Yoshidog

Sizilianische Notizen

Besser, man nimmt Bargeld mit, wenn man in einem fremden Land in eine Tierarztpraxis geht, die man nicht kennt. Dachte ich und gab in mein Navi “Sonderziel Bankautomat in der Nähe” als Suchoption ein. Bisher hat mich das Gerät relativ zuverlässig an die gewünschten Orte geführt. Eine Liste mit ungefähr sechs Banken ploppte auf, wunderbar. Die erste nur 3,4 Kilometer entfernt, in Nullkommanix war ich da.
Nicht ohne die Kreisverkehre, Stopschildstraßen und undurchsichtigen Vorfahrtsregeln mit ihren interessanten Regeln bewundert zu haben, denn sie funktionieren reibungslos. Ich habe noch keinen einzigen Unfall gesehen, und das, obwohl ich mir vorstelle, bei einer solchen Fahrweise in Deutschland gäbe es an jeder fünften Ecke, wenn schon keine Unfälle, so doch sich anschreiende Verkehrserzieher. Hier drückt man einfach, egal, ob Rechts vor Links, Stoppschild oder Kreisinnen, die Autoschnauze so weit in die Kreuzung, bis die anderen anhalten müssen und fährt ein. Ganz einfach. Problematisch und obligatorisch, aber auch nicht zu herbeigerufener Polizei führend, scheinen die zerschrammten Kotflügel, Heckteile und abgefahrenen Außenspiegel zu sein. Kein Wunder, bei PKWs, die  in ohnehin kaum befahrbaren, zum Teil steil ansteigenden, engsten Gassen einfach schräg, mit nicht einmal gerade geparkter Lenkung abgestellt werden.
Wahrscheinlich haben die Versicherung Ersatzteile wie Spiegel und Karosserien aus den Vertragsklauseln ausgeklammert.

In der Bankfiliale, an einem unscheinbaren Dorfplatz mit der unabdingbaren Gruppe schwatzender, alter Männer auf der Bank, erwartete mich eine, Klaustrophobie weckende Eingangsschleuse. Eine, bis oben verglaste Drehtür, die sich erst zur Ausgangsseite öffnete, wenn man komplett drin stand. Nur war diese Glaskapsel dermaßen eng, dass ich, und ich würde mich als das Gegenteil von korpulent bezeichnen, gerade so hineinpasste. Dafür entschädigte mich die Bankangestellte mit einem entwaffnenden Lächeln. Unschlüssig, ob der Geldautomat vielleicht hinter ihrem Tresen von ihr bewacht wurde, zeigte ich ihr meine Kreditkarte, mit der ich Bares abheben wollte. Sie nahm sie mir entwaffnend freundlich aus der Hand und drehte sie mehrfach hin und her, sodass ich schon zweifelte, hier richtig zu sein.

Englisch würde sie nicht sprechen, nein, aber ich verstand auch, dass sie mir bedauernd zu verstehen gab, dass hier kein Automat vorhanden sei. Verblüfft sah ich zu, wie sie in ihrem PC etwas suchte und dann tatsächlich eine ganze A4-Seite ausdruckte, auf der sie den beschreibenden Text durchstrich, mir den oberen Teil mit der Adresse einer 550 Meter entfernten Bank abknickte und mir das Blatt überreichte. Mehrfach dankend ob solcher Freundlichkeit, empfand ich die Schleuse beim Hinausgehen gar nicht mehr als so schlimm und fuhr die wenigen Straßen ums Karree. An der bezeichneten Ecke musste ich gar nicht erst aussteigen, denn dort bleckte eine Mauer ihre Ziegelzähne und nur eine Art eingebrannter Abdruck gab der Bankfrau und ihrem Ausdruck Recht, dort hatte einmal ein Bankomat gestanden. Am Ende fuhr ich zwei weitere, im TomTom gespeicherte Banken an, mit dem gleichen Erfolg, nämlich keinem. Um dann, ganz unverhofft, zwei Postboten fotografieren zu wollen, weil ihre Mofas von Amazonpaketen überquollen. Statt das Foto zu schießen, entdeckte ich hinter den beiden einen, ja: Geldautomaten.

Mit den Scheinen in der Tasche fühlte ich mich wesentlich besser für den Besuch bei der vorab über das Netz ausgewählten Tierarztpraxis. Inständig hoffte ich, dass jemand Englisch spräche, um meine Befürchtung, mein Hund könne sich Flöhe aufgesackt und Würmer eingefangen haben, zu erläutern. “Belissima, bello, bella, Bellissima” tirilierte es, kaum, dass Yoshi und ich die Tür geöffnet hatten. Damit war meine 7 Monate Hündin gemeint, und wir waren es beide schon gewöhnt. Yoshi dankte, freudig ihre lange Rute gegen umstehende Beine wedelnd, ich mit einem Lächeln. Und dann ging es los mit den Übersetzungsquizfragen. Der Internetzugang innerhalb der Praxis gleich Null, also keine Option, mir von einer Online-Translation-Maschine helfend unter die Arme, beziehungsweise Zunge greifen zu lassen.

Die Tierärztin so engagiert, dass sie tatkräftig mit Händen, Füßen, diversen Hilfsmitteln wie Zettel, Stift, anderen Klientinnen, Beispielmaterialien wie Spritzen, Impfpass und so weiter alle Fragen so stellte, dass ich antworten konnte und das Gefühl hatte, wir kämen auf einen Nenner.
Das Ende unserer halbstündigen Arie, Ouvertüre, Operette? – sie vermutete, es liege an meinem, der Reise geschuldeten Futterwechsel und dann verließ ich mit einer, nur widerwillig mit hinausgezerrten Yoshi und einem engbeschriebenen Zettel die Praxis.
Auf dem Schreiben hatte die nette Frau:

1) die Blutergebnisse

2) die Futterkaufempfehlung

3) die nächste Gabe der Wurmkur

4) die eventuell zu verabreichenden Zeckenschutzgaben

verzeichnet. Und, was ich besonders aufmerksam und freundlich empfand, sie hatte sich die Mühe gemacht, einen Neonmarker aus dem Büro zu holen, um mir alle wichtigen Daten und Zahlen noch einmal extra zu markieren.

Beim Hinausgehen begleiteten uns fast alle der Anwesenden bis zur Tür, fragten noch, nach Yoshis Rasse und hocherfreut, dass sie Maremmano natürlich kannten (auch, wenn Yoshi ein Mix aus Pyrenäenberghund, Maremmano, Kuvasz) ist, winkten sie uns alle und bestätigten wieder einmal, dass die Italiener, die wir bisher getroffen haben, unglaublich tierlieb sind.
Das geht sogar soweit, dass ich unlängst in Riposto im Supermarkt zwischen den Käseständen einen Mann mit seinem Shitzu auf dem Arm sah, der tatsächlich seinen Hund die Sorte aussuchen ließ. Und niemand hinderte ihn daran…

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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