo verkündet ein weißer Schriftzug: TIBET.

29.8., nachts

Vor Aufregung erwache ich wieder und wieder. Dennoch scheint mein Geist aufgeräumt wie ein weihnachtliches Kinderzimmer, Vorfreude pur. Gepackter Rucksack, die Bündel, die ich hier im Hotel zur Aufbewahrung abgeben werde, sind geschnürt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mein Herz eines solchen Hochgefühls Herr werden musste. Tibet, Tibet hämmern die Gedanken, jetzt würde ich mit keinem einzigen Menschen auf dieser Welt tauschen wollen.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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