Yoshidog

Fremde Sprache, feminines Substantiv, vertrautes Sein

„Fremd·spra·che

Substantiv, feminin [die]
  1. fremde Sprache, die sich jemand nur durch bewusstes Lernen aneignet
    „Fremdsprachen lernen, beherrschen“
    Seltsam, seit ich auf Reisen bin, fühle ich mich mir und den Menschen, die ich treffe, viel weniger fremd als vorher. Vor allem aber nimmt die Fremdheit und Unsicherheit in mir selbst, mir selbst gegenüber ab. Rapide. Auch ein Fremdwort. Und da sind wir auch schon an einem Punkt angekommen, was ist fremd? Ich mir selbst, sehr oft. Andere mir, oft, weil ich ja immer nur abgleichen kann mit meinem eigenen. …Ergo, bin ich mir selbst noch nicht nahe gekommen, müssen andere und anderes mir fremd erscheinen, da ich ja kein Auge im vermeintlichen Sturm habe.
    Nun bin ich seit ungezählten Tagen in diese Reisestapfen getreten, habe mir etwas angeeignet, das in meiner Vergangenheit zwar begehrenswert oder nah oder irgendwie zu meinem Leben zählend erschien, im Grunde aber kann ich jetzt erst überhaupt lernen, da ich zum ersten Mal auf Reisen und nicht mehr auf der Flucht bin.
    Das ist nicht ganz leicht auszudrücken, selbst, wenn ich in meiner sogenannten Muttersprache schreibe. Denn, egal, wo ich war: Schweiz, Baltikum, Nepal, Tibet, Indonesien, Singapur, Ost-Timor, Hundekontinente, ich bin ja immer mit dieser gewählten Form unterwegs, die noch dazu, vergänglich ist. 
    Wahrscheinlich hört sich genau das seltsam an zwischen facebook, TV, Alltag, Jobs, Urlaub, Sehnsüchten, Suchen, zwischen Lieben, Wünschen, Geldsorgen oder Reisefreuden, Tiergenuss und Oxytozinausschuss beim Kraulen eines Fells…..aber genau so ist es eigentlich, alles, alles, was ich erlebe, tue, träume, rede, lerne, erfahre…..ist vergänglich.
    Zum Glück, würde ich für mich sagen. Und genau das hat mich immer umgetrieben: Wo komme ich her, wo gehe ich hin und wer genau ist dieses Ich, das glaubt zu sein, zu gehen, zu kommen, definierbar zu sein.Ich mache mal einen gedanklichen Schlenker:Fabia und Ryan Mendoza, in deren Haus ich gerade Hunde und Yoshis und mein Glück hüte, kannte ich schon vorher über ein Radiointerview. Ohne es zu wissen.
    Denn Ryan Mendoza ist in ein Herzens-Projekt involviert, von dem ich im Radio hörte, als ich noch in Neustadt/Hol im Seniorenheim arbeitete. Abkürzungen – in den Monaten seit Skys und Taras Tod ist mehr für mich geschehen, als ich mir hätte vorstellen können. Und das hängt mit Sicherheit nicht damit zusammen, dass mehr in kürzerer Zeit passiert ist oder ich im Schockzustand war, dass ich mich anders ernährt oder Gewohnheiten von jetzt auf gleich hätte ablegen können, sondern es hat etwas mit dieser Vergänglichkeit zu tun, der die Hunde, mir liebgewonnene Menschen ebenso unterliegen wie mein ganz eigenes Denken. In meiner Jugend gab es eine von vielen Sequenzen, die mich immer darauf aufmerksam gemacht hat, wie ich „ticke“: Wir waren mit einer kirchlichen Rüstzeit übers Wochenende unterwegs, ich war 15 und sehr verunsichert, bewunderte andere Menschen, sobald sie nur den Anschein einer Autonomie erweckten und suchte genau diese zu beeindrucken, indem ich Waghalsigkeiten kolorierte wie oldschoolmovies.

    Dazu gehörte, dass wir in einem Jugendlandheim untergebracht waren, das normalerweise als Skispringertrainingslager diente.
    Folgerichtig gab es im Gelände mehrere Sprungschanzen. Da im Sommer kein Schnee zu erwarten war, hatten die TrainerKunststoffmatten als SprungrutschSchneeErsatz ausgelegt.

    So eine Jugendschanze war vielleicht zehn bis 15 Meter hoch. Um meine beste Freundin Astrid zu beeindrucken, erklomm ich flugs die Treppe wie einen Zehnmeterturm im Schwimmbad und ließ mich auf meinem Gesäß dort hinabrutschen. Schnell nahm mein Körper rasante Fahrt auf und ich tat, als wäre ich im echten Sprungrausch. 

    An der Absprungkante wurde mir schlagartig und ernüchternd klar, dass ich weder Skier an den Füßen trug, noch irgendeine Ahnung von Skispringtechniken hatte, noch da heil runter kommen würde, mein Hosenboden hatte mich zwar bis hierhin getragen, aber …nunja, meine Jeans, selbst, wenn sie aus dem gelobten Westen kam, würde keinen Pilotenschleudersitz oder einen Fallschirm hergeben.

    Was blieb: Ich krabbelte mit aufgerissenen, wunden Händen die ganze Schanze wieder nach oben, voller Panik, atemlos und gedankengepeinigt. Von meinem Stolz und dem Wunsch, irgendwen zu beeindrucken war nichts übrig geblieben. Genau: Vergänglichkeit.

    Natürlich hätte ich damals keine Ahnung gehabt, das philosophisch so zu umschreiben. Woher auch?
    Und an dieser Stelle freue ich mich nun, denn hier, auf Sizilien, das grad wie bestes schottisches Wetter anmutet, weiß ich auf einmal, diese Reise ist die erste in diesem, meinem Leben, die ich nicht unternommen habe, um irgendwen zu beeindrucken, sondern, weil ich als ich mit Yoshi und meinen Vergänglichkeiten, verstorbenen Freunden, zerbrochenen, abgelegten Beziehungen, vergrabenen Wünschen, durchschauten Begierden, neu gezeichneten Freundschaften aufgebrochen bin. 
    Und dieses Mal gibt es keinen Absprung, es gibt ein Micheinbinden…einfügen und dennoch schillern….und um auf Rosa Parks zurückzukommen, ja, sie ist gegen Fremdheit in diesem Bus sitzengeblieben und hat bewiesen, dass Sitzenbleiben das gleiche ist wie Aufstehen. Gegen Fremdheit, indem man in die Fremde hineinspringt….
     

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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