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Zwischenstopp Journalismus – Rosemarie Pierer, Fotografie-Lehrling seit 57 Jahren

Lehrling im 57. Lehrjahr

das Porträt der Hamburger Fotografin Rosmarie Pierer, ein Besuch im Fotostudio

Im Bewusstsein verändere Fotografie nichts, nein. Dennoch fotografiert die 87-Jährige viel und gern, es ist ihre Leidenschaft und ihre Arbeit. An Rente ist nicht zu denken. Zur Zeit porträtiert Rosmarie Pierer Größen der Hamburger Gesellschaft: „Brückenköpfe“ nennt sie die entstandene Sammlung. Imposante Schwarzweißaufnahmen von bekannten Gesichtern blicken vom Bücherbord: Kaffeeunternehmer Albert Darboven, Kultursenatorin Karin von Welck oder auch der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau sind in Pierers Eppendorfer Studio zu bewundern. Die Chefin des Fotostudios bittet persönlich hinein in ihre Reich, das viele Überraschungen bietet.

Die Autorin dieser Porträts führt ihre Gäste liebenswürdig-chaotisch und vor allem erstaunlich behänd durch den langen Gang ihrer Eppendorfer Studiowohnung. Zu jeder der bravourösen Schwarzweißaufnahmen hat sie eine spannende Geschichte parat. Auch zu den Aquarellen auf der gegenüberliegenden Seite, die Pierer persönlich und ein wenig laienhaft mittels Nägeln aufgehangen hat.

An dieser Stelle muss sich der Gast entscheiden: Lässt er sich auf die ganz und gar frisch und fast modern wirkenden expressionistischen Aquarelle der 1990 verstorbenen Tante Annemarie Jacobs ein oder begibt er sich mit deren Nichte Rosemarie Pierer auf die Foto-Reise um die Welt?

Doch zieht schon ein Plastikaufsteller mit einem Ausstellungsposter die Aufmerksamkeit auf sich. Lebensgegerbt, besser lässt sich das Porträt des alten Mannes nicht beschreiben. Gleich daneben Fotos, die den Betrachter nach Paris und Anatolien entführen, Fotokunst, 50er Jahre. Vom Feinsten.

Rosemarie Pierer war die erste Frau, die allein mit ihrem Maico-Mobil-Roller und zwei Rollei-Kameras durch die Türkei reiste. Den fahrbaren Untersatz taufte die eigenwillige junge Frau auf den Namen Amandus, was ihrer Aussage nach soviel bedeutet wie „ein zu Liebender“. Über die Menschen, die es zu lieben gab, spricht Rosemarie Pierer unverfänglich: „Ja, der junge Mann auf dem Foto mit dem Roller: „Er hatte behauptet, Türkisch zu sprechen und fahren zu können.“ Es bleibt ihr Geheimnis, was aus dem feschen Burschen geworden ist, der genauso wenig Türkisch sprach wie selbst. „Und fahren konnte ich allein.“

Die Frau, der die Ähnlichkeit mit ihrem Konterfei auf dem flotten Motorroller auch nach über 60 Jahren nicht abhanden gekommen ist, verweist immer wieder auf ihre Tante: „Von Annemarie Jacob habe ich sehen gelernt. Sie gab mir den Rat: Ein Bild meldet sich, wenn es ein Bild werden will, durch seinen inneren Klang – nur genau hinschauen musst du selbst!“.

Genau das hat die in Thüringen geborene Pierer getan, als sie mit einer Agfa Karat Kamera als Arbeitsmaid im Hitlerdeutschland begann zu fotografieren. Schon früh erlangte sie mit ihren Bildern Anerkennung und wurde nach Berlin als sogenannte Kriegsberichterstatterin entsandt. Mit Inge Schoenthal, die ihre erste Schülerin und später selbst als Inge Fotoreporter oder als Millionärsgattin Feltrinelli berühmt wurde, ging Pierer nach dem Krieg auf Reisen. „Wir trampten durch ganz Deutschland, fanden überall Freunde und vor allem Leute, die unsere Fotos umsonst entwickelten“. Nicht ohne Stolz zeigt Rosemarie Pierer den Fotoband Inge Schoenthal-Feltrinis mit Aufnahmen von Hemingway, Kennedy oder Castro, den die Autorin mit einer Widmung und einem Dank versehen hat. Pierers Erzählungen von den gemeinsamen Anfängen sprudeln hervor wie frischgeköpfter Champagner.

Frisch sind auch die Ansichten der 87-jährigen Wahlhamburgerin zur Entwicklung der Fotografie. Ihrer Meinung nach setzt sich Schwarzweiß und die Porträtfotografie wieder durch. Es klingt fast wie das Credo einer Künstlerin, die gerade am Anfang ihrer Karriere steht: „Möglichst verschwommen bringt nichts, es wird wieder gegenständlicher. Man will wieder sehen!“

So bestimmt verteidigt sie auch ihre Meinung zu anderen Themen: Zum Beispiel werde es die Theaterfotografie, mit der Pierer begann: „immer geben“. Vermutlich wird sie Recht behalten, denn in Zeiten von verschwommenen Kriegsbildern, Rotlichtbildern von terroristischen Anschlägen oder wenig ansehnlichen computermanipulierten Werbeaufnahmen erfreuen sich viele Ausstellungsbesucher an klaren, eindeutigen Botschaften, wie die Porträts der Rosemarie Pierer sie treffen.

Ihr erster Großauftrag, während der Aufführung der „Csardas Fürstin“zu fotografieren, öffnete für Pierer die Türen zu den Schauspielern, bald schon konnte sie Berühmtheiten wie Hilde Krahl porträtieren. „Ich war fasziniert von den Möglichkeiten des Ausdrucks, dem, was in einem Antlitz vor sich geht.“

Mit ihren drei Kameras, einer einäugigen und zwei zweiäugigen Rolleis fuhr sie für Hapag in die Karibik, sie reiste weiter nach Santiago de Chile. „Von dort aus wurde ich immer weitergereicht, bekam neue Aufträge und gewann neue Freunde.“ Aus Reportagen wurden Vortragstourneen, Vorträge wurden zu Tonbildschauen. Anfang der sechziger Jahre entdeckte Pierer als eine der ersten in Deutschland das Medium Multivision. Später betrat sie mit Film und Videoaufnahmen Neuland und machte sich in der Werbung einen Namen als Pionierin im Einsatz neuester Technik.

Pierer bekam Aufträge namhafter Verlage, sie reiste im Auftrag von Gruner und Jahr nach Ceylon, machte Titelbilder für „Constanze“ sowie Werbung für Beiersdorf und sie wollte ihr Wissen weitergeben. „An dieser Stelle hätte mir die Handelskammer fast einen Strich durch die Rechnung gemacht“, erzählt Pierer. Sie hatte schon vier jungen Leuten eine Ausbildung zugesagt, „als man mir schrieb, nach Paragraph XY müsste ich für jeden der vier wiederum vier Experten haben und ich müsse selbst eine Prüfung vor der Handelskammer ablegen.“

Pierer ließ sich nicht entmutigen, nahm eine Privatlehrerin und trotz ihrer vielen vorzeigbaren Arbeiten fiel sie zunächst durch. „Grund dafür war, dass ich nicht einfach stumpf die Aufgabe nachstellen wollte im Bild, sondern mir etwas dabei gedacht hatte. Ich verkürzte in meiner Aufnahme die stürzenden Linien, um das Objekt besser ins bild zu rücken. Doch solche Eigenwilligkeiten waren bei der Handelskammer nicht gefragt.“ Lacht Pierer und kommt gleich darauf auf den von ihr gegründeten Verein „Audiovisuelle Medien Nord zu sprechen, der noch immer existiert.

Pierer streckt ihre kaputten Knie unter einen Computertisch, von dem aus sie die drei Beamer und die Multimediashow steuert. Dabei spricht die Frau, die schon lange Großmutter sein könnte, über Buttons und Icons, als sei sie grad aus der Medienfachhochschule entlassen. Dann gerät sie erneut ins Schwärmen über die Reisen: Japan, Ceylon, auf Humboldts Spuren durch Lateinamerika, Rosemarie Pierer würde am liebsten noch einmal ihre Koffer packen. Wohin die Reise gehen sollte? „Damals, in der Ägäis hatte ich schon eine Hütte mit einem Schiffsjungen und meiner Nichte gemietet. Doch dann vermasselte ich alles, weil ich mir das Bein brach und nach Hause musste. Dabei gab es dort so herrliches Licht zum Fotografieren. Da würde ich sofort noch einmal hinfahren.“ Sie startet die nächste Fotoshow per Mausklick und sagt: „Ich müsste noch einmal 87 Jahre leben, um alle Reisen zu machen, die ich gern erlebte. Jetzt aber reise ich erst einmal in unserer schönen Hansestadt, hier gilt es erst einmal die Porträts für mein Brückenkopf-Projekt einzufangen.“

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Carola Güldner

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

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