Yoshidog

Von Nasen und Gedichten oder Menschen und Hunden

Es gab Nächte, da habe ich bis kurz vor 4 oder 5 Uhr morgens Gedichte geschrieben. Gelegentlich war ich am nächsten Morgen selbst verwundert, woher all diese Stimmen rührten. Texte aus mare inspirierten mich genauso wie gestohlene, umgemünzte Worte aus der Lyrik Tomas Transtroemers oder Theaterstücken von Heiner Müller (der heute 90 Jahre alt geworden wäre).
Heute stehe ich morgens um 4 oder 5 auf, um meinen Welpen die Treppe hinunter zu tragen (solange das noch geht, weil sie mittlerweile knapp 18 Kilo wiegt).

Gedichte habe ich schon ewig nicht mehr geschrieben und zum genussvollen Lesen gelange ich momentan auch selten.

Dabei muss so ein Welpe ja noch viel schlafen und es gäbe durchaus Muße für die eine oder andere Lektüre oder daraus resultierende Zeile.

Möglich, dass der Gedankenbogen weit hergeholt erscheint, aber Versunkensein in Sprache braucht eine bestimmte Art der Sorglosigkeit. Oder eben ein Vertieftsein in eine ganz bestimmte Not?

Meine Sorgenberge türmten sich im Juni, Juli 2018 zu einem Alp-Tagebuch im doppelten Wortsinne: Alp – wie Alptraum und Alp – wie Alpen. Meine beiden Hunde Sky und Tara musste ich innerhalb von 3 Wochen einschlafen lassen. Danach gab es parat gelegte Fallschirme, alle hübsch gefaltet, die Bedienungsanleitung getreulich in der Kommode abgelegt. Es gab keinen Fall, keinen Sprung, es gab Leere, die sich in Erinnerungen und Illusionen hüllte. Es gab keine Bretter, die die Welt bedeuteten, es gab aber meine Rollen, die ich spielte.

Wie ich zu Yoshi kam, sei hier ausgespart, aber sie kam mit einer Krankheit. Wahrscheinlich verursacht durch eine Impfung in einen bestehenden Infekt.
Da waren sie wieder: die Sorgen, die Berg- und Talfahrten, Kilometer in Tierkliniken, Kilometer in Angst und die Meter für Meter erarbeiteten Hoffnungen.

Und Yoshis Nase?
Ist für einen Hund immerhin ein unabkömmliches Organ. Vielleicht würde sie auch sagen, „ah, dieser Geruch ist ein Nasenschmankerl“ oder „oh, weißt Du, was ich gerade sehgerochen habe“?
Dass gerade diese bei Yoshi so in Mitleidenschaft gezogen ist, stellt mich auf meine Bretterbühne zurück. Welche Rolle der Sorgenvollen will ich spielen?

Nach einem Gespräch über meine Zeit mit Sky und Tara erinnerte meine Freundin mich, wie zerrissen ich zwischen den Beiden immer war und dass es mich in den letzten Jahren als „ohne Rolle“ fast gar nicht mehr gab. Immer war etwas, Sky bellte zu den unmöglichsten Tages-oder Nachtzeiten, Tara war jagen oder mit den Schwänen schwimmen. Was die Krankheiten, Beinahunfälle, usw. anging, haben die Beiden sich in schöner Regelmäßigkeit abgewechselt.

Ja, es stimmt. Sky und Tara waren die großartigsten Lehrer für mich, aber sie haben mich mit ihren absolut konträren Charakteren an den Rand der Sprungschanze getrieben, wo ich erst vor dem Absprung merkte, dass ich keine Ski an den Füßen und keine Erfahrung im Skisprung habe.

https://photos.app.goo.gl/T1bNapFXwneZzdmt9

Deshalb ist Yoshi mit ihrer genesenden Nase mein ganz spezielles Gedicht…und hilft mir, wieder zu schreiben. Wenn momentan auch keine Lyrik;=)

Journalistin, Fotografin, Hundeteamleiterin

2 Kommentare

  • Bea Wiedersheim

    Wunderbar und berührend geschrieben, liebe Carola. Ich mag deine Art zu schreiben, deinen Umgang mit der Sprache, die Bilder im Kopf entstehen lässt.

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