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Zwischenstopp Journalismus – Traum Alp Traum

Die Alpsaison ist noch nicht annähernd in Sicht, da suchen schon die ersten Bauern auf dem Internetportal Zalp.ch nach neuen Hirten, Sennerinnen, Käsemachern und Mädchen für alles.
Die Journalistin und gelernte Melkerin, Carola Güldner, hatte sich im Mai 2012 ebenfalls auf das Abenteuer Alp eingelassen. Die passenden Herdenschutzhunde nahm sie auch gleich noch mit.

Am 28. Mai 2012, um etwa 19 Uhr, 1600 Meter über dem Meeresspiegel, gewinnt Petroleumgeruch für mich eine völlig neue Bedeutung und fast schon einen Liebreiz.
Nach einem Tag im strömenden, eisigen Regen, an dem der Alp-Bauer plötzlich unbedingt den Weidezaun reparieren wollte, so dass wir nicht nur komplett durchnässt, sondern auch fast erfroren waren. Nach getaner Arbeit erscheint der Petroleumofen wie ein Altar, auf dem ich sämtliche Knochen samt Haut opfere. Wenn ich nur gewärmt würde und in mich zurückfinden darf. Bevor der Bauer zu Bett will. Da das Wohnzimmer gleichzeitig seine Schlafstatt beherbergt, muss ich den warmen Platz dann gegen meine Bonsai-Schlafkammer ohne Heizquelle tauschen. Um an Warmwasser für eine Wärmflasche zu kommen, müsste ich etwa eine halbe Stunde den schmierigen Gaskocher beaufsichtigen, wozu ich einfach zu müde bin.

Sieben Tage die Woche zwischen 5 und 6 Uhr aufstehen, neun Stunden täglich arbeiten, manchmal mehr, in 45 Jahren kaum einen Tag frei. Urlaub? Wie schreibt man das? Diese Art von Leben des Alm-Bauern teste ich für nur drei Monate und komme jetzt schon gelegentlich an meine Grenzen.

Meine beiden 30- und 45-Kilo-Hunde Sky und Tara und ich teilen uns vier Quadratmeter mit Dachschräge und das gerade ausreichende 1,70- mal 0,80-Meter-Bett. Auch, wenn wir alle nass und die Hunde noch schmutziger als ich sind.
Da der Mischling Sky es nicht gewohnt ist, draußen zu schlafen und meine Pyrenäenberghündin Tara gern Jagd auf die hier oben zahlreich vertretenen Hasen macht, will ich sie nachts nicht unbeaufsichtigt allein bei der Herde und dem Wildhüter überlassen. Und im Stall haust schon die Appenzellerhündin des Bauern und verteidigt ihr Betlehem mit Zähnen und Klauen. Selbst gegen mich, wenn ich mich nachts durch den Stall zum Plumpsklo taste.

Zuhause kann ich die holzig und teerig anmutende Alphütte unterhalb der berühmten Schweizer Niesenbahn nicht nennen, auch nach zwei Monaten nicht. Nach etwa einer Woche hatte ich es aufgegeben, dem Wunsch des Bauern und dem sinnlosen Kampf per stumpfer Handheckenschere gegen die überall angesiedelten Kiefern, das unbotmäßig wuchernde Heidekraut und die mannshohen Diesteln nachzugehen, während er unten im Dorf mit seinen „Kollegen“ zechte. Selbst, als das Wetter uns Tage voller Himmel über der Alpweite bescherte, selbst, dass ich mich ans Käsen und das morgendliche Käseputzritual gewöhnte, es sogar genießen konnte, half mir bis zum verfrühten Ende nicht, die Hütte als Heim zu empfinden.

Abgesehen vom täglichen Gruß meines Handytieres, das unbarmherzig um fünf Uhr seinen Weckklang in unser Minimini-Universum unter dem kopfstoßverdächtigen Fensterladen polyphoniert, ist hier oben kaum etwas zuverlässig. Vielleicht noch die In-etwa-Heimkehr und der Trunkenheitsgrad des Bauern, wenn ich den Stall gemistet habe und wir uns schweigend unsere Melkschemel umschnallen.
Es ist sicher ein nicht zu unterschätzender Umstand, wenn man auf so engem Raum unter harten Bedingungen die Sprache des anderen nur etwas besser versteht als seine Sozialisation. Am ehesten gelang uns das Miteinander an den Abenden der „Älplergrüße“, wenn ich mich auf die Einladung zu einem Rotwein einließ, statt mit den Hunden unter dem Dach einer nichtgenutzten Alphütte im Freien zu kampieren.

Unabhängig davon, wo ich schlafe, die Kühe stehen spätestens gegen sechs Uhr am Brunnen vor dem Stall, oder ich ziehe mit allen Hunden los, das Milchvieh samt dem mietweise zugesellten Bullen herein zu treiben.
Trotz vieler Stolperfallen auf den huckeligen Bergweiden ist dieses Treiben ein immer gern gewählter Morgensport, denn hinter den grasenden Kühen wartet der unübertroffene Blick auf Interlaken: die leuchtende Stadt auf der – Bödeli gennannten -Schwemmebene sowie den rechts davon postierten Brienzersee und den Thunersee.

Der Bauer, fast immer verkatert und vielleicht auch altersbedingt, verliert oft die Geduld mit den nicht immer sofort an ihren zugewiesenen Standplatz wankenden 700 – 800-Kilo-Tieren. Beim Melken der Kühe und Tränken der Kälber fängt er sich dann wieder. Da er bei jedem zweiten Gang mit den in den Käsekessi zu leerenden Milchkannen auch einen Abstecher zum Schnapsschrank macht, ist er spätestens zu Beginn des Käsens wieder besser gelaunt.
Filmte jemand uns beim Käsen, die Zuschauer bekämen die absolute Eintracht vermittelt, so eingefuchst sind unsere Handreichungen bei dieser Arbeit. Dankenswerterweise sind es jeden Morgen die behaarten Arme des Bauern, die sich mit den Tüchern ins etwa 50-Grad-heiße Milchbad senken, meine Aufgabe besteht nur im Halten und in die Formgießen der, durch Zugabe von Kulturen und ritueller Erhitzungen, geronnenen Milch in die fünf-Kilo-Bergkäseformen.
Zum Käsen gehört ein ganzes Arsenal an Kleinigkeiten: das Feuer gleichmäßig in Schach halten, die Temperatur im Kessi messen, das mit einer Autobatterie betriebene Rührwerk säubern, die Formen unter dem faszinierenden Presswerk mittel eines von der Hüttendecke herabszusenkenden Balkens einstellen und vieles mehr.

Bei den Erzählungen „meines“ Bauern während des Käsens scheint „Bauer sucht Frau“ nicht so realitätsfremd zu sein, allerdings sprengten seine Geschichten wohl doch den Rahmen in mehrfacher Hinsicht. Denn die Frau, mit der er vor mehr als zwanzig Jahren vier Mädchen zeugte – die er nach ihrer notorischen Fremdgeherei mit Nachbarn, Treichlerfreunden und Holzfällern allein großgezogen hat – diese Frau scheint nach über 20 Jahren Trennung präsent wie eh und je.
Folgt man des Bauern Lebensberichten buchstabengetreu, kann die Genforschung in Sachen Weiblichkeit getrost abgebrochen werden, denn Frauen tragen alle das gleiche Konstrukt in sich: „Auf der Alm, da gibts koa Sünd!“ Davon machte sie, glaubt man dem – einsam alt gewordenen Mann – reichlich Gebrauch. Genau wie angeblich all seine Sennerinnen.

Besonders tragisch endete die Zusammenarbeit mit meiner Vorgängerin Grete. Deren Magersucht, Gier, Hoffnung auf ein besseres Leben und Versoffenheit hatte der Bauer festgehalten auf Video und Foto. Helfen konnte er ihr nicht. Grete war Anfang dreißig und bepackt mit alkoholsterilisierten Problemen, als sie gegen Mittag in einen Gletscherspalt rutschte und mit lebensgefährlichen Verletzungen und zich Promille ins Spiezer Spital ausgeflogen werden musste.
Beim morgendlichen Käseputzen im feuchtkalten Keller, eine Arbeit, die meine Vorgängerin bis zu ihrem letzten Tag akkurat und unabhängig von ihrem Zustand ausgeführt haben soll, kann ich mich auf die vor mir geduldig wartenden 14 Käselaiber und den salzwassergetränkten Pinsel einlassen.
Meine Hunde kennen das Ritual und wissen, dass sie nach den geduldig verbrachten Stunden des Käsemachens mit mir die Bergwelt erkunden dürfen. Dann ist die Morgenschicht vollbracht und bis nachmittags gehören die Alpwiesen in all ihrer Pracht uns.

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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