Yoshidog

Alphorn erinnern

Erinnerungen
können durchaus hilfreich sein. Genau wie Träume. Es gibt Bilder, die wahrscheinlich farbintensiver vor dem inneren Auge erscheinen. 
Zwischen die jetzigen Alltagserlebnisse schieben sich dann meine eigenen Erinnerungen, anhand derer mein Geist versucht, abzugleichen.
Meine vergangenen zwei Jahre im Pflegezentrum mit jeder einzelnen Bewohnerin (meist sind es ja Frauen)….so viele, noch aufzuschreibende Episoden, ich trage davon mindestens genauso viel mit herum wie ich Sequenzen aus dem Leben mit Sky und Tara noch nicht aufgezeichnet habe. Statt zu pfeifen oder zu singen, hier die Skizze eines Almtagebuchs (2011):
Selbst, wenn ich ein paar Kilo meines Gepäcks auf die roten Hundesatteltaschen verteilen kann, selbst, wenn Tara oder Sky das tragen, es ist immer noch ein kaum zu bewältigender Berg, den ich mit auf die Alm nehmen will. Wäre nicht drei Tage vorher mein Honda Shuttle von einem abbiegenden LKW zu Schrott gefahren worden, beunruhigte mich das keineswegs. 

Nur so? Bin ich ratlos und gleichzeitig dankbar, weil Joana, meine frühere Gassiservice-Kundin und mittlerweile Freundin pünktlich um 4.33 vor der verschlossenen Tür meines Brandenburger Bungalows steht, um die Hunde, das Gepäck und mich am Ludwigsfelder Bahnhof abzusetzen.
Zu Beginn unserer Reise wird uns noch relativ wenig Aufmerksamkeit zuteil, weil die Menschen, die mit uns in den Regionalzug nach Berlin einsteigen, uns zwar wahrnehmen, aber viel zu müde und abgehalftert sind in dieser Freitags-Herrgottsfrühe. In den Umarmungen, die meine Freunde und Kunden mir gestern Abend bei meiner Abschiedsfeier zuteil werden ließen, fühlte ich mich aufgehoben trotz meiner, innerhalb einer Woche getroffenen Entscheidung, mit den Hunden in die Schweiz auszuwandern. Für einen nicht näher definierten Zeitraum. Schlafmangel und eine wachsende Unzufriedenheit mit einigen meiner Bungalownachbarn hatten mich verleitet, im Netz nach Jobs im Ausland zu suchen.
Den erlernten Beruf Rinderzüchterin in der Biografie teile ich mit Gegor Gysi ebenso wie meine DDR-Vergangenheit. Eingebettet in diese liegt auch eine intensive Begegnung mit zwei Schweizer Journalistinnen, die mich 1989, fast um den erfolgreichen Abschuss meines Literaturstudiums in Leipzig gebracht hätte. In den schwelenden Wirren des Aufruhrs, kurz nach den Wahlen im Mai und somit lange vor den Montagsdemos, hatten die beiden Annabelle-Journalistinnen eine der seltenen Besuchsgenehmigungen erhalten, um über das Literaturinstitut zu berichten. Selbstverständlich waren ihnen Studierende ausgesucht worden, mit denen sie im Beisein der Stasi Interviews hätten führen sollen.
Natürlich stand mein Name sicher nicht im Protokoll der Anzugträger, die sich aber nicht wagten, den beiden Frauen auf die Toilette zu folgen, auf der ich mir gerade eine Zigarette außerhalb der offiziellen Pause genehmigt hatte. So nahmen die Dinge damals ihren Lauf. Sylvia C-S. und ihre Fotografin Paola R. verabredeten sich mit mir in Berlin und verlängerten einfach ihre Pressereise mittels einem hinter der Grenze gekauften Visum an der Berliner Oberbaumbrücke eine knappe Woche nach Leipzig. Die sogenannte Wende hatte nicht nur dem Unterrichtsfach „Marxismus-Leninismus“ den neuen Namen „Betriebswirtschaftslehre“, sondern auch mir mein Diplom gesichert. Möglich, dass bereits damals auch dieser eine, kleinere Gedankenanker von mir in die Schweiz geworfen wurde.
Es wäre im Nachhinein romantisiert, einen Draht von Leipzig in die Schweiz zu ziehen. Lebensfäden eignen sich nicht als Lockspuren in Sprachkäfigen und Wandervögel lassen sich eben nicht einfach so einfangen.
Auf dem Hamburger Bahnhof, in den uns die S-Bahn gespuckt hatte, empfing uns eine überbordende Bahnmitarbeiterin, die alles, aber auch wirklich alles daran setzte, obwohl komplett anders gebucht, ein ganzes Erste-Klasse-Abteil für uns zu besetzen. Und es gelang. Berlin – Bern, 200 Euro für mich und 350 für die Hundetickets, aber wir hatten sagenhafte zehn Stunden eine traumhafte Zugfahrt in einem riesigen, rundum versorgten Zugabteil für uns. Tara befand, sie müsse sich bei jedem Schaffner als Schützerin unseres Wohnraumes aufführen. Sky hätte sicher gern eine Petition gestartet, damit wir einfach endlich einmal zuhause bleiben.


Nun also: die Schweiz. Wartete nicht auf uns. Aber wir wurden von einer der vier Töchter unseres Arbeitgeberbauern Walther abgeholt. Und unterhalb des Nießen abgeladen. Mit Hunden, Gepäck und plötzlich sind wir tatsächlich im Berner Oberland.
Vorausgegangen waren eine Onlinebewerbung auf zalp.ch, ein Telefonat mit Walther, bei dem wir beide einfach nur unsicher und befangen waren. Er, wegen seiner deutschen Sprache, ich, weil ich nicht wusste, ob ich mich als vollwertige Melkerin dort bewähren würde.

In einer Radiosendung für Kinder, die ich vor Jahren einmal hörte, ging es um Wünsche und Erfüllung selbiger. Mit dem unverkennbaren Ausdruck des Zweifelverbots rief ein Mädchen an und begrub die psychologisch wertvollen Hinweise des zugeschalteten Kinderpsychologen unter ihrem Wunsch: Sie wolle definitiv in Hogwarts studieren.
Wimmis, das Dorf, unterhalb der Alm, für die wir als Hilfskräfte gebucht waren, präsentiert sich wie ein Harry-Potter-Idyll ohne Zauberkräfte.“
Und nun, …Wimmis hat uns wieder ausgespuckt, ich uns damals dort hinauskatapultiert und dennoch, ich möchte nichts davon missen. Genau deshalb gibt es eben Torsi in der bildenden Kunst und in den Erinnerungen Skripte…vielleicht ein guter Rat: „Werde übernatürlich“? ;=)

 




Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

2 Kommentare

  • Thea Hermann

    Liebe Carola,

    toll geschrieben. Es ließt sich, als wäre ich mit dabei gewesen. Sicherlich liegt es auch daran, weil ich die „Hauptdarsteller“ kenne, auch ich ein DDR-Kind bin und ebenso „Stasi-Erfahrungen“ gemacht habe. Es gibt also viele Parallelen. Mehr davon …..

    Herzliche Grüße von Thea

  • Carola

    dankeschön Thea, ich hoffe, ich kann uns etwas wie eine Erinnerungsnische schaffen, ohne im Alten zu verharren. Liebe Grüße nach Berlin und danke fürs Kommentieren

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