Journalismus

Wolf – eine Kontroverse

     Der geplante Abschuss von GW 924m, einem männlichen Wolf, der mindestens in sechs Fällen als „sicher“ geltende Zäune überwunden hatte, war der Aufhänger am Donnerstagabend (7.2.2019).
(Einfügung: diese Vorschriften sollen hier gesondert dargestellt und in Frage gestellt werden. Um den erheblichen Aufwand und die Unmöglichkeit, ganze Deichlandschaften einzuzäunen, ging es in der nachfolgenden Debatte an diesem Abend auch).

Hauptthema der Veranstaltung im Hemdinger Hof in Hemdingen war: „Der Weg zum echten Wolfs-Management in Schleswig-Holstein“.


Eine norddeutsch, sachliche Diskussion rund um das Thema Wolf bestimmte den Abend, es waren ca 250 Leute der Einladung des CDU-Kreisverbandes gefolgt. Auf dem Podium saßen der CDU Vorsitzende Lars Karoleski, der Moderator und CDU-Europakandidat Lars Kuhlmann, Hauke Göttsch, der ehemalige Forstdirektor und Wolfsberater, CDU-Landtagsabgeordneter und Jäger Hans-Albrecht Hewicker, Geschäftsführerin und Zuchtleiterin des Landesverbandes Schleswig-Holsteiner Schaf- und Ziegenzüchter e.V. Janine Bruser, Landwirt und sowie der CDU-Politiker Heiner Rickers.

Der Weg zum echten Management ist lang“, sagte Lars Kuhlmann in seiner Moderation des Abends: „Aber er muss gegangen werden.“ Die Entscheidung zur Freigabe des Wolfabschusses sei nicht leichtfertig und willkürlich getroffen worden.

(Einfügung 2: Zu bedenken ist, das erwähnte Herwicker auch, dass, wenn einzelne, sogenannte „Problemwölfe“ dem Rudel „entnommen“ werden, sich die Rudelstrukturen ungünstig entwickeln könnten.)

Lasse Schmid, 10-jähriger Schüler aus Barmstedt, meldete sich in der anschließenden Fragerunde sehr souverän zu Wort und bat darum, dass die CDU sich ihres „C“s im Namen erinnerte und Respekt gegenüber allen Wesen walten lassen solle. „In anderen Ländern werden sie auch damit fertig“, sagte er. Lasse Schmid wollte von den Politikern wissen, was mit den nächsten Wölfen geschehe, die in den Kreis kommen und als problematisch eingestuft werden: „Werden die weiter geschossen?“

Wenn es sich wieder um einen „Problemwolf“ handle, müsse die Politik das sorgfältig entscheiden, antwortete Hauke Göttsch, jagdpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. Es gäbe auch andere Tiere, wie im Kreis Segeberg, die sich ruhig und anständig verhielten.“
Im Grunde waren es auch die Wortbeiträge der Anwesenden, aus deren Vielfalt man am meisten schließen konnte auf den Umstand, dass Deutschland regional, national und als EU-Staat mit einem Thema konfrontiert ist, das nicht losgelöst von anderen Themen wie: Umweltschutz, Tierschutz, Wirtschaft inklusive Nutztierhaltung oder auch Bedrohungen wie zum Beispiel der afrikanischen Schweinepest betrachtet werden kann. Und dennoch genau das ein zweifelhafter Umstand in Politik und Gesellschaft ist.

Vermutlich seien genau vier einzelne Wölfe in  Schleswig-Holstein unterwegs. Was in der nachfolgenden Gesprächsrunde mehrfach bezweifelt wurde. Mehrfach wurden von anwesenden Tierärzten, Jägern, Bauern eigene Beobachtungen in die Diskussion eingebracht, denen zufolge in ihren Regionen das Muffelwild oder das Damwild durch den Wolf fast ausgerottet seien und sie nicht an diese geringe Anzahl Wölfe glaubten.
Die Tiere, die man kenne, seien sogenannte Flachland-Wölfe, sie mieden Gebirge und seien qua Geburt an die Jagd im freien, offenen Gelände gewöhnt.

Wildtierobmann Hans-Albrecht Hewicker erklärte nicht nur die Historie des Auftreten des Wolfes in Deutschland, sondern auch die Schwierigkeiten, die sich bei der klaren Verifizierung eines Wolfsrisses ergeben. Hewicker erläuterte die Namensgebung: GW steht für Grauer Wolf und lege die Tierart fest, 924 ist eine nur ein einziges Mal vergebene Nummer, „m“ steht für männlich, das DK für das Geburtsland des Tieres: Dänemark. Ein weibliches Tier erhalte den Buchstaben f für Fähe.

Den Einsatz von Herdenschutzhunden bewertet nicht nur Hewicker als schwierig.

Das hängt unter anderem auch damit zusammen, erläuterte Janine Bruser, dass Schleswig-Holstein natürlich andere Gegebenheiten aufweise als beispielsweise Frankreich oder Italien.

Was konnte man an dem Abend lernen, abgesehen davon, dass nun die CDU gemerkt hat, dass sie das Thema Wolf nicht mehr den Grünen überlassen will?

Zum einen: Es geht in SH nicht nur um Schaf,- und andere Nutztierzüchter, sondern auch um etwas regional Wichtiges, nämlich den Deich-Schutz.

Lars Kuhlmann führte alle Anwesenden ein mit seiner Erkenntnis: Eine Forderung nach höheren Zäunen und mehr Herdenschutzhunden ergebe in Schleswig-Holstein keinen Sinn. Küsten und Deiche müssen seiner Meinung nach wolfsfrei gehalten werden. Er brachte auch die europäischer Ebene in die Debatte, Gesetze müssten schnellstmöglich den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Umstritten war im Laufe des Abends, was interessant angesichts der vielen anwesenden Jäger war, ob der Wolf ins Jagdrecht gehöre oder eben nicht. Zu vermerken waren ebenfalls die konträren Sichtweisen bezüglich der Zahlen der veröffentlichten Wolfsvorkommen, sowohl bundesweit als auch speziell in SH. Diese wurden, vor allem auch, von Jägern, deutlich in Frage gestellt.

Zur Vorgeschichte von GW 924m:

Am 8. Juli war der Wolf erstmals nach einem Riss in Hamburg-Schnelsen in der Region nachgewiesen worden. Seitdem sollen 41 Angriffe auf Nutztiere auf sein Konto gehen – die meisten im Kreis Pinneberg. Nicht in allen Fällen sei eine Individualisierung gelungen, so Hans-Albrecht Hewicker. Man könne aber auch in den anderen Fällen davon ausgehen, dass es derselbe Wolf war. „Das Rissbild verrät einiges.“

Auch in den vergangenen Wochen hat es laut Hewicker, der sehr interessante Details aus der Wolfsforschung mitzuteilen wusste, erneut Risse in der Region Barmstedt gegeben. Am 26. Januar seien in Bokel mehrere Schafe gerissen worden. Als Angreifer stehe ein Wolf fest, eine Individualisierung sei aber noch nicht erfolgt. Ein weiterer Riss in Heede am 29. Januar werde noch untersucht. Und dann gebe es noch viele Sichtungen, die vermutlich nie aufgeklärt werden.

Berichte über Sichtungen aus der jüngeren Vergangenheit kämen unter anderem aus Kaltenkirchen, Langeln, Dägeling und Glückstadt. „Das sind viele Informationen. Das ergibt ein großes Mosaik“, schilderte Hewicker die Arbeit der Wolfsbetreuer.
GW 924m habe offenbar gelernt, über als wolfssicher geltende Zäune zu springen, berichtete Hewicker weiter. Und: „Es kann keiner ausschließen, dass sich hier ein Rudel bildet“, sagte er auf Nachfrage des CDU-Bundestagsabgeordneten Michael von Abercron.“ (zitiert aus Quelle: https://www.shz.de/22566262 ©2019)

Zuzuhören galt es auch, weil natürlich, wie bei allen öffentlichen Themen, die breite Bevölkerungskreise betreffen, Individuen agieren aus eigener Erfahrung und Betroffenheit. Eine 16-Jährige meldete sich ganz zum Schluss der Veranstaltung als „nachtaktiv“ zu Wort und fragte: „Wie verhalte ich mich, wenn ich den Wolf an der Bushaltestelle treffe?“ Die Antwort Hans-Albrecht Hewickers war signifikant: „Wenn Sie das Glück haben, sind Sie eine von ganz, ganz wenigen, sprechen Sie mit ihm, denn das ist, was uns von den Tieren unterscheidet und die Wölfe wissen das auch. Sagen Sie ihm: Hau ab oder etwas ähnliches. Und im Publikum tuschelte jemand: Achso, das kann sie dann auch so machen, wenn sie ihren Freund loswerden will….

 

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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